23. Oktober 2009

Schulpflicht gegen „Homeschooling“ Schulwege, Irrwege und Auswege

Plädoyer für mehr Wahloptionen

Dossierbild

Schulanfang

Dass in der DDR Schule ein Instrument staatlicher Gewalt war, wird so manchem noch in Erinnerung sein. Die Aussage, dass die Schulpflicht der BRD bis heute faktisch das Gleiche ist, mag vielleicht verdutzen. Wer eine private Schule aufmachen will, muss mit großen Schwierigkeiten rechnen. Wer seine Kinder zu Privatlehrern schickt oder beim Lernen gar selbst betreut, bekommt es mit der Polizei zu tun. Denn er begeht mindestens eine Ordnungswidrigkeit. Schulbildung bedeutet Schulbesuch und Schule ist Sache des Staates. Es klingt ganz normal: Die Schulpflicht muss durchgesetzt werden – notfalls mit Gewalt. Das ist allgemeine Schulpflicht absolut verstanden. Aber weder historisch noch im internationalen Vergleich geht diese Gleichung auf.

Schulausflug

Der deutsche Schulzwang ist, sieht man von einigen Diktaturen ab, die Ausnahme und nicht die Regel. Die meisten anderen Staaten verstehen ihre Schulpflicht stattdessen als Bildungspflicht. Ob die Eltern und Kinder den „Schulweg“ oder einen anderen Weg wählen, um die von der Gesellschaft geforderten Standards zu erwerben, ist unter mehr oder minder starke Aufsicht freigestellt. So gilt beispielsweise auch in Österreich eine Schulpflicht, die nicht notwendigerweise in Schulen abgeleistet werden muss.

Alte Schule

Noch unter der Weimarer Verfassung war die „allgemeine Schulpflicht“ des Art. 145 nie absolut und schloss außerschulische Volksbildung keineswegs aus. „Die Schulpflicht wurde eingeführt, weil die bildungsfernen Schichten ihre Kinder zu Hause behielten und zum Kartoffelausbuddeln und Getreideernten gebrauchten“, erläutert Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler der Uni Bonn.  Das Edikt der allgemeinen Schulpflicht 1919 bestand insbesondere in einem neuen Steuertopf. Der Bildungsetat der Reichen sollte Bildung für alle bescheren. Die Gegenleistung war Minimalbildung für jeden. Übrigens nur wenige Wochen im Jahr, einige Stunden am Morgen, ein paar Jahre der Kindheit. Der verblüffende Erfolg war die flächendeckende Alphabetisierung, und um mehr ging es ja auch nicht – von gehorsamen, preußischen Soldaten einmal abgesehen.

Schulhofmauern

Erst die Nationalsozialisten deformierten die Schulpflicht zu Schulzwang. Seither wird Schulbesuch auch gewaltsam, also mit Straf- und Zwangsmaßnahmen durchgesetzt. Trotzdem erlaubte selbst das Reichsschulpflichtgesetz von 1938 noch in engen Grenzen eine häusliche Beschulung (Paragraph 5). In der Praxis wurde diese allerdings nur den Kindern ranghoher Parteimitglieder gewährt. Seitdem wurde die traditionelle Schulpflicht als beschönigender Begriff und wie selbstverständlich für Schulzwang verwendet. Man hatte ein leicht zu missbrauchendes Werkzeug  für staatliche Aufgaben wie  Integration, Konformität oder Anpassung – das bis heute nicht abgeschafft wurde. Nach dem Krieg wurde diese Schulpflicht aus der Feder Hitlers fast wörtlich in die Gesetze der jungen Bundesländer übernommen. Im Osten wurde sie 1946 sogar durch das absurd klingende „Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule“ ergänzt.

Hohe Schule

In der deutschen Verfassung hingegen, dem Grundgesetz, wird Schulpflicht, die beim einfachen Bürger und bei vielen Schulfunktionären heute noch Stolz auslöst, gar nicht erwähnt. Nach dem Krieg war Schulpflicht einfach nicht Gegenstand der Diskussionen im Parlamentarischen Rat. So galt als Grundlage für Artikel 7 über das Schulwesen wieder der Artikel 145 der Weimarer Reichsverfassung. Weder schränkt dort die schulimmanente Regelung des Absatzes 2 außerschulische Bildungsoptionen ein, noch entfaltet die Privatschulfreiheit in Absatz 4 eine Sperrwirkung gegenüber dem Lernen ohne Schule. „Es würde auch überraschen, wenn Grundrechtsträger, denen konkret weder der Besuch einer bestehenden noch die Gründung einer neuen Privatschule möglich ist, auf ein für sie nicht ausübbares Grundrecht verwiesen werden könnten.“  bemerkt Franz Reimer, Verfassungs- und Verwaltungsrechtswissenschaftler der Uni Gießen.

