13. März 2009

Amoklauf von Winnenden Die Moral von der Geschichte

Ein Versuch, eine unfassbare Tat in Worte zu fassen

Eine Seite wie ef-online hat den Vorteil, dass nicht jede brandheiße Nachricht sofort kommentiert werden muss. Soviel Glück haben die Massenmedien nicht. Weshalb sie in der ihnen gebotenen Eile immer wieder Fehler machen. Journalisten sind auch nur Menschen.

Wie stellt sich der Amoklauf von Winnenden jetzt, nach 48 Stunden und auch ein wenig gewonnenem emotionalen Abstand dar? Der 17-jährige Täter Tim Kretschmer hat 15 unschuldige Menschen umgebracht und danach sich selbst gerichtet. Ein Blutbad, das zunächst fassungslos machen musste.

Doch der Job der Mainstream-Reporter in dieser Situation war es, zu berichten. Bereits heute wissen wir, dass sie dabei im Vergleich zu den Bloggern und Forenschreibern nur verlieren konnten. Insofern stellt Winnenden ein wenig auch eine mediengeschichtliche Zäsur dar.

Beginnen wir mit der TV-Berichterstattung am Tag der Tat. Mangels Bilder des Täters und aus Pietät gegenüber den Opfern rückten Psychologen, Sozialarbeiter und Politiker in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Allen voran die Kanzlerin. Angela Merkel, deren Partei nach ihrer wohlfeilen Papstkritik und vielen vorangegangenen Brüskierungen gerade die christlichen Wähler verprellt hatte und in den Umfragen auch deshalb stark verloren hatte, nutzte wie einst in den schweren Tagen ihres Vorgängers Kohl die Gunst der Stunde und sprach: „Es ist ein Tag der Trauer für ganz Deutschland. Unsere Gedanken sind bei den Familien, den Angehörigen, wir denken an sie und beten für sie.“ Die Kanzlerin betet. Jetzt. Natürlich.

Dann das Auftreten all der vom Staat, Land und Stadt offenbar in Mannschaftswagen angekarrten Psychologen, Sozialarbeitern und Betreuern vor laufender Kamera. Immer wieder attestierten diese sich selbst, wie wichtig sie in der Situation seien. Erst später sollten wir erfahren, dass viele Opfer und Angehörigen eine Fremdbetreuung abgelehnt hatten, allen voran die Eltern des Täters. Hätte die Polizei die Eltern der Schüler zu ihren Kindern in die Realschule hineingelassen, nachdem Kretschmer die Schule verlassen hatte, um andernorts zu morden, womöglich hätten die zahlreichen vom Steuerzahler alimentierten „Betreuer“ gar niemanden gefunden, dem sie sich in ihrer Überfunktion hätten widmen dürfen. Doch die Polizei ließ die Schule stundenlang verriegeln und die Eltern draußen sowie die Kinder drinnen mit dieser Extremsituation und fremden Psychotanten- und Onkel alleine. 

Offenbar werden von den Medien, der Politik und der Polizei in Zeiten der allgegenwärtigen Supernanny und der RTL-Restaurantbetreuer die Psychologen und Sozialarbeiter als wichtiger erachtet gegenüber der privaten, schmerzhaften, familiären Trauer. Ob die Herren Polizisten und Journalisten aber wirklich im eigenen Trauerfall sich ausgerechnet von einem Kümmerer vom Amt in dessen Soziologen-Deutsch betreuen lassen möchten?

Einen Tag nach