13. Juli 2009

Forschung und Entwicklung Staatliche Förderung schadet dem Wirtschaftswachstum

Erkenntnisse einer wenig bekannt gemachten OECD-Studie

Forschung und Entwicklung, Grundlagenforschung zumal, würde ohne Staat nicht oder nur in sehr vermindertem Umfang stattfinden, so die allgemein akzeptierte Meinung. Weil Wissenschaft ein öffentliches Gut sei. Wenn Wissenschaft nur privat finanziert würde, könnten Wettbewerber die Forschungsergebnisse kopieren und zu geringeren Kosten produzieren. Der Markt bestraft die Forschung, so die Standardlehre der ökonomischen Theorie, wie sie überall gelehrt wird.

Absolut falsch, findet Terence Kealey. In einer am 22. Mai 2009 an der Christchurch College in Oxford gehaltenen Rede präsentierte der Vizekanzler der Universität von Buckingham, der einzigen unabhängigen Universität Großbritanniens, eine ganze Reihe empirischer Fakten, die das eben gesagte als reinen Mythos entlarven.

In den USA, so der Biochemiker, habe es vor 1940 keine staatliche Förderung der Forschung und Entwicklung gegeben. Dennoch ist dieses Land in den fünf Jahrzehnten davor zum unangefochten führenden Land in Forschung und Entwicklung aufgestiegen. Seit 200 Jahren finde in den USA, mit leichten Schwankungen, ein kontinuierliches, stetiges Wachstum von zwei Prozent jährlich statt. Die Einführung staatlicher Forschungsförderung habe daran nichts geändert.

Auch Großbritannien, das im Jahr 1913 mit der staatliche Forschungsförderung begann, benötigte man diese nicht, um zuvor die Industrielle Revolution in Gang zu setzen und mit Hilfe des damit erzielten Wohlstandes ein Weltreich aufzubauen. Der Anlass der damaligen Förderungspolitik war übrigens die Eugenik, „die Klimaerwärmung jener Zeit“, führte Kealey aus.

Der Wissenschaftler verwies auf eine im Jahr 2003 herausgegebenen Studie der OECD, die eine direkte und positive Korrelation zwischen Forschung und Entwicklung und Wirtschaftswachstum nachwies, „aber nur zwischen privater Finanzierung von Forschung und Entwicklung und Wachstum. Es gibt keine Korrelation zwischen öffentlicher Forschung und Entwicklung und Wachstum. Schlimmer noch, es findet Verdrängung statt. Für jede Geldeinheit, die für öffentliche Forschung ausgegeben wird, werden 1,25 Geldeinheiten weniger für private Forschung ausgegeben.“ Somit könne man sagen, dass öffentliche Forschung und Entwicklung dem Wirtschaftswachstum sogar schadet.

Kein Wunder also, dass die OECD diese Ergebnisse ihrer öffentlich zugänglichen Studie nicht gerade hinausposaunt. Auf Seite 84 steht, es sei die private Forschung und Entwicklung, „die die positive Verknüpfung zwischen Forschung und Entwicklung sowie Wachstum antreibt.“ Hinsichtlich der Verdrängungseffekte versucht die Studie jedoch zu differenzieren. In den auf Innovation und Anwendung ausgerichteten Forschung sehe das tatsächlich so aus, bei Grundlagenforschung mit langen Zeitabständen zur Anwendung dagegen nicht. Diese Verknüpfung sei jedoch schwer nachweisbar.

Dagegen führte Kealey aus, dass Regierungen nicht wirklich an reiner Grundlagenforschung interessiert seien. Wer staatliche Mittel für Grundlagenforschung beantragt, müsse immer erst darlegen, wie sich die möglichen Ergebnisse dieser Forschung positiv auf das Wirtschaftswachstum auswirken werde.

Es sei außerdem ein Mythos, dass die Kosten des Kopierens von Forschungsergebnissen niedrig sind. Schon die marginalen Kosten, also die reinen Nachahmungskosten, betrügen 65 Prozent der Originalkosten. Doch man benötigt wissenschaftliches Personal, welches das kopierte verstehen und anwenden kann. Man benötigt Testlabors und alles andere, was zu einem Forschungs- und Entwicklungsarbeitsplatz dazugehört, einschließlich die Kosten für die Teilnahme an wissenschaftlichen Konferenzen, denn auch diese Wissenschaftler müssen ständig auf dem Laufenden bleiben, damit sie das, was sie kopieren sollen, überhaupt verstehen können. Schließt man diese Kosten mit ein, kommt man auf 100 Prozent. Da kann man also gleich selber forschen.

Warum aber glauben so viele Menschen an den Mythos? Ein Grund, so Kealey, sind Anekdoten. Wo wären wir heute, so eine oft gehörte rhetorische Frage, ohne das mit staatlichen Mitteln entwickelte World Wide Web? Die Antwort darauf lautet: „Dezentrale Rechnersysteme“ war eine Idee, deren Zeit Ende der 1980er Jahre gekommen war. Wir hätten wahrscheinlich auch ohne anfängliche staatliche Finanzierung heute das Internet, aber der Erfinder, Tim Berners-Lee, hätte nicht für CERN, sondern für ein privates Unternehmen gearbeitet. Außerdem drängt sich die Gegenfrage auf: Wo wären wir heute, wenn die amerikanische Regierung die Entwicklungsarbeit der Brüder Wright verdrängt hätte?

Seit es öffentliche Förderung gibt, werden in öffentlich finanzierter Forschung Entdeckungen und Erfindungen gemacht. Das ist aber eine Binsenweisheit. Sie wären ohnehin gemacht worden, ist Kealey überzeugt.

Der zweite Grund für die Hartnäckigkeit des Mythos der Notwendigkeit staatlicher Forschungsförderung ist, dass sich die meisten Menschen nicht vergegenwärtigen, wie immens schwierig ist, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu verstehen. Man muss schon ein Wissenschaftler in einem sehr eng verwandten Unterfach sein, um den Inhalt neuer Forschungsergebnisse vollständig und anwendungsfähig zu begreifen. Wissenschaft sei vergleichbar mit dem Recht. Recht ist ein öffentliches Gut. Jeder kann sich im Prinzip vor Gericht selber verteidigen, die Gesetzesblätter sind alle öffentlich zugänglich. Trotzdem engagieren wir im Bedarfsfall Rechtsanwälte, weil das Thema Komplex ist und Experten benötigt.

Zwar erfüllt Wissenschaft die Kriterien eines öffentlichen Gutes – Nichtrivalität und Nichtausschließbarkeit durch Nutzung – ist aber weder ein öffentliches Gut, noch ein privates. Sie sei ein „invisible college good“, denn in der Praxis werde Wissenschaft in „unsichtbaren Kollegien“ organisiert. Peer Reviews seien nichts weiter als auf persönliche Bekanntschaft und Vertrauen gestützte Gegenzeichnungen.

Die Zeit, die nötig ist, um Erfindungen zu kopieren ist meist lang genug, dass der Erfinder einen Monopolstatus aufbauen kann. Doch es sei gut für die Gesellschaft, wenn diese Monopole schließlich gebrochen werden.

Kealey erzählte auch, dass er einmal zu einem Beratungsgespräch mit Margaret Thatcher eingeladen war. „Was dieses Land braucht“, dozierte die damalige Premierministerin, „sind mehr Nobelpreise in den Naturwissenschaften.“ Worauf Kealey einwarf: „Ach, Sie meinen wie die Sowjetunion?“ Die Eiserne Lady darauf: „Seien Sie nicht albern!“ Auf dieser Ebene finden leider die meisten Diskussionen über staatliche Forschungsförderung statt, bedauerte Kealey, weshalb sich an der gegenwärtigen Lage so schnell nichts ändern werde.

Internet:

Terence Kealey: The Myth of Science as a Public Good (Video, 93 Minuten)

The Sources of Economic Growth in OECD Countries, OECD 2003 (PDF)


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