Schulordnung

Das Schulwesen wird unter staatliche Aufsicht gestellt und das ist auch gut so. Wo kämen wir hin, wenn der staatlich garantierte Airbag für Bildung ohne TÜV-Zulassung an die Massen verkauft würde? Für den Fall aber, dass das Schulsystem einzelne unterfordert, Zeit stiehlt oder inhaltlich, konzeptionell oder individuell einfach nicht passt, haben Eltern in anderen Ländern gangbare Alternativen zu guter Bildung ohne Schulbesuch entwickelt. Gesellschaftliches Engagement, lebendiges, generationsübergreifendes Miteinander oder gemeinschaftliche Aktivitäten haben in derlei Lern-Modellen meist mehr Raum als in jedem Schulsystem.

Schulwissen

Verfassungsrechtlich gesehen ist Schulpflicht in den Bundesländern bis heute bestenfalls eine Option, keine Pflicht, erst recht keine Grundpflicht der Schüler (und Eltern). Und selbst die kraft Länderverfassung bestehende Schulpflicht bedeutet noch immer keine Pflicht zur Inanspruchnahme von Schulen oder eine Rechtfertigung für staatlichen Zugriff auf Schüler (und Eltern). Nach Reimer „liegt in der Schulpflicht doch ein höchst intensiver über Jahre dauernder Grundrechtseingriff“. Der Grundrechtseingriff liegt genau genommen erst in dem schulgesetzlichen Anspruch für einen bedingungslosen Schulbesuch als Aufenthaltsbestimmung und für das Sich-Aussetzen-Müssen öffentlicher Erziehung. Allgemeine Schulpflicht an sich könnte wesentlich anders als durch die einfachen Schulgesetze der Bundesländer gefordert interpretiert werden, wie wir überall im Ausland sehen können.

Schulmeisterlich

Ein weiterer Artikel im Grundgesetz, der als rechtliche Basis gern zur staatlichen Forcierung von Schulbesuch herangezogen wird, ist der vorangehende Artikel 6. Er betrifft die Rechte und Pflichten von Eltern bei der Erziehung und bei Versagen das subsidiäre Eingreifen des Staates. Daraus leiten selbst deutsche Verfassungsrichter einen „staatlichen Erziehungsauftrag“ ab, ohne dass sich in irgendeinem Gesetz Legitimation dafür findet. Das ist verräterisch. Denn ohne elterliche Delegierung an eine staatliche Einrichtung kann und darf es keinen eigenen staatlichen Auftrag in Familien und Lebensentwürfe hinein geben. Das beruht wie das Grundgesetz auf Naturgesetz. Und wo sollte denn ein solcher Auftrag, der nicht subsidiär, das heißt aushilfshandelnd für den Bürger, ist und in sich selbst besteht, herkommen? Der zur Zeit staatlich angemaßte Auftrag des Staates ist nicht der Gerechtigkeit bedürftiger Kinder dienend, sondern ein Skandal. Ich schäme mich dafür. Diese Art der staatlichen Ermächtigung gibt es in keinem freien Land der Welt. Zudem greift die Berufung auf einen staatlichen Erziehungsauftrag ins Leere, denn Schule kann strukturbedingt und angesichts ihrer Möglichkeiten nicht als geeigneter Weg zur Vermittlung sozialer Kompetenz oder Gemeinsinns betrachtet werden. Umgekehrt begrenzen sogar die sozialen Milieus und Parallelwelten gewisser Schulen ihre Leistung bei ihren eigentlichen Aufgaben.

Schulversagen

Von Qualitätsgarantie bei den ursprünglichen Aufgaben der Schulpflicht kann indes keine Rede mehr sein. Davon zeugt nicht nur der verzweifelte Versuch der Eltern, es mit Privatschulen zu versuchen. Wem die Privatschule preislich oder infrastrukturell von vorn herein verschlossen ist, bleibt nur die Hoffnung auf die mittlerweile für alle Schulformen obligatorische Nachhilfe. Private Schulen, die Schutz vor den Missständen und Unzulänglichkeiten im Schulwesen bieten sollen, werden der Nachfrage nicht mehr Herr. Das Nachhilfewesen verzeichnet Jahr für Jahr steigende Umsätze, die längst in die Milliarden gehen. Deutlicher können Kinder und deren Eltern ihr Misstrauen gegen das regierungsamtlich gelenkte Schulwesen nicht ausdrücken. Das Angebot mag noch so mangelhaft, der Widerspruch noch so laut, das Resultat noch so kläglich sein. Es herrscht Pflicht und den Staat lässt es kalt. Dass er selbst die Ursache des Debakels sein könnte, gegen das er seit Jahrzehnten mit immer neuen Reformen zu Felde zieht, kommt ihm nicht in den Sinn. Auf jedes neue Pisa-Ergebnis reagiert er stereotyp: Programm in alle Richtungen ausdehnen und noch mehr Zwang. Masse statt Klasse. Darüber wird noch zu reden sein.

Hausaufgaben

Statt sich auf seine Hausaufgaben zu konzentrieren, für gute Schulen als staatliche Komponente auf einem offenen Bildungsmarkt zu sorgen, wird sogar versucht, von all den Pisa-Pannen abzulenken. Da das Bildungssystem „Schule“ und der Staat als Monopolist keinen anderen Bildungsträger für die Misere verantwortlich machen können, soll der Fokus der Schulpflicht offensichtlich auf andere Aufgaben und Ziele verlagert werden. Ziel ist neben der Schulhoheit auch noch die Bildungs- und Erziehungshoheit zu behaupten. Politische Absicht scheint zu sein, das Vertrauen der Eltern in die Schulpflicht dadurch zu stärken, dass man vom Misserfolg professionalisierten Unterrichts ablenkt und stattdessen Professionalisierung in Erziehungsaufgaben propagiert. Medienwirksam wird auf bemitleidenswerte Schulen in Berlin-Neukölln oder auf das Erziehungsversagen  einzelner Eltern hingewiesen. Daraus lässt sich ganz in der Gunst des mitleidigen Wählers die Forderung nach mehr staatlich gelenkter Erziehung durchsetzen. Sogenannte Softskills, soziale Kompetenz heißt die Parole. Das Problem bei dieser Rechnung ist nur, dass Schulversagen und Schulverweigerung vielleicht gar nicht das Versagen der Jugend ist, die sich dem Schulsystem einfach nicht anpassen kann, sondern systemimmanent ist. Wenn aber schlicht mangelnde Passung oder ein auf Schulen beschränktes Bildungssystem die Ursache für Rütli- und Absenzprobleme aller Art sind, muss auch dieser Ablenkungsversuch als Kurzschluss der Bildungspolitik angesehen werden.

Schultrends absteigender Tendenz

Moderne politische Trends schütten Öl ins Feuer. Die SPD will es mit der „Lufthoheit über den Kinderbetten“ militärisch. Laut CDU haben Eltern zuvörderst nicht, wie das Grundgesetz es will, für ihre Kinder da zu sein, sondern für den Arbeitsmarkt. Während Kinder, die ihren ganzen Tag in einer Schule verbringen, schon lange und völlig selbstverständlich keinem Elternteil mehr im Wege stehen, soll nun auch Kindererziehung nicht länger Recht und Pflicht der Eltern sein, sondern Sache des Staates. Wenn er unter dem Denkmantel der Schulpflicht nun auch den Besuch von Kindergärten für alle verpflichtend machen will, benimmt sich der Staat wie ein Bankrotteuer, der seine Unfähigkeit im angestammten Geschäftsfeld dadurch kompensiert, dass er immer weiter ausgreift. Die scheinbar nicht realisierte Folge: Immer weniger Freiheit – zumindest für Eltern. Diese haben ganz offensichtlich größeres Vertrauen in den Erzieher Staat als die Menschen in unseren Nachbarländern. Dabei hatte schon der deutsche Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835) gegenüber dem Staat als Erzieher große Bedenken. „Soll die Erziehung nur, ohne Rücksicht auf bestimmte, den Menschen zu erteilende bürgerliche Formen, Menschen bilden, so bedarf es des Staates nicht.“

Schulen Schulen Schulen Schulen Schulen

Allgemein gestiegene Leistungsanforderungen im Bildungsbereich sorgen in Deutschland dafür, dass alle Kinder und Jugendlichen ohne Rücksicht auf individuelle Unterschiede fatal in ein System gezwungen werden, das sie zur Erfüllung der Plan- und Pisaziele immer noch mehr Stunden täglich und immer frühere Jahre ihrer Kindheit absitzen lässt. Im echten Leben wird hingegen erkannt, das neue Herausforderungen, zum Beispiel im Bereich der Umwelt, nicht mit immer mehr gleichen Autos, sondern mit immer weniger Autos, und zwar ganz neuer Art zu bewältigen sind. Der Staat besitzt mit seiner Interpretation der Schulpflicht ein Monopol auf Bildung, für die ihm natürlich bloß Schulbesuch und Schulpolitik zur Verfügung stehen. Am Ende bleibt oft nur die Verwaltung von Defiziten, wie es manche Schulleiter schon offen zugeben.

