Ronald Gläser

Jg. 1973, Amerikanist aus Berlin, Medienredakteur bei der "Jungen Freiheit".

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Moderne Hexenjagd: Müssen Künstler links sein?

von Ronald Gläser

Eine Wandmalerei in Chemnitz wird zum Politikum

Das gestrige „Thema des Tages“ auf der Internetseite der Stadt Chemnitz war die „Gründungsveranstaltung der Stefan-Heym-Gesellschaft am Samstag“. Mit großer Mehrheit und „in ehrendem Gedenken an ihren Sohn und Ehrenbürger“ hatten die Stadträte für die Gründung dieses Vereins gestimmt, heißt es dort.

So weit - so gut. Chemnitz ehrt einen großen Künstler. Wer war dieser Stefan Heym, der zahlreiche Bücher geschrieben hat und 2001 verstorben ist? Als Jude und Kommunist musste er aus Deutschland fliehen. Er ging in die USA. Dort betrieb er zunächst kommunistische, im Krieg dann vor allem antideutsche Propaganda im Auftrag der US-Armee. Wegen seiner kommunistischen, prosowjetischen Einstellung geriet er nach dem Kriegsende in den Streit mit den Amerikanern und verabschiedete sich alsbald ins Reich Stalins - erst nach Prag (1952), dann in die neu gegründete DDR (1953). Dort fühlte er sich wohler als im freien Westen. Seine Anhänger sagen, er sei in der DDR nicht hundertprozentig linientreu gewesen. Tatsache ist aber, dass er ein ziemlich privilegiertes Leben unter Ulbricht und Honecker führen durfte. Nach der Wende ergriff er (aus Dankbarkeit?) Partei für die PDS und kandidierte für den Bundestag, den er 1994 als Alterspräsident eröffnen durfte.

Für diese Ikone der Linken setzt sich die Stadt Chemnitz ein.

Für Benjamin Jahn Zschocke hat die Stadt nichts übrig. Dieser preisgekrönte 22jährige hat ein Wandgemälde an einer Berufsschule angebracht, das morgen übermalt werden soll. Der Grund: Zschocke ist kein Linker, ist nicht politisch korrekt. Er arbeitet für die Stadtratsfraktion der kleinen, rechten Partei Pro Chemnitz. Das macht sein Wandbild, das völlig unpolitisch ist, zum Politikum.

Zschocke und Heym sind ein unterschiedliches Kaliber – keine Frage. Heym war ein großer Autor, Zschocke steht erst am Beginn seiner schöpferischen Karriere. Aber das Verhalten der Stadt ist dennoch bemerkenswert: Der eine wird posthum geehrt und auf den Sockel erhoben, obwohl er bis an sein Lebensende der fatalen Ideologie von Marx und Lenin angehangen hat; der andere darf noch nicht mal eine „städtische“ Wand bemalen, nur weil er für eine Splitterpartei arbeitet, die rechts steht – und nicht links.

Wäre Zschocke bei der Linkspartei, so gäbe es keinen „Skandal“.

Wäre er bei der SPD, so gäbe es keinen „Skandal“.

Wäre er bei den Grünen, so gäbe es keinen „Skandal“.

Aber weil er bei Pro Chemnitz ist, macht sich jetzt der CDU-Bürgermeister dafür stark, die Malerei entfernen zu lassen. Das sind die Mechanismen eines totalitären Herrschaftssystems. Jemand wird ausgegrenzt, weil er der falschen Religion, der falschen sexuellen Orientierung oder – wie hier - der falschen Weltanschauung zuzurechnen ist. Nicht, weil es an dem Werk der betreffenden Person wirklich etwas auszusetzen gäbe. So sieht die „Toleranz und das friedliche Zusammenleben“ aus, die zu fördern die Stadt Chemnitz vorgibt. Auch nachzulesen auf ihrer Internetseite.

Internet

16. April 2009

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