Andreas Tögel

Jg. 1957, Kaufmann in Wien.

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Kreditklemme: Oder Kapitalmangel?

von Andreas Tögel

Über die Kreditwürdigkeit

Nachdem die Regierungen rund um Globus zu dem Schluss gekommen waren, dass das Anwerfen der Notenpressen schlichtweg die Königsidee zur Bekämpfung der aktuellen Weltwirtschaftskrise sei, wurden geradezu unverstellbare Mengen von (Papier- oder Buch-) Geld produziert und den Geschäftsbanken zur Verfügung gestellt. Dennoch klagen Politiker und Wirtschaftsfunktionäre über die, wie sie meinen, restriktive Haltung der Banken bei der Kreditvergabe. Das Geld werde von den Baken „gebunkert“ und nicht an die Wirtschaft weitergegeben. Die Betriebe hätten es in der Folge mit einer „Kreditklemme“ zu tun.

„Kreditklemme“, so lesen wir im Internetlexikon „Wikipedia“, ist der „Attentismus [Mentalität der Risikovermeidung, Anm.] der Kreditinstitute, bei gegebener Kreditnachfrage den kreditwürdigen Nichtbankensektor mit ausreichendem Kreditvolumen zu versorgen.“ Dieser Satz enthält einige diskussionswürdige Details. Zum ersten die dem Zeitgeist geschuldete, unterschwellige Anklage gegen eine „konservative“ Kreditvergabestrategie der Banken. „Konservativ“ sein bedeutet, wir ahnen es längst, nichts Gutes. Wenn konservativ auch vorsichtig bedeutet, ist eben Vorsicht unerwünscht. Dass Risikominimierung aber keineswegs „unsoziales“ Verhalten bedeutet, sondern dem Schutz von Einlegerinteressen und dem Bestand der Banken dient, ist eine Erkenntnis, die man spätestens aus der Entstehungsgeschichte der gegenwärtigen Finanzkrise gezogen haben sollte. Es scheint, als ob bereits vergessen wäre, dass die generöse Kreditvergabe an Kreditunwürdige, die von der Politik gewollt und gefördert wurde, am Beginn des aktuellen Verhängnisses stand.

Zum zweiten ist die Annahme bemerkenswert, es gäbe so etwas wie ein „Recht auf Kredit“. Kredit (abgeleitet vom lateinischen „credere“, glauben,) steht keineswegs jedermann zu. In einer Stammesgesellschaft, in der jeder jeden kennt, ist eine Ausleihung „auf Treu und Glauben“ für den Geber einigermaßen problemlos. Der Gruppendruck und die Gefahr, bei asozialem Verhalten dem Scherbengericht anheim zu fallen, reichen aus, um die Rückgabe des verliehenen Gutes zuverlässig sicherzustellen. In der modernen Massengesellschaft dagegen sind treuherzige Blicke und bloße, möglicherweise sogar ernst gemeinte Rückzahlungszusagen indessen nicht mehr genug, um kreditwürdig zu sein. Dazu bedarf es handfester Sicherheiten – etwa in Form belehnbaren (Betriebs-) Vermögens. Es ist daher nichts weniger als selbstverständlich, dass Kreditoren (gleich ob Bank oder Nichtbank) bei der Mittelvergabe an Unbekannte Vorsicht walten lassen, umso mehr, da die Position der Gläubiger durch gesetzliche Vorschriften (wie z. B. die Möglichkeit zum Privatkonkurs) erheblich geschwächt wurde.

Zum dritten ist es mit dem „kreditwürdigen Nichtbankensektor“ so eine Sache. Wer, wenn nicht der Kreditor, sollte wohl bestimmen, nach welchen Kriterien die Kreditwürdigkeit eines Nachfragers zu ermitteln ist? Wer kann sich dazu aufschwingen, über die Vergabe fremder Mittel an unbekannte Dritte zu befinden, indem er denen ungeprüft kollektive Kreditwürdigkeit attestiert?

