18. August 2009

Geschichte und Zukunft Ein Sommertag auf dem Schlachtfeld

Ein Gespräch auf historischem Grund

„Viele Menschen unserer Zeit, auch viele Libertäre, haben noch nicht die Tatsache begriffen, dass Zivilisationen auch untergehen,“ sagte mir Sean Gabb, der Direktor der Libertarian Alliance. „Sie glauben, dass alles immer nur besser werden wird. Dafür gibt es jedoch keine Garantie.“

Vor einer Woche hatte sich für mich und meine Familie die Gelegenheit zu einem gemütlichen Beisammensein mit Sean Gabb und seiner Familie ergeben. Wir hatten verabredet, uns am Schlachtfeld bei Hastings zu treffen, wo im Jahr 1066 die letzte erfolgreiche Invasion Englands besiegelt wurde.

Nach dem Picknick, das wir dank der an jenem Tag ausnahmsweise mal ungehindert scheinenden Sonne im Freien verbrachten, begaben wir uns ins neue Besucherzentrum der öffentlichen Stiftung „English Heritage“. Dort lief in Endlosschleife ein kurzer, technisch jedoch exzellenter Film über die historischen Hintergründe und den Ablauf der Schlacht. Nachbildungen der damaligen Rüstungen sind dort zu begutachten, man darf sie auch in die Hand zu nehmen. Die Äxte und Schwerter waren unerwartet leicht, die Schilde dagegen erstaunlich schwer. Fast unglaublich erscheint daher der Bericht, dass die Armee der Angelsachsen, derart beladen, nach einer siegreichen aber schweren Schlacht gegen die Norweger bei York, innerhalb von nur fünf Tagen 480 Kilometer zu Fuß bis an die Südküste Englands marschierten, sich dort einer gut ausgeruhten, zahlenmäßig ebenbürtigen, aber mit Kavallerie ausgestatteten normannischen Macht entgegenstellte und ihr einen ganzen Tag lang standhalten konnte. Der dennoch am Ende für sie desaströse Ausgang dieser Schlacht sollte das Schicksal Englands, Europas und der Welt in den folgenden 940 Jahren entscheidend prägen.

Heute strahlt das Schlachtfeld von damals die Friedlichkeit einer typischen englischen Landschaft aus: Hecken und vereinzelte Bäume schmücken grüne Felder und Wiesen. Während aus den Gräsern hier und dort – zum Entzücken der Kinder – ein paar Kaninchen hervorlugten, entspann sich ein Gespräch zwischen mir und Gabb. In dessen Verlauf machte der Historiker, der für seine pessimistischen Zukunftsaussichten bekannt ist, die anfangs zitierte Bemerkung. Ich pflichtete ihm bei und warf ein: „Realistisch gesehen können Libertäre derzeit allenfalls erwarten, eine Inspiration für zukünftige Generationen zu sein – ungefähr wie der legendäre König Artus im Kampf gegen die Barbaren in der Endphase des römischen Britanniens.“

Das viktorianische England hatte sich als das „Neue Rom“ verstanden. Diesen Gedanken aufgreifend, fuhr ich fort: „In wesentlichen Punkten scheint mir das britische Empire tatsächlich wie das römische Reich gewesen zu sein: Beide haben jeweils eine Sprache und eine Idee in die Welt getragen. Das römische Reich Latein und das Christentum, das britische Empire Englisch und den Liberalismus. Die Römer haben ihr Reich mit befestigten Straßen vernetzt, die Briten mit der Eisenbahn und den Dampfschiffen. Und dann versanken ihre Reiche.“ Mit leichtem Wehmut in der Stimme präzisierte Gabb den Vergleich: „Aber der Niedergang des Empire kam viel schneller. Und das Byzanz von heute, die USA, wird noch schneller fallen.“ „Was nicht heißen muss“, beendete ich den Gedankengang, „dass der Liberalismus erledigt ist. Als das römische Reich verblich, war das Christentum auch erst in seinen Kinderschuhen.“

„Wird das Christentum überleben?“ fragte mein englischer Freund dann. „Die Kirche hat schon vieles überlebt“, konnte ich da nur antworten. „Die katholische Kirche, ja. Aber der Protestantismus nicht“, entgegnete der Historiker. Wir wurden uns schnell einig, dass die protestantischen Kirchen erstens das beste waren, was der katholischen Kirche je widerfahren war, dass sie aber zweitens keine großen Überlebenschancen haben. Mit der katholischen Kirche sei es – vielleicht – anders.

Und wie ist es mit der jetzigen de-facto Staatskirche der „Religion der politischen Korrektheit“? Uns beiden war aufgefallen, dass die Vertreter des Establishments praktisch aufgehört haben, kritische Themen wie etwa Klimaerwärmung, AIDS oder Einwanderung überhaupt zu debattieren. Sie betreiben allenfalls Scheindebatten. ISie fühlten sich wohl sehr sicher, warf ich ein. Das stimmt schon, sagte Gabb, aber das ist auch ein gutes Zeichen. Denn wenn, historisch gesehen, eine herrschende Klasse mit dem Debattieren aufhört, steht sie kurz vor dem Zerfall. Doch was kommt danach? „Die Lehre von 1066“, sinnierte Gabb, „ist, dass manchmal Dinge passieren, die zunächst katastrophal erscheinen, die sich jedoch am Ende als Segen herausstellen. Ohne 1066 hätte es kein englisches Volk gegeben, wie wir es kennen.“ Sein Blick streifte den Horizont des harmonischen Panoramas, auf das die Nachmittagssonne jetzt längere Schatten warf: „Vielleicht wird sich herausstellen, dass einige der Katastrophen der vergangenen 95 Jahre am Ende zu etwas Besserem geführt haben werden.“

Zugunsten unserer Kinder, die inzwischen begeistert in den Ruinen der benachbarten Abtei herumkraxelten, wollten wir das hoffen.

Internet:

All you need to know about the Battle of Hastings (YouTube)

Ein computeranimierter "Teppich von Bayeux" (YouTube)


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