27. Mai 2009

Karl-Heinz Kurras und die Stasi Geschichte wird gemacht, es geht voran

Wenn alte 68er diskutieren

Wenn alte 68er mit sich selbst diskutieren, dann kannste was erleben. Das Establishment der Medienrepublik ist zweigeteilt: Hier alte 68er, die sich noch als Linke verstehen. Sie sind sich in der „Süddeutschen“ oder der „taz“ einig darin, dass die Offenlegung der Stasitätigkeit des Mörders von Benno Ohnesorg „unerheblich“ sei. Dort alte 68er, die jetzt im „Spiegel“ und vor allem der „Welt“ schreiben, und die behaupten, dass anhand der neuen Erkenntnisse über Karl-Heinz Kurras ihre Geschichte ein wenig umgeschrieben werden müsse.

Nun könnte man meinen, dass diese zweite Fraktion der Meinungsbildner plötzlich selbstkritisch geworden sei. Dass nach 42 Jahren der Politisierung aller Lebensbereiche, die man sich von Beginn an auf die damals roten Fahnen geschrieben hat, plötzlich doch einmal nach den Ergebnissen gefragt würde. War die Politisierung der Bildung ein Erfolg? Die Politisierung der Intimität und der Sexualität? Die Politisierung der Wirtschaft? Die Politisierung der Kunst? Der Umwelt? Des Essens und des Trinkens? Der Moral? Der Kinderbetreuung? Des Einkaufsverhaltens und der Einwanderung? Der Straße und des Verkehrs? Alles wirklich eine Erfolgsgeschichte?

Na klar, sagen die immer-noch-linken alten 68er. Sicher doch, stimmen die neokonservativen alten Kameraden ein. Schauen wir beispielhaft auf den Kommentar des Chefredakteurs der Tageszeitung „Die Welt“. Der ehemalige Gründer der Gruppe Revolutionärer Kampf Thomas Schmid meint: „Die Enthüllung gibt Anlass, über die 68er-Bewegung neu nachzudenken.“ Ein Anlass, den er sieht – und konsequent nicht nutzt. Denn für ihn existiert „kein Zweifel, die Republik war vor 42 Jahren weniger zivil als heute und es gab guten Grund, auf die Straße zu gehen.“ Auch über die zweite Zweifellosigkeit des heutigen Chefangestellten hätte sich Verlagsgründer Axel Caesar womöglich sehr gefreut: „Kein Zweifel auch, dass in den überhitzten Jahren 1967 und 1968 einige Blätter dieses Hauses sich im Ton vergriffen.“

Kein Zweifel, die 68er zwingen heute selbst noch ihren einstigen Widersachern das richtige Schuldbewusstsein und Unterwerfungsritual auf. Originell ist das nun nicht gerade. Gewitzter wäre ein „Welt“-Chef, der nach den späten Enthüllungen die alten Schmähungen der Springerpresse noch einmal ausführlich dokumentiert und darunter schreiben lässt: „Wir hatten eben doch recht!“

Nur ist die Machtfrage entschieden. Auch der Kollege von der „Bild“ ist längst bei der „taz“ Anteilseigner.

Worum aber streiten sie dann? Schmid erklärt das so: „Die Bundesrepublik Deutschland war auch damals schon ein demokratischer Staat. Weniger entwickelt als heute, aber nicht das post- oder präfaschistische Monster, als das er vielen damals galt.“ Mit anderen Worten: „Wir 68er haben durch Reformen gewonnen und nicht durch eine Revolution.“

Als wenn das die andere Seite derselben alten Medaille bestreiten würde. Der Unterschied besteht im bei den Neokonservativen fehlenden schlechten Gewissen ob dieser Entwicklung. Natürlich wissen auch die linksgebliebenen Kollegen, dass ihnen der Marsch durch die Institutionen geglückt ist. Doch sie träumen immer noch gerne von der Revolution – und dazu gehört das Feindbild der damals eben auch schon permanent zu lauern gehabt habenden rechten Gefahr. Für sie bleibt der Stasi- und SED-Genosse Kurras trotz allem ein Faschist. So einfach ist das.

Und Schmid und seine neokonservativen Freunde sagen nun: Nein, er war kein Faschist und die Republik war auch gar nicht so faschistisch. Vielmehr war alles nur eben halbdemokratisch und „wir“ haben das Land „erfolgreich“ zuendedemokratisiert. Wie schön….

Die eigentlich Pointe des Falles Kurras wird weder von Schmid noch von seinen Ex-Genossen berührt. Der Punkt ist der, dass nun eine reine Inszenierung offengelegt wurde. Am Beginn der kulturrevolutionären Dauerpolitisierung stand ein Schuss eines Geheimdienstlers. Auch der Journalist, der den angeschossenen Studenten Ohnesorg als erster fotographierte, und der am besagten Tage von Beginn an stets neben Kurras herlief, war, das wissen wir heute, Stasimann.

Die Pointe ist, dass der Vorhang der Inszenierung vom „Kampf gegen Rechts“ für einen Moment gelüftet wurde. Dahinter verbergen sich noch ganz andere Schauspiele. Denken wir etwa an die bekannte Retortenpartei des Verfassungsschutzes, die NPD. An unzählige Hakenkreuzritzereien und Schmierereien, die sich als Theater herausstellten. In Zeiten des Kalten Krieges oft auch als Bühnenstück unter der Regie der Stasi. Oder denken wir an das neue Phänomen „autonomer Nationalisten“, an deren Inszenierung durch Geheimdienste kaum ernsthafte Zweifel bestehen können.

Am 2. Juni 1967 gab Karl-Heinz Kurras den Startschuss für eine erfolgreiche Rundum-Politisierung unseres Lebens, miesepetrig pädagogisch gerechtfertigt von der ewigen deutschen Schuld und der immerwährenden Gefahr. Für einen kurzen euphorischen Moment der plötzlich verdammt apolitischen und vor allem gutgelaunten Wiedervereinigung wurde die Macht dieser Politik in Frage gestellt. Dann kamen im August 1992 die Krawalle von Rostock-Lichtenhagen und der permanente Aufstand der Anständigen gegen jede Infragestellung dieses Schauspiels wurde mobilisiert – eine heute oft ins Groteske abgleitende Seifenoper. Es gibt Menschen, die sagen, die Ereignisse in Mecklenburg-Vorpommern wurden von Geheimdiensten bewusst angeheizt und gesteuert.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige