28. Oktober 2009

Beginnender Wandel des Zeitgeists durch Rückkehr des Stolzes Weitere Belege für den Start in den Epochenwechsel

Teil Drei zum Thema

Der Fall Sarrazin und die Folgen der Bundestagswahl vom 27. September markieren den Beginn einer Zeitenwende. Indirekt.

Thilo Sarrazin blieb im Amt und ganz Deutschland diskutiert seine Thesen. Die bürgerlichen Leitmedien, namentlich „FAZ“, „Welt“, „Focus“ und „Cicero“, sind allesamt aufgewacht und haben, kurz bevor es zu spät war, endlich und massiv die Meinungsfreiheit verteidigt. Die linken Gesinnungswächter tobten und drohten mit dem Strafrecht. Jetzt stehen sie selbst am Pranger. Immer mehr Menschen fragen sich: Darf man in Deutschland inzwischen aus politischer Korrektheit nicht mehr das sagen, was schlicht wahr und richtig ist? Die neue schwarz-gelbe Regierung und ihr Koalitionsvertrag sind weitgehend ein sozialdemokratischer Witz. Die Reaktionen darauf aber markieren den Anfang einer Wende. Erneut sind es die genannten bürgerlichen Blätter aus den Großverlagen, die den lauwarmen Regierungsschmusekurs nicht mehr mitfahren und die Solidarität mit den ihnen nahestehenden Parteien aufkündigen. Die „FAZ“ urteilt über die den Liberalismus und das Bürgertum verratende FDP, „dass sie sich nicht schämt!“. Und der Chefredakteur des „Cicero“, Wolfram Weimer, bringt die Möglichkeit einer neuen bürgerlichen Partei ins Spiel. Wir berichteten. Während die Koalition der Tigerenten noch weitgehend „business as usual“ betreibt, bricht an anderer Stelle das Eis – ausgehend von den bürgerlichen Redaktionsstuben und einigen Intellektuellen.

Zu diesen zählt Peter Sloterdijk. Deutschlands Vorzeigephilosoph Nummer Zwei mahnte bereits im Juni in der „FAZ“ eine „Revolution der gebenden Hand“ an und erinnerte an den neuen Klassengegensatz zwischen Nettostaatsprofiteuren und den von ihnen ausgebeuteten Nettosteuerzahlern. Im aktuellen „Cicero“ legt Sloterdijk in einem zwölfseitigen „bürgerlichen Manifest“ unter dem Titel „Aufbruch der Leistungsträger“ noch einmal nach. Er macht die Ära Kohl als den Beginn des Elends aus: Kohl, so Sloterdijk, war „wie ein chinesischer Regent davon überzeugt, das Nichthandeln sei stets dem Handeln vorzuziehen. In seiner Regierungszeit wurde das Wort Reformstau zum Synonym für deutsche Befindlichkeiten. Der Kanzler selbst war der Stau in Person.“ Sloterdijk fordert jetzt den Wechsel ein: „Erst heute“ stehe „die Beendigung der deutschen Lethargokratie“, des „realen Semisozialismus“ und des „objektiven Sozialdemokratismus“ tatsächlich „auf der Tagesordnung“. Denn die „Lust am Schweben über der Stagnation weicht der Sorge über eine blockierte Zukunft“. Jetzt, so Sloterdijk, treffen die großen Wahlgewinner des 27. September, Linke und Liberale, als „Antithese“ aufeinander – es komme nun zum „Klassengegensatz unbekannten Typs“ zwischen Gebern und Nehmern des Sozialstaats.

„Wenn man erklären sollte, wie es zu diesen entwürdigenden Zuständen gekommen ist“, meint Sloterdijk, müsse man folgender Frage nachgehen: „Wie kam es, dass bei uns im Laufe des 20.Jahrhunderts die Balance zwischen Primäraffekten der menschlichen Seele, den gierartigen Regungen auf der einen Seite, den stolzartigen auf der anderen, so völlig verloren gegangen“ ist? „An allen Ecken und Enden spricht man nur noch vom Fehlen, vom Brauchen, vom Nicht-Haben und vom Beantragen.“ Für „die komplementäre Dimension des menschlichen Seelenlebens, den Stolz, die Ehre, die Großzügigkeit, das Haben und das Schenken, für die ganze Skala der gebenden Tugenden, haben wir praktisch kein Empfinden mehr.“

Und dann dringt Sloterdijk zum Kern vor: „Wenn der Zeitgeist für diesmal nicht bloß ein literarisches Phantom, sondern ein effektiver psychopolitischer Vektor ist, so wird er für eine Mobilisierung sorgen, in deren Verlauf sich die Gruppe der steueraktiven Bürger ihrer Bedeutung und Verantwortung für den Gang der Dinge in einem bisher unbekannten Maß bewusst wird. Damit geht ein langes ideologisches Regime zu Ende, das auf einer polemischen Fehldeutung der politisch-ökonomischen Beziehungen zwischen Gebern und Nehmern in der modernen Gesellschaft beruhte“. Die Partei „Die Linke“, so Sloterdijk, „wird beweisen müssen, ob sie verstanden hat, dass eine Partei von Nehmern mit der Zeit ins komische Fach überwechselt, wenn sie sich weiter als Speerspitze der Ausgebeuteten darstellt.“ Der „Geist der Zeit sendet neue Signale“, schließt Sloterdijk, und sendet fleißig mit, wenn auch an einigen Stellen etwas verquast und an anderen offenbar mit plötzlicher Angst vor der eigenen Courage.

Verständlicher und schlüssiger argumentiert der Medien- und Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz in einem deutlich kürzeren Beitrag im selben „Cicero“-Heft. Unter dem Titel „Wer hat Angst vor der Freiheit“ fordert auch er eine Abkehr vom „paternalistischen Staat“, von der „Tyrannei der Wohltaten“ und vom „demokratischen Despotismus“. Auch er sieht den Beginn einer Zeitenwende und macht diese an den „faszinierenden Zahlen für die FDP und die Piraten“ am Abend des 27. September fest: 17 Prozent für „eine Agenda der Freiheit“. Mehr denn je also, und „eine Provokation für das sozialdemokratische Juste Milieu von SPD, Grünen und CDU/CSU“.

Auch Bolz bemängelt den fehlenden Stolz. Für den Wohlfahrtsstaat nämlich, so Bolz, sei „der persönliche Stolz die größte Sünde“. Wohlfahrt sei „heute eine Droge, von der immer mehr Menschen abhängig werden“, eine „Art Opium für das Volk. Denn die sozialistische Politik hat lediglich die Menschen von der Regierung abhängig gemacht.“ Und „die Bürokraten des Wohlfahrtsstaats haben ein Interesse daran, dass sich die Lage der Abhängigen nicht ändert – sie leben ja davon, dass die anderen nicht für sich selbst sorgen können.“ Auch Bolz denkt ebenso an den entmündigenden Sozialstaat wie an die bedrohte Meinungsfreiheit durch politische Korrektheit: „Massendemokratische Gesellschaften werden durch die Furcht vor der Meinung der anderen zusammengehalten.“ Da es „auf Dauer zu anstrengend“ sei, „anders zu denken als man redet, denken die meisten auch schon politisch korrekt“. Es gehe dabei „um eine neue Form von Inquisition, um eine politische Säuberung der Sprache“. Früher, so Bolz, „nannte man das Linientreue“.

Bolz weist auch auf einen bislang kaum genannten Feind der Freiheit hin: „den egalitären Kult der Gruppe, der sich als Teamgeist verkauft“. Dabei sei „Teamwork ein Euphemismus dafür, dass die anderen die Arbeit tun“. Bolz zitiert dazu Hannah Arendt: „Es gibt nichts, was der Arbeitsqualität fremder und schädlicher wäre als Gruppenarbeit“. Und „nicht zur Gruppe zu gehören“ sei, so Bolz, „die Sünde wider den heiligen Geist des Sozialismus. Wer hervorragen will, gilt als asozial. Persönlicher Stolz ist die größte Sünde“ und „die Gruppe ist heute die Kirche, außerhalb derer kein Heil ist“. Die Gruppe sei „die Gehirnwäsche, und es ist völlig gleichgültig, ob es sich dabei um Gruppentherapie, Teamtraining oder soziales Lernen“ handele – stets gehe es „um Austreibung von Individualität und Wettbewerb“.

„Die erhabene Lust, frei zu sein“, sei zwar immer eine Minderheitenposition, und „dem Geist der Massendemokratie fremd“. Diese Lust aber nimmt deutlich zu und Bolz wittert sie nicht nur bei markt- und leistungsorientierten FDP-Wählern, sondern auch bei den Anhängern der Piratenpartei. „Diese Netzbürger haben eine große Leidenschaft: den freien Fluss der Information.“ Man könne „vermuten, dass wir wieder vor einem Wechsel des Leitmediums der Politik stehen. Roosevelt war der erste Radio-Präsident, Kennedy war der erste Fernseh-Präsident. Obama ist der erste Internet-Präsident.“

Damit deutet Bolz erste historische wie medientechnische Bedingungen für den Epochenwechsel an, für den auch sein Aufsatz Beispiel und Beleg ist. Wir werden weitere Gründe nennen, demnächst an dieser Stelle. Vieles spricht dafür, dass Papstkritik und Abwrackprämien zu Beginn dieses Jahres – vor nur wenigen Monaten noch peinlich unwidersprochenen – sowohl Tief- wie auch Schlusspunkt einer Entwicklung waren, die sich nun mit dem Erwachen der bürgerlichen Intellektuellen und Journalisten aus einem langen Winterschlaf und mit der Neuentdeckung des eigenen Stolzes umzukehren beginnt.

Literatur

„Cicero“ , Ausgabe November 2009, mit den beiden Beiträgen von Norbert Bolz und Peter Sloterdijk.

Internet (Teil Eins und Zwei zum Thema)

ef 97: Der Fall Sarrazin markiert eine Zeitenwende

Der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag und die Reaktion der Medien: Zaghafter Beginn einer Zeitgeistwende


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