03. November 2009

Zeitgeistwende Den Sozialismus in seinem Lauf ...

... hält nur seine vollständige Entlarvung auf

„Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Mit diesem Spruch schleuderte Erich Honecker im Herbst 1989 dem politischen Gezeitenwechsel, der dabei war, ihn und seine Genossen hinwegzufegen, seine ganze Verachtung entgegen. Doch man würde die kreativen Fähigkeiten des damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden überschätzen, ordnete man ihm die Urheberschaft dieses etwas holprigen Reims zu. Der Vers stammt nämlich aus der Gründerzeit der Sozialdemokratischen Partei und brachte die damalige Siegeszuversicht und den Optimismus der Arbeiterbewegung zum Ausdruck. Der Glaube, der Sozialismus sei eine „Naturnotwendigkeit“ und daher gar nicht aufzuhalten, war damals weit verbreitet.

Obwohl der Spruch jetzt wegen seiner Verwendung durch Honecker nur noch karnevalistischen Wert hat, ist der ihm zugrunde liegende Glaube heute immer noch sehr verbreitet – und das nicht nur unter den Anhängern der dem Namen nach sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien. Nur die Bezeichnung des teleologischen Ziels hat sich geändert. Statt Sozialismus heißt es nun „soziale Gerechtigkeit“, hilfsweise auch mal „ökologisches Gleichgewicht“. Keiner kann genau definieren, was mit diesen Begriffen gemeint ist. Aber das stört die Gläubigen nicht. Ein solcher Glaube wäre kein Problem, wenn es sich bei dieser Religion um einen jenseitigen Glauben handeln würde. Das Problem ist der unter dem Banner dieser Begriffe versteckte Versuch, das Himmelreich im Diesseits zu errichten.

Der Brutal- und Betonsozialismus ist gescheitert, wie es Ludwig von Mises bereits 1920 voraussagte. Als alternative gesellschaftsordnende Leitidee hat sich aber nicht etwa sein Gegenteil, die freie Marktwirtschaft in einer Gesellschaft freier Individuen, etabliert, sondern sein Bruder, der schleichende Sozialismus, wie es Roland Baader in seinem Buch „Kreide für den Wolf“ bereits 1991 voraussagte. Die Gläubigen haben ihren Glauben nicht aufgegeben, sondern lediglich die Taktik zur Erreichung ihres messianischen Ziels geändert. Überzeugte Sozialisten sind lernende Systeme – im Gegensatz zu Ochs und Esel, insofern ist der anfänglich zitierte Spruch zutreffend. Sie haben gelernt, dass sie vorsichtiger, langsamer, leiser und umfassender voranschreiten müssen, um zu verhindern, dass ihnen die Leute nochmals entkommen. Die Schlaueren unter ihnen haben das übrigens schon 1961 begriffen, angesichts des Baus der Berliner Mauer, und nicht erst 1989 bei ihrem Abriss.

Als lernende Systeme haben überzeugte Sozialisten außerdem begriffen, dass sie die Verantwortung für die von ihnen verursachten moralischen und materiellen Verwüstungen leugnen und mittels Propaganda in Schulen und Medien auf andere abwälzen müssen. Was wie eine Verschwörungstheorie klingt, wird dann plausibel, wenn man die religiöse Dimension beachtet. Wer den schleichenden Sozialismus fördert, wird ihn zu seinen Lebzeiten möglicherweise nicht verwirklicht sehen. Doch er arbeitet für das große Ziel – und das gibt ihm innere Befriedigung, gibt seinem Leben einen Sinn, der über seinen Tod hinausreicht. Dieses Ziel mag noch weit in der Zukunft liegen. Aber es ist ein Ziel, wofür es sich für den Gläubigen zu leben, zu sterben, zu lügen, zu betrügen – auch sich selbst –, zu stehlen, zu zerstören und, wenn es darauf ankommt, auch zu töten lohnt. Hilfsweise reicht es ihm auch, wenn er einfach zulässt, dass sich diese moralischen Verfehlungen in der Gesellschaft ausbreiten, denn ihre Zunahme ebnet seiner Sache den Weg. Machtgeile, skrupellose Menschen finden sich in jedem Glaubenssystem, doch je sozialistischer, diesseitsorientierter ihr Umfeld ist, desto ungehemmter können sie sich austoben.

Hin und wieder gibt es ob dieser Entwicklungen empörte Reaktionen, gespeist von Überresten einer vagen Ahnung einer jenseitigen, transzendenten Fundierung von Moral, Anstand und der Einzigartigkeit des Individuums; aber auch darauf hat sich das lernende System bereits eingestellt. Die aktuelle Zeitgeistwende weg vom Sozialismus und hin zu mehr liberaler Selbstverantwortung und konservativer Traditionspflege, die ef-Herausgeber André Lichtschlag beobachtet, und die im übrigen nicht nur in Deutschland zu spüren ist, wird den Glauben an den Sozialismus nicht brechen. Sie wird die Gefahr, die von ihm ausgeht, nicht bannen. Dazu ist sie viel zu oberflächlich – sie ist lediglich eine ungerichtete Reaktion auf die aktuellen Übertreibungen des schleichenden Sozialismus. Ihr fehlt Klarheit, ein positiver Impetus sowie eine feste Grundlage.

Auch die Zeitgeistwende der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland war oberflächlich, getragen von einem Putsch Ludwig Erhards, dem der Erfolg recht gab. Aber nach zwanzig Jahren war der Ofen wieder aus; die verbeamteten Lehrer und die öffentlich-rechtlichen Medien hatten gründliche Arbeit geleistet. Eine ähnlich drastische Wende fand 1979 in Großbritannien statt, wofür die Engländer zwanzig Jahre später mit New Labour bestraft wurden, die mit einer Politik der expandierenden, schuldenfinanzierten staatlichen Wohlfahrt, der Untergrabung jahrhundertealter Institutionen, der Ersetzung der letzten echten Bildungsinhalte mit Indoktrination, der Bürokratisierung, der diskriminierungslosen Einwanderung, der flächendeckenden Überwachung und, last but not least, der inquisitorischten politischen Korrektheit Europas dafür sorgten, dass ein neuerlicher Thatcherismus für mindestens eine Generation im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar geworden ist, egal, wer im Parlament die Mehrheit hat.

Überzeugte Sozialisten sind getriebene, durchtriebene, gerissene und skrupellose Menschen. Sie lassen sich durch eine Eintagsfliegen-Zeitgeistwende von ein oder zwei Jahrzehnten nicht von ihrem Jahrtausendprojekt abbringen. Weil es sich um ein Glaubenssystem handelt, wird dem Sozialismus weder der Elan noch das menschliche Kanonenfutter ausgehen – wenn ihm nicht auch auf der religiösen Ebene Widerstand entgegengebracht wird. Solange der Machbarkeitswahn eines diesseitigen Paradieses in den Köpfen der Menschen herumgeistert, wird der Trend zum Totalitarismus ungebrochen bleiben.

Literatur:

Ludwig von Mises: Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen (1920)

Ludwig von Mises: Die Gemeinwirtschaft (1932 [1922])

Roland Baader: Kreide für den Wolf (1991)

Internet:

André F. Lichtschlag: Zeitgeistwechsel kurz vor dem Zusammenbruch


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