Zum vierten ist das „ausreichende Kreditvolumen“ eine recht prekäre Denkfigur. Ausreichend für wen? Und nach welchen Gesichtspunkten? Für einen spielsüchtigen Hallodri wird – aus seiner Sicht – das verfügbare Kreditvolumen in jedem Fall zu gering sein. Offensichtlich handelt es sich bei der vom Internetlexikon gebrauchten Definition um einen klassischen Fall der Anmaßung von Wissen, wenn vermutet wird, man könne das für eine gesamte Volkswirtschaft „ausreichende Kreditvolumen“ vom Elfenbeinturm aus feststellen.

Ferner bleibt (nicht nur bei der zitierten Erläuterung des Stichworts „Kreditklemme“ auf „Wikipedia“) gewöhnlich unberücksichtigt, dass nur kreditiert – also verliehen – werden kann, was zuvor, von wem auch immer, erspart wurde. Diese unübersehbare Tatsache entzieht sich nur deshalb der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, weil die jahrzehntelange Gewöhnung an das herrschende Fiat-Money-System dazu geführt hat, dass auf Geheiß der Regierungen frisch aus der Notenpresse laufende Geldscheine oder von den Geschäftsbanken aus dem Nichts geschaffenes Buchgeld fälschlich für Kapital (das Ergebnis von Konsumverzicht) gehalten werden. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich somit die „Kreditklemme“ als veritabler Kapitalmangel, der, zumindest in den USA, dadurch bedingt ist, dass die gesamte Nation jahrelang weit über ihre Verhältnisse gelebt und die Tugend des Sparens völlig vergessen hat.

Politiker, beamtete Nationalökonomen und Wirtschaftskommentatoren kritisieren die restriktive Haltung der Banken bei der Kreditvergabe, da diese einer Erholung der vom Nachfragerückgang getroffenen Betriebe angeblich im Wege stünde. Wie aber nicht nur die „österreichische“ Wirtschaftstheorie, sondern auch die empirische Erfahrung eindringlich lehrt, führt die nun als Allheilmittel gepriesene Aufblähung der Geld- und Kreditmenge im günstigeren Fall lediglich zum Beginn eines neuen Konjunkturzyklus (mit notwendigerweise nachfolgender Rezession), im ungünstigsten Fall aber, vor dem inzwischen erstaunlicherweise sogar eine wachsende Zahl von dem neoklassischen Mainstream verhafteter Fachleute warnt – zu einer Hyperinflation wie sie derzeit bereits in Zimbabwe „live“ zu bewundern ist.

Der nun auftretende Nachfragerückgang hat den vorangegangenen, mit künstlich geschaffenem Geld angestoßenen Boom zur Voraussetzung. In der Rezession geschieht mithin nichts weiter als eine notwenige Korrektur, die Redimensionierung von Überkapazitäten, eine Marktbereinigung und die Eliminierung von Betrieben, in welchen die Konsumentenpräferenzen falsch eingeschätzt wurden. Was könnten Kredite in einer solchen Lage (an Positivem) bewirken?

Das Phänomen der Kreditwürdigkeit dagegen brachte Luis Pazos in seinem hervorragenden Beitrag vom 9. September hier auf ef-online präzise auf den Punkt: Humanität bei der Kreditvergabe, so schreibt er, „ist unsozial“. Begründung: „Als es noch den Schuldenturm gab, war der Handwerker und Kleingewerbler ein verhältnismäßig sicherer Debitor, dem Kredit ohne weiteres zur Verfügung stand. Die drohende Gefängnisstrafe machte ihn zu einem verlässlichen Verwalter fremden Geldes. Heute droht ihm der Schuldenturm nicht mehr, aber er selbst trägt den Schaden, denn er ist nun nicht mehr kreditwürdig.“ Der Gesetzgeber erschlage „diejenigen, die er schützen will, und ist daher im höchsten Grade unsozial.“ Wie wahr!

11. September 2009

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