09. November 2009

Jahrestag Innehalten zum 9. November

Solidarität kommt aus dem Herzen

Lesen wir, aus gegebenen Anlaß zum 20. Jahrestag des 9. November 1989, ein wenig Friedrich Engels; denken wir kurz mit ihm gemeinsam nach über - Autorität.

"Autorität will ... soviel besagen wie: Überordnung eines fremden Willens über den unseren; Autorität setzt auf der anderen Seite Unterordnung voraus. ... Die Antiautorianer fordern, dass der autoritäre politische Staat ... abgeschafft werde ... Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittles Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen. Hätte die Pariser Kommune nur einen einzigen Tag Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den Bourgeois nicht dieser Autorität des bewaffneten Volks bedient hätte? Kann man sie nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, daß sie sich ihrer nicht umfassend genug bedient hat?"

Kommen uns Deutschen - gerade heute - jene Gewehre, Bajonette und Kanonen nicht ebenso wie Mauern und Stacheldrähte, verminte Sperrstreifen im Flutlicht und Hundestaffeln, Selbstschußanlagen und Schießbefehl nur allzu bekannt vor; als die "denkbar autoritärsten Mittel", um sicherzustellen, daß die siegreiche Partei der Revolution "nicht umsonst gekämpft" hat?

Was hätte dieser Herr Engels wohl zu den besonnenen Männern und Frauen gesagt, die nach der Schabowski-Pressekonferenz das Ausrücken der Panzer in Leipzig und Berlin verhindert haben? Hätte er sie getadelt, daß sie sich ihrer Autorität "nicht umfassend genug bedient" haben? Wäre ihm nicht zum Schutze der Ergebnisse einer siegreichen DDR-Revolution lieber gewesen, das ganze Land in jener Nacht in einen einzigen großen Platz des himmlischen, real-sozialistischen Friedens zu verwandeln? Wie hatte Lenin seinen Kampf - und das, was er für nötig und geboten hielt - gegen die Gefahren eines Rückfalls in die bourgeoise Reaktion doch noch 1922 beschrieben:

"Jetzt und nur jetzt, wenn in den Hungergebieten Kannibalismus herrscht und Hunderte, wenn nicht Tausende von Leichen auf den Straßen liegen, können (und müssen deshalb) wir die Konfiszierung der Kirchenschätze mit der brutalsten und erbarmungslosesten Energie durchführen und dürfen nicht davor zurückschrecken, jeden Widerstand zu zerschlagen. ... Je größer die Zahl der Vertreter des reaktionären Klerus und der reaktionären Bourgeoisie ist, die wir hinrichten können, desto besser. Wir müssen den Leuten sofort eine Lektion erteilen, damit sie jahrzehntelang nicht einmal wagen, an Widerstand auch nur zu denken."

Michael Klonovsky, Augenzeuge des DDR-Kollapses, hat seine Beobachtungen rund um den "Mauerfall" in der Gestalt eines grandiosen Romans um die Figur Johannes Schönbach festgehalten ("Land der Wunder"); er formuliert im Angesicht der drohenden ostdeutschen Zerschlagung des DDR-Widerstandes (S. 202 ff.):

"Unter dem stählernen U-Bahn-Viadukt, der die Allee-Mitte überwölbte, wimmelten Polizisten wie Insekten. Von ihrer Nahkampfbereitschaft zeugten Helme mit Plexiglasvisieren, Schilde und Schlagstöcke, viele führten Hunde an der Leine. ... An der Vorderseite einiger Lastkraftwagen waren übermannshohe Gitterzaunsegmente befestigt. Dergleichen Gefährte hatte Schönbach noch nie zuvor gesehen, sie sahen aus wie überdimensionierte Kuhfänger, und ihr Sinn konnte einzig darin bestehen, als Straßensperren oder Menschenmengenschieber eingesetzt zu werden. Nur: Wo war der Gegner? Die paar Hanseln in der Kirche? Das hätte bedeutet, mit Stalin-Orgeln auf Republikflüchtlinge zu schießen. ... Von allen Seiten ertönte der Ruf 'Schlagstock frei!', und neuerlich erhob sich ein kollektiver Entsetzensschrei ... Stiefelgerappel ertönte, Hundegebell, Befehlsgebrüll, gellendes Protestpfeifen ... Die verzweifelten 'Keine Gewalt!'-Rufe wirkten wie groteske Konterkarierungen des Geschehens. ... 'Ich bin Philologe, ihr Schweine' zischte er in hilfloser Wut. 'Du bist gleich Eunuch', bekam er zur Antwort."

Jaja - Marx & Engels, hören wir immer wieder, hätten das mit ihrer Revolution, mit den despotischen Aktionen etc. pp., eigentlich gar nicht so gemeint gehabt. Wir legen ein paar Kartoffeln in die Pfanne, geben beherzt Öl dazu, drehen den Herd voll auf und fahren dann in Urlaub. Anschließend wundern wir uns darüber, was da in der Küche passiert ist. Wer später über Verantwortung spricht, dem dreschen wir mehrere dicke Kochbücher um die Ohren und behaupten, spritzendes Öl, verkohlte Kartoffeln und eine abgebrannte Küche stünden da doch sooooo gar nicht 'drin. Lenin und die Hinrichtung des Klerus; Stalin und seine Vernichtungslager; die Beinahe-Katastrophe in Leipzig und Ost-Berlin 1989; nur zufällige Abirrungen vom eigentlich glänzenden Ideal der marxistisch-leninistischen Weisheiten?

Wer zuende denkt, erkennt: Solidarität kommt aus Herzen und nicht aus totalitären Gewehrläufen. Hätten wir nicht alle tief in unserer menschlichen Natur ein dringendes und drängendes Bedürfnis, dem leidenden Anderen zu helfen, dann hätte sich während der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts mit der sirenenhaften Solidarrhetorik des Sozial-Tamtam überhaupt nicht politische Werbung von solcher Durchschlagskraft inszenieren lassen. Wäre dies in westdeutschland schon vor 40 Jahren offen gesagt worden - wir würden uns geängstigt haben und gehütet, in einer Welt zu leben, die allzu fundamentalistisch von staatsmachtmonopolistisch herbeiregierbarer Nächstenliebe sprach.

Man kann es nicht oft genug sagen: Die Präambel der DDR-Verfassung von 1949 versprach "soziale Gerechtigkeit". Paragraph 1 Absatz 1, Satz 1 des 1. Sozialsgesetzbuches der BRD verspricht: "soziale Gerechtigkeit". Und der Terror-Club von Robbespierre hatte "Wohlfahrtsausschuss" geheißen. Es ist, als ertönten auf dem Weg in die Hölle immer die schönsten Harfenklänge. Das Opium für die Massen heißt heute nicht mehr Religion, sondern Zwangsumverteilung. Die sittliche Pflicht am 9. November heißt: Aufklärung!

Internet

Michael Klonovsky: Land der Wunder, Kein & Aber Verlag, September 2005, 542 Seiten, gebunden, 22,80 Euro


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