30. Juni 2009

ef 94 Editorial

Die noch harmlose Vorstufe des Terrors

„Political Correctness“ und „Affirmative Action“ standen im Mittelpunkt einer Konferenz im türkischen Bodrum, von der diese Themen als Schwerpunkt quasi „mitgebracht“ wurden. Worum geht es?

Die Politik der Diskriminierung – „Affirmative Action“ – breitet sich wie ein Geschwür in immer neue private Lebensbereiche aus. „Antidiskriminierungsgesetze“ ersetzen Eigentumsrechte und Vertragsfreiheit. Männer etwa werden immer öfter zu entrechteten Wesen zweiter Klasse. Auch dieses Phänomen, glauben manche, komme wie so vieles zuvor aus den USA. John F. Kennedy gilt als Vater der „Affirmative Action“. Der Historiker Steven Farron führt aus, dass Diskriminierungspolitik wesentlich älter ist und ihren Höhepunkt im nationalsozialistischen Holocaust erreicht hat.

Die Rituale und Tabus der Sprachwächter der Politischen Korrektheit interessieren die meisten Menschen nicht wirklich – und doch wissen sie, was sie sagen dürfen und was nicht. Autobahn zum Beispiel geht gar nicht. Vermutlich hat es noch keine Gesellschaft ohne Sprachtabus gegeben. Aus früheren religiösen Tabus sind heute zivilreligiöse geworden. Insofern bleiben die meisten Menschen gelassen; man mag die Politische Korrektheit nicht, heimlich lacht man auch mal über sie, aber man akzeptiert die Regeln. Neulich hat mir eine Krankenhausärztin erzählt, dass sich andere Ärzte über einen Kollegen unterhalten haben. Man wusste nicht gleich, um wen es ging, weshalb er beschrieben wurde: „Der mit der Brille!“ – „Der mit den dunklen Haaren?“ – „Ja, ich komme auch nicht auf den Namen. Aber ich glaube, er wohnt in Düsseldorf!“ – „Der mit den schicken braunen Schuhen?“ So ging das Gespräch noch eine Weile, bis endlich einer klarstellte: „Er meint unseren schwarzen Kollegen!“

Anstatt zu lachen waren alle etwas peinlich berührt – PC gilt den meisten als hinzunehmendes, kleines Übel. Es gibt drei Minderheiten, die sehen das etwas anders. Linke bejahen meist die Politische Korrektheit vorbehaltlos und halten sie für gut und notwendig. Die zweite, etwas kleinere mir diesbezüglich aufgefallene Gruppe bilden libertäre Theoretiker. Diese behaupten zuweilen, das Phänomen der Politischen Korrektheit diesseits von staatlichen Gesetzen existiere gar nicht. Schließlich werde keiner dazu gezwungen, im Fernsehen aufzutreten und dort das Wort Autobahn zu benutzen. Wer aufgrund falscher Worte seinen Job verliere, der solle sich einfach einen anderen suchen. Wer den dann rufgeschädigt nicht finde, solle die Marktgesetze akzeptieren.

Und dann denke ich an eine dritte Gruppe, an mir bekannte ehemalige Bürgerrechtler aus der DDR, aber auch an andere Osteuropäer. Menschen, die bereits in einem totalitären System gelebt haben, sehen Politische Korrektheit anders als libertäre Theoretiker. Ihnen machen die Vorzeigeopfer und Sprachpranger der PC-Inquisition Angst und sie erkennen in ihr die zuweilen noch harmlose Vorstufe des Terrors. Sie haben der zweiten Gruppe die Erfahrung voraus, dass Politik nicht nur auf Gesetzen, sondern immer auch auf einer religiösen oder pseudoreligiösen Rechtfertigungsgrundlage beruht. Je weniger Politik und (Pseudo-) Religion voneinander getrennt sind und je intensiver die emotional-zivilreligiöse Anheizung und Vorstufe, sagen sie, desto totalitärer am Ende die mögliche Politik. Wir sollten auf diese letzte Gruppe hören!

Auch bei einem schwierigen Thema wünsche ich Ihnen viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn! Wir sehen uns aufgrund der Sommerausgabe erst in zwei Monaten wieder – mit dem Heft zur Bundestagswahl. Bis dahin gilt wie immer: Machen Sie es gut – und denken Sie daran: Kein Fußbreit allen neosozialistischen Ausbeutern! Mehr netto!

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Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 94


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