24. September 2009

„taz“-Kampagne gegen die Piratenpartei Warum diesmal alles anders kam

Fünf Gründe für einen überraschenden Ausgang (vierter und letzter Teil der Serie)

Die geplante Kampagne gegen die Piratenpartei ob ihres Gesprächs mit der konservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ wurde zum Rohrkrepierer. Am Ende war nicht die Piratenpartei, sondern eine junge „taz“-Autorin blamiert. Wie konnte das geschehen?

Wie so oft werden Hintergründe im Vergleich deutlich. Der CDU-Politiker Peter Krause wurde im April letzten Jahres mit einer ähnlichen Schmierenkampagne noch erfolgreich als Bildungsminister Thüringens verhindert, weil er früher einmal für die „JF“ geschrieben hatte. Auch bei ihm ging es nicht um Inhalte des dort Gesagten, da fand man nichts, sondern alleine um den Ort, an dem seine Artikel erschienen. Dazu äußerte sich damals „Focus“-Journalist und Buchautor Michael Klonovsky treffend mit der Feststellung, die „Junge Freiheit“ sei doch „geradezu exzessiv verfassungstreu“. Klonovsky erklärte: „Wenn wir schon keinen Gott mehr haben, dann muss es wenigstens den Teufel geben. Und einer muss der Teufel sein. Diese Gesellschaft wird von nahezu nichts mehr zusammengehalten, sie braucht einen kleinsten gemeinsamen Nenner des zu Verabscheuenden, zu Bekämpfenden. Dafür steht der Kampf gegen Rechts und letztlich die ‚Junge Freiheit’. Die tatsächlichen Rechtsextremen sind ja intellektuell viel zu unterbelichtet und auch nicht wirklich greifbar, aus einer Distanzierung von denen lässt sich sowenig Kapital schlagen wie aus der Verspottung Paris Hiltons.“ Deshalb, so Klonovsky, bestehe das „Pech“ der „Jungen Freiheit“ nun „darin, dass sie die Rolle des Teufels spielen“ müsse.

Eigentlich also ein höllischer Selbstläufer, sollte man meinen. Und doch kam diesmal alles ganz anders.

Der erste Fehler trägt den Namen der Urheberin der Kampagne. Nicht nur dass Julia Seeliger spätestens in ihren unbeholfenen Block-Kommentaren auch dem Gutgläubigsten zeigte, wes Geistes Kind sie ist. Sie ist auch noch pausierende Politikerin der Grünen. Das reichte den politisch unerfahrenen bis naiven Anhängern der Piratenpartei, sie der parteipolitischen Manipulation zu überführen. Dass Journalisten – auch und gerade der „taz“ –  nicht Mitglied einer Partei sein müssen, um dennoch für gewöhnlich genauso parteiisch schreiben zu können, diese Tatsache konnte selbst Schreibtalent Julia Seeliger nicht zur Verteidigung heranführen, ohne rot zu werden.

Der zweite Fehler betrifft das Ziel der Kampagne. Anders als in bisherigen Feldzügen stellte das unerfahrene Fräulein Seeliger nicht nur einen vermeintlich bösen Buben an den Pranger, sondern gleich eine ganze Partei. Das konnte nicht gut gehen, vor allem nicht bei einer politisch so jungen und euphorischen Bewegung wie den Piraten, deren Fußvolk zumindest nun den Versuch starten musste, sich zu wehren.

Der dritte Fehler betrifft die Koordination. Spiegel-Online beteiligte sich schnell wie gewohnt an der Hatz – doch dann riss die Kette. Besonders wichtig sind bei vergleichbaren Kampagnen immer zwei Mitstreiter, öffentlich-rechtlichen Staatsfunker sowie die „Bild“-Zeitung. Zumindest bei der ansonsten vor Rufmord nur ungern zurückschreckenden „Bild“-Zeitung gab womöglich taktisches Kalkül den Ausschlag, diesmal in Stille zu verharren. Im Hause des „Springer“-Verlages hofft man nämlich auf eine schwarz-gelbe Koalition nach der Wahl. Die Piratenpartei aber könnte, sofern sie am Ende knapp unter fünf Prozent landet, Rot-Rot-Grün die entscheidenden Stimmen kosten. Vor Jahren hatten die Zeitungen des Springer-Verlages in Hamburg aus ähnlich niederen politischen Motiven zunächst die Schill-Partei mit aufgebaut und den „Richter Gnadenlos“ (eine „Bild“-Erfindung) auf Titelseiten im Wahlkampf massiv unterstützt, um diesen danach nicht weniger gnadenlos wieder abzuschießen, als es auch ohne Schill für eine CDU-Regierung reichte.

Der vierte Fehler ist vielleicht der gewichtigste und zugleich zufälligste. Anders als der jämmerliche Krause suchten die Angegriffenen am Ende doch die offensive Vorwärtsverteidigung. Zunächst war noch alles nach Plan gelaufen: Auch der stellvertretende Vorsitzende der Piraten, Andreas Popp, flennte herum und bat demütigst „um Entschuldigung“, nachdem Seeliger ihm vorwarf, mit einer von ihr nicht gelesenen Zeitung gesprochen zu haben. Auch der erste Piratenkapitän Jens Seipenbusch distanzierte sich erwartungsgemäß von Popps Gespräch, so wie es bei den lieben Parteifreunden auch andernorts üblich ist. Doch dann kam heraus, dass auch Seipenbusch selbst der „JF“ ein Interview gegeben hatte, was dieser offenbar vergessen hatte. Und Seeliger plauderte am selben Tag noch einmal mehr als eine Stunde lang mit ihrem nach wie vor offenbar völlig gutgläubigen Kampagnenopfer Popp. Aus dem „netten Gespräch“ machte Charakterkanone Seeliger am nächsten Tag einen zweiten vernichtenden Artikel über Popp, in dem sie diesen nun nach seiner hündischen Entschuldigung auch noch als dummen Jungen zeichnete. Das war zuviel des Guten für die Herren Popp und Seipenbusch. Nun setzte sich die bereits erfolgreich gespaltene Internetparteiführung doch noch einmal virtuell zusammen. Irgendjemand muss ihnen verraten haben, dass eine solche Kampagne nur überlebt, wer nicht jammert, sondern zurückschießt und im Übrigen zu dem steht, was er tut. Seipenbusch hielt der „taz“-Kampagne nun plötzlich das alte Lied des linken Barden Franz Josef Degenhardt entgegen: „Mit Schmuddelkindern spricht man nicht“. Er warf seinerseits nun den Ex-Spontis indirekt Spießigkeit und Verrat an eigenen alten Idealen vor. Sein Pressesprecher ging noch weiter. Er hatte verstanden: „Wer zurückrudert, kann nur verlieren.“ All das lässt auch den fünften und letzten Fehler deutlich werden: Am Ende hielten die Parteifreunde unter der orangenfarbenen Fahne zusammen und die Denunziation musste erstmals mangels Heckenschützen aus den eigenen Reihen abgesagt werden.

Internet

I. Die Piratenpartei, die „taz“ und die „Junge Freiheit“: Jehova, Jehova!

II: Die „taz“ und die Piraten, reloaded : Geht doch!

III. „taz“-Panne: Julia allein zu Haus


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