03. Mai 2009

Konservativ-subversive Aktion in Chemnitz Das imperialistisch-propagandistische Machwerk des Klassenfeindes Benjamin Jahn Zschocke ist erfolgreich vernichtet worden!

Interview mit dem libertären Aktivisten Marco Kanne

Marco Kanne, Betreiber der Website Opponent.de, fordert eine neue Form von libertärem Aktivismus. ef-online sprach mit ihm nach seiner ersten subversiven Aktion im Rathaus der Stadt Chemnitz.

ef: Mit FDJ-Hemd bekleidet überbrachten Sie während einer kommunalen Ratssitzung der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) die frohe Botschaft: „Das imperialistisch-propagandistische Machwerk des Klassenfeindes Benjamin Jahn Zschocke ist erfolgreich vernichtet worden.“ Die ehemalige FDJ-Sekretärin verließ daraufhin entnervt den Saal. Was war in wenigen Worten der Anlass der Aktion? Um welches Kunstwerk ging es?

Kanne: Der Anlass war die Zerstörung beziehungsweise Übermalung eines Wandbildes in einer Schule durch die Stadtoberen in Chemnitz. Das Bild wurde im Auftrag der Schulverantwortlichen durch den Künstler Benjamin Jahn Zschocke angefertigt.

ef: Und sollte nun, weil der Künstler ein vermeintlich „Rechter“ ist, vernichtet werden.

Kanne: Richtig. Zu diesem schon für sich barbarischen Akt gegen die Kunstfreiheit kommt noch ein aus meiner Sicht sehr wichtiger zweiter Punkt: Jahn Zschocke wurde für seine Arbeit nicht aus Steuermitteln bezahlt, wie dies bei „linken“ beziehungsweise konformistischen Künstlern regelmäßig der Fall ist, sondern mit den privaten Geldern des Fördervereins der Schule. Übrigens scheint die Missachtung der Kunst aus politischen Gründen in Chemnitz unselige Tradition zu sein. Ein im Stadtverordnetensaal angebrachtes Wandbild des Künstlers Max Klinger war während der Zeit beider sozialistischer Diktaturen verhängt worden.

ef: Wie reagierten die Kommunalpolitiker auf Ihre Aktion?

Kanne: Das Überraschungsmoment lag ja auf meiner Seite, so dass die Stadträte natürlich erst einmal überrumpelt wurden. Jedoch scheint gerade bei der in „Die Linke“ umbenannten SED die „alte Schule“ im Umgang mit „Klassenfeinden“ noch präsent zu sein. Aus dieser Ecke stürmten sofort Abgeordnete auf mich zu und schubsten mich unter Beschimpfungen aus dem Saal heraus. Damit war die kleine Aktion aber noch nicht beendet. Nachdem ich informiert wurde, dass auch die konservative Fraktion gegen den sozialistischen Wahnsinn protestierte, bin ich nochmals in den Saal, um diesen Abgeordneten meine Solidarität entgegenzubringen. Einiges, was ich dabei in Richtung der herumstehenden Stadträte der anderen Fraktion äußerte, hat offenkundig sowohl diese als auch die anwesenden Journalisten verwirrt. Ich bin denen wohl ganz eindeutig nicht „rechts“ genug, um mich verhetzen zu können. Da wird das Ganze lieber totgeschwiegen.

ef: Ihr Protest stand unter dem Label der „Konservativ-subversiven Aktion (KSA)“, die schon einige ähnliche Handlungen nach Machart alter 68er Störaktionen initiiert hat. Die Aktionen erfolgen also in linker, sozialistischer Tradition und unter rechtskonservativer Flagge? Wie ordnen Sie selbst sich politisch ein?

Kanne: Ich selbst sehe mich nicht als gesellschaftlich Konservativen, sondern als Libertären, genauer: als Anarcholiberalen oder wie auch immer man es nennen mag, wenn jemand für eine freie und offene Gesellschaft eintritt, in der die Initiierung von Zwang und Gewalt gegen das natürliche, unteilbare und ausschließliche Recht eines Menschen auf sein Leben, seine Freiheit und sein Eigentum als das angesehen wird, was es ist: ein Verbrechen – auch und gerade dann, wenn dieses Verbrechen durch jene Gruppe von Männern und Frauen begangen wird, die sich selbst als „Staat“ bezeichnet. Der Kreis hinter der KSA ist jedoch ohnehin ein sehr bunter und im besten und richtigen Sinne toleranter. Dort kommen rechtskonservative Hardliner, rechte Ökos, freiheitliche Konservative, Rechtsliberale und eben auch Libertäre wie meine Wenigkeit zusammen, um gemeinsam dem miefigen und autoritären Ungeist des sozialistischen Establishments gewaltfreien und kreativen Widerstand entgegensetzen.

ef: Außer ein sehr verzerrender Artikel in der Lokalzeitung und einiger Belobigungen durch konservative Internetseiten wurde nirgends über Ihre Aktion berichtet. Dennoch ein Erfolg?

Kanne: Mit Sicherheit. Unter der Hand habe ich sogar positive Rückmeldungen von Stadträten der FDP erhalten, die wegen der Aktion auf mich zugekommen sind. Und auch andere Menschen, die von der Aktion hörten oder dabei waren, haben mich angesprochen. Das geht von Mund zu Mund, da braucht es eine Berichterstattung durch die ziemlich grottigen Lokalmedien in Chemnitz gar nicht.

ef: Haben Sie Pläne für ähnliche Aktionen in der Zukunft?

Kanne: Ich plane gerade den Aufbau eines Netzwerkes für aktionsorientierte Liberale und Libertäre, ähnlich der KSA, aber mit einer Art „Facebook“ als Grundlage, um die Vernetzung effizienter zu gestalten. Denn immer wieder werde ich von freiheitlich denkenden, meist jungen Menschen angesprochen, die sich ganz konkret für die großartige Sache der Freiheit engagieren wollen. Und zwar jenseits starrer, schwerfälliger und miefiger Parteistrukturen. Das sind Leute, denen es lange nicht mehr ausreicht, nur vor dem Rechner sitzend Kritik an den herrschenden Zuständen, an staatlicher Ausbeutung, Unterdrückung, Überwachung, Zensur und so weiter, zu üben. Das Potenzial für liberalen Aktivismus ist da, aber es fehlen die Strukturen. Das muss sich ändern. Und das will ich ändern.

Internet

Marco Kanne betreibt die Website Opponent

Youtube-Video der Aktion

Ungebeten – die Konservativ-subversive Aktion (KSA)


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