28. April 2009

ef 92 Editorial

Das Jahr der großen deutschen Jubiläen

2009 ist das Jahr der großen deutschen Jubiläen. In den Feuilletons wollen bewältigt und gefeiert werden: 2000 Jahre Sieg über die Römer durch Hermann dem Cherusker. 90 Jahre Versailler Vertrag. 70 Jahre Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. 60 Jahre Gründung der beiden deutschen Teilstaaten. Und schließlich 20 Jahre Mauerfall. In anderen Kulturen und vor allem zu anderen Zeiten hätten in einem solchen Jahr Heldengeschichten Hochkonjunktur. Nicht so im Land der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit.

Warum das so ist, erklärt der Schriftsteller und Journalist Michael Klonovsky in seinem Schwerpunktartikel dieser Ausgabe. Helden stehen oft auf verlorenem Posten. Ihre Lage erscheint zuweilen aussichtslos. Helden schwimmen nicht mit dem Strom. Das macht sie auch heute so wertvoll. Entscheidend ist am Ende nicht der Erfolg, sondern die Haltung. Helden sind damit keine demokratische Angelegenheit.

Die Demokratie hat den modernen Massenmenschen erschaffen und trifft eine negative Führungsauslese, so der Wiener Wirtschaftsphilosoph Rahim Taghizadegan in seiner unzeitgemäßen Betrachtung über unseren Gott, der keiner ist. Einiges spricht dafür, dass die unkritische Demokratieextase uns bald so fremd und unwirklich vorkommen wird wie heute die Begeisterung für die Volksgenossenschaft oder den Kaiser. Das Ende der Geschichte jedenfalls fällt in Krisenzeiten ganz sicher aus.

Vielleicht sind eigentümlich freie Betrachtungen wie die von Klonovsky und Taghizadegan selbst ein wenig heldenhaft – denn ist es gänzlich auszuschließen, dass man für solche Frechheit gegen den Zeitgeist nicht schon morgen wieder an die Wand gestellt wird? Der Totalitarismus jedenfalls schreitet dieser Tage beängstigend schnell voran.

Doch keiner weiß, was morgen wird. Wenn plötzlich Helden mitmischen, schon gar nicht. Die kleptokratischen Hochsteuer- und Sozialstaaten stehen wie einst das zusammenbrechende Sowjetimperium mit dem Rücken zur Wand. Das ist der Hoffnungsschimmer. Das macht den wankenden Riesen aber auch so gefährlich. Steinbrücks Brachialrhetorik ist da vermutlich nur ein Vorgeschmack. Die chinesische Lösung lag auch vor 20 Jahren in Leipzig sehr, sehr nahe (Waffen und Munition dazu waren in den Volksarmeekasernen rings um die Stadt bereits verteilt, die Nachrichten- und Kontaktsperre seit Tagen intakt, das Ausrücken wurde in letzter Sekunde wie durch ein Wunder abgebrochen).

Am Ende wird es wieder auf Einzelne ankommen, auf den Stolz und die Würde von Persönlichkeiten mit Charakter, da wo sie noch nicht verlorengegangen sind.

In diesem Sinne: Kopf hoch! Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern aller Parteien! Mehr netto!

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 92.


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