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Amoklauf von Winnenden IV.: Die Wahl der Waffen

von Christian Spernbauer

Warum Verbote in die falsche Richtung führen

Trotz der Meinungen vom Vorsitzenden des Innenausschusses des Deutschen Bundestages Sebastian Edathy (SPD) sowie von Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble (CDU), welche übereinstimmend eine weitere Verschärfung des Waffenrechtes als unnötig bezeichnen, wird diese nun diskutiert. Es wird teilweise die Ansicht vertreten, dass mit weniger Waffen auch weniger Gewalt einhergehen würde. Faktisch trifft dies jedoch nicht zu.

Deutschland hat neben Großbritannien und im Gegensatz zu den USA, der Schweiz oder Finnland ein sehr restriktives Waffenrecht. Während es in Deutschland schwierig ist, an Schusswaffen zu kommen (von automatischen Waffen ganz abgesehen), darf etwa in der Schweiz jeder Milizionär sein Sturmgewehr mit nach Hause nehmen. Dennoch hört man wenig bis nichts über Amokläufe oder ausufernde Gewalt mit Schusswaffen in der Schweiz. Auch in Finnland ist fast die Hälfte der Bevölkerung bewaffnet. Dennoch war der Amoklauf an einer finnischen Schule gerade deswegen so erschreckend, weil man damit aus diesem Teil Europas überhaupt nicht gerechnet hat.

Werfen wir einen Blick in die USA, in denen es mehr Schusswaffen in Privatbesitz als Einwohner gibt und in denen pro Stunde ca. 2.000 Schusswaffen produziert werden. In Texas besitzen 37 Prozent der Einwohner ein Waffe, die Mordrate liegt pro 100.000 Personen bei 12,7. In Kalifornien - auch gerne als „Killafornien“ bezeichnet liegt die Mordrate ebenfalls bei 12,7, die Zahl der Bewaffneten jedoch lediglich bei 21 Prozent. Im Staat New York liegt die Mordrate leicht darüber bei 13,2. Dort sind jedoch lediglich 11 Prozent im Besitz einer Schusswaffe. In Vermont liegt die Zahl der Bürger, welche im Besitz von Schusswaffen sind, ähnlich hoch wie in Texas, genau bei 35 Prozent. Die Mordrate liegt jedoch bei 0,7 und damit unter der Mordrate Deutschlands (1,2). Und in Washington D. C. war der private Besitz von Schusswaffen 30 Jahre lang verboten. Das Ergebnis war nicht der Rückgang der Mordrate, sondern ein Anstieg. Im allgemeinen gibt es in US-Bundesstaaten mit einem restriktiven Waffenrecht nicht weniger Gewalt durch Schusswaffen als in solchen Staaten mit liberaler Gesetzgebung. In Kennesaw (Georgia) wurde sogar ein Gesetz verabschiedet, nach dem verpflichtend in jedem Haushalt eine Waffe vorhanden sein muss. Dies führte zu einer Verringerung der Kriminalität, besonders der Gewaltkriminalität.

Die oben stehenden Zahlen betreffen natürlich nur die legalen und registrierten Waffen. In Deutschland gibt es ca. drei Millionen Menschen, die zum Besitz einer Waffe berechtigt sind. Man geht weiter davon aus, dass ca. 10 Millionen legale und weitere 20 Millionen illegale Waffen im Umlauf sind.

Ein Problem sind meist nicht die legalen Waffen, sondern die illegalen. Ein Verbot von Waffen hilft dem Kriminellen, der dadurch weiß, definitiv auf ein unbewaffnetes Opfer zu treffen. Denn wer eine Waffe für eine vorsätzliche kriminelle Handlung erwirbt, wird sich von einem Verbot nicht abschrecken lassen. Weiter bestätigen Inhaftierte in US-Hochsicherheitsgefängnissen, dass das, was sie am meisten fürchten (mehr noch als die Polizei), ein bewaffnetes Opfer sei. Sie scheren sich nicht darum, ob ein Gesetz ihnen verbietet, eine Waffe zu tragen. Sie tragen sie sowieso.

Doch was hat das mit dem Amoklauf von Winnenden oder vergleichbaren Ereignissen zu tun? Zunächst ist die Tatwaffe nicht wie gesetzlich vorgeschrieben in einem Sicherheitsschrank aufbewahrt worden. Da jedoch Waffe und Munition getrennt gelagert werden müssen bleibt die Frage offen, wie Tim K. an die Munition kam. Momentan gibt es noch widersprüchliche Meldungen, die von einer ebenfalls ungesichert gelagerten Munition bis hin zur Kenntnis des Täters der Geheimzahl des Waffenschrankes reichen. In diesem Zusammenhang wies Innenminister Wolfgang Schäuble darauf hin, dass eine Verschärfung des Waffenrechtes diese tragischen Ereignisse nicht hätte verhindern können, da es sich um eine legal erworbene und registrierte Waffe handelt. Werden legale Waffen unsachgemäß genutzt oder gelagert, bringen noch restriktivere Gesetze nichts.

Ein weiterer Punkt ist das jeweilige Ziel von Amokläufen. Sie finden hauptsächlich in Schulen oder Hochschulen statt. Häufig waren oder sind die Täter Schüler oder Studenten der jeweiligen Einrichtungen. Wieso, fragt etwa der Blogger Marco, finden solche Amokläufe nie in einer Polizeistation oder bei der Bundeswehr statt? Er führt dies darauf zurück, dass die Täter keine Gegner suchen, sondern Opfer. Und in einer Bildungseinrichtung kann ein Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, auf Unbewaffnete zu treffen. Ähnliches belegen auch Aussagen über verhinderte Amokläufe in den USA, bei denen Polizeibeamte und bewaffnete Zivilisten das Feuer erwiderten und den Amokläufer dazu zwangen, in Deckung zu gehen und nur noch ungezielte Schüsse abzugeben. Ebenso der Fall vor einigen Jahren, bei dem Studenten Schüsse auf dem Campus hörten und zu ihrem Wagen eilten, in dem sie eine Handfeuerwaffe hatten. Sie konnten den Amokläufer in Schach halten, bis die Polizei ihn festnehmen konnte.

Die Tatsache, dass solche grauenhaften Taten meist in waffenfreien Zonen stattfinden, führt uns zu den sogenannten „Killerspielen“. Sowohl aus Teilen der CSU als auch vom stellvertretenden Vorsitzenden der Unions-Bundestagsfraktion Wolfgang Bosbach (CDU) werden – wieder einmal – Rufe nach Verboten laut. Doch wie sind solche Spiele eigentlich aufgebaut? Beim meistgenannten Spiel „Counter Strike“ – welches bei weitem nicht das brutalste, sondern lediglich das wohl weitverbreitetste seiner Gattung ist – spielt man im Team gegen ein anderes Team. Vereinfacht gesagt versuche ich den Gegner und der Gegner mich zu erledigen. Aber gerade so laufen Amokläufe wie der von Winnenden nicht ab. Dort hat der Täter gerade unbewaffnete Schüler und Lehrerinnen getötet. Als die ersten Polizeibeamten in der Schule eintrafen und beherzt dem Täter entgegentraten, flüchtete dieser. „Killerspiele“ funktionieren gerade umgekehrt. Dort ist jeder bewaffnet, und das weiß man auch. Es gibt sogar nur relativ wenige Spiele, bei denen man seine Waffe auch wegstecken kann. Man setzt sich gerade der „Gefahr“ aus, auch getroffen zu werden. Ziel des Spiels ist es gerade, besser zu sein als der bewaffnete Konkurrent. Es ist ein Kampf mit gleichen Mitteln, Winnenden hätte ungleicher nicht sein können.

In den letzten Jahren gab es in Deutschland drei traurige Ereignisse an Schulen: Erfurt, Emsdetten und nun auch Winnenden. Jedoch gibt es seit Jahren allein in Deutschland Millionen von Spielern solcher Spiele. Müsste die Zahl der Amokläufe in Deutschland und weltweit nicht höher sein, wenn ein eindeutiger Zusammenhang hergestellt werden könnte?

