Edgar L. Gärtner

Jahrgang 1949, Hydrobiologe, Wissenschaftsautor.

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„Desertec“-Projekt in der Sahara: Das Märchen vom deutschen Wüstenstrom

von Edgar L. Gärtner

Warum Blender damit rechnen können, von deutschen Journalisten nicht entlarvt zu werden

Ich weiß, warum ich bei Partys meistens zögere, mich als Journalist vorzustellen. Am vergangenen Wochenende brauchte ich mich nicht vorstellen, denn da war ich unter lauter lieben Kollegen. Einer von ihnen, Pressesprecher eines großen Stromkonzerns, schilderte uns die wahren Hintergründe des Medienmärchens vom Solarstrom aus der Sahara. Die Idee, in der Sahara mithilfe von Parabolspiegeln Dampf und Strom zu erzeugen, ist uralt. Schon vor dem Ersten Weltkrieg standen dort erste Solarkraftwerke mit der antiken Solarthermie-Technik. Sie gerieten in den Wirren des Krieges in Vergessenheit.

Der obskure Club of Rome griff vor einigen Jahren die Idee wieder auf. Die im nicht weniger obskuren „Klimaschutz“-Geschäft engagierte Münchner Rückversicherung sah darin neue Geschäftschancen und brachte Stromkonzerne wie E.on und RWE sowie Siemens, die Deutsche Bank, Schott Solar und einige andere deutsche, spanische und italienische Firmen dazu, sich mit jeweils einigen Tausend Euro an einer Vorstudie über die Machbarkeit des vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und von Greenpeace unterstützten „Desertec“-Projektes des Club of Rome zu beteiligen. Dieses sieht vor, mithilfe von Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen zwischen Nordafrika und Westeuropa etwa 15 Prozent unseres Strombedarfs abzudecken.

In allen deutschen Medien war aber nicht von dieser bescheidenen und vorläufigen finanziellen Beteiligung die Rede, sondern von einem „Konsortium von 20 deutschen Firmen“, das sich bereits anschicke, bis zur Jahrhundertmitte nicht weniger als 400 Milliarden Euro in die Erzeugung und den Transport des Sahara-Stroms zu investieren. Doch zu mehr als einer skeptischen Prüfung der Idee hatten sich gerade die genannten Stromkonzerne gar nicht bereit erklärt. Denn deren Mitarbeiter können noch rechnen. So wies RWE-Mann Prof. Dr. Ing. Helmut Alt von der FH Aachen darauf hin, dass solarthermisch erzeugter Strom etwa fünfmal teurer kommt als Strom aus heimischen Kern- oder Braunkohlekraftwerken. Hinzu kämen die Kosten des Stromtransports über 5.000 Kilometer. Erfolge diese mithilfe der bislang für die Leitung von 400 kV Wechselstrom verwendeten Aluminium/Stahlseile mit einem Leitungsquerschnitt von 240/40 Quadratmillimetern, müsse mit Übertragungsverlusten von 50 Prozent gerechnet werden. Wähle man dagegen größere Querschnitte, könne man diese Verluste zwar theoretisch auf 15 Prozent verringern, man benötige dann aber riesige Mastkonstruktionen, die noch nirgends erprobt sind und höchstwahrscheinlich in keinem der möglichen Transit-Länder wie Spanien oder Frankreich akzeptiert würden.

Das kleine Einmaleins reicht also aus, um zu erkennen, dass es schlicht bescheuert ist, 400 Milliarden Euro buchstäblich in den Sand zu setzen, um 15 Prozent unseres Strombedarfs abzudecken, der normalerweise insgesamt weniger als ein Zehntel dieser Summe verschlingt. Aber „Klimaschützer“ und andere politisch korrekte Pläneschmiede wie die Münchner Rück oder Greenpeace können sich hierzulande offenbar inzwischen darauf verlassen, dass selbst Wirtschaftsjournalisten ihre Zahlenspielereien nicht mehr nachrechnen. Reines Wunschdenken ließ viele meiner lieben Kollegen darüber hinwegsehen, dass sie einem „Fake“ aufgesessen sind. Kann man es mir angesichts solcher Erfahrungen verübeln, wenn sich mein Berufsstolz in Grenzen hält und ich oft zögere, mich als Journalist vorzustellen?

Internet

http://www.desertec.org/index.html

http://www.eike-klima-energie.eu/news-anzeige/strom-aus-der-sahara-eine-technisch-nuechterne-betrachtung

http://spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,630981,00.html

09. Juli 2009

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