Ronald Gläser

Jg. 1973, Amerikanist aus Berlin, Medienredakteur bei der "Jungen Freiheit".

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Internetzensur: Vom Iran lernen heißt Siegen lernen

von Ronald Gläser

The making of „Überwachungsstaat“

25. Juni 2009

Im Jahr 2000 war ich auf der Cebit. Damals wurden die ersten ausgereiften Programme zur professionellen Verwaltung von Nachrichtenseiten im Internet (Content-Management-Systeme) vorgestellt. Es gab noch kein Bluetooth, kein Paypal und kein Youtube.

Technikfreaks hatten einen Nokia-Communicator der ersten Generation, das wohl teuerste und leistungsfähigste Gerät seiner Zeit. Der Besitzer konnte damit Word-Texte tippen oder im Internet surfen. Damals war das noch etwas Besonderes!

Deswegen ging ich zu Nokia, um mich über Neuentwicklungen zu informieren. An einem Stand der Finnen erklärte mir ein Nokianer ein neues Gerät, das seine Firma gerade auf den Markt bringt. Den Namen der Box, die ungefähr so groß war wie ein DVD-Player, habe ich vergessen. Aber ich weiß noch, was sie konnte: Internetzugänge überwachen.

Der Nokia-Verkäufer klärte mich auf, wozu dieses Produkt „gut“ ist: Mitarbeiter surfen zu viel privat im Internet. Sie gehen auf Sexseiten oder schauen politisch ungewollte Seiten an. Das will eine Firma verhindern. Also kauft sie diese superschlaue Box. In dieser, die zwischen den Mitarbeiter-PCs und dem Onlinezugang zwischengeschaltet ist, sind Seiten mit unerwünschten Inhalten (Sex, Nazi etc.) gespeichert. Die Daten werden regelmäßig von einem Nokia-Team aktualisiert und online in die Geräte eingespeist. Der Käufer, also der Arbeitgeber, kann ein Profil angeben, welche Seiten er gesperrt haben möchte: Alle Erotikseiten können gesperrt werden, alle rechts- oder linksradikalen Seiten, alle Seiten von Gewerkschaften, alle Emailanbieter oder alle Bank-Seiten, damit die Internetnutzer keine Aktiengeschäfte tätigen können, was mitten in der Dotcom-Blase viel Arbeitszeit aufgezehrt haben dürfte.

Mein erster Gedanke damals: Bei einer Firma, die meinen den Internetzugang zensiert, weil sie mir nicht traut, will ich gar nicht arbeiten. Der zweite Gedanke war: Da werden Regierungen aber scharf auf die Technik sein. Wenn sie das im großen Stil machen, dann können sie ein ganzes Volk manipulieren, wenn es denn so einfach ist, Zugänge zu sperren.

Kontrolle ist für die Herrschenden wie Crack. Sie können einfach nicht genug davon bekommen. Die iranische Regierung zum Beispiel, sie hat sich beizeiten die technischen Voraussetzungen geschaffen, um ihre Bürger noch massiver zu kontrollieren als wir uns das vorstellen können. Und jetzt raten Sie mal von wem!

Nokia Siemens Networks hat den Iranern das Knowhow geliefert, um die Kommunikation der Internetsurfer im Iran zu blockieren, zu überwachen und sogar zu verändern! Zu diesem Zweck wurde ein modernes „Monitoring Center“ bei der iranischen Telefongesellschaft  eingerichtet, berichtet das „Wall Street Journal“, das darin einen Riesenskandal erkannt haben will. Da es sich um einen Monopolisten handelt, ist es für die Mullahs besonders einfach, alle Emails zu überwachen.

Es geht mir nicht darum, speziell das iranische Regime wegen der aktuellen Unruhen zu verurteilen. Im Gegenteil. Persien ist nur die Speerspitze einer Entwicklung, die bei uns genauso stattfindet. Die Iraner haben seinerzeit die Überwachung des Internets aus welchem Grund begonnen? Richtig: Im Kampf gegen die böse Pornographie! Und was versucht unsere Regierung gerade? Sie will aus dem gleichen Grund entsprechende Überwachungs- und Sperrmechanismen einführen…

Bestimmt haben Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen bereits bei Siemens und Nokia angefragt, wie das denn so geht mit der vollständigen Überwachung des Email- und Internetverkehrs. Sie können dann beim nächsten Staatsbesuch Herrn Ahmadinedjad oder dessen Nachfolger fragen, wie man seine Bürger am besten bespitzelt.

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