20. Mai 2009

Krieg und Frieden Vom Stahlgewitter zur Schönheitschirurgie

Die Schicksale der Connie Culp, Isabelle Dionoire und der deutschen Landser

Connie Culp hat ein neues Gesicht. Das ursprüngliche, natürliche Antlitz wurde ihr 2004 von ihrem Ehemann genommen. Dieser hatte seinerzeit eine Schusswaffe auf den Kopf seiner Frau gerichtet, aus nächster Nähe abgefeuert und ihr dabei einen Großteil der vorderen Gesichtspartie im wahrsten Sinn des Wortes weggeschossen. Jetzt, nach gut 5 Jahren und über 30 Operationen gelang es den behandelnden Ärzten aus Cleveland, Ohio/USA, in einem letzten, 22stündigen Eingriff unter Zuhilfenahme von Spendergewebe gut 80 Prozent von Connie Culps Gesichts zu rekonstruieren. Noch nie zuvor wurde ein derart komplexer plastischer Eingriff am Gesicht eines lebenden Menschen mit Erfolg vorgenommen. Dabei ist es gerade einmal vier Jahre her, dass erstmalig körperfremdes Gewebe zur Rekonstruktion einer Gesichtspartie zum Einsatz kam. Im Jahr 2005 wurde an der Französin Isabelle Dinoire, der zuvor ein Hund die untere Gesichtspartie zerfleischt hatte, in Paris die erste Gesichtstransplantation der Medizingeschichte vorgenommen. Sowohl Connie Culp als auch Isabelle Dinoire hatten jeweils ihr Gesicht im doppelten Sinn verloren. Und auch wenn die Gesichtszüge beider Patientinnen nach deren Wiederherstellung auf den ersten Pressefotos noch aufgedunsen und verzerrt wirken mögen, ist ihnen das selbständige Atmen und die Aufnahme von Nahrung, ein selbst bestimmtes Leben also, wieder möglich. Es ist jedoch nicht nur die Rekonstruktion und Regeneration biologischer Vitalfunktionen, die an diesen Fällen fasziniert, nein, jenseits aller medizinischer Aspekte die einmalige Fähigkeit der plastischen Chirurgie, den äußeren Ausdruck menschlicher Identität schlechthin zu erschaffen, die Potenz, zumindest das soziale Leben zu reanimieren. Ausgerechnet die plastische Chirurgie, jenes profan materielle Stiefkind der hippokratisch vereidigten Wissenschaft, erweist sich als dialektischste aller ihrer Disziplinen. Deren mediale Banalisierung im Zuge der Bewältigung lästiger Alltagsprobleme, seien es Falten oder Fettpolster, Vergrößerungen oder Verkleinerungen, Straffungen oder Spritzen, kontrastiert mit der jener atemberaubenden Fähigkeit, Freiheit und Individualität schenken zu können.
