26. Oktober 2009

Zukunftsvision Aldous Huxleys Vorwort zu „Schöne neue Welt“

Betrachtung der Gedanken eines klarsichtigen Propheten

Das Werk „Schöne neue Welt“, dessen Titel ein geflügeltes Wort für alle wurde, die Kritik an einen übermächtigen Staat üben, der eine allzu perfekte Gesellschaftsordnung anstrebt, wurde von Aldous Huxley im Jahr 1931 geschrieben. Nach Angaben von David Bradshaw in einer 1993 verfassten Einführung dazu war sich Huxley zunächst nicht sicher, ob er eine Satire, eine Prophezeiung oder eine Anleitung zum Gesellschaftsbau entwarf. Spätestens aber mit seinem erst im Jahr 1946 verfassten eigenen Vorwort machte Huxley klar, dass sein Klassiker als prophetische Warnung zu verstehen ist. In der Zwischenzeit war viel passiert, unter anderem der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg sowie die Erfindung – und der kriegerische Einsatz – der Atombombe. Sein etwa 3000 Worte umfassender einführender Text erscheint im Rückblick noch visionärer als der eigentliche Roman. Er kann auch als skizzenhafter Vorläufer seines in den späten fünfziger Jahren verfasstes Essay „Wiedersehen mit der Schönen neuen Welt“ betrachtet werden, worin Huxley die realen freiheitsfeindlichen Tendenzen seiner, und unserer, Zeit diskutiert.

Falls die Erfindung der Atombombe nicht zur völligen Auslöschung der Menschheit führt, so der Engländer vor 63 Jahren, könnte Hiroschima eine ähnlich zügelnde Wirkung auf Politiker und Generäle ausüben wie die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. In dem Fall können wir jedoch nicht ein Zeitalter des Friedens, „sondern des begrenzten und nur teilweise ruinösen Krieges erwarten“.

Der rapide technologische Wandel, den der Schriftsteller aufgrund der friedlichen Nutzung der Atomkraft erwartete, werde in einer Massenproduktionswirtschaft einer „weitgehend eigentumslosen Bevölkerung“ stattfinden. Ein solcher Zustand habe immer dazu tendiert „wirtschaftliche und soziale Wirren“ zu erzeugen. In der unmittelbaren Vergangenheit wurde man mit dieser Konfusion fertig, indem Macht zentralisiert und Regierungskontrollen verstärkt wurden. Dies sei auch für die unmittelbare Zukunft zu erwarten. Auch wenn die friedliche Nutzung der Kernkraft unter den ersten Erwartungen blieb, hat Huxley auch in diesem Punkt recht behalten.

Allerdings würden die neuen totalitären Regime wahrscheinlich anders sein als die alten. Gewaltregime, so Huxley, sind nicht nur inhuman – was heutzutage keinen wirklich störe – sondern auch nachweislich ineffizient. „In einem Zeitalter der fortgeschrittenen Technologie ist Ineffizienz die Sünde wider den Heiligen Geist“. Ein wirklich effizienter totalitärer Staat sei einer, „wo die allmächtige Exekutive der politischen Bosse und ihre Armee von Managern über eine Bevölkerung von Sklaven herrschen, an denen kein Zwang ausgeübt werden muss, weil sie ihre Knechtschaft lieben.“ Diese Liebe zu erzeugen, sei zunächst Aufgabe der Propagandaministerien, der Chefredaktionen und der Schullehrer.

Aber auch die wirksamste Propaganda, was für Huxley „das Schweigen über die Wahrheit“ ist, sowie permanente wohlfahrtsstaatliche Sicherheit seien als Mittel zur Erzeugung dieser Liebe nicht ausreichend. „Die Liebe zur Knechtschaft kann nicht ohne eine tiefe, persönliche Revolution im menschlichen Geist und Körper erreicht werden.“ Um diese Revolution zu erzeugen, seien unter anderem die folgenden Erfindungen und Entdeckungen nötig: Eine weit ausgefeiltere Suggestionstechnik – über Konditionierung der Kinder, in späteren Jahren mit Hilfe spezieller Drogen. Zweitens „eine vollständig entwickelte Wissenschaft der menschlichen Unterschiede, womit es Regierungsangestellten möglich wird, jedem beliebigen Individuum seinen oder ihren angemessen Platz in der sozialen und wirtschaftlichen Hierarchie zuzuordnen“. Drittens „einen Ersatzstoff für Alkohol und anderer Narkotika, etwas, das zugleich weniger schädlich ist und größeres Vergnügen bereitet als Gin oder Heroin.“ Und viertens ein fehlerfreies eugenisches System, mit dem „das menschliche Produkt“ standardisiert werden kann, womit die Aufgabe der staatlichen Manager erleichtert wird.

