21. September 2009

Filmkritik „Tatort“ Borowski und die Sterne

Ein Anfang

Nach Jahren des gegenseitigen Werbens sind sich Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert) gestern Abend endlich näher gekommen. Das gilt auch für den filmischen Umgang mit dem Generationen- und Weltanschauungsphänomen der Altachtundsechziger.

Der Tatort spielte nämlich im Milieu derer, die selbst heute noch als Rentner nicht alt werden können. Sie wollten, so sangen sie einst mit den „Who“, sterben, bevor sie alt werden. Und dann haben sie kollektiv den Abgang verpasst.

Jetzt regieren sie als Untote in Medien und Politik die Republik, erst zeitgeistig noch unter Kohl, dann personell an der Seite von Schröder und nun wie Mehltau mit Merkel. Niemand hat ihnen gesagt, dass es Zeit ist zu gehen. Und so wird der nächste Alterspräsident des Bundestages ausgerechnet Christian Ströbele heißen und aus Kreuzberg kommen. Sie bleiben einfach da und betreiben wie der Ex-Gitarrist Henning (Hans-Uwe Bauer) als Abziehbild eines Rolling Stones in diesem Tatort ein Fitnessstudio unter vermeintlich kecken Namen wie „4 ever young“.

Es sind kurze Momente, die durchblicken ließen, was filmisch aufzuarbeiten sich lohnen wird, wenn die Zeit gekommen ist. Etwa wenn Janis – „sie hat ihr Kind nach Janis Joplin benannt“ – Saloschnik (Esther Zimmering) berichtet, dass ihre Mutter sie einst auslachte, weil sie ihr ein im Kindergarten stolz erlerntes Gedicht zum Muttertag aufsagte. Nein, „Kleinfamilie – das war nicht so unser Ding“, erfahren wir vom Mitstreiter, „auch wenn die Partys später etwas weniger wurden“. Sex and Drugs and Rock and Roll hinterließen schließlich ein allzu großes Loch, das Borowski fragen lässt: „Wussten Sie, dass Selbstmord zwanzig Mal häufiger vorkommt als Mord?“ Tatsächlich bleibt ob aller Sinnleere immerhin die Option, dass „meine Frau und ich uns immer einig waren, dass wir selbstbestimmt sterben wollten“, wie es einer der Protagonisten ausdrückt, der typischerweise nicht der Vater der eigenen Tochter ist. So waren die Zeiten damals, und sind sie bis heute, sofern Kinder nebenbei herauskamen, deren Gedichte nicht ans eigene Alt- und Elternwerden erinnern sollten und die dem eigenen „Streben nach Glück nicht im Weg stehen“ durften – auch diese zeitkonforme Lebensweisheit verschwieg der Tatort nicht.

Der dennoch in einem netten Filmchen nur an der Oberfläche eines Stoffes kratzt, aus dem Größeres gedreht werden wird. Die Achtundsechziger haben wie keine Generation zuvor ihre eigenen Eltern verraten, die selbst unter schwierigsten Bedingungen im Privaten, im Kleinen, im Stoff, aus dem eigentlich Filme gemacht werden, oft sehr verantwortlich und aufopferungsvoll gehandelt und dieses Land wieder aufgebaut haben. Wie viele schlechte – politisch motivierte – Filme aber haben sie über ihre Eltern gedreht, was haben sie ihnen alles vorgeworfen! Sie, die selbst nach Schweiß und Tränen des späteren Wirtschaftswunders in einem Schlaraffenland unter den denkbar besten Umständen aufwuchsen, die wir je gesehen haben. Was haben sie daraus gemacht? In einer nicht enden wollenden Party liefen sie ohne Not und Bedrohung im Ho-Chi-Minh-Gleichschritt und mit Mao-Bibeln in der Hosentasche Massenmördern hinterher, und zerstörten Traditionen und Werte in beiderlei Hinsicht – und Leben. Eine Verwüstung, die in Worten kaum fassbar wird. Filme aber, das deutete dieser Tatort zaghaft an, die werden kommen.

Andererseits ist auch Licht, wo Schatten fällt. Selbst bei den Achtundsechzigern, die andere gerne schwarz-weiß – oder besser: braun-rot – sahen, gibt es Grautöne. Denken wir an den Humor: Monthy Python, Douglas Adams und Helge Schneider wären ohne die mit dem Jahr 1968 verbundene Kulturrevolution kaum denkbar gewesen. Die Politisierung aller Lebensbereiche schaffte sich – zuweilen auch unfreiwillig – ihre eigenen Ventile diesseits linker Kabarettspießigkeit. Und so lädt auch der Tatort heute nicht nur aus Münster immer wieder zum Schmunzeln ein mit Szenen, die im Stahlnetz ungekannt waren. Auch der gestrige Tatort (Buch und Regie von Angelina Maccarone) mit dem sympathischen Duo Milberg und Eggert bot solche Sequenzen unter anderem im herrlich grotesken Spiel mit der Musik und dem skurrilen Erscheinungsbild von „Bodo“ (Hugo Egon Balder) sowie in einer gelungenen, an Stanley Kubricks „Shining“ erinnernden Hotelszene.

Die DDR wurde Jahre nach ihrem Untergang durch Filme wie „Das Leben der Anderen“, „Goodbye Lenin“ oder „Sonnenallee“ in Dramen wie Komödien auf- und abgearbeitet. Beides steht, sehen wir vom auf Einzelaspekte zielenden Streifen „Der Baader-Meinhof-Komplex“ ab, für die Achtundsechziger aus. „Borowski und die Sterne“ deutete an, was kommen kann.


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