Schul-d-Frage

Tatsächlich ist das staatliche Bildungsmonopol – wie die meisten Monopole – nicht gut begründet. Bildungsökonomisch ließe sich für die Schulen allenfalls ins Feld führen, dass es effizienter ist, Massen in Klassen zu unterrichten, anstatt Erziehungsberechtigte von der Berufsausübung abzuhalten. Staatliche Lehrerbildung bürgt zudem für einen einheitlichen Wissensvorsprung, der frontal allerdings schlecht vermittelbar, noch überhaupt das Wichtigste ist. Fest steht jedenfalls, dass der Staat steuerlich und sogar direkt mitverdient, je mehr er Bildung professionalisiert und mit Beamten erzieht. Schon nach Humboldt führt Schulzwang und staatliches Bildungsmonopol dazu, dass die Eltern die Verantwortung für die Aufzucht der Kinder an den Staat delegieren und dafür einen hohen Preis zahlen müssen. Von klein auf werden Kinder zu obrigkeitshörigen Konsumenten gemacht, statt zu freien, inspirierten und gebildeten Menschen. Was spricht dafür, den Staat in eine Rolle einzusetzen, die er ganz offensichtlich nicht beherrscht? Hätte er sich in allen Fragen der Bildung und Erziehung nicht ein Monopol zugesprochen, hätte er längst das Feld räumen und die Schulpflicht wegen nachgewiesener Unfähigkeit öffnen müssen.

Schuldiktat und Zeugnisvergabe

Das Bildungsmodell „Schulbesuch“ trägt auch ohne Zwangsaspekt und Monopol seine Bedenken. „Außer der abstumpfenden Wirkung einer Schule, für die der Deutsche das schöne Wort „verdummen” hat, und die in einer dauernden Verkrüppelung der geistigen Fähigkeit besteht, gibt es noch eine andere, viel schädlichere Wirkung, die darin besteht, dass das Kind im Laufe von mehreren Stunden, durch das Schulleben stumpf gemacht, täglich während dieser Zeit, die für das Lebensalter so kostbar ist, aus jenen Lebensbedingungen herausgerissen wird, die die Natur selbst für seine Entwicklung vorherbestimmt hat…“ konstatierte bereits Leo Tolstoi und erkannte das scheinbar ewige Verhängnis. Seine selbsterfüllende Prophezeiung: „Die auf dem Prinzip des Zwanges beruhende Einrichtung der Schule schließt jede Möglichkeit eines Fortschrittes aus; und wenn man denkt, wieviele Jahrhunderte schon hingegangen sind, seit man sich bemüht, den Kindern Fragen zu beantworten, die sie niemals stellen .. so kann man kaum begreifen, wie sich unsere Schulen überhaupt noch halten können.” Fragte man weitere erfahrene Erzieher und Reformpädagogen von Rousseau über Montessori und Steiner bis John Holt und John Taylor Gatto, führt Schule weder zu Selbstständigkeit, noch zu nachhaltigem, intrinsisch motiviertem Lernen. Und für so manchen Hochbegabten, Gemobbten, Musiker oder Körperbehinderten wären alternative Bildungsmöglichkeiten geradezu erlösend. Für jeden Politiker oder Staatschefs ist Fundamentalkritik am Schulwesen verständlicherweise fremd. Daher verwundert ausgerechnet Libyens Gaddafi mit folgendem Zitat: „Dieser Unterrichtstyp, der heute in der ganzen Welt vorherrscht, widerspricht der menschlichen Freiheit. Den Menschen zu zwingen, nach einem vorgefertigten Lehrplan zu lernen, ist ein diktatorischer Akt. Ebenso ist es Diktatur, dem Menschen bestimmte Fächer aufzuzwingen. Schulpflicht verbunden mit vorgefertigten Lehrstoffen läuft auf eine gewaltsame Massenverdummung hinaus.“  Zumindest haben die meisten Staaten der Welt erkannt, dass gesetzliche Bildungspflicht (zur Wahrung des Rechts auf Bildung) dem staatlichen Schulzwang überlegen ist. Das Bildungsmodell – ob mit oder ohne Schule – kann mehr oder minder frei gewählt werden. Es entstehen vielfältige, sich dem Menschen und seinen Bedürfnissen individuell anpassende Verfahren und spätestens bei staatlichen Bildungstests kommt heraus, welches Modell für wen beste Bildung bietet.

Schulmedizin

Nicht nur in Sonderfällen, für Behinderte, Mobbingopfer oder „Underachiever“ etwa, sind Lebenswirklichkeit und persönliche Beziehungsinteraktion Axiome für erfolgreichen Bildungserwerb. Axiome, die in  jedem Schulwesen zu kurz kommen müssen. Von daher verwundern deutsche Bedenken gegen eine Schulpflicht, die auch für Nichtschulmodelle offen ist.  Es komme dann zu weniger Bildung, weniger Gerechtigkeit oder weniger gesellschaftliche Teilhabe. Die Erfahrung mit der in anderen Ländern üblichen Art der Schulpflicht zeigt das ganze Gegenteil. Freiheit und Vielfalt im Bildungwesen führt zu einem ehrlichen Wettbewerb der Chancen und stellt die Staaten vor keinerlei Probleme. Wenn aber in Deutschland zum Beispiel Eltern ihre Kinder eigenverantwortlich und selbst erziehen wollen, wird unsere Schulpflicht in Anspruch genommen, diese Familien unvergleichbar zu  bevormunden, zu drangsalieren, zu kriminalisieren. Die Palette staatlicher Handhabe reicht bis zur Entmündigung. Der Jura-Professor Reimer hält dagegen fest:  „Die Anerkennung des Rechts auf familiäre Beschulung – als einer exit-Option – ist verfassungsrechtlich geboten.“

Schulfrei

Stünde es Eltern oder älteren Kindern frei, sich außerhalb des Schulsystems zu bilden, würde gewiss Gebrauch davon gemacht werden. Erfahrungsgemäß trauen sich jedoch nur gut ausgebildete und sehr verantwortliche Eltern mit ausgesprochenem Familiensinn diese Freiheit für ihre Kinder zu. Die Erfahrung außerhalb Deutschlands zeigt einen Anteil, der kaum über drei bis vier Prozent der Bildungspflichtigen hinausgeht – freilich mit stark zunehmender Tendenz. Generell wird Bildungsfreiheit aber international geschätzt, selbst wenn persönlich gar kein Homeschooling-Modell in Betracht kommt oder aus bestimmten Gründen nicht in Anspruch genommen werden kann. In Russland können Freilerner vom Staat zum Ausgleich Schulmaterialien bekommen. In Kanada erhalten Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, sogar bis zu 1000 Dollar monatlich. Das soll für Chancengleichheit mit der staatlichen Schule sorgen.

Schulangst

Eine weitere vermeintliche Sorge, die im Zusammenhang mit der Durchsetzung absoluter Schulpflicht ins Feld geführt wird, ist die um das Kindeswohl. Eltern schädigten ihre Kinder, wenn sie diese nicht zur Schule schickten. Die betreffenden Eltern sehen das oft genau umgekehrt und nehmen gerade das zum Anlass, Bildung auf andere Weise zu ermöglichen. Ein Schluss von freiem Lernen auf eine Gefährdung des Kindeswohls ist auch deshalb ein Kurzschluss, weil solche Gefährdungen in anderen Situationen statistisch wesentlich häufiger auftreten und zunächst nichts mit dem gewählten Bildungsmodell zu tun haben. Auch angesichts der Verschiedenartigkeit der Motive für und der Modalitäten von Homeschooling verbietet sich ein pauschales Urteil. Die wenigsten Modelle des Homeschoolings bergen nach gründlicher Abwägung zum Beispiel die Gefahr der Isolation oder Einsamkeit von Jugendlichen. Im Gegenteil, für viele Kinder in unserem Erfahrungsbereich, zum Beispiel Down-Kinder, Menschen mit ADHS oder Körperbehinderte, wirkt sich Schulbesuch oder gar Heimerziehung äußerst negativ aus und schmälert in der Regel das Kindeswohl. Homeschooling-Familien berichten über intensive gesellschaftliche, soziale Verflechtungen und von guten Freundschaften unter den Kindern selbst zu Schulkindern.

Schul-terschluss und Klassenkeile

Das Gebot der Subsidiarität, das in deutschen Festreden gern hochgehalten wird, besagt: Der Staat braucht nur dann einzuschreiten, wenn die Privaten versagen. Er muss die Schüler vor ihren Eltern also auch nur dann schützen, wenn er befürchtet, ihnen werde Bildung vorenthalten oder aber sie würden auf gefährliche Weise indoktriniert. Damit ist ein gewichtiger Einwand gegen Homeschooling vom Tisch. Viele Zeitgenossen befürchten nämlich, radikale oder religiöse Elterngruppen könnten den Hausunterricht dazu missbrauchen, ihre Kinder zu Gegnern der europäischen Werteordnung und aufgeklärten Rechtsstaatlichkeit zu erziehen. Nach einigen Sensationsberichten ging die Angst vor Parallelwelten um und sie war teilweise nicht von der Hand zu weisen. Doch abgesehen davon, dass auch die Staatsschule Parallelwelten nicht verhindert (jede Schule, jeder Stadtteil stellt eine Parallelwelt für sich dar), behielten unsere fragwürdig mächtigen Jugendämter immer die Gewalt, im Fall von Missbrauch oder Versagen einzugreifen.

Schuluniform

In den Augen vieler soll die deutsche Schulpflicht auch für Integration und Anpassung herhalten. Hierzu schreibt Reimer: „Der häufig gewählte Weg der Zwangsintegration durch absolut verstandene Schulpflicht (an häufig lustlos geführten Schulen) ist verfassungswidrig und hat sich als wenig erfolgreich erwiesen“.  Seiner Lehre nach schützen gerade die grundgesetzlichen Freiheitsrechte vor staatlicher Zwangsintegration. Sie gewährleisteten geradezu ein Recht auf Individualität zu einem gewollten Pluralismus. Abgesehen davon lassen sich bei etwa drei Mio. Menschen weltweit, die ihre Bildung bewusst frei von Schulbesuch erwerben, keine empirischen Anhaltspunkte für Mangel an Integrationsfähigkeit, Toleranz oder Mündigkeit finden.

Schule machen

Niemand, der sich nicht zutraut, Bildungsziele ohne Schule zu erreichen, wird ein solches Bildungsmodell für sich oder seine Kinder wählen. Migranten beispielsweise, die es im Allgemeinen gerade um guter Bildung willen nach Deutschland zog, können sich zum Erwerb derselben eigentlich nur Schulbesuch vorstellen. Spielen auch religiöse Erziehungsziele eine Rolle, werden spezielle Schulen aufgesucht. Doch die Qualität der Bildung steigt mit ihrer Individualität für den Einzelnen. Bleibt also nur das Gegenargument eventuell wachsender Ungleichheit und die Privilegierung der privat erzogenen „Reichenkinder“. Doch auch hier gilt: Schon heute päppeln die vielbeschäftigten Bildungsbürger ihre Nachkommen mit Musikunterricht, Sprachkursen und privater Nachhilfe. Oder sie schicken sie gleich aufs Internat. Dass in Deutschland Begabungen brach liegen, Geld und sozialer Hintergrund den Bildungserfolg bestimmen, ist wahr. Weder das staatliche Bildungsmonopol noch der staatlich auferlegte Schulzwang  konnte und kann diese Lage verbessern.

Schulwechsel

Vor über einem Jahrzehnt forderte Altpräsident Roman Herzog in seiner berühmten Ruck-Rede die Entlassung der Bildung in die Freiheit. Ist alles vergeblich und bleibend verhakt? Wann endlich erkennt die Politik diese falsch verstandene Schulpflicht als unnützen Kropf? Sie ist ein Bremsklotz  für Zufriedenheit und flächendeckende, individuell angemessene Bildung in einem modernen Land. Bildung muss zu Ideen führen und nicht zu Standardisierung. Wollen wir weiter nur triezen für den Test oder endlich lernen für das Leben? Der Schulzwang ist eine Sackgasse, da hilft kein Reförmchen. Zum Beispiel Fernschulen, Elterninitiativen, Bürgerkooperationen mit und oder Hausunterrichtkomponenten sind Homeschooling-Modelle, die nicht-kommerziellen Wettbewerb bieten und viele Bildungssysteme der Welt bereichert haben. Warum diese Wahloptionen  nicht auch wieder im Land der Dichter und Denker?

Internet

Buch von Jan Edel: Schulfreie Bildung - Über die Vernachlässigung schulfreie Bildungskonzepte in Deutschland


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Dossier: Bildung

Autor

Jan Edel

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