Der Autor schließt das Vorwort zu seiner Anti-Utopie mit den prophetischen Worten: „Wenn wir uns nicht dazu entschließen, zu dezentralisieren und angewandte Wissenschaft nicht als Zweck ansehen, dessen Mittel die Menschen sind, sondern als Mittel zur Schaffung eines Menschengeschlechts aus freien Individuen, bleiben uns nur noch zwei Alternativen zur Wahl: Entweder eine Anzahl nationaler, militarisierter Totalitarismen, deren Grundlage der Terror der Atombombe und deren Folge die Zerstörung der Zivilisation ist (oder, wenn die Kriegsführung eingeschränkt ist, die Verewigung des Militarismus); oder ansonsten ein supranationaler Totalitarismus, der hervorgerufen wird durch ein soziales Chaos als Ergebnis rapiden technologischen Fortschritts im allgemeinen und der Atomrevolution im besonderen, und der sich, aufgrund der Notwendigkeit von Effizienz und Stabilität, in die Wohlfahrtstyrannei von Utopia entwickeln wird.“

Als Huxley diesen Text schrieb, befürchtete er, dass sein düsterer Roman, dessen Handlung er etwa 600 Jahre in die Zukunft gesetzt hatte, schon innerhalb eines Jahrhunderts Wirklichkeit werden könnte. Heute können wir feststellen, dass, bis auf etwas ausgefeiltere Konditionierungen in Kindergärten, Schulen und Medien, die „Schöne neue Welt“ ihrer Realisierung noch nicht viel näher gekommen ist als vor 60 oder 70 Jahren. Dennoch ist Huxleys Analyse über die Tendenz zur Zentralisierung staatlicher Macht, ihre Ursachen und ihre Wirkungen, für einen derart kurzen Text sehr präzise. Eine erwähnenswerte Ausnahme ist jedoch seine völlige Vernachlässigung der Geldpolitik. Die Rolle, die das gegenwärtige Teilreservebankwesen bei der Zentralisierung der Macht spielt, ignoriert der Schriftsteller ebenso wie die Abkopplung des Geldes von Realwerten, was in Huxleys Wahlheimat USA ebenfalls in jener kritischen Zeit zwischen Roman und Vorwort stattfand wie der Aufstieg des Keynesianismus. Jene ökonomische Denkschule parodiert er immerhin im Roman, wie Bradshaw feststellt. Vielleicht war Huxley, wie unzählige andere, bereits Opfer des „Schweigens über die Wahrheit“ des Geldes geworden, das erst in unseren Tagen, mit der allmählichen Verbreitung der diesbezüglichen Erkenntnisse der österreichische Schule der Ökonomie, aufgebrochen wird.

Mit dem Trend zur Zentralisierung hatte Huxley zweifellos recht. Aber obwohl mit der Gentechnik heute eine viel effektivere Methode der Manipulation des Menschen, als er sie sich vorstellen konnte, in greifbare Nähe gerückt ist, ist es zweifelhaft, ob selbst damit eine Perfektionierung der Weltstaat-Kasten-Gesellschaft wie der „Schönen neuen Welt“ jemals gelingen kann. Im Gegenteil. Es scheint, als ob die Verewigung solcher Pyramidengesellschaften daran scheitert, dass die vorgesehenen Spitzenleute nicht so „funktionieren“, wie sie sollten. Die Entsprechung der Huxleyschen Alpha-Menschen in der realen Welt sind hochintelligente, kreative Menschen, die sich, gerade aufgrund ihrer unregelbaren Kreativität, kaum in eine planwirtschaftliche Struktur einbinden lassen. Sobald sie nach vorgestanzten Mustern arbeiten müssen, können sie nicht mehr 100 Prozent ihres Potentials ausschöpfen und werden deshalb unzufrieden. Ayn Rand hat den Extremfall eines solchen Prozesses in ihrem Roman „Wer ist John Galt?“ dargestellt: Die Leute verlassen ihre lukrativen Jobs, überlassen sie Mittelmäßigeren und gehen ins innere oder äußere Exil.