Übrigens spielen auch viele Erwachsene mit. Und mit welcher Begründung will man einem erwachsenen, mündigen Bürger solche Medien vorenthalten? Mit der Begründung, auch Kinder könnten darankommen? Das können sie auch an die Autoschlüssel, Küchenmesser Spiritus und Feuerzeug kommen. Dazu kommt: Gerade das Verbotene lockt. Besser wären also stärkere Kontrollen beim Verkauf von Medien an Jugendliche, damit 14jährige nicht an Material kommen, das man erst ab der Volljährigkeit erwerben darf.

Absolute Sicherheit kann und wird es nie geben. Es sollte den Kindern und Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Nun in Aktionismus zu verfallen und über Symbolpolitik und weitere Verbote zu diskutieren, ist mal wieder der falsche Weg.

15. März 2009

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Kommentare

Neutrino , am 15. März 2009 um 14:36 ( Link )

Die mediale Verdummungsmaschine läuft wieder mal auf Hochturen. Auf allen Programmen läuft nur noch Winnenden. Winnenden und kein Ende.
Alles, was schon nach Erfurt rauf und runter genudelt wurde, wird nun wieder und wieder wiederholt.

Wie man sich dagegen wehrt, erklärt Heinz Rudolf Kunze hier:

http://www.youtube.com/watch?v=X8CmLl0D7Os

Bringen sie dieses Gebäude, in dem wir totgehalten werden, zum Einsturz!

Sphairon , am 15. März 2009 um 16:19 ( Link )

Simple Lösung: einfach in jedes Zimmer jeden Haushaltes eine Überwachungskamera stellen! Wenn sich dann jemand mit Gewehr auf den Weg zur Schule macht, wird das von dem Vollzeitbeschäftigten vor dem Monitor sogleich erkannt und Gegenmaßnahmen können getroffen werden. Nicht nur hätten wir dann 100% Sicherheit, sondern auch 100% Beschäftigung.

Da können die liberalen Wolkenschlösser nicht mithalten, wie?

Andreas , am 15. März 2009 um 16:31 ( Link )

Aussage eines Schülers in einem Interview der Stuttgarter Nachrichten:

Der Täter (Tim K.) war in meiner Klasse. Er hat letztes Jahr den Abschluss nach Klasse 10 gemacht, soweit ich weiß mit einer durchschnittlichen Note[...]

Der Täter hat offenbar oben angefangen und sich nach unten durchgearbeitet. Es gab ein Vorspiel, da bin ich mir sicher. Es gab eine Art Alarm, ein Piepsen, noch bevor der erste Schuss gefallen ist.[...]

Ein ehemaliger Mitschüler spricht von einem “Täter”, obwohl er die gleiche Klasse besuchte....

“Ehemaliger Mitschüler beschreibt den Täter”…so die einleitenden Worte der Stuttgarter Nachrichten. Wenn ich den Täter beschreiben würde, dann würde ich nicht von dem Täter sprechen, wenn ich ihn aus gemeinsamen Schuljahren her kennen würde. Das er nicht dabei war sondern nur um die Schule zu besuchen ist nicht wichtig - man kann auf diesen Zeugen zurückgreifen, es hätte sich im Tim.K gehandelt, obwohl er ihn (den Täter) nicht selbst gesehen hat. Zuerst hat man “ihn” in einem schwarzen Tarnkombi beschrieben…so hätte ihn aber keiner aus der Schule in den Klassenräumen beschreiben können.

Es kommt mir vor, als erstarrt die Mehrheit vor diesen Nachrichten (was ich durchaus verstehen kann) ohne den gesunden Abstand zu den Aussagen des deutschen 3Promille-Journalismus auf sich wirken zu lassen.

Am Abend (Mittwoch) dementierte die Polizei ihre Aussage, Tim erschossen zu haben. Er hat sich jetzt doch selbst durch einen Kopfschuss getötet... Wenn man sich das immer so leicht machen könnte...

Wir waren ab 9.30 Uhr vor dem Schulgebäude. Haben so kurz vor 9.45 Uhr das Piepsen gehört. Das muss um die Zeit gewesen sein, denn da kommt immer der Bäcker. Wenige Sekunden danach kamen die ersten zwei Polizeiautos. Tür aufgerissen, jeder von denen hatte ein Maschinengewehr in der Hand. Die sind reingestürmt und haben uns rausgeschmissen. Als sie reinstürmten, fiel der erste Schuss. Wenn die Polizei behauptet, dass alle schon tot waren, als sie am Tatort eintrafen, dann kann das eigentlich nicht stimmen.

Wir haben bis 5 nach 10 Uhr, als die Verstärkung der Polizei kam und wir in die Evakuierungszone zum Wunnebad gebracht wurden, nur zwei Schüsse gehört. Damit tötet man nicht so viele Menschen.

Erst hat die Polizei ihn “unschädlich” gemacht - aber man könnte doch mit einem Amateur-Handyvideo noch ein wenig Benzin ins Feuer kippen - damit selbst für die Familie ihr eigener Sohn nicht wieder zuerkennen ist. Und das ist er auch nicht - was das Handyvideo angeht.

Wir sollten uns mal den ausgelutschten Worthülsen zuwenden, als einen Blick in die demokratische USA zu werfen und prozentuale Vergleiche aufzustellen - als gäbe es nichts wichtigeres.

Andreas

weiteres zum Thema auf Schulkritik.de

Waldmeister , am 15. März 2009 um 20:04 ( Link )

In Texas besitzen 37 Prozent der Einwohner ein Waffe, die Mordrate liegt pro 100.000 Personen bei 12,7. In Kalifornien - auch gerne als „Killafornien“ bezeichnet liegt die Mordrate ebenfalls bei 12,7, die Zahl der Bewaffneten jedoch lediglich bei 21 Prozent.

Nicht daß mich hier jemand falsch versteht, ich bin all but for Waffentrageerlaubnis à la Vermont carry, aber widersprechen diese Zahlen nicht der landläufigen Auffassung ("landläufig" unter Waffenliberalisierern), daß mehr Waffen = weniger Verbrechen?

Natürlich müßte man sich das dann im Detail anschauen. Ich z.B. würde an dieser Stelle jetzt gern auf Karten von Texas und Kalifornien schauen, in denen die einzelnen Gebiete nach Waffenbesitzrate eingefärbt sind. Und das dann mit einer Karte vergleichen, in denen die Mordraten ebenfalls farbcodiert sind und schauen, wie die Korrelationen dann aussehen. Würde mich nicht wundern, wenn diejenigen Landkreise und Gemeinden mit den niedrigen Waffenbesitzquoten diejenigen sind, die die höchsten Mordraten in jenen beiden Staaten haben (und vice-versa).

Kennt jemand zufällig eine Seite, wo dieser Vergleich schon mal unternommen wurde? Kann mir fast nicht vorstellen, daß die 2A'ler sich das bislang haben entgehen lassen. :-)

ISBN3451322005 , am 16. März 2009 um 13:52 ( Link )

Marketingkampagne des Herren, sorgt für eine volle Hütte.

Um selbige Vorfälle in Zukunft zu vermeiden, einfach regelmäßig vorher die Kirche voll machen, nicht erst danach!! Die Politik, die Soziologen und die gemeinen Liberalen werden es zwar kaum glauben, aber der Versuch, sich eine bessere Antwort zu zimmern ist vollkommen aussichtslos.

RichardT , am 16. März 2009 um 17:12 ( Link )

Das Ärgerliche an dieser Waffenrechtsverschärfungsdebatte ist, daß man sich als legaler weil Jäger Waffenbesitzer jetzt schon vorkommt wie ein Krimineller und die Dinger möglichst gut wegschliessen muß. Von den Sicherungsmaßnahmen bei der Fahrt ins Revier mal nicht zu reden. Auf daß man ja nicht rankommt wenn ein wahrer Krimineller mal das Haus besucht.
Wenn ich mal einen Einbrecher im Haus hör freue ich mich, daß meine Waffen ganz sicher im Tresor im Keller liegen.
Jede Diktatur hat erst mal angefangen die Bürger zu entwaffnen damit sie sich nicht wehren können.

FritzLiberal , am 16. März 2009 um 18:31 ( Link )

@RichardT: genau so ist es, der Weg in die Knechtschaft, wie Hayek ihn in seinem gleichnahmigen Buch beschrieben hat, ist vorgezeichnet.

Hardy , am 16. März 2009 um 18:44 ( Link )

@RichardT:
Damit selbiges in den USA nicht geschieht gibt es dort den Artikel 2 der ersten zehn Zusatzartikel zur Verfassung.
Aber in Deutschland, so erscheint es mir zu mindestens, wollen die Politiker und Medien den wehrlosen Bürger(aka. Sklaven), denn nur mit dem kann man machen was man will.

Andreas Tögel , am 17. März 2009 um 9:05 ( Link )

Mir scheint der grassierende "Präventionswahn" das Gefährlichste Element dieser Debatte zu sein! Viele Menschen sterben an Lungenkrebs? Rauchverbot! Zu viele Menschen weisen zu hohe Cholesterinspiegel auf? Kampf dem Schweinefleischkonsum! Ist man erst einmal in diesen Zug eingestiegen, dann läuft´s einfach. Klarer Fall: keine Waffen, deren Besitz man ja ganz einfach "vorsorglich" verbieten kann (das unbedeutende Detail, daß man auch illegal Waffen beschaffen kann, wird ausgeblendet), = keine Schulmassaker. In der Welt der Politiker und Journaillisten ist ja alles sooo einfach - nicht wahr? Man gibt einen entsprechenden Ukas heraus - und schon ist der Wunschzustand verwirklicht.

Die ungeheure Anmaßung, die hinter all diesen Ansinnen steht, wird am Ende gar nicht mehr wahrgenommen...man meint´s ja schließlich eh nur gut mit uns...!

Caspar Ebrecht , am 18. März 2009 um 13:35 ( Link )

Der Verweis auf die immer bestehende Möglichkeit einer illegalen Waffenbeschaffung zur Ablehnung von schärferen Waffenbesitzvorschriften bzw. zur Rechtfertigung einer "völligen Waffenbesitzfreiheit" geht mE in diesem speziellen Fall völlig fehl.

Tim K. kam in den Besitz einer Schusswaffe infolge der in Deutschland unter bestimmten Umständen gewährten Freiheit des Einzelnen (hier des Vaters), Waffen zu besitzen und bei sich zu Hause aufzubewahren. Dass Tim K. sich die Schusswaffe auch illegal beschafft hätte, scheint abwegig, gerade weil er noch im Elternhaus lebte.

Somit kann auch nicht argumentiert werden, eine schärfere Waffenbesitzkontrolle hätte die Tat nicht verhindert. Ja, eine schärfere Kontrolle hätte sie sehr wohl verhindern können: wäre z.B. Tims Vater, von dem es heißt, er habe Waffen für sein Hobby als "Sportschütze" besessen, verpflichtet gewesen, die Waffen nicht zuhause, sondern in einem Gebäude des Schützenvereins aufzubewahren, hätte Tim die Waffe kaum in seinen Besitz bringen können. Möglicherweise hätte er den Angriff mit anderen Mitteln, etwa einem Messer, durchgeführt, er hätte damit aber wohl nicht 15 Menschen ermorden können.

Worin liegt die Rechtfertigung für die weit reichende Gewährung der Waffenbesitzfreiheit? Die gängige Antwort darauf lautet: in dem Recht, sich selbst (und ggf. auch andere) im Notfall gegen Angreifer mit Waffengewalt zu verteidigen. Es gibt jedoch, soweit ersichtlich, keine statistischen Erhebungen darüber, in welchem Ausmaß die in der Wohnung aufbewahrten Waffen z.B. in Deutschland tatsächlich dafür - also zur bloßen Selbstverteidigung - eingesetzt werden. Solche Statistiken wären aber notwendig, um die für die Entscheidung pro oder kontra Waffenbesitzverbot notwendige Abwägung zu treffen.

Andreas Tögel , am 18. März 2009 um 14:33 ( Link )

Allein die Verwendung des Begriffs "Rechtfertigung" im Zusammenhang mit rechtmäßig erworbenen Sachen ist mE indiskutabel. Niemandem steht es zu, hierfür eine "Rechtfertigung" zu begehren - völlig unabhängig davon, ob es sich um Seidenanzüge, Pornohefte, Küchengeräte oder Schusswaffen handelt.

Den Besitzer allein - niemanden sonst - geht an, was er besitzt oder nicht, nachdem er daran rechtmäßg Eigentum erworben hat! Oder sollte man am Ende das Institut des Eigentums ganz grundsätzlich diskutieren?! Ich meine: besser nicht!

Die paternalistische Anmaßung des Nanny-State, jeden einzelnen pausenlos überwachen und vor sich selbst beschützen zu wollen, bringt´s noch so weit, einem die Qualität der obligat zu tragenden Unterwäsche vorzuschreiben und zur Einnahme bestimmter Psychopharmaka zu zwingen...

Etwas völlig anderes ist die Frage der erfolgten mißbräuchlichen Verwendung von Waffen - wie in der rezenten Debatte. Klarer Fall: der Vater wird wohl eine Mitschuld nicht bestreiten können und deshalb zur verantwortung gezogen werden...zu Recht!

Aber: präventiv alle möglichen Gefahren "ausschalten" zu wollen (oder zu behaupten, das zu können) kann nur totalitären Geistern einfallen. Die Abwegigkeit dieser Idee wird am besten durch das Besipiel des UK dokumentiert, das - seit dem Totalwaffenverbot - in der Gewaltkriminalität förmlich versinkt. Wenn also eine Korrelation zwischen privatem Waffenbesitz und Gewaltkriminalität besteht, dann eine negative.

Die offensichtlich verlogene Behauptung, es ginge (den Waffengegnern) einzig und allein um die "Rettung von Menschenleben" ist allein schon dadurch erledigt, daß exakt dieselben Damen und Herren, die unbescholtenen Bürgern ihr Eigentum streitig machen wollen, lautstark für ein Recht auf Abtreibung eintreten und damit allein in Ösiland Jahr für Jahr Zehntausende Todesopfer gutheißen.

Daß - ebenfalls Jahr für Jahr - hierzulande mehr Menschen in Swimmingpools ersaufen als durch Schußwaffen (legale und illegale zusammen!) umkommen, hat nach meiner Kenntnis noch nicht zur Forderung nach einem Verbot von Swimmingpools geführt.

Der so ungemein originelle Hinweis darauf, daß ja Waffen insofern etwas "Besonderes" wären, weil sie ihrem Wesen nach "zum Töten konstruiert" wären, ist eigentlich zu blöd, um sich im Detail damit auseinanderzusetzen, daher nur so viel: die mit Messern, Beilen oder bloßen Händen ermordeten Bürger würde es nicht wirklich weitergebracht haben, zu wissen, daß sie ja - zum Glück - nicht mit einer Schußwaffe, sondern unter Zuhilfenahme eines völlig harmlosen Alltagsgegenstands oder bestimmter Körperteile zu Tode gebracht wurden...

FritzLiberal , am 18. März 2009 um 14:51 ( Link )

@Caspar Ebrecht: "Worin liegt die Rechtfertigung für die weit reichende Gewährung der Waffenbesitzfreiheit?"

Diesen Satz kann man angesichts des extrem restriktiven Waffenrechts in Deutschland nur als schlechten Scherz verbuchen. Abgesehen von der lächerlichen Untertanenmentalität, das Recht auf Waffenbesitz als Gnade der Obrigkeit zu verstehen. Eher muss der Staat den Bürger um Erlaubnis fragen, ob er seine Büttel - pardon, Staatsdiener - bewaffnen darf, als umgekehrt.

ISBN3451322005 , am 18. März 2009 um 17:26 ( Link )

@Andreas Tögel


Die offensichtlich verlogene Behauptung, es ginge (den Waffengegnern) einzig und allein um die "Rettung von Menschenleben" ist allein schon dadurch erledigt, daß exakt dieselben Damen und Herren, die unbescholtenen Bürgern ihr Eigentum streitig machen wollen, lautstark für ein Recht auf Abtreibung eintreten und damit allein in Ösiland Jahr für Jahr Zehntausende Todesopfer gutheißen.

Dieses Geschoss sollten Sie ganz schnell vergessen. Es offenbart nur eine gespaltene Zunge. Der Liberale befürwortet doch selber das Recht auf Abtreibung.

Caspar Ebrecht , am 18. März 2009 um 17:52 ( Link )

@Andreas Tögel:
"Den Besitzer allein - niemanden sonst - geht an, was er besitzt oder nicht, nachdem er daran rechtmäßg Eigentum erworben hat!"

Rechtmäßig Eigentum erwerben können Sie auch an Heroin oder angereichertem Uran. Ihre Auffassung, Eigentum sei ein Freiheitsrecht, in das "per se" nicht eingegriffen werden dürfe, würde in der Konsequenz auch bedeuten, dass ausnahmslos der Besitz und der Konsum aller Drogen freigegeben werden müssten und das Verbot der Einfuhr von bestimmten Betäubungsmitteln völlig aufgehoben werden müsste. Oder erkennen Sie einen Grund für dieses Verbot an?

Sphairon , am 18. März 2009 um 18:18 ( Link )

Herr Ebrecht,
was spricht denn aus Ihrer Sicht dagegen, Menschen den Verkauf und Konsum von "Betäubungsmitteln" auf ihrem Grund und Boden zu erlauben?

RichardT , am 18. März 2009 um 18:58 ( Link )

Herr Ebrecht: Wenn es wirklich gute Gründe dafür gibt, dann kann der Besitz, Verkauf oder Verbreitung eingeschränkt werden. Da wird Ihnen, z.B. wenns um Kinderpornographie geht sicher keiner widersprechen.
Aber:
Wenn der Staat den Besitz von allem verbietet was vielleicht mißbraucht oder gefährlich werden kann, dann ist es absolut vorbei mit der Freiheit.
Etwas persönliches: Ich bin Jäger und besitze deshalb Waffen. Wenn Sie mich fragen, dann ist das gefährlichste in meinem Haus aber was frei zu erwerbendes: Meine Motorsäge. Vor der hab ich den meisten Respekt.
Die Forderung die Waffen in den Schützenhäusern zu lagern ist übrigens völlig weltfremd. Erstens bei der Lage möchte ich dort weder der erste oder letzte sein der kommt/geht und zweitens kann da so muntereingebrochen werden, die Versicherungsprämie kann ja keiner mehr bezahlen.

Sphairon , am 18. März 2009 um 19:40 ( Link )

die Versicherungsprämie kann ja keiner mehr bezahlen.

Ein bestechend guter Einwand, der mir so bisher noch gar nicht bewusst geworden ist. Auf diese Weise könnte man viele (vor allem kleinere) Vereine finanziell ruinieren, ohne sie gleich mit der Eisenfaust verbieten zu müssen. Für einige sicher ein hübscher Nebeneffekt dieser "Regulierung".

Caspar Ebrecht , am 18. März 2009 um 22:36 ( Link )

Natürlich ginge der erhöhte Schutz mit höheren Kosten für die Betreffenden einher, aber das entspricht auch dem Verursacherprinzip: wer sich ein gefährliches Hobby leisten will, das unbestreitbar schädliche Nebenwirkungen für die Allgemeinheit haben kann, soll auch dafür zahlen.

Im übrigen bin gewiss auch ich nicht der Auffassung, dass schärfere Waffengesetze das Problem des Missbrauchs von Waffen lösen können. Möglicherweise ist das Gegenteil richtig und sie verschlimmern es sogar, indem sie der Kriminalisierung Vorschub leisten. Mir fehlt da auch offen zugegeben der Sachverstand.

Aber man sollte nicht behaupten, schärfere Regeln hätten die hier diskutierte Tat von Tim K. (oder ähnliche "Amokläufe" Jugendlicher) nicht verhindern können. Denn für Jugendliche, die noch bei den Eltern leben und in der Ausbildung sind, gibt es keinen vergleichbaren bzw. gar keinen anderen Weg, an Waffen heranzukommen als den, sich die Waffe von den Eltern zu nehmen. Daher tragen waffenbesitzende Eltern eine besonders hohe Verantwortung, für deren Einhaltung sie auch einen Preis zahlen (sollen). Wer etwas anderes will, verfolge bitte den - aus meiner Sicht nicht erstrebenswerten - Weg einer völligen Liberalisierung, und gibt jedermann Waffen an die Hand.

RichardT , am 18. März 2009 um 23:40 ( Link )

Verzeihung Herr Ebrecht, bevor Sie weiter von Dingen reden von denen Sie wohl nicht allzuviel verstehen.
Ein Cousin hat sich, bei den waffenlosen Eltern lebend erschossen. Wie passt das zu Ihrer Aussage des einzigen Weges?
Ob es wirklich ein erhöhter Schutz ist wenn jeder Kriminelle weiß wo Dutzende von Waffen (meist am Waldrand fernab der Wohngebiete) lagern?
Mein Hobby empfinde ich übrigens nicht als gefährlich, ich weiß, die Rehe und Wildschweine werden das anders sehen, aber ich denke im Vergleich mit Motorradfahren oder manchen anderen Hobbies ist Jagen gehen eher harmlos.
Und die schädlichen Nebenwirkungen. Meinen Sie nicht, daß hier ein tragischer Fall überbewertet wird? Natürlich kann alles schädliche Nebenwirkungen haben. Wenn Sie reiten gehen kann mich Ihr Pferd auch umrennen. Was wollen Sie denn allles verbieten.
Die Waffengesetze sind scharf genug, eher im Gegenteil, ich habe jetzt schon das Gefühl, das uns der gesetzgeber mehr als Kriminelle denn als Leute mit einem legalen Hobby sieht. Das Problem beim Amoklauf war ja nicht mangelndes Gesetz sondern die Nichteinhaltung des selbigen. Und das werden Sie halt nie vermeiden können. Ausser zu einem Preis den ich nicht zahlen will, denn das wäre der totale Verlust der Freiheit/ Selbstbestimmtheit.

Andreas Tögel , am 19. März 2009 um 7:02 ( Link )

Ad ISBN....: was "der Liberale" (wer oder was auch immer das Ihrer Meinung nach sein mag) fordert, ist mir völlig gleichgültig. Faktum ist, daß es an gedanklicher Konsistenz fehlt, wenn man einerseits Krokodilstränen über - durch welches Ereignis auch immer - "verlorene Menschenleben" - vergießt, andererseits aber nichts dabei findet, Menschenleben gleich Zehntausendweise - "demokratisch legitimiert" zu liquidieren.

Ad Herrn Ebrecht: Sie haben völlig recht - wer A sagt, muß auch B sagen. Ich bin seit vielen Jahren ein absoluter Gegner jeglicher staatlicher Drogenprohibition. Die einzigen Profiteure dieses Unsinns sind die organsisierte Kriminalität einerseits und die diese vorgeblich bekämpfenden Büttel andererseits (es war schon zur Zeit der Alkoholprohibtion in den USA nicht anders!).

Kinder vor dem Drogenkonsum zu bewahren ist allemal Aufgabe der Eltern (ich bin selbst Vater) und nicht die einer besserwisserischen, anmaßenden Beamtenschaft.

FritzLiberal , am 19. März 2009 um 12:13 ( Link )

@Caspar Ebrecht: "Natürlich ginge der erhöhte Schutz mit höheren Kosten für die Betreffenden einher, aber das entspricht auch dem Verursacherprinzip: wer sich ein gefährliches Hobby leisten will, das unbestreitbar schädliche Nebenwirkungen für die Allgemeinheit haben kann, soll auch dafür zahlen."

Hervorragende Idee, und vor allem ausbaubar: nachdem die meisten Menschen mit ganz alltäglichen Dingen wie Messern oder gar den bloßen Händen umgebracht werden, erwarte ich gespannt, welche Ausgaben Sie bereit sind zu tätigen, weil Sie wohl Küchenmesser und (wie ich für Sie hoffe) zwei Arme Ihr eigen nennen.


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