31. Oktober 2009

Wiedergelesen Entnationalisierung des Geldes

Hayeks Studie über die Rückkehr zu einer tragfähigen Geldordnung

1974 erhielt Hayek den Nobelpreis. Im Jahre 1976 legte er seine Studie zur „Denationalisation of Money“ vor. Diese erschien 1977 mit dem Untertitel „eine Analyse der Theorie und Praxis konkurrierender Umlaufsmittel“ in deutscher Übersetzung als „Die Entnationalisierung des Geldes“. Denkt man über den Titel nach, so kommt einem zunächst die europäische Währungsunion in den Sinn. Tatsächlich haben die meisten europäischen Volkswirtschaften ihre nationalen Währungen gegen den supranationalen Euro eingetauscht. Dies ist indes nicht, was Hayek mit seiner Entnationalisierung des Geldes intendierte.

Der Ausgangspunkt von Hayeks Überlegungen findet sich in einem Zitat von Adam Smith, das er dem Buch voranstellt: „Denn überall in der Welt haben Herrscher und unabhängige Staaten in ihrer Habsucht und Ungerechtigkeit das Vertrauen der Menschen missbraucht, indem sie nach und nach den ursprünglichen Metallgehalt ihrer Münzen herabgesetzt haben.“ Damalige Herrscher und heutige Regierungen missbrauchen das Geld zu ihren eigenen Zwecken durch Inflation. Sie entwerten dadurch Geld und beschwören ökonomischen Schaden bei den Geldnutzern hervor. Dies ist ungerecht, widerspricht also dem, was Recht ist. Wie damals die Inflation in der Münzpräge mittels der Verringerung des Metallgehalts der Münzen bewirkt wurde, so ist Inflation heute eine Folge des staatlichen Einflusses auf die Geldproduktion in Form der Zinssetzungshoheit der Zentralbank und des Teilreservesystems. Die Folgen sind bekannt und wurden hier bereits zu einem früheren Zeitpunkt beschrieben. Inflation führt zu Verwerfungen in der Kapitalstruktur der Produktion und zu intertemporalen Ungleichgewichten der Güterproduktion. Die falschen Marktsignale bewirken Fehlinvestitionen, die zunächst zu einem nicht auf gespartem Kapital beruhenden Aufschwung führen. Wenn die Fehlinvestitionen später offensichtlich werden und sich als nicht tragfähig erweisen, wird die fehlerhafte Allokation des Kapitals korrigiert, indem die Fehlinvestitionen im Abschwung liquidiert werden.

Wirkliches Geld könne eben, so Hayek, niemals neutral sein, so dass man sich „mit einem System zufrieden geben [müsse], das unvermeidliche Irrtümer rasch korrigiert“ (S. 78). Die Lösung erblickt Hayek in der Ausgabe konkurrierender Umlaufsmittel. Er erinnert dazu zunächst an die ältere Idee der Bankfreiheit, wonach die Geschäftsbanken das Recht hatten, Banknoten auszugeben, die in die nationale Edelmetallwährung konvertierbar sein sollten. Der Idee war kein Erfolg beschieden, da die Verfechter der Zentralisation der nationalen Notenemission obsiegten. Gleichwohl bestand kein Regierungsmonopol auf Geldausgabe, da über Sichtguthaben mittels Schecks verfügt werden konnte. Die Zentralbank war verpflichtet, die Geschäftsbanken mit allen erforderlichen Banknoten zu versorgen. Die Giralgeldschaffung unterlag dadurch nahezu keiner Kontrolle und keinem Wettbewerb. Die nachteiligen Folgen dieser Praxis liegen, wie Mises sehr gut erkannt hatte, in den durch ungebremste Giralgeldschaffung bewirkten Konjunkturzyklen. Hayeks Reformvorschlag zielt nun dahin, die schädlichen Folgen eines solchen Mischsystems durch die Abschaffung des Regierungsmonopols auf Geldemission zu vermeiden. Die Banken wären dann selbst dafür verantwortlich, ihre jeweiligen Umlaufsmittel so zu kontrollieren, dass sie im Wettbewerb von den Benutzern bevorzugt akzeptiert würden. Die Zentralbank als Emittent „of last resort“ fiele weg.

Hayek identifiziert die Banken selbst als Gegner eines solchen Vorhabens, da sie völlig neue Praktiken entwickeln müssten. Das gelte insbesondere in den Ländern, wo der Wettbewerb zwischen Banken seit Generationen durch Kartellvereinbarungen und mit Billigung der jeweiligen Regierungen unterbunden worden sei. Andererseits seien die Gegner eines solchen Plans unter den Inflationisten zu suchen. Denn die Folge konkurrierender Umlaufsmittel sei sehr hartes Geld. „Geld ist die einzige Sache, die durch Wettbewerb nicht billig würde, weil seine Attraktivität gerade darauf beruht, dass es ‚teuer’ bleibt“, schreibt Hayek (S. 84 f.). Zusätzlich sei Widerstand von der anti-kapitalistischen Szene zu erwarten. Diese nähmen den Missbrauch der Geldproduktion in der Hand des Staates unkritisch hin, würden aber erbittert aufschreien, sobald die „reichen Finanzinstitute“ damit betraut seien.

Die Hinkehr zu einem kompetitiven Geldsystem würde das Antlitz der Geldproduktion stark verändern. Einmal wären Inflation und Deflation nahezu ausgeschlossen. Die Geldanbieter, die für sich einen Vorteil darin sehen stabiles Geld anzubieten, würden inflationäre und deflationäre Anbieter vom Markt verdrängen. Das diszipliniert alle Anbieter in einem für den Geldnutzer Nutzen stiftendem Maße. Andererseits gäbe es selbstverständlich keine Währungspolitik mehr. Hayek führt aus (S. 93): „Die allein von ihrem Gewinnstreben gelenkten Emissionsbanken würden dem öffentlichen Interesse besser dienen, als irgendeine Institution es je getan hat oder tun könnte, die dies angeblich direkt zum Ziel hat.“ Es gäbe auch keine nationalen Geldmengen mehr. Von besonderer Aktualität ist Hayeks Einwand (S. 94), dass „die Geldpolitik viel eher eine Ursache als ein Heilmittel von Depressionen darstellt, weil es viel einfacher ist, dem Ruf nach billigem Geld nachzugeben und damit jene Fehllenkungen der Produktion zu verursachen, die ein späteres Eingreifen unvermeidlich machen, als die Wirtschaft darin zu unterstützen, den Konsequenzen einer in bestimmten Bereichen erfolgten Überentwicklung zu entgehen. Die bisherige Instabilität der Marktwirtschaft ist eine Folge davon, daß der wichtigste Regulator des Marktmechanismus, das Geld, seinerseits von der Regulierung durch den Marktprozeß ausgenommen wurde.“ Argumentativ rekurriert Hayek an dieser Stelle dann auf seine Arbeiten zur Bedeutung des Preismechanismus als Übermittlungssystem von Informationen. Logischerweise wäre die Abschaffung des Geldausgabemonopols mit einer Abschaffung der Zentralbanken verbunden. Damit verschwände auch die Zinspolitik. Der Zins ergäbe sich – wie es bei jedem anderen Gut auch sein sollte – aus Angebot und Nachfrage. Die Kreditvergabe zu Investitionszwecken von allen Banken zusammen könnte „das vorhandene Volumen an Ersparnissen nicht mehr überschreiten […] als erforderlich wäre“, ohne dass sich inflationäre Tendenzen ergeben, denen wiederum die Konkurrenz der Banken entgegenwirken würde. Das führte dann zu der begehrten „Übereinstimmung zwischen Sparen und Investieren“ (S. 98). Regierungen könnten den Marktzins nur noch durch ihr Bedürfnis nach Nettokreditaufnahme beeinflussen, aber nicht mehr von der Manipulation des Zinssatzes Gebrauch machen, mit dessen Hilfe sie sich in der Vergangenheit günstig zu refinanzieren trachteten.

Die „lange und heimliche Ehe von Geld- und Finanzpolitik“ würde dadurch ein Ende finden (S. 111).  Die Regelung des Geldwesens durch die der Hand des Staats steht im immerwährenden Konflikt mit seinem Finanzbedarf und hat verheerende Folgen gehabt. Wer die Kontrolle über das Geldangebot hat, wird diese Kontrolle unweigerlich missbrauchen, wenn er sein eigenes Produkt nachfragt. Politisch kontrollierte Zentralbanken sind daher unmöglich dazu in der Lage, „die Geldmenge in einer zu einem reibungslosem Funktionieren des Marktsystems führenden Weise zu regulieren“ (S. 111). Die sensationelle Zunahme der Staatsausgaben ist einerseits Folge der staatlichen Beherrschung der Geldemission und andererseits der Popularität der keynesianischen Wirtschaftstheorie. Sogar die neuerdings wieder kritisierte kalte Progression durch Inflation und die damit verbundenen überraschenden Staatsmehreinnahmen identifiziert Hayek schon damals als schädlich (S. 112). Die Zufluchtnahme in einer defizitären Ausgabenpolitik hat eine weitere, für jeden Liberalen unangenehme Folge. Sie führt zu einer Zentralisierung von Regierungsmacht, insbesondere unter „der herrschenden Form der unbeschränkten Demokratie, in der der Regierung die Macht gegeben ist, einzelnen Gruppen besondere materielle Vorteile zu verschaffen“ (S. 114).

Hayek prophezeit für die Transformation hin zu einer kompetitiven Geldordnung das Überleben einiger überall in Gebrauch befindlicher und sehr ähnlicher Währungen (S. 122). In verschiedenen großen Regionen würden ein oder zwei Währungen vorherrschen, ohne aber scharfe regionale Grenzen aufzuweisen. Vielmehr sei mit einer Überlagerung zu rechnen. Die Schwankungen untereinander seien geringer als dies bei heutigen Währungen der Fall sei, jedoch größer als unter einem echten Goldstandard. Wahrscheinlich würde ein Entdeckungsverfahren zur Herausbildung eines geeigneten Warenkorbs, mit dem solche Währungen gedeckt würden eingeleitet, aber relativ rasch abgeschlossen werden. Hernach sei mit nur geringen Veränderungen in diesem Warenkorb zu rechnen. Schulden würden in von den Parteien vereinbarten Werteinheiten beglichen werden, nicht in gesetzlichen Zahlungsmitteln. Es sei auch wahrscheinlich, dass der Ruin eines Geldemittenten ohne Auswirkungen auf in seinem Zahlungsmittel nominierte Schulden bleiben würde, sondern vielmehr weiter der Wert der Gegenleistung geschuldet würde.

Hayek resümiert, dass wir immer schlechtes Geld hatten, weil es privaten Unternehmen nicht erlaubt gewesen ist, uns ein besseres zu geben. Es sei nicht der Kapitalismus, sondern der Interventionismus, der für die wiederholten Krisen verantwortlich war. Die Hoffnung auf eine weitere Vervollkommnung der Marktwirtschaft stehe und falle mit der Einsicht, dass Geld nicht mehr vom Wohlwollen der Regierung abhängig sein sollte. Eine solche Reform werde erst kommen, wenn die Öffentlichkeit erkennt, was sie gewinnen kann. Leider habe die keynesianische Propaganda Inflation gesellschaftsfähig gemacht und Politikern fehle die Fähigkeit, diese Irrlehre zu widerlegen. Gebraucht werde „eine Freigeld-Bewegung, die der Freihandels-Bewegung des 19. Jahrhunderts vergleichbar“ sei. Vonnöten sei die tiefere Einsicht in den Zusammenhang zwischen schädlicher Macht der Regierungen über die Kontrolle des Geldes und Inflation sowie deren schädliche, aber häufig unsichtbare Folgen. Vor uns liege daher eine große Erziehungsaufgabe, die letztendlich schon deshalb notwendig ist, um der anhaltenden Entwicklung aller Regierungen in Richtung auf den von vielen als unvermeidbar angesehenen Totalitarismus Einhalt zu gebieten.

Literatur:

  • Friedrich August von Hayek, Entnationalisierung des Geldes. Eine Analyse der Theorie konkurrierender Umlaufmittel, 1. Aufl. Tübingen 1977.


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