Um solche Menschen dennoch zu effektiverer Zusammenarbeit zu animieren, entwickelte die USA nach dem Sputnik-Schock den Vorläufer des Internets. Damit konnten und können kreative Menschen auf sehr flexible und individuelle Weise zusammenarbeiten. Doch ausgerechnet mit diesem Medium erwächst der Menschheit jetzt die Chance, sich vom Fluch des Zentralisierungsstrebens der Regierungen zu lösen. Eine „Volksbewegung für Dezentralisierung und Selbsthilfe“, laut Huxley die einzige Möglichkeit, die Tendenz zum Etatismus aufzuhalten, war damals noch nicht in Sicht und steht heute, im Jahr 2009, allein in den USA mit der „Ron Paul Revolution“ zwar erst in ihren Anfängen, wäre aber ohne so etwas wie das Internet nicht nicht mal Ansatzweise durchführbar.

Ob und wie eine solche Bewegung jemals erfolgreich sein wird, hängt vielleicht auch davon ab, ob sie einen weiteren Punkt beherzigt, den Huxley im Vorwort erwähnt. Der Schriftsteller betont dort, dass er im Lichte neuer Erkenntnisse das Buch ganz anders geschrieben hätte. Neben den darin präsentierten zwei alternativen Gesellschaftsformen – das wahnsinnige Leben in Utopia und das Leben eines Primitiven in einem Indianerdorf, „das in mancher Hinsicht menschlicher, aber in anderer Hinsicht kaum weniger seltsam und abnormal ist“ – hätte er eine dritte Möglichkeit menschlichen Zusammenlebens präsentiert, die von dezentraler Ökonomie und kooperativ-anarchistischer Politik geprägt ist. Ayn Rands „Galts Gulch“ vorwegnehmend, hätte sich diese Gesellschaft aus Exilanten und Flüchtlingen aus Utopia zusammengesetzt, die als Nachbarn der Primitiven im selben Reservat ein neues Zuhause gefunden hätten. In dieser Gesellschaft, so Huxley weiter, wären Wissenschaft und Technik „wie der Sabbat“ für den Menschen gemacht und nicht „wie gegenwärtig und mehr noch in der ‚Schönen neuen Welt‘“, umgekehrt. Religion würde es dort auch geben – hier befindet sich Huxley in deutlichem Unterschied zu Rand –, sie wäre jedoch das bewusste und intelligente Streben nach dem höchsten Ziel („the Final End“) des Menschen, „dem einheitlichen Wissen über den immanenten Tao oder Logos, die transzendente Gottheit oder den Brahman.“ Die vorherrschende Lebensphilosophie würde eine Art „hoher Utilitarismus“ sein, in dem das Prinzip des größten Glücks hinter dem Prinzip des höchsten Ziels erst den zweiten Rang einnehmen würde.

Im Hinblick auf diese modifizierte Vision ist es interessant, dass der Glaube an die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten erheblichen Schaden erlitten hat – zumindest in den industrialisierten Ländern. Das ist in mancher Hinsicht zu bedauern, denn an seine Stelle tritt oft der Glaube an Magie oder irgendeine andere Form von Okkultismus. Manchmal ergeben sich sogar Mischformen: Die Vorstellung, das Wetter per Dekret ändern zu können, ist ebenso ein Glaube an Magie wie die weitverbreitete Meinung, dass man Geld schadlos aus dem Nichts erzeugen kann. In beiden Fällen kann man nicht mehr von seriöser Wissenschaft reden, sondern nur noch von Zahlenmagie – hinter deren Vorhang so manche üble Tricks gespielt werden. Doch mit der Schwächung der Wissenschaft ergibt sich zugleich die Chance, ihren gottähnlichen Status zu zerstören, den Huxley identifiziert und kritisiert hat.

Während die Zentralisierungstendenz in der Realität an der Verweigerungshaltung der Alpha-Menschen zu scheitern verspricht, während die Magie-Vorführungen der Elite allmählich als solche entlarvt werden, entstehen in der virtuellen Welt bereits dezentrale Gesellschaften, finden seriöse wissenschaftliche Diskussionen und ehrliche Debatten über Religion statt – neben und unabhängig von der offiziellen Propaganda. Das „Schweigen über die Wahrheit“ wird immer häufiger durch respektlosen Lärm gestört. Es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, bis sich diese virtuellen Gesellschaften, mangels gangbarer Alternativen, in die Realität übertragen.

Literatur:

Aldous Huxley: Schöne neue Welt

Aldous Huxley: Wiedersehen mit der Schönen neuen Welt

Ayn Rand: Atlas Shrugged (Originalversion von "Wer ist John Galt?")


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Robert Grözinger

Über Robert Grözinger

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige