30. Mai 2009

Wirtschaftswissenschaften Rat für angehende Ökonomen

Streben nach Popularität ruiniert die intellektuelle Redlichkeit, so der Nobelpreisträger F.A. von Hayek

Kürzlich ist in Amerika eine neue Aufsatzsammlung von Friedrich August von Hayek (1899-1992) herausgegeben worden: „The Trend of Economic Thinking“. Auf der Website Lewrockwell.com stellt Jeffrey Tucker, der Vizepräsident des Mises-Institutes, das Werk des prominenten Ökonomen der sogenannten österreichischen Schule vor. Die dort veröffentlichten Zitate werden hier auf ef-online Auszugsweise übersetzt wiedergegeben. Es handelt sich um Auszüge einer Rede, die Hayek im Jahr 1944 in London vor Studenten der Wirtschaftswissenschaften hielt. Darin warnte der spätere Nobelpreisträger seine Zuhörer vor den spezifischen Untiefen einer Karriere als Ökonom:

„Das wissenschaftliche Streben verheißt wenigstens eine Form von Glück, das dem Ökonomen jedoch fast völlig vorenthalten ist. Der Fortschritt der Naturwissenschaften führt zu grenzenloser Zuversicht in die Zukunftsaussichten der Menschheit, und gibt dem Naturwissenschaftler die Sicherheit, dass jeder bedeutsame Wissensbeitrag, den er macht, das Los der Menschen verbessern wird. Das Los des Ökonomen dagegen ist, einen Bereich zu Untersuchen, wo, mehr als fast überall sonst, die Torheit des Menschen offenbar wird.“

Bemerkenswerterweise konnte Hayek im Jahr 1944 noch sagen, dass „der Naturwissenschaftler nicht zweifelt, dass sich die Welt auf bessere und schönere Dinge hinbewegt, dass der Fortschritt, den er heute macht, morgen anerkannt und angewendet wird. Die Naturwissenschaften umgibt ein Glanz, der sich in dem, was angestrebt und empfangen wird, Ausdruck verschafft, in den Preisen, die auf die Erfolgreichen warten und in der Befriedigung, die sie den meisten verschafft. Was ich Ihnen heute sagen will ist die Warnung, dass, wenn Sie irgendetwas davon wollen, wenn Sie, um bei den Mühen, die bei langfristiger Arbeit in allen diesen Fächern notwendig ist, diese eindeutigen Zeichen des Erfolges wollen, Sie die Ökonomie jetzt verlassen und sich einer der glücklicheren Wissenschaften zuwenden sollten.“

Diese „glücklicheren Wissenschaften“, die sich von Weltkrieg, V1- und V2-Bombenterror nicht in ihrem Zukunftsoptimismus beirren ließen, sind heute, nach einem etwa 40 Jahre währenden medialen Trommelfeuer wissenschafts- und technologiefeindlicher Horrorszenarien gar nicht mehr so wohlgemut. Sofern sie nicht vom Staat und ihm nahestehenden Organisationen gekauft wurden, sind Naturwissenschaftler und Ingenieure, wie die intellektuell redlichen Ökonomen, zumindest in Westeuropa und in Nordamerika ein kümmerlicher Überrest von rational Denkenden in einer zunehmend hysterischen Welt. Das aber nur nebenbei. Weiter mit Hayek:

Für den Ökonomen gibt es keine glanzvollen Preise, keine Nobelpreise [1944] und – ich hätte sagen sollen bis vor kurzem – kein Vermögen und keinen Adelsstand [Keynes war der erste]. Aber selbst das Streben nach Lob oder öffentlicher Anerkennung wird Ihre intellektuelle Redlichkeit in diesem Bereich ruinieren. ...

Der gravierendere Grund für die Betrübnis beim Ökonomen ist die Tatsache, dass er nicht darauf vertrauen kann, dass auf seinen Wissensfortschritt notwendigerweise eine intelligentere Handhabung gesellschaftlicher Angelegenheiten folgt, oder dass wir in diesem Bereich überhaupt Fortschritte und nicht Rückschritte machen. Der Ökonom weiß, dass ein einziger Fehler in seinem Bereich mehr Schaden anrichten kann als fast alle Wissenschaften zusammengenommen Gutes tun können – mehr noch, dass ein Fehler in der Auswahl einer Gesellschaftsordnung, ganz abgesehen von der unmittelbaren Auswirkung, die Erfolgsaussichten von Generationen zutiefst beeinflussen kann.

Der Grund für die hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein zu absichtliches Streben nach unmittelbarer Anwendbarkeit die intellektuelle Redlichkeit des Ökonomen korrumpiert, ist, dass unmittelbare Anwendbarkeit fast gänzlich vom Einfluss abhängt; und Einfluss ist am einfachsten zu erlangen, indem man beliebten Vorurteilen entgegenkommt und existierende politische Vorgaben einhält. Ich glaube ernsthaft, dass jegliches Anstreben solcher Popularität – zumindest, bevor Sie sich Ihrer eigenen Überzeugungen wirklich sicher sind, für einen Ökonomen verhängnisvoll ist und dass er den Mut haben muss, unpopulär zu sein.“

Hayek selbst war im Hinblick auf makroökonomische Planung und das Zentralbanksystem durchaus knallhart und kompromisslos, worauf Jeffrey Tucker, der Vizepräsident es Mises-Institutes, im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Londoner Rede hinweist. Selbst als der große Keynes-Kritiker im Jahr 1974 den Nobelpreis schließlich doch bekam, „nahm er die Gelegenheit wahr, mit der Korruption der Wissenschaft hart ins Gericht zu gehen und gegen den Weg, den das wirtschaftswissenschaftliche Establishment eingeschlagen hatte, eine vernichtende Anklage zu erheben.“

Jeffrey Tucker, Vizepräsident des Mises-Institutes, weist im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Londoner Rede jedoch darauf hin, dass Hayek im Hinblick auf makroökonomische Planung und das Zentralbanksystem durchaus als knallhart und kompromisslos gilt – damals wie heute. Selbst als er im Jahr 1974 den Nobelpreis schließlich doch bekam, „nahm er die Gelegenheit wahr, mit der Korruption der Wissenschaft hart ins Gericht zu gehen und gegen den Weg, den das wirtschaftswissenschaftliche Establishment eingeschlagen hatte, eine vernichtende Anklage zu erheben.“

Hayeks kompromissbereiter erscheinende Einstellung in anderen Bereichen – er erkannte zum Beispiel grundsätzlich eine soziale Rolle des Staates an, wandte sich aber entschieden gegen den Missbrauch des Sozialstaats für partikulare Interessen – erklärt sich Tucker damit, dass der Ökononom beobachtet hatte, wie sich sein Lehrer von Mises aufgrund seines unversöhnlichen Radikalismus selbst ins Abseits stellte und überhaupt kein Gehör mehr fand. „Hayek entschied für sich, nicht diesen Weg zu gehen, und zwar nicht, weil er gewillt war, Verrat zu begehen, sondern weil er verzweifelt nach einer Möglichkeit suchte, die Chancen für die Ideen der Freiheit zu erhöhen.“

Insgesamt kann man sagen, dass diese Strategie, wenn sie denn eine war, aufgegangen ist: Inzwischen findet, wie ef-online kürzlich berichtete, auch Mises im Mainstream wieder Gehöhr – wenn auch sehr zaghaft und zögerlich.

Internet:

Jeffrey Tucker: Hayek on Courage and Corruption (LewRockwell.com)

Robert Grözinger: Vorsichtiges Herantasten an verworfene Ideen (ef-online)



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