Gérard Bökenkamp

Jahrgang 1980, Historiker.

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Schule 2030: Ist Homeschooling die Zukunft?

von Gérard Bökenkamp

Über die Bedeutung von Präsenszeiten im Online-Zeitalter

Es gibt viele Innovationen, die erst einmal unter einem ideologischen Vorzeichen diskutiert werden bis man die Debatte später unter dem Gesichtspunkt der Effizienz führt. Das hat etwas damit zu tun, dass Innovationen oft von gesellschaftlichen Minderheiten aufgegriffen werden, weil diese offenbar einen besonders großen Leidensdruck verspüren. So ist es auch mit dem Homeschooling. Viele Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen, haben dafür religiöse Motive. Sie sind mit den Lerninhalten und bestimmten Aspekten unserer Gesellschaft nicht einverstanden. Man sollte angesichts dieses Umstandes die Augen nicht davor verschließen, dass sich aus dieser Form des Protestverhaltens durchaus innovative Impulse für das Bildungssystem ergeben können.

Ich möchte eine sehr kühne These wagen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Homeschooling in der Mitte des kommenden Jahrhunderts nicht die Ausnahme sein wird, sondern breite Verbreitung findet und Elemente des Homeschoolings auch in den Schulbetrieb integriert werden. Den entscheidenden Grund dafür sehe ich in der technischen Entwicklung, besonders im Bereich der neuen Medien.

Dahinter steht die Frage, inwieweit eine pädagogische und praktische Notwendigkeit für Präsenszeiten besteht. Spricht wirklich soviel dafür, dass Lerninhalte nur in der Form von Präsenszeiten an einem festen Ort vermittelt werden können? Als die Schule in ihrer heutigen Form entstand, gab es schlicht keine andere Möglichkeit als sie auf diese Weise zu organisieren. Die Alternative war der Hauslehrer, und den konnten sich nur wenige leisten. Mit der Unterrichtung der eigenen Kinder waren und sind wohl eine Mehrheit der Eltern überfordert. Heute ließe sich das ganz anders organisieren. Die Frage ist, ob sich Präsenszeiten in Form von Klassenunterricht auch dann durchgesetzt hätten, wenn es andere technische Möglichkeiten der Kommunikation gegeben hätte. Denn Präsenszeiten haben generell Vorteile, aber sie haben auch viele Nachteile.

Da ist zum einen der große Aufwand: Jeden Tag verbringen Menschen oft stundenlang Zeit in Verkehrsmitteln, um zu ihrem Arbeitsplatz beziehungsweise in die Schule zu kommen. Diese Zeit ist nur in seltenen Fällen Qualitätszeit, meist ist es Stress. Diese Stunden gehen der Familie, der Freizeitgestaltung und dem Lernen verloren. Das gilt für einen Großteil unserer modernen Arbeitswelt. Wenn man diese Stunden einmal zusammenrechnet, die man täglich im Auto, im Bus und der S- oder U-Bahn, im Stau und auf Bahnsteigen verbringt, wird man feststellen, dass das einen enormen Verlust von Zeitressourcen bedeutet, die besser eingesetzt werden könnten.  Lernmethoden, die auch die Arbeit zu Hause ermöglichen, sparen also Ressourcen.

Viele sehen in der Schule den Ort des gemeinsamen Lernens und der sozialen Kontaktpflege. Das ist sie wohl auch. Aber sie ist eben auch ein Raum manchmal sehr problematischer Gruppendynamik und für viele Kinder und Jugendliche der Ort, an dem sie ihre ersten Erfahrungen mit Drogen und Gewalt machen. Ein Refugium der Harmonie und der Geborgenheit sind die öffentlichen Schulen heute sicher nicht. Die Frage steht im Raum, ob soziale Kontaktpflege von Kindern und Jugendlichen sich nicht auch auf privater Basis jenseits einer verbindlichen staatlichen Institution gestalten lässt. Der Vorteil liegt auch darin, dass die Eltern hier einen gewissen Einfluss auf das Umfeld ihrer Kinder behalten. Ein Umstand, dessen Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte, gerade wenn jene Bildungsforschung recht behalten, die der Peergroup zentrale Bedeutung für den Bildungserfolg beimessen.

Die gruppendynamischen Prozesse in gesetzlich verordneten Gemeinschaften tragen auch dazu bei, warum die Präsenszeiten in der Schule wohl oft nicht optimal ausgeschöpft werden können – besonders nicht im Hinblick auf die individuelle Leistungsförderung. Die soziale Stellung des Einzelnen in der Gruppenhierarchie kann seine Leistungsbereitschaft und Fähigkeit vermindern. Die Interaktion zwischen den Schülern kann dazu beitragen, dass die Lernatmosphäre gestört wird und die begrenzte Zeit, die für die Vermittlung des Unterrichts zur Verfügung steht, nicht optimal genutzt werden kann. Aufmerksamkeitsdefizite im Unterricht können nur sehr begrenzt vom Lehrpersonal durch Wiederholung von Lerninhalten kompensiert werden. Lerndefizite können nur im sehr begrenzten Rahmen aufgearbeitet werden. Da eine Präsensstunde auf die andere aufbaut können sich diese Defizite über lange Zeiträume fortpflanzen und erst am Ende eines Schuljahres in Form des Sitzenbleibens aufgearbeitet werden. Die zeitnahe Aufarbeitung von Lerndefiziten im Rahmen der Präsenszeiten der Schule ist nur in einem sehr engen Rahmen möglich. Das ist ein Grund, warum eine wachsende Zahl von Eltern sehr große finanzielle Aufwendungen für Nachhilfe und private Förderung aufbringen oder selbst fördern. Im Grunde genommen existiert also schon eine Art von „Homeschooling“, die funktioniert.

Es gibt schon heute Sprachschulen, die auf eine sehr viel innovativere Art und Weise als mit dem tradierten Instrument des Klassenunterrichts arbeiten. Man kann von zu Hause aus die Lektionen im Internet durcharbeiten. Am Ende jeder Lektion steht ein Test, der gespeichert wird. Man bleibt über das eigene Lernniveau immer auf dem aktuellen Stand. Wenn eine Reihe von Lektionen bearbeitet worden ist, dann meldet man sich für eine Präsensveranstaltung an, in der dann über die Lerninhalte in der Fremdsprache gesprochen wird. Diese Präsensveranstaltung umfasst nicht mehr als vier bis fünf Personen und findet in Form persönlicher Kommunikation statt. Die Präsensstunden können individuell gebucht werden. Wenn man das Ziel der Lektion erreicht hat, dann geht man weiter zur nächsten Lektion. Wenn nicht, dann muss man die Lektion wiederholen. In regelmäßigen Abständen findet ein Gespräch statt, in dem mit dem Lernenden über seine Zufriedenheit mit dem Programm gesprochen wird.

Daneben gibt es dann eine ganze Reihe sozialer Aktivitäten, auf denen man die anderen Kursteilnehmer kennenlernen und im Gespräch seine Kenntnisse vertiefen kann: Kino- und Theaterbesuche, Diskussions- und Leseabende usw. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Menschen am besten lernen, wenn es ihnen Freude macht und sie die Fähigkeiten praktisch erproben können. In Ansätzen ließen sich diese Methoden auch auf den öffentlichen Bildungssektor, auf Schule und Universitäten übertragen. Viele Inhalte können im Internet angeboten und betreut werden.

Dass die physische Präsens in den Universitäten bei Vorlesungen zur Pflicht gemacht wurde, ist ein extremer Anachronismus. Vorlesungen sind in der Regel reine Frontalveranstaltungen und viele Vorlesungsräume so überfüllt, das man kaum Platz findet. Genauso gut könnte man die Vorlesungen aufnehmen und als DVD verkaufen oder frei zum Herunterladen im Internet zugänglich machen. Das hat den Vorteil, dass man sich den Vortrag so lange ansehen kann, bis man das Wesentliche begriffen hat und muss nicht allein auf schnell hingeworfene Notizen zurückgreifen. Die Dozenten könnten besondere Veranstaltungen anbieten, in denen nichts anderes geschieht als Fragen zu beantworten und die Lerninhalte zu diskutieren. Das ließe sich auch in Form von Blogs, Foren, Chats und dafür extra eingerichteten sozialen Netzwerken tun.

Grundsätzlich ist hier der Kreativität und Innovation kaum eine Grenze gesetzt. Außer eben der, dass sich Institutionen, Organisationsformen und Gewohnheiten entwickelt haben, die nur eine sehr begrenzte Offenheit für Neuerungen besitzen. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum ein Reformprozess im Sinne größerer organisatorischer Offenheit im Bildungssystem sehr lange brauchen wird. Pioniere werden wahrscheinlich die privaten Bildungsträger sein. Ein Grund mehr, den Markteintritt zu erleichtern und auf den Wettbewerb zwischen öffentlichen und privaten Schulen zu setzen.

Was die Eltern angeht, die heute schon den Präsenszeiten in der öffentlichen Schule kritisch gegenüberstehen, so sollte man überlegen, ob sich nicht ein Rahmen finden lässt, in dem diesem Bedürfnis wenigstens partiell entsprochen werden kann. Das könnte dadurch geschehen, dass regelmäßige Leistungsüberprüfungen stattfinden, durch die sich ermitteln lässt, ob die Lerninhalte entsprechend des Lehrplans im privaten Raum vermittelt wurden. Wo das nicht der Fall ist, kann die Erlaubnis für den privaten Unterricht widerrufen werden. Dieser Ansatz ist besser, als mit polizeilichen Maßnahmen zu reagieren. 

Letztlich muss der praktische Erfolg darüber entscheiden, welche Bildungsansätze sich schließlich durchsetzen.

19. November 2009

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Kommentare

Stefan Miller, am 19. November 2009 um 16:27 ( Link )

Aufwachen Bökenkamp, Traum vorbei, Ende.
Der Staat wird doch niemals eine solche Macht aus der Hand geben. Die Kinder sollen von Beamten und nicht von Eltern erzogen werden.
Der Ruf nach Ganztagsschule wird immer stärker. Privat zufinanzierte und beeinflußte Individualschulen werden konsequent bekämpft. Das staatliche Schulprogramm muß flächendeckend realisiert werden.
Warum wohl wird derzeit sogar von Kindergartenpflicht gesprochen? Die Herdprämie ist doch nur die Gegenthese, damit am Ende schön nach Hegel eine passende Synthese rauskommt. Oder glauben Sie die FDP könnte das echt durchziehen?

Im Grunde würde man heute noch mit den Nachkriegsmethoden die ersten 8 Schuljahre wunderbar auskommen. Das Grundwissen ändert sich doch nicht, es könnten also sogar die selben Bücher in ganz Deutschland mehrmals verwendet werden. Man macht es aber nicht. Es müssen jährlich neue Bücher gekauft werden, die dann auch möglichst bunt ausgefüllt für nichts mehr zu gebrauchen sind. Deswegen kann die junge Generation überhaupt nicht mehr ohne Textmarker lernen. Auch wird solides Grundlagenwissen durch stets mehr kurzliebiges Detailwissen verdrängt. Und teure Ausflüge müssen her. Die Schüler müssen heute unbedingt ins Ausland schulreisen, damit die Pädagogen auch zu ihrem Spaß kommen. Harzerkinder kriegen natürlich alles bezahlt.

Webbaer, am 19. November 2009 um 16:47 ( Link )

Viele Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen, haben dafür religiöse Motive.

Die europ. Aufklärung, soz. die Mutter aller Systeme, war nie mehrheitsfähig.
Sie nutzt zwar, demokratisch-systembasiert die Schwarmintelligenz (also die Blödheit der Masse, die aggregiert Schlauheit bedeutet), ist aber gegen den Willen - zumindest in D - der Mehrheit durchgesetzt worden.
Liberale Werte haben sich durchgesetzt, obwohl - metaphorisch: weil - das Volk blöde ist.

Revisionisten gibt es allerorten, Gegner der Schulpflicht, wie gut immer auch begründet, ebenso.

Zum Glück haben wir mittlerweile das Internet, das die Herrschaft über das Wissen und dementsprechende Machtdiskussionen obsolet erscheinen lässt.

Gut zudem, dass es zurzeit keine Denker von Bedeutung gibt, im rel., soz. und "freiheitlichem" Spektrum, die dem entgegenwirken können.

Zusammengefasst: Schul-, Bildungs- und Internetpflicht töfte, anderes bäh.

SmufMcFudel, am 19. November 2009 um 18:19 ( Link )

Wie gut oder schlecht ein solches Schulsystem funktionieren könnte, hängt wieder einmal von jedem Einzelnen ab. Ich selber "durfte" damals meine beiden Sekundarstufen auf einer Gesamtschule absolvieren, einfach weil der Großteil meines Freundeskreises auf diese Schule wechselte. Die bildungstechnischen Nachteile schmecken zwar heute auf der Uni sehr bitter, dafür möchte ich, als ehemals sehr introvertierte Person, die soziale Komponente nicht missen.

Zuhause selber zu lernen fällt mir unendlich schwer, einfach weil es in 13 Jahren Schule niemals nötig gewesen ist, den Kopf ein paar Stunden zusätzlich in ein paar Bücher zu stecken. Fraglich bleibt auch die Generalsgewalt der Eltern bezüglich der Struktur des Freundeskreises. Im späteren Berufsleben fehlt eventuell Durchsetzungsvermögen, weil Mama dann nicht mehr da ist, um einen vor den Rabauken zu beschützen, denen man in der Schule halt eben nicht einfach aus dem Weg gehen konnte.

peace
McFudel

Neutrino, am 19. November 2009 um 19:14 ( Link )

Das Thema Homeschooling scheint ja hier recht große Zustimmung zu bekommen.
Ich halte davon jedoch wenig. Vor Jahren konnte ich es live miterleben, wie Homeschooling in der Amerikanischen Wirklichkeit aussieht. Und ich muss sagen, es ist schrott: Aussagelose Tests, Nutzlose Lerninhalte und meistens sind nur diejenigen Kinder auf Homeschooling, die unfähig sind zur Schule zu gehen (oft Kinder die Außenseiter sind oder gar Psychische Probleme haben).
Mit einem Abschluss auf Homeschooling Basis wird man höchstens bei Wal Mart an der Kasse angestellt, aber sonst wissen die Arbeitgeber schon ganz genau, welche Klientel sie vor sich haben, wenn einer sowas aus der Tasche zieht.
Das deutsche Schulwesen ist zweifellos dringend reformbedürftig. Mehr liberale Organisation und vor allem ganz dringend müssen die Lehrpläne dezentralisiert von Grund auf inhaltlich geändert werden.
Aber Homeschooling hat keine Zukunft, es sei denn man will dafür sorgen, dass der Hauptschulabschluss nicht der schlechteste Abschluss von allen ist.

Molot, am 19. November 2009 um 19:58 ( Link )

Mein Sohn ist Grundschüler, 4.Klasse. Die größten "Bildungssprünge" macht der immer während der Schulferien.
B.Ullmann

cetede, am 19. November 2009 um 20:31 ( Link )

Ehrlich gesagt, halte ich Privatschulen, die offen und transparent arbeiten, für die weit bessere Möglichkeit. Eben kam mir so in den Sinn, was denn in fundamentalistischen Koran-Homeschools gelehrt werden würde...

SmufMcFudel, am 19. November 2009 um 20:34 ( Link )

Fliegt doch in den Osten und finde es heraus!

Molot, am 19. November 2009 um 20:50 ( Link )

@cetede

Eben kam mir so in den Sinn, was denn in fundamentalistischen Koran-Homeschools gelehrt werden würde...
cui bono?
B.Ullmann

Daniel Bassermann, am 19. November 2009 um 21:46 ( Link )

Statistisch, Herr Bökenkamp verbringt der Durchschnittdeutsche am Tag 240 Min vor dem Fernseher. Das gilt eben leider auch für Schüler. Meinen Sie, dass, wenn es keine Verpflichtung mehr gebe, den Hintern mal vom Sofa resp. Spielkonsole wegzuheben, die Schüler mehr lernen würden?
Die Schule ist ein Ort der optimierten Lernatmosphäre. Ähnlich wie ein Operationssaal oder ein Flughafenterminal für ihre jeweilige Aufgabe spezialisiert sind. Es gibt gute Umsetzungen und schlechte.
Ich gebe Ihnen in dem Punkt recht, dass in den staatlichen Schulen einiges in den letzten 40 Jahren schief gelaufen ist. Dies gilt es zu korrigieren, aber nicht das Kinde mit dem Bade auszugießen.

