12. November 2009

Finanzsystem Verrichten Banken „Gottes Werk“?

Das moderne Bankwesen ist pervertiert

Nach einem Rabbinerwort werden wir durch unseren Arbeitseinsatz „Partner Gottes in der Arbeit an der Schöpfung“. Vielleicht hatte Lloyd Blankfein diesen Spruch im Sinn, als er der „Sunday Times“ kürzlich sagte, die Banken verrichteten Gottes Werk. Der Goldman Sachs-Chef hatte mit dieser Aussage heftige Reaktionen ausgelöst.

Der Ärger über Blankfein ist, symptomatisch für unsere Zeit, eher diffus. „Dass das automatisch alles rechtfertigen soll, was Banken machen, halte ich für mehr als fragwürdig“, sagt der Sprecher des Hamburger Erzbistums, Manfred Nielen, laut „Spiegel-Online“, ohne diesen Eindruck zu konkretisieren. Ehrlicher ist da Marco Cabras von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz: „Das Argument können wir nicht teilen - und wir verstehen es auch nicht.“

Leider trägt der zugrundeliegende „Sunday Times“-Artikel nicht gerade zur Erhellung der Sache auf. Der Times-Autor John Arlidge wirft den Banken zwar allgemein vor, „zuviel Geld verliehen“ zu haben. Doch was genau „zuviel“ ist, sagt er nicht. Blankfein antwortet Arlidge, indem er ihm die, wie er es nennt, „Aufgabe des modernen Bankwesens“ erklärt: „Wir sind sehr wichtig. Wir helfen Unternehmen, zu wachsen, indem wir ihnen helfen, Kapital zu beschaffen. Damit wiederum wird es möglich, dass Leute Jobs haben, die mehr Wachstum und mehr Wohlstand generieren. Es ist ein positiver Kreislauf.“

Das ist eine ausgezeichnete, knappe und prägnante Werbung für die Existenzberechtigung der Banken. Was daran jedoch „modern“ sein soll, im Gegensatz zur Aufgabe von Banken in früheren Jahrhunderten, erschließt sich dem Leser nicht. Weder ist erkennbar, ob Arlidge diesbezüglich nachgefragt hat, noch, ob Blankfein sie dazu Ausführungen machte. Ansonsten aber berichtet der Artikel sehr detailreich und informativ über das soziale Innenleben der großen amerikanischen Bank.

Das Problem, das der „Times“-Artikel leichtfertig übergeht, ist dies: Das „moderne“ Bankwesen gerät leicht in Versuchung, „zuviel“ Geld zu verleihen, weil es den Banken erlaubt, mehr zu verleihen, als ihnen überhaupt zur Verfügung steht. Es geht um das sogenannte Teilreserve-Bankwesen, das, wie Professor Guido Hülsmann beschreibt, aus der Pervertierung des Geldlagerhauswesens, des Kreditwesens und als Reaktion auf Plünderungsversuche seitens der Staatsmacht entstand. Die Einführung des Papierbanknoten, ihre völlige Entkopplung von Realwerten sowie die Errichtung von Zentralbanken als territoriales Monopol der Geldherstellung erleichterte die Aufrechterhaltung dieses Systems.

Dieses ungedeckte „Geld aus dem Nichts“ der Zentralbanken, das Produktionsmittel des „modernen“ Bankwesens, ist nicht echtes Kapital, sondern vermittelt eine Illusion von Wohlstand. Wohlstandsillusion führt zu Fehlinvestitionen, diese wiederum zu den sogenannten Konjunkturblasen, die über kurz oder lang zwangsläufig platzen müssen, weil hinter den anfänglich reichlich fließenden Krediten keine realen Werte stehen.

Im Grunde ist diese Vorgehensweise eine Lüge, ein Betrug. Dessen ungeachtet fordern die Banken für ihr „Nichts“ Zinsen. Zinsen sind an sich nichts unmoralisches, das sagen selbst die Kirchen inzwischen. Als einzige Ausnahme behält sich die katholische Kirche vor, Konsumkredite in Einzelfällen als Wucher zu verdammen, wenn sie meint, dass das Gebot der Nächstenliebe gebrochen wird. Aber Zinsen für nichts sind nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein moralisches Problem.

Wenn es dann aber mal zu Zahlungsausfällen von den Kunden kommt, dann glaubt jede Bank zu wissen, dass irgendwer, der Staat oder die Zentralbank, sie aus dem Loch ziehen wird. Deswegen, und aus keinem anderen Grund, verleihen Banken „zu viel“. Erstens weil sie dürfen und zweitens weil sie, komme was wolle, gerettet werden – das sogenannte „Moral Hazard“-Problem. Sie glauben das nicht aus Leichtsinn, sondern weil sie genau wissen, dass sich der Staat ein Scheitern einer großen Bank kaum leisten kann. Die sämtlichst nur mit Teilreserven abgesicherten Banken sind über Kredite derart abhängig voneinander, dass das Scheitern einer Bank über „kaskadierende Kreditausfälle“ innerhalb von Tagen oder Stunden durchaus einen kompletten Zusammenbruch des gesamten Weltfinanzsystems zur Folge haben kann. Angeblich stand die Welt im Oktober vergangen Jahres kurz davor.

Verrichten also „moderne“ Banken wirklich „Gottes Werk“? Wohl kaum. Ihre Praxis, „Nichts“ als etwas wertvolles zu deklarieren, erinnert an die Versuchung Christi, als Jesus vom Teufel aufgefordert wurde, aus Steinen Brot zu machen. Die Antwort, die er erhielt, lautete: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“ Und was sind diese Worte, in Bezug auf das „moderne“ Bankwesen? Da wären zunächst die Gebote, nicht zu lügen und nicht zu stehlen. Beides aber geschieht, wenn man versucht, mit „Nichts“ Geld zu verdienen. Wer Teilreserve-Bankgeld, also Wohlstandsillusion, von „modernen“ Banken leiht, und selbst keine Gelddruckmaschine zur Verfügung hat, muss die Zinsen dafür mit dem Einkommen aus realer Arbeit oder aus dem realen Bestand begleichen. So wird zwar aus Stein Brot, aber nur für die Banken.

Außerdem befindet sich im Neuen Testament eine Entsprechung für das moderne Bankwesen. Es sind die von Jesus aus dem Tempel vertriebenen Händler. Die Tempelhändler nutzten ein von den Priestern gegebenes Privileg aus, indem sie auf begrenztem Raum Opfergaben zu überhöhten Preisen verkauften. Auf einem freien Markt ohne Zugangsbeschränkungen hätten sie ihre Wucherpreise niemals aufrecht erhalten können. Es ist ein Fehler, die damaligen Tempelhändler mit den heutigen Kaufhäusern oder einer „Konsumkultur“ gleichzusetzen. Ihre wahre moderne Entsprechung sind die Zentralbanken, während die heutige Entsprechung der Tempelpriester im Kontext dieses Bibelabschnitts die weltlichen Regierungen sind. Zentralbanken nutzen das von ihren Regierungen verliehene Privileg aus, eigentlich wertloses Papier als Geld zu deklarieren und es zu hohen Nennwerten zu „verkaufen“, nämlich über Banken oder den Staat als Kredit in die Wirtschaft zu pumpen und dafür eigenmächtig gesetzte Zinsen zu verlangen. In einem freien Geldmarkt dagegen würde Zentralbanken das gleiche Schicksal ereilen wie weiland den Tempelhändlern. Sie würden, wenn auch nur im übertragenen Sinne, aus dem Markt regelrecht hinausgeprügelt – und zwar zugunsten von Händlern, die ehrliches Warengeld, zum Beispiel Gold- oder Silberzertifikate, gegen Zinsen anbieten, die nicht von irgendeiner Behörde willkürlich festgesetzt werden, sondern durch den freien Handel am Geldmarkt.

Die Gleichsetzung von damaligen Priestern und heutigen Regierungen ist auch aus einem anderen Grund sehr angebracht: Der Glaube an den erlösenden Gott ist weitgehend einem Glauben an den erlösenden Staat gewichen. Die Reaktion auf die aktuelle Finanzkrise ist nur ein Beispiel von vielen dieser neuen Form von Religion.

Verrichten Banken Gottes Werk? Nur, wenn sie auch Gottes Gebote beachten. Kein Mensch ist ohne Sünde. Aber wenn die Sünde zur Institution erhoben wird, kann von einer Verrichtung des Werks Gottes nicht mehr ernsthaft die Rede sein. 

 

Literatur:

Guido Hülsmann: Die Ethik der Geldproduktion

Internet:

Sunday Times: „I’m doing ‘God’s work’: Meet Mr. Goldman Sachs” (8.11.2009)

Spiegel Online: „‚Gottes Werk‘ der Banken erstaunt die Kirche“ (9.11.2009)


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