05. August 2009

Im Fadenkreuz Schütze Steinbrück und Marschall Münte

Aus dem militärischen Weißbuch der roten Genossen

Wer hätte bis vor kurzem gedacht, dass für genozidales Vorgehen berüchtigte Militäreinheiten in der Bundesrepublik Deutschland wieder Vorbildfunktion erlangen könnten? Gemeint ist  „die siebte Kavallerie von Yuma [...] die man ausreiten lassen kann, aber die muss man nicht unbedingt ausreiten. Die Indianer müssen nur wissen, dass es sie gibt.“ Nun ja, wenigstens wurde der elitäre Truppenverband einer Siegernation zum Vergleich herangezogen und nicht der totenkopfdekorierte eines späteren Verlierers, deren angedrohtes Ausreiten auch schon so manchen, allerdings europäischen Ureinwohner disziplinierte. Zudem ging es um etwas viel Wichtigeres als die diffizile Existenzberechtigungsproblematik territorialer Minderheiten, nämlich um die im wahrsten Sinne des Wortes staatstragenden Steuereinnahmen. Und mittlerweile ist Peer Steinbrücks Drohung an den Schweizer Nachbar vom Ende des letzten Jahres bereits Legende. Historisch ebenfalls an die verblichenen deutschen Totenköpfe jener letzten paneuropäischen Kriegsepoche muss wohl auch Schütze Steinbrücks oberster Vorgesetzter Franz Müntefering spontan gedacht haben, als er im Zuge der moralischen Stützung des deutschen Finanzministers im Frühjahr in logischer Fortsetzung ergänzte: „Früher hätte man dort Soldaten hingeschickt.“ Allerdings vergisst er nicht beschwichtigend ein „[a]ber das geht heute nicht mehr“ hinterher zu schieben. Leider bleibt Marschall Münte eine Erklärung bezüglich des mutmaßlichen Vollzugshindernisses schuldig. Vielleicht Angst? Die ist wohl gänzlich unbegründet. Denn im Gegensatz zu fiskalisch vorbildlich kooperierenden und sich jedem Steueroasentum erfolgreich verweigernden, kapitalmarktfreien Staaten wie Nordkorea verfügen die Helvetier über keinerlei atomare Drohkulisse. Konventionell ist der kleine Nachbar hinsichtlich seiner Hautwaffensysteme gegenüber der Bundeswehr zwar äquivalent aufgestellt, in Quantität allerdings um den Faktor 10 unterlegen. Mit Ausnahme des Alpenhochlandes dürften die Schweizer also einem konzentrierten Schlag koordiniert aufeinander abgestimmter militärischer Großsysteme nicht standhalten können. Daran kann auch die traditionell gepflegte Miliz nichts ändern, vermag sie doch im Wesentlichen einfache, sprich schwach kapitalisierte Infanteristen zu reaktivieren, auf die es in der Phase einer angriffbasierten Territorialeroberung seit Ende des Ersten Weltkrieges nun einmal nicht mehr ankommt. Spätestens mittelfristig gesehen ist dafür aber nicht nur die Raumnahme, sondern die nachfolgend zwingend notwendige, strategische Raumkontrolle der springende Punkt militärischer Expansion. Genau dieser elementare Unterschied macht ja bereits seit Jahren den NATO-Truppenkontingenten in Afghanistan und dem Irak zu schaffen, deren Eroberung weitaus weniger Opfer und Zeit gekostet hat als die bis heute nicht abgeschlossene Befriedung. Und für genau diesen Fall, die zweite Phase des konventionellen Krieges, sind speziell die Schweizer bereits seit Jahrzehnten bestens vorbereitet.