Constanze, am 19. November 2009 um 22:03 ( Link )

Präsenszeiten?
Sind das ähnliche Phasen wie Plusquamperfektzeiten?

Sphairon, am 19. November 2009 um 23:00 ( Link )

Die Schule ist ein Ort der optimierten Lernatmosphäre.

Ich befürchte, Sie meinen das ernst.

Die Schule ist nicht nur eine Veranstaltung, bei der die Schüler durch forcierte Anwesenheit in für sie oft irrelevant scheinenden Veranstaltungen die Lust am eigenständigen Lernen verlieren und in Ermangelung von produktiver Beschäftigung sich allerlei schlechte Gewohnheiten aneignen (das, was man bei Teenagern unter "Gammeln" versteht, werden Sie bei Vorschulkindern mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vorfinden).

Sie verursacht darüber hinaus bei denjenigen, die warum auch immer nicht den künstlichen Normen dieser künstlichen Gemeinschaften genügen, oft bleibende Komplexe und Störungen, denn nicht nur stoßen die Gemobbten bei den verantwortlichen Lehrkörpern oft auf (notwendiges, da weder Zeit noch Ressourcen vorhanden) Desinteresse, sie können ihren Peinigern nicht einmal entfliehen! Arbeitsplätze, Vereine, Freunde, Partnerschaften, gar Familien kann und soll man bei Missbrauch verlassen - nur durch die Schule und evtl. den Wehrdienst, geht die allgemeine Ansicht, da "müsse man durch" und bekomme "soziale Kompetenz" anerzogen. Was für ein Hohn.

Der Ort der optimalen Lernatmosphäre ist genauso individuell wie die einzelnen Lernbedürfnisse selbst. Das System Schule, das von der Prämisse ausgeht, alle Schüler sollten zur gleichen Zeit die gleichen Interessen auf dem gleichen Leistungsstand hegen und seien deshalb in normierten, standardisierten Lehreinheiten allesamt mit derselben Lehrmethode zu unterrichten, ist so grotesk und so weit vom "Optimum" entfernt, dass man nur noch staunen kann, mit welchem selbstverständlichen Eifer es von der Mehrzahl seiner Geschädigten in Schutz genommen wird.

Sphairon, am 19. November 2009 um 23:14 ( Link )

@Neutrino:

Mit einem Abschluss auf Homeschooling Basis wird man höchstens bei Wal Mart an der Kasse angestellt, aber sonst wissen die Arbeitgeber schon ganz genau, welche Klientel sie vor sich haben, wenn einer sowas aus der Tasche zieht.

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum etwa das MIT extra eine Seite mit Tipps für Homeschool-Bewerber eingerichtet hat. Wenn man seitens der MIT-Leitung von der Qualität der Schule so überzeugt wäre, hätte man einfach ein High-School-Diplom als Zulassungsvoraussetzung eingerichtet - hat man aber explizit gelassen. Scheint, als würde man den Homeschoolern doch mehr als WalMart-Kasse zutrauen?

Ganz davon abgesehen: Wenn man mit einem Schulabschluss so viel Wissen voraussetzen kann, warum gibt es dann in so gut wie jedem Beruf Einstellungstests, neben den üblichen Abschlussvoraussetzungen? Warum wird die letzten Jahre über für klassische Hauptschul-Berufe immer mehr ein Realschul-, und für klassische Realschul-Berufe ein Gymnasialabschluss vorausgesetzt? Kann es sein, dass man im echten Leben langsam merkt, wie viele

Aussagelose Tests, Nutzlose Lerninhalte

in der Schule durchgeboxt werden und deshalb verzweifelt die akademischen Anforderungen hochschraubt, in der Hoffnung, es werde besser?

Mir wäre ein aufgeweckter Homeschooler allemal lieber als ein verschulter Abiturient, der in seiner Laufbahn vor allem gelernt hat, frei nach Kant Pflicht von Neigung zu trennen.

Neutrino, am 19. November 2009 um 23:32 ( Link )

@ Sphairon

Es gibt sicher einige wenige die mit Homeshooling exellente Ergebnisse erzielen. Aber das ist definitiv nur eine verschwindend geringe Minderheit.
Die breite Masse der Homeschooling Absolventen ist leider anders...
Vielleicht wäre es eher ein Modell, Homeschooling als freiwillige Weiterbildungsmöglichkeit für Lernbegierige und Hochbegabte anzubieten. Wenn man anspruchsvolle Lerninhalte anbietet wäre das sicher eine Möglichkeit. Für den flächendeckenden Einsatz ist Homeschooling jedoch ungeeignet, da es viel eigene Motivation der Schüler voraussetzt und die wird man nur schwer wecken können.
Mir wird eindeutig viel zu wenig für unsere Bildungselite in den Schulen getan. Da wäre Bildung besser angelegt, als bei lernresistenten Schwererziehbaren, die im Augenblick ohne Ende gefördert werden.

Natürlich merken die Arbeitgeber auch, dass Abiturienten die Chronik von Hitlers Machtergreifung im Schlaf runterbeten können, aber beim großen Einmaleins versagen.

Ich denke ohnehin, dass Abschlüsse weniger über die Leistungsfähigkeit einer Person aussagen, als dessen Charackter und Einstellung zur Arbeit.

karen m., am 20. November 2009 um 10:11 ( Link )

Eine schöne Vision, die noch nicht einmal von der Hand zu weisen ist. Prinzipiell wird der Staat sein Bildungsmonopol nicht aus der Hand geben wollen, im Sinne einer gleichmäßigen Bildung seines Kollektivs ist das sicherlich auch sinnvoll. Aber die Eltern könnten Zuhause im projektierten "3-D-Klassenraum" zwischen verschiedenen Programmen wählen. Montessori oder Waldorf? Multikultiklasse oder Dorfschule? Gymnasiale- oder Hauptschulklasse? 5 Stunden Erdkunde am Tag oder doch lieber 3 Fremdsprachen? Lehrer oder Lehrerin? Resolut oder kumpelhaft? Der Vorteil wäre zudem, daß die 3-D-Lehrer für ihre Aufgaben fachlich und sozial optimiert wären, und - wenn sie grundlegend gleich programmiert wären - die Entwicklung des sozialen Kollektivs gewahrt bliebe.

karen m., am 20. November 2009 um 10:18 ( Link )

Nachtrag: Das muß natürlich interaktiv funktionieren, aber auch das ist heute kein Probem mehr: Spracherkennung ist üblich, weiterentwickelte Gestikerkennung reagiert auf Melden, Zappeln oder Gähnen. Der 3-D-Lehrer kann dank guter Rechenleistung sofort darauf reagieren, die passende Antwort wird in Bild und Ton generiert. Ebenso wird das soziale Umfeld generiert, Hänseleien und andere gruppendynamische Prozesse sollten standardmäßig ebenso vorkommen wie Disziplinaraßnahmen usw.

villakunterbunt, am 25. November 2009 um 11:45 ( Link )

Kinder wollen freiwillig nicht lernen? Man muss sie zwingen, weil sie sonst den ganzen Tag vorm PC hängen?

Wer das glaubt, sollte sich einmal die ZDF-Doku "Unterricht am Küchentisch - Wenn die Schulpflicht verweigert wird" ansehen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch mit einem großen Lernwillen auf die Welt kommt. Er kann gar nicht anders, als lernen. Das ist sein "Programm".

Aber diese Lernfreude wird durch die Einschulung zunichte gemacht.

Friedr.-W.H. Rahe Fördermitglied, am 25. November 2009 um 13:23 ( Link )

@sphairon
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