06. April 2009

TV-Kritik Anne Will und die Kindergangster

Über fehlende Manieren und abhanden gekommene Selbstverantwortung

So kennen wir das öffentlich-rechtliche Bezahlfernsehen: Mehr als eine Stunde wurde bei Anne Will am Thema „Kinder-Gangster“ vorbeigeplaudert. Es ging um schwere Gewalttaten von Jugendbanden. Es ging um zunehmende Brutalität. Aufhänger war ein zuvor gezeigter Fernsehkrimi aus der Serie Polizeiruf 110.

Eine Fiktion also. Und eine folgende Gespensterdiskussion. Der Hintergrund aber ist Wirklichkeit. Beginnen wir mit einem kleinen Lichtblick: Immerhin wurde an diesem Abend nämlich deutlich, dass Kriminalität fast immer eine Milieufrage ist. Sie findet tatsächlich in weit überwiegendem Maße nicht – wie es fälschlich in fast allen anderen Fernsehkrimis von ARD und ZDF den Anschein hat – in den von Anne Will so titulierten Lackschuhstraßen statt, sondern in den Hartz-IV-Gegenden. Insofern waren die Diskussionsteilnehmer auf der richtigen Spur, wenn immer wieder gesagt wurde, dass diese Kriminalität „eine Frage des Sozialstaates“ sei. Mehr implizit als explizit wurde auch angedeutet, dass es weit weniger um das einheimische Sozialhilfemilieu als vielmehr konkret um arabische und türkische Jugendliche gehe, die inzwischen ganze Stadtteile – etwa in Berlin – terrorisierten. Laut „Bild“ sind dies in Berlin bereits mehr als 80 Prozent der Straftäter. Unter den weniger als 20 Prozent Deutschen überwiegen mit den „Russlanddeutschen“ erneut noch die Zuwanderer.

Soweit die richtige Fährte. Dann begann der Blindflug. Der hessische CDU-Innenminister Volker Bouffier, die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig sowie die unvermeidliche Betroffenheitsgrüne Claudia Roth wiesen immer wieder darauf hin, dass die „Berliner Jungs“ ja auch den Schulbesuch schwänzten. Ihre einfache Lösung: Man müsse hier für eben diesen Schulbesuch sorgen, notfalls mit Gewalt. Roth ergänze mit Zustimmung des Sozialpädagogen Thomas Sonnenburg, dass nicht nur die Burschen noch weitaus intensiver von Lehrern, Psychologen und Sozialarbeitern zu betreuen seien, sondern gleich auch noch deren Eltern „Erziehungskompetenz“ beigebracht werden sollte.

Da werden sich die Lehrer an den Berliner Problemschulen sicher über die zwangsweise Zufuhr ihrer Albträume freuen. Jene bedauernswerten Lehrkräfte, die schon mit denen kaum klarkommen, welche die Schule bislang noch besuchen. Lehrer auch, die längst selbst zum Rundumbetreuungsfall geworden sind in der Betreuten Republik Deutschland.

Es fällt auf: Die TV-Diskussion aktueller Probleme wird zunehmend grotesker, wenn in einer durch Schulden und Geldvermehrung hervorgerufenen Wirtschaftskrise als Lösung nur noch mehr Schulden und Geldvermehrung präsentiert werden. Oder wenn in Folge der rundumbetreuten und -versorgten Hartz-IV- und „Integrations“-Milieus jetzt ausgerechnet noch mehr Betreuung und Versorgung gefordert wird – und damit die winzigen Reste letzter Eigenverantwortlichkeit bei den Beteiligten auch noch abgetötet werden.

Der Düsseldorfer Polizist Frank Richter erklärte Anne Will, dass die zunehmende Verwahrlosung und Brutalität von einer stark ansteigenden und augenfälligen Respektlosigkeit begleitet werde. Respekt fehle es gegenüber Polizisten, Lehrern, Eltern und den Opfern, auf die heutzutage am Boden liegend noch draufgetreten werde.

Respekt vor den Mitmenschen – das ist in Kurzform die Definition von Benehmen, die Prinz Asfa-Wossen Asserate in seinem Standardwerk „Manieren“ bietet. Das Verschwinden eben dieser Manieren, erklärt uns der äthiopische Prinz, hänge stark mit dem Siegeszug der Achtundsechziger zusammen. In der Tat hatten sich diese Achtundsechziger kaum etwas mehr auf ihre roten Fahnen geschrieben als gerade den Kampf gegen Konventionen und Manieren sowie gegen den Respekt vor natürlichen Autoritäten.

Die Probleme könnten aber noch tiefer liegen, nämlich in der – nebenbei: ebenfalls von den Achtundsechzigern entschieden angetriebenen – Demokratisierung unserer Gesellschaft. In einer klugen Studie über die Demokratie zitiert der Wiener Wirtschaftsphilosoph Rahim Taghizadegan den Altmeister Platon. Die Folge der Demokratiedynamik sei nach Platon, so Taghizadegan, „die zunehmende Verlotterung der Sitten und die Herrschaft der Lüge“. Oder mit Platons Worten: „Haben diese Lügen und neumodischen Grundsätze die Seele von jenen Tugenden geleert und gesäubert, da führen sie hierauf dann zu ausgelassenem Frevelmut, Zügellosigkeit, Liederlichkeit und Schamlosigkeit. Der Lehrer fürchtet und hätschelt seine Schüler, die Schüler fahren den Lehrern über die Nase und so auch ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während Männer mit grauen Köpfen sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herablassen, darin von Possen und Späßen überfließen, ähnlich den Jungen, damit sie nur ja nicht als ernste Murrköpfe, nicht als strenge Gebieter erscheinen.“ Wie zur Bestätigung Platons saß der milieuverwandte Comedian Murat Topal lächelnd mit auf Wills Couch.

Ist die betreute Republik der Schuldenberater, Eheberater, Berufsberater, der Sozialtherapeuten und Fitnesstrainer, von denen auch der Journalist und Autor Alexander Kissler zuletzt sprach, das Sozialarbeiterparadies Deutschland also, nur eine Folge immer weitergehender Demokratisierung, vor der uns Platon, die amerikanischen Gründerväter und viele andere so intensiv gewarnt haben?

In noch stärkerem Maße könnte der Sozialstaat eine Rolle spielen. Nur gerade nicht dergestalt wie es Anne Will und ihre Gäste uns weißmachen wollten. Vielmehr könnte im Sozialstaat nicht die Lösung, sondern das Problem zu suchen sein. Die Täter der Jugendbanden wachsen nämlich auf in Großfamilien, die durch Hartz-IV, Kindergeld und allerlei Zulagen von unserem Sozialstaat weit mehr Geld fürs Faulenzen erhalten als sie je selbst verdienen könnten. In Großfamilien also, in denen niemand arbeitet, niemand mehr selbstverantwortlich lebt, niemand mehr Vorbild ist. Könnte da die Lösung vieler Probleme nicht einfach in der ersatzlosen Streichung jeder Sozialhilfe liegen? In der Rückkehr zu einem selbstverantwortlichen Leben?

Unabhängig davon hat die überwiegende Zahl der jugendlichen Berliner Gewalttäter keinen deutschen Pass. Eine Tatsache, die das fehlende Benehmen noch offenbarer werden lässt, denn mit Manieren lernt man, dass man sich gerade als Gast in einem anderen Land besonders gut und höflich zu betragen hat. Dabei läge auch hier die Lösung in der Rückkehr zur Selbstverantwortung – wer sich nicht benähme, flöge raus. Wer hierzulande ganze Stadtteile in Angst und Schrecken versetzt, der könnte vielleicht bei einer weniger bequemen Betreuung in seiner Heimat zur Besinnung kommen. Das hätte auch den Vorteil, dass die Opfer über ihre Steuern nicht auch noch die weitere psychosoziale und karitative Rundumversorgung der Täter bezahlen müssten, eine moderne Perversität, die wohl nur aus der Sicht Claudia Roths nachvollziehbar ist.

Alle diese naheliegenden Ansätze wurden bei Anne Will so wenig diskutiert wie Asfa-Wossen Asserate oder Rahim Taghizadegan auf ihrer Couch saßen. Mit der Folge, dass die Zuschauer einmal mehr ratlos und gerne auch politisch korrekt betroffen in den Schlaf geschickt wurden.


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