27. März 2009

Karlheinz Weißmann Demokratie, Faschismus und Neue Rechte

Wahr, gut, schön und pipiwarm?

Der Vordenker der Neuen Rechten, Karlheinz Weißmann, ist ein origineller und kluger Kopf. Einer, der sich auch an die ganz schwierigen Fragen herantraut. Einer, der viel auf einen „rechten, nüchternen Stil“ wert legt und deshalb „nicht lange herumredet“. Zu den in Deutschland ganz schwierigen Fragen zählen die Themen „Demokratie“ und „Faschismus“, jedenfalls wenn man sich ihnen diesseits politisch korrekter Floskeln, also unvoreingenommen nähert. Ein Fall für Weißmann, sollte man meinen.

Tatsächlich hat der Autor in diesem Monat gleichzeitig ein kleines Büchlein in der Antaios-Serie unter dem Titel „Post-Demokratie“ publiziert sowie im Internettagebuch der Zeitschrift „Sezession“ eine sechsteilige Serie über „Faschismus“ gestartet (heute morgen ist der fünfte Teil erschienen). Insofern muss man Karlheinz Weißmann für seinen Mut danken.

Doch Weißmann bleibt zuweilen hinter seinen Möglichkeiten und den eigenen Ansprüchen zurück, er laviert herum fast wie ein dialektischer Linker und vermeidet – bislang – eine eigene klare Position.

Im Demokratiebüchlein etwa nehmen Exoten wie „Technokraten“ breiten Raum ein, tiefgreifende Demokratiekritiken aus libertärer, konservativer, monarchistischer, liberaler und katholischer Tradition aber werden entweder in Nebensätzen oder überhaupt nicht erwähnt. Es ist sicher kein Zufall, dass die fundamentalste Demokratiekritik der letzten Jahre, das Buch „Demokratie – der Gott, der keiner ist“ von Hans-Hermann Hoppe indirekt nur in einem Nebensatz erwähnt wird und in den Literaturanmerkungen fehlt. Hoppes vielgliedrige Demokratiekritik aus ökonomischer Perspektive wird nicht zur Kenntnis genommen.

Noch ungewöhnlicher für den strammen Rechten: Weißmanns eigene Position zur Demokratie bleibt völlig nebulös, am Ende ist es ihm nur wichtig zu erklären, dass der Staat an sich wichtiger sei als die Staatsform – wahrlich keine Überraschung für einen Denker, der ein „Institut für Staatspolitik“ gegründet hat. Und doch eben im Vergleich zu Hoppe eine Nullnummer, der sich von der entgegengesetzten, (extrem) staatskritischen Seite demselben Thema näherte, und der es dennoch nicht unterließ, verschiedene Regierungsformen auch zu vergleichen und entschieden zu bewerten.

Die ersten vier Folgen der Faschismus-Serie Weißmanns sind am Ende ähnlich enttäuschend. Auch hier nehmen Exoten breiten Raum ein, wichtigeres wie etwa die Stellung des Faschismus zur Demokratie wird allenfalls zum Randaspekt. Im Aufsatz „Faschismus – liberal“ wird wie zuvor im Demokratie-Büchlein der Gegensatz zwischen Demokratie als Herrschaft aller über alle (und damit letztlich als Verneinung des Privateigentums) und der liberalen Idee als Herrschaft (Eigentum) des Einzelnen über sich selbst nicht benannt. Ludwig von Mises wird zwar zitiert, aber der Grund für dessen kurze und leichte Faschismus-Sympathie, wie bei Hoppe auf der Ökonomischen Analyse und dem Eigentumsrecht beruhend, bleibt unentdeckt und unerklärt. Statt dessen wird ein liberaler Sozialist wie Rathenau zum liberalen Faschisten hochgedeutet oder ein Mussolini ergebener deutscher Journalist zum liberalen Beispiel erhoben.