Das seinerzeit diesen Planungen zugrunde gelegte Szenario orientierte sich zwar an der damaligen geopolitischen Großwetterlage, lässt sich jedoch in geradezu gespenstischer Parallelität auf die Zuspitzung der jüngsten Ereignisse übertragen: Technisch gut gerüstete, zahlenmäßig weit überlegene rote Horden lassen einen zuvor kalt geführten Krieg eskalieren. Ganz Europa wird durch den Vorstoß einer volkssozialistischen Front verwüstet. Wer sich nicht freiwillig unterwirft, wird belagert, besetzt und ausgeplündert. Einzig die von unbeugsamen Helvetiern bevölkerte Schweiz hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten. Hans von Dach, Major im Dienst der eidgenössischen Landstreitkräfte, hatte genau dieses Szenario vor Augen, als er Ende der 50er Jahre seinen militärischen Klassiker „Der totale Widerstand“ verfasste. Diese selbsterklärende „Kleinkriegsanleitung für jedermann“ war genau das: Eine Anleitung zur Durchführung von Kleinkriegsaktionen und Partisanenoperationen, gerichtet an jeden interessierten und engagierten Laien, vorgesehen für den Fall einer Zerschlagung der regulären Truppen und des Rückzuges ihrer Reste in die annähernd uneinnehmbaren Festungen der Hochalpen. Die Grenzen der Kleinkriegsführung waren dem Verfasser dabei aber klar bewusst. Sein Ziel war keineswegs die Wiederherstellung der territorialen Integrität durch das empirisch nahezu aussichtslose Unterfangen einer notwendigerweise auf das Infanteristische beschränkte Levée en masse. Er sah die Chance des Kleinkrieges vielmehr im perspektivisch bindenden Verschleiß des feindlichen Aggressors. Denn dieser ist ja nicht nur genötigt, einen konventionellen Krieg durchzuführen sondern auch in dessen Folge erfolgsabhängig die so genommenen Gebiete in Beschlag zu nehmen und kontrollieren zu müssen. Das bindet natürlich mit zunehmendem Erfolg immer mehr Ressourcen, vor allem die zeitnah kaum reproduzierbaren und stets knappen personellen Mittel, auf die es bei der Aufrechterhaltung der Besetzung, siehe wiederum Afghanistan und Irak, nun in der Tat aber ankommt. Kapitalintensive Rüstungsgüter sind nützlich zur Zerschlagung des Feindes und der Landnahme, zur Kontrolle strategisch wichtiger Ballungszentren, Wohngebiete, ziviler Einrichtungen und unübersichtlichen Geländes taugen sie nicht.

Reichliche Anleihen konnte Major von Dach übrigens wiederum bei eben jenem totalsten aller deutschen Kriege nehmen, der erst 12 Jahre vor Erscheinen der Erstauflage seines Buches beendet wurde und heute politischen Leitfiguren wieder als Referenzpunkt zu dienen scheint. Bereits im Spätsommer 1944, die deutsche Führung war sich des Endsieges wohl selber nicht mehr ganz sicher, rief sie, rein prophylaktisch versteht sich, eine Widerstandsbewegung, die so genannten Werwolfeinheiten, ins Leben. Ihr Auftrag: Die Durchführung von Attentaten und Anschlägen gegen Ziele der alliierten Besatzungstruppen, das Stiften von Unruhe, Sabotage, Zerstörung von Versorgungseinrichtung und Durchführung von Hinterhalten jeglicher Art. Einen Nachdruck des ursprünglichen Ausbildungsdokuments von 1945 gibt es noch heute unter dem Titel „Werwolf – Winke für Jagdeinheiten“. Bereits hierin lassen sich alle wesentlichen Elemente der Kleinkriegsführung in kompakter Übersicht finden. Bis zum Kriegsende konnten allerdings nur wenige der kleinen, autark operationsfähigen Verbände aufgestellt werden. Und oft musste sie zudem aus jenem beschränkt wehrtauglichen Personal rekrutiert werden, auf das sich der ebenso legendäre Volkssturm stützen musste. Die Aktivitäten der Wehrwolfeinheiten im bereits besetzen Deutschland hielten sich daher in Grenzen, die spektakulärste Aktion war die Meuchelung des von den Alliierten eingesetzten Aachener Bürgermeisters am 25. März 1945. Dennoch konnten sich vereinzelte „Werwölfe“ in so mach abgeschiedener Gegend noch bis 1946 halten.

Aufgrund der praktisch erprobten deutschen Erfahrungswerte konnte von Dach daher mit einem realistischen Ansatz von zwei feindlichen Soldaten je Quadratkilometer besetztes Land kalkulieren, um dieses auf Dauer unter Kontrolle halten zu können. Bei geplanten Säuberungsaktionen, also dem Kampf gegen Partisanenbewegungen, ist zudem mindestens eine fünffache örtliche Übermacht einzuplanen. Und genau darin lag die eigentlich Intension des Schweizer Offiziers: Von den befestigten Hochalpen aus sollte der Krieg mit Hilfe der wehrhaften Bevölkerung koordiniert in eine zweite Runde getragen werden. Konzentrierte lokale Aktionen sollten ein Maximum feindlicher Kräfte binden, damit der große Gegenschlag befreundeter Streitkräfte gegen einen möglichst schwachen und zermürbten Gegner mit höchst möglicher Wirksamkeit erfolgen könne. Es ging also darum, die Planung des Krieges über die eigene militärisch unausweichliche Niederlage hinaus mittels „Widerstand bis zum äußersten“, so auch die Aufforderung des Schweizerischen Unteroffizierverbandes, durchzuführen.

Der deutsche Möchtegernmarschall der Gegenwart muss dieses Grundlagenwissen verinnerlicht und dementsprechend mit der strategischen Ist-Lage der eigenen Kräfte abgeglichen haben. Über die harten Fakten auf der Hardthöhe wacht zwar der politische Konkurrent, sie lassen sich jedoch dankenswerterweise problemlos über den ministeriellen Internetauftritt extrahieren. Aktuell stehen demnach bei der Bundeswehr 253.000 Soldaten unter Waffen, davon 104.000 im Heer, 47.000 in der Luftwaffe, 18.000 bei der Marine, 57.000 in der so genannten Streitkräftebasis, einem internen Dienstleister, sowie 20.000 im Sanitätsdienst. Von diesen 253.000 Soldaten sind insgesamt 188.000 Zeit- oder Berufssoldaten, 26.000 freiwillig länger Wehrdienst leistende Soldaten und 39.000 reguläre Wehrpflichtige. Von letzteren dienen, was sich für die weiteren Untersuchungen noch als wichtig erweisen wird, 19.000 im Heer. Insgesamt befinden sich circa 7.000 Soldaten in internationalen Einsätzen, weitere 7.000 in der Vor- und nochmals 7.000 in der Nachbereitung. Insgesamt sind also 21.000 Soldaten direkt und indirekt durch Einsätze gebunden. Für eine infanteristisch geprägte Dauerbefriedungsoperation HELVETIA steht realistischerweise nur das Heer zur Verfügung. Der Ausbildungsstand der restlichen Teilstreitkräfte ist von einer Qualität, bei der die Schweizer Schützenvereine schließlich doch noch in Versuchung geraten könnten, ihrer in der Tat nicht unbeträchtlichen Hochseeflotte einen direkten Zugang zu Nord- und Ostsee zu verschaffen. Von der Gesamtstärke des Heeres sind des Weiteren alle 19.000 Wehrpflichtigen in Abzug zu bringen, da diese aufgrund des Ausbildungsstandes und der rechtlichen Rahmenbedingungen für Auslandseinsätze nicht in Frage kommen. Von den dann verbleibenden 85.000 Soldaten sind anteilig die im und um den Einsatz befindlichen Heeresangehörigen abzuziehen, etwa 10.000 der insgesamt oben aufgeführten 21.000 Bundeswehrangehörigen. Die somit übrig bleibenden 75.000 professionellen Heeressoldaten müssen um das Amts-, Stabs- und Schulpersonal, also geschätzte 20 Prozent, ausgedünnt werden, die ebenfalls nicht unmittelbar den aktiven Einsatzkontingenten zugeschlagen werden können.

Selbst wenn also die zuvor erfolgreich verlaufende Eroberungsoperation ganz ohne Verluste auskommen sollte verbleiben lediglich 60.000 geeignete Soldaten zur Kontrolle des eingenommenen Territoriums. Die Schweiz umfasst jedoch ein Staatsgebiet von gut 41.000 Quadratkilometern. Damit kann das gesamte in die Waagschale geworfene, operativ verfügbare Personal der Bundeswehr lediglich eine Deckung von noch nicht einmal 1,5 Soldaten je Quadratkilometer realisieren. Viel zu wenig also für eine effektive Kontrolle eines aufmüpfigen 17. Bundeslandes. Gleichzeitig zieht eine derartige, notwendigerweise massierte Offensive ein ganz typisches Standardproblem militärischer Operationen nach sich: Offene Flanken. Diese stellen nun mal nicht nur im Fußball eine ganz wesentliche Schwachstelle der eigenen Operationsführung dar, ermöglichen sie doch einem gut vorgebereiteten Gegner durch einen Stoß in die Seite oder schlimmstenfalls sogar in den Rücken die eigenen Truppen komplett aufzurollen und stark zu dezimieren. Und wie von Major von Dach vorausgeplant, droht auch im hier vorliegenden Fall das Ungemach von Westen aus. Spätestens jetzt nämlich dürfte sich der verbale Generalangriff der germanischen Fiskalreiterei bitter rächen. Der große Gegenschlag befreundeter Streitkräfte könnte durch die kavalleristisch ja ebenfalls stark in Bedrängnis geratenen Luxemburger erfolgen, deren Premier Jean-Claude Juncker ja unlängst gen Berlin zu verstehen gab, die Wunschliste der Bundesregierung sei „eine unannehmbare Einmischung in Luxemburger Angelegenheiten“. Fakten schaffen mit Waffen, diese Option stände der 1.000 professionelle Köpfe zählenden luxemburgischen Armee unter ihrem Oberbefehlshaber Großherzog Henri dann endlich mit realistischen Erfolgsaussichten zur Verfügung. Die deutschen Politiker haben einfach ihren Bismarck nicht verstanden! Dabei wusste doch schon der Eiserne Kanzler, dass die Gefahr eines Zweifrontenkrieges für das geographisch aus militärischer Sicht so ungünstig positionierte Deutschland nur über ein austariertes System politischer Partnerschaften, sprich hinreichend zuverlässiger Nichtangriffspakte, zu bannen sei. Dafür ist es nun – wieder einmal – zu spät.

Wer also mit dem Ausritt der Kavallerie droht sollte sicherheitshalber vorher noch einmal klären, ob es sich bei den wilden und stattlichen Mustangs nicht doch um lahme und störrische Mulis handelt. Dem in Aussicht gestellten Angriff letzterer können die europäischen „Indianer“ jedenfalls relativ gelassen entgegen sehen. Ganz im Gegensatz übrigens zu den „richtigen“ Indianern auf dem Gebiet des heutigen US-Bundesstaates Delaware. Der Konstitution des Bundesstaates voraus ging nämlich ihre militärisch forcierte Ausrottung und Vertreibung – infanteristisch wie kavalleristisch. Dafür befindet sich heute dort die größte Steueroase der Welt, die bis in die Gegenwart unangetastet und unbedroht die Kombination aus anonymen Firmengründungen, maximaler Haftungsbeschränkung und minimaler Steuerbelastung zu wirklich moderaten Preisen ermöglicht. Doch auch wenn deutsche Soldatenentsendungen in dieses Gebiet eine gewisse Tradition haben, zuletzt verramschten vor allem die in Geldnot geratenen hessischen Fürsten des 18. Jahrhunderts ihre Landeskinder in die Neue Welt, erübrigt sich allein ob der maritimen Kapazitäten der Bundeswehr aktuell jede weitere militärische Ambition. Waren es am Ende also doch die moralischen Skrupel, auf die sich Franz Müntefering bezogen wissen wollte? War sein „das geht heute nicht mehr“ dann doch eher erleichternder denn bedauernder Natur? Das soll zugunsten des pulverdampfergrauten Politprofis wohlwollend angenommen werden. Weniger wohlwollend, eher mit Bestürzung, muss zur Kenntnis genommen werden, wie atemberaubend schnell sich die G20 Vertreter noch 2008 in ihrem Kampf gegen alle internationale Steueroasen – also alle mit Ausnahme der zufälligerweise selbst zu den G20 Mitgliedern China, Großbritannien und den USA gehörenden – einig werden konnten und wie schwer es gleichzeitig demselben Kreis seit Jahren fällt, politisch angeordnete oder kodifizierte, systematisch Delikte am Menschen zu sanktionieren.

Quellen:


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