Dabei sind die Anfänge der modernen, professionellen Schönheitschirurgie weniger dem ästhetischen Korrektiv als vielmehr der rekonstruktiven Formgebung geschuldet. Ihre Anfäng gehen auf einen der historisch bedeutsamsten und gleichzeitig grauenhaftesten Wendepunkte der Militärgeschichte zurück, der, gleichzeitig einen gewaltigen Strukturbruch markierend, im Ersten Weltkrieg kulminierte. Vorläufig zum letzten Mal vereinigte sich auf den Schlachtfeldern Europas militärischer Anachronismus mit den Ansätzen der heutigen konventionellen Kriegsführung. Die tradierten Kampfweisen und Aufstellungen, lineare Formationen, Reiterattacken mit gezückten Blankwaffen und grellbunte Uniformvielfalt trafen wechselseitig auf die moderne Massenfeuerkraft des Industriezeitalters. Maschinengewehrsalven und Artilleriefeuerwalzen unbekannten wie ungeahnten Ausmaßes brachten Angriff um Angriff, Gegenoffensive um Gegenoffensive zum Stehen. Was folgte, war ein vierjähriger Stellungskrieg, in dem keine der vergleichbar ausgestatteten Kräfte den Sieg herbeizuführen vermochte. Der klassische Infanterieangriff auf breiter Front hatte eigentlich ausgedient und blieb doch bis zum bitteren Ende in den Planungen der Feldherren die einzig denkbare Option zur Herbeiführung einer Entscheidung. Selbstverständlich blieb auch in diesem Waffengang nichts unversucht, bereits bestehende technische Neuerungen nun auch militärisch zu verwerten. Die führte neben der Entwicklung von Tarnanzügen, Stahlhelmen, Stacheldraht und Pioniergerät auch zur militärischen Nutzung der bis dato zivilen Innovationen der Kommunikationstechnik, Luft- und Kraftfahrzeugen sowie zur wohl grausamsten Zweckentfremdung chemischer Produkte. Dennoch war mit diesen in den Kinderschuhen steckenden und strategisch schlecht da erst neu einzuordnenden Hilfsmitteln kein Durchbruch zu erzielen. Die Gedankenwelt der politischen wie militärischen Planer kreiste größtenteils noch in jenen Zeiten und Sphären, die zwar in den Kriegsakademien gelehrt wurden, die jedoch die technische Realität aber längst überholt hatte. Eine technische Realität, die erstmalig ganz ohne den Einfluss genozidaler Gewaltexzesse innerhalb kurzer Zeit Millionen Menschenleben kosten sollte, ohne dem Ziel auch nur ein Stück näher zu kommen. Niemals zuvor hatte es solch immense Tagesverluste an personellen Ressourcen gegeben, wie auf den Schlachtfeldern der Westfront zwischen 1914 und 1918. Sie wurden von einigen Teilnehmerstaaten selbst im nächsten Waffengang globaler Dimension nicht wieder erreicht. So forderte die viereinhalb Monate währende Schlacht an der Somme im Jahr 1916 über eine Millionen Tote auf beiden Seiten, allein am erster Tag der Auseinandersetzung, dem 1. Juli 1916, fielen knapp 20.000 Soldaten allein auf Seiten der Briten, ein Drittel dessen, was die US-Streitkräfte im Laufe ihres 10jährigen Vietnamengagements zu beklagen hatten.

Es ist wohl diese in Quantität wie Qualität ungeheuerliche, einmalige Schlachterei unter modernen, aufgeklärten Menschen, die den Ersten mehr noch als den Zweiten Weltkrieg zum Synonym des ebenso grauenhaften wie sinnlosen Massentötens wie -sterbens werden ließ. Diese Betrachtung gilt jedoch nicht nur für die Toten, jenen gefallenen Söhnen, Brüdern und Vätern, denen bis heute so zahlreiche Ortschaften Gedenkstätten gewidmet haben, sondern mehr noch für die Schwer- und Schwerstverletzten, deren Schicksal im umgekehrten Maße tabuisiert wurde. Die aus der Anwendung der neuen Technologien resultierenden, durchaus wörtlich zu nehmenden Stahlgewitter entstellten ihre überlebenden Opfer in derart großer Zahl in so grauenhafter Form, dass deren Behandlung die experimentelle plastische Chirurgie begründete. Es handelte sich nicht um jene Menschen, denen durch Verlust von Armen oder Beinen mit Prothesen Abhilfe verschafft werden konnte, sondern um jene, von deren Gesicht oft kaum mehr als ein Klumpen aus Fleisch, Blut und Knochen übrig geblieben war. Ihre Bilder erinnern in frappierender Weise an jene Connie Culps oder Isabelle Dinoires vor deren Wiederherstellung und ebenso wie diese flüchteten sie sich in die Anonymität. Der Marsch durch den Fleischwolf des Krieges hatte sie nicht nur der Gesundheit, sondern auch ihrer Identität beraubt. Sie wurden zu lebenden Personenkennziffern die ihre Identität, ihren Namen, ihr soziales Sein austilgen ließen. So grausam waren ihre Verstümmelungen, dass sich viele für tot erklären ließen um sich nicht ihrer Umwelt, ihren Familien und Freunden sowie die Reaktion derselben sich selbst gegenüber nicht zumuten lassen mussten. Sie darbten auf Lebenszeit in den Verwahranstalten der Veteranen, eine Lebenszeit, die dann oftmals durch einen chirurgischen Eingriff oder dessen Folgen endete. Es existieren zahlreiche Mahnmale gegen kriegerische Gewalt. Dennoch vermögen es die literarischen Klassiker Ernst Jüngers und Erich Maria Remarques bei aller sprachlichen Brillanz kaum, die plastisch beklemmende Eindringlichkeit der schwarzweißen Photographien jener namenlosen Männer zu übertreffen, deren gesichtslose, zum Teil lediglich das Gehirn haltende und mit dem Torso verbindende Köpfe einem Horrorstummfilm gleich dem Betrachter das reale Grauen dauerhafter Pein, einer Hölle auf Erden gleich, vermittelt. Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Wer heute noch wie dereinst ein Jucken in der Säbelspitze spüren sollte, findet in den Stummen ein optisch starkes Gegenmittel. Der gesichtslose Soldat symbolisiert wie niemand sonst die Klimax jener Kombination aus technisierten Massenheeren und ideologisierter Nationalstaatlichkeit, die mit der Napoleonischen Ära erstmals in der Neuzeit gesamteuropäische Dimension erlangen sollte. Sein letztlich erfolgreicher Gegenspieler, der britische Feldmarschall Arthur Wellesley, besser bekannt als Herzog von Wellington, wusste diesen Umstand wenigstens noch zu demütig zu würdigen, als er nach seinem ebenso blutigen wie verlustreichen Sieg über den französischen Gegner bei Waterloo resümierte: „Außer einer verlorenen Schlacht ist eine gewonnene Schlacht das Traurigste, was es gibt.“ Und völlig zu Recht klassifiziert der preußische General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz zeitgleich den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, was im Umkehrschluss nichts anderes heißen kann, als dass eine totale Politisierung auch totale Kriege hervorbringt. Die sukzessive praktischen Umsetzung einer sich ab den 16. Jahrhundert ausbreitenden Staatswissenschaften in Kombination mit reichlich vorhandenem „Menschenmaterial“ sollte den Humus der totalen Enthumanisierung kriegerischer Handlungen forcieren. So wurde Politik im 20. Jahrhundert nicht nur total, sondern schließlich zum größten wie auch hochgradig unterschätzten Lebensrisiko des Menschen. Der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge zählt 15.000 Kriege in den letzten 5000 Jahren, sie kosteten bis 1900 circa 40 Millionen Menschen das Leben, weitere 100 Millionen wurden Opfer regierungsamtlicher Massentötungen, so genannter Demozide. Doch allein zwischen 1990 und 1993 forderten, konservativ geschätzt, Kriege 34 Millionen und Demozide 170 Millionen Menschenleben. Dass heißt, dass circa drei Prozent der in diesem Zeitraum lebenden Menschen direkte Opfer der Politik wurden. Trotz all dieser Dokumente des Grauens, das wohl fatalste Dilemma der Menschheit ist und bleibt, dass sich einseitig gepflegte Gewaltlosigkeit mit der Fragwürdigkeit eines Prinzips konfrontiert sieht, welches durch eben diese alle anderen Werte korrumpiert. Und mit Prinzipien allein lässt sich nichts verteidigen, schon gar nicht die Freiheit, die sich schlichtweg nicht korrumpieren lässt. Gönnen wir also Connie Culp und Isabelle Dinoire ihre neuen Gesichter, ihre neu gewonnenen Leben und vergessen wir einstweilen nicht jene, die hierzu gleich doppelt die irdische Hölle durchschreiten mussten.


Quellen:


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