Ähnlich lückenhaft ist – bei aller Dankbarkeit für auch hier zuweilen originelle und bislang unbekannte Beispiele – der Aufsatz „Faschismus – links“. Dass linke und rechte Totalitäre dieselben Wurzeln haben, wer hätte das gedacht? Ja, der Faschismus hat dieselben sozialistischen Wurzeln – breit und tief zuletzt herausgearbeitet von Josef Schüßlburner in seinem Buch „Roter, brauner und grüner Sozialismus“. Von Weißmann verschwiegen.

Dass und warum deshalb auch die allermeisten Faschismen und Faschisten als Nationalismen oder Sozialismen eigentlich links anzusiedeln sein müssten, hat Erik von Kuehnelt-Leddihn in seiner Aufzählung „Was ist links?“ erklärt. Auch Kuehnelt-Leddihns Überlegungen zum Thema „Faschismus und Linke“ fehlen.

Warum? Um den Faschismus nicht nur ein wenig den Linken und Liberalen in die Schuhe zu schieben, sondern gleichzeitig auch ein wenig für sich als Neuen Rechten zu retten? Aber nur ein bisschen? Nur halbherzig?

In seinem jüngsten Aufsatz von heute morgen nähert sich Weißmann dem Minenfeld doch, welches er so elegant umkurvte. So bemerkt er: „Mit letzter Schärfe wurde die Bruchlinie zwischen dem Faschismus und der traditionellen Rechten deutlich, nachdem der Faschismus als politische Kraft verschwunden war. Natürlich hatte es immer Kritik aus dem Lager der Liberalen, der Konservativen und der Reaktion gegeben, aber in der Unübersichtlichkeit der konkreten Lage war der Gegensatz niemals so prinzipiell gefasst worden wie in der Beurteilung ex post.“ Wir halten fest: die Bruchlinie zwischen traditionellen Rechten und Faschismus. Die eigene Position Weißmanns als Neuer Rechter bleibt dabei unbestimmt. Liberale, Konservative und Reaktionäre aber sieht er am Ende doch als Widersacher des Faschismus. Er fährt fort: „1963 veröffentlichte Julius Evola einen Essay Il Fascismo. Darin entwickelte er eine Kritik aus der Perspektive der authentischen Rechten, derzufolge der Faschismus vor allem als eine Variante jener demokratischen Massenbewegungen zu betrachten ist, die seit 1789 den Untergang des Abendlandes herbeiführten.“ Also doch, wenn auch mit Evola, die Thesen Schüßlburners, Hoppes und Kuehnelt-Leddihns – der Bezug auf 1789 als linke, demokratische, nationalistische und sozialistische Scheidelinie. Weißmann schließt treffend: „Was Evola in der Zeit der faschistischen Herrschaft noch mit einem gewissen Wohlwollen beurteilt hatte – die Verteidigung von Königtum und Hierarchie, der Kampf gegen den Parlamentarismus und das Mehrheitsprinzip – erschien ihm jetzt nur noch als Halbheit. Der Faschismus versagte vor der Aufgabe, den Abgrund der Revolution zu schließen, weil er selbst aus diesem Abgrund aufgestiegen war.“

Wird Weißmann im sechsten und letzten Teil die eigene Position offenlegen? Wenn Liberale, Konservative und Reaktionäre gegen den Faschismus stehen, zumindest da wo dieser Masse, Demokratie, Nationalismus und Sozialismus verinnerlicht hat, dort also, wo er ein Kind der französischen Revolution und mithin der Linken ist – wo stehen dann Weißmanns Neue Rechte? Für Masse, Demokratie, Nationalismus und Sozialismus? Sind die Neuen Rechten am Ende so links wie mancher Faschismus?

Auf echte Antworten darf man gespannt sein. Lauwarmes Lamentieren über Demokratie und Faschismus ist Weißmanns Sache jedenfalls nicht.

Internet

Mises: Liberalismus

Kuehnelt-Leddihn: Was ist links?

Weißmann: Faschismus – links

Weißmann: Faschismus – liberal

Weißmann: Faschismus – rechts

Weißmann: Post-Demokratie


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige