23. August 2009

Make love not law Ein Globaldorf namens Globadolf

Warum eine Weltregierung kein Glück sein kann

Erfolgreiche Staatswesen neigen seit jeher dazu, sich selbst mindestens als Großreich, besser aber noch gleich ganz als Weltreich zu sehen. Der neubabylonische Herrscher Nebukadnezar II. soll von sich selbst gesagt haben, die Eroberung ferner Länder vom oberen bis zum unteren Meer und die Erschließung schwierigster Pfade habe einzig dem Ziel gedient, sein Volk üppig gedeihen zu lassen. Dass er bei dieser Gelegenheit gleich auch noch alle Unbotmäßigen tötete, steht seinem sagenhaften Ruf nicht entgegen. Bis heute muss jeder, der eine Fünfzehnliterflasche Champagner trinken will, zuerst den „Nebukadnezar“ öffnen.

Schon zuvor hatten die alten Ägypter bekanntlich den Anspruch erhoben, mit ihren Pyramiden gleich das Ewige an der Spitze mit dem Irdischen am Fuße architektonisch zu verbinden. Eine Nummer kleiner geht es praktisch nie. Anschließend waren die assyrischen Herrscher emsig damit befasst, ihr Reich entlang des Mittelmeeres zu vergrößern. Und unwahrscheinlich ist, dass Alexander der Große – dessen politische Ambitionen bekanntermaßen ebenfalls nicht durch Bescheidenheit imponieren – jenen Großreich-Gedanken erst nach Osten exportieren musste. Die Maurya-Dynastie dürfte von alleine auf die Idee gekommen sein, den gesamten indischen Subkontinent zu einer politischen Einheit zu verbinden. Noch weiter östlich ging aus der chinesischen Qin-Dynastie die Han-Dynastie und somit letztlich das bis heute geeinte China hervor. Um ein Haar hätte also auf unseren Computern „Made in Hana“ statt „Made in China“ gestanden. Römer und Byzantiner spielten dasselbe Spiel der großen Reiche, Mongolen und Azteken kein anderes, und gegen das Britische Empire nimmt sich das Großprojekt namens Sowjetunion kartographisch durchaus übersichtlich aus.

Man darf also vermuten, dass absolute Macht nicht nur absolut korrumpiert, sondern von Alters her auch absolut Lust auf absolute territoriale Größe verschafft. Der Reiz, ein Reich zu regieren, in dem die Sonne niemals untergeht, scheint menschlich unwiderstehlich. Dem sympathischen philosophischen Standpunkt des individuellen Kosmopolitismus steht folglich komplementär die politische Nachfrage nach erdkreisrunder Herrschaft zur Seite. Während sich die Altvorderen allerdings wegen ihrer beschränkteren technischen Möglichkeiten noch mit einer verhältnismäßig begrenzten Beherrschung von Landmassen bescheiden mussten, greift unser unterdessen heliozentrisch avancierter homo sapiens globalis lieber gleich ganz in die Vollen. Mutmaßlich vor dem Hintergrund, dass alle vorherigen Weltreiche aus merkwürdigen Gründen allesamt stets kollabierten, schuf der ganz moderne Machtmensch sich zunächst den Völkerbund und dann die Vereinten Nationen. Der lose Staatenbund der Genfer Liga, der 1920 künftigen Wahnsinn wie den des Ersten Weltkrieges verhindern sollte, wurde nach dem Ende des Zweiten dann 1946 liquidiert. Aus seinen Schwächen wollte man bei Gründung der UNO 1945 lernen, weswegen man ihr vorsorglich gewisse eigene Rechte gegenüber ihren Mitgliedsstaaten einräumte. Aus Schaden, heißt es, wird man klug. Immerhin sympathisch an der UNO ist, dass sie in einem Theater gegründet wurde. Gerade wir Deutschen mit unserer Republik aus einem Zoo in Bonn und einem Verfassungsgericht aus dem Schauspielhaus in Karlsruhe wissen derlei aggressionsfreie Friedfertigkeit zu schätzen.

Gleichwohl können derlei weltumspannende Allmachts- und Allzuständigkeitsambitionen eines mehr und mehr autonom agierenden Völkerrechtssubjektes nicht völlig unkritisch hingenommen werden. Immerhin waren es just in dem gerade vergangenen Jahrhundert jene Weltherrschaftsphantasien, die die Menschheit wie nie zuvor in ihrer Geschichte erdkreisumspannend an den Rand der eigenen physischen Vernichtung getrieben haben.

Unvergessen ist der Totalitätsanspruch eines Trierer Philosophen, der nicht irgendwelche Proletarier zur kollektiven Vereinsbildung aufrief, sondern gleich alle – aus allen Ländern! Unvergessen ist auch, dass seine Moskauer Adepten im Projekt der Russischen Revolution gleichsam nur den Ausgangspunkt einer dann ausdrücklichen Weltrevolution sehen wollten. Und egal, ob man nach der Kommunistischen Internationale oder nach der Sozialistischen Internationale blickt: Ihr Anspruch richtet sich ebenfalls stets auf den ganzen Globus. Mithin können die unsäglichen Gesänge der finstersten deutschen Periode nicht erstaunen, als man am deutschen Wesen selbstverständlich am liebsten auch gleich die ganze Welt genesen lassen wollte.

So streben die bösen Herrscher dieser Erde also genau wie ihr ewiger Widerpart, der globale Gutmensch, stets nach dem weltumspannenden Einfluss, nach der ein und einzigen Generallösung für alle Probleme dieser Welt. Alles aus nur einer Hand – auf dass sie uns nie schlage. Woher allerdings die naive Hoffnung rührt, jene globale Weltherrschaft aus einer monopolen Quelle müsse dann stets auch eine menschenfreundliche sein, erschließt sich beim besten Willen – und mit dem nüchternen Blick auf die Geschichte eben dieser Welt – gerade nicht. Im Gegenteil. Nicht nur die Traditionen des weiland politisch zerklüfteten Europas zeigen, wie sehr des Menschen Leben gerade dort am erträglichsten und erquicklichsten geriet, wo jeder einzelne die permanente Chance zur individuellen Sezession unter die Regeln eines anderen Herrschers hatte. Wie wäre es wohl den Opfern der UdSSR oder der nationalen Sozialisten unter Hitler ergangen, wären deren Reiche bereits weltumspannend gewesen? Was, wenn seinerzeit nicht zumindest die USA eine Fluchtmöglichkeit vor der Vernichtung geboten hätten?

Man mag der jüngsten päpstlichen Enzyklika nachsehen, dass sie auf globale Einigkeiten setzt. Alles andere wäre für eine Kirche, die sich selbst als „katholisch“ definiert, greifbar widersinnig. Aber eine auf überindividuellen Konsens gegründete Gemeinschaft ist nun einmal etwas anderes als eine unitär-zwangsweise Weltherrschaft, die den Anspruch erhebt, eine einheitliche Weltrepublik zu errichten und die als ihr Fernziel gar eine Weltinnenpolitik erstrebt. Beseitigt man aber das Streitpotential am Maschendrahtzaun, wenn man mit dem ranzigen Nachbarn eine Wohnungseigentümergemeinschaft gründet?

Eine allgegenwärtige, globale Weltregierung ist augenscheinlich die Art von Machtphantasie, bei der nicht nur Figuren wie Alice Schwarzer terminologisch auf sexualmedizinische Begrifflichkeiten zurückgreifen sollten. Hier geht etwas, nüchtern gesprochen, massiv in die falsche Richtung. Jahrhunderte der rechtsphilosophischen Erkenntnis, dass Gewalt stets geteilt sein muss, drohen in monopolbesoffene Vergessenheit zu geraten.

Wer glaubt, er könne die ganze Menschheit mit einheitlichen Ideen global beglücken, der hat offenkundig weder verstanden, was individuelle Würde besagt, noch wozu das Design einer geballt und totalhierarchisch durchstrukturierten Weltstaatsgewalt fähig ist. Wie sollen die Interessengegensätze einer weltweiten Menschheit ohne eine Chance zu individueller Bewegungsfähigkeit in notfalls andere politische, kulturelle oder religiöse Rahmenbedingungen friedlich gelöst werden? Durch herrschaftsfreien Diskurs im UNO-Sicherheitsrat? Durch bedingungslose Unterwerfung aller Menschen unter die Protokolle der Weisen von Kyoto? Durch G7-Gipfel? Oder G-8? G-20? G-192? Oder am besten gleich G-6,8 Milliarden? Wo liegt der menschenfreundlichste G-Punkt der One-World-Völkerverständigung?

Wenn wir nicht aufpassen, regiert eines Tages ein Hugo Chavez unsere Welt. Oder ein Kim Jong-il. Oder ein Robert Mugabe. Dann können wir unser globales Dorf gleich umbenennen. In Globadolf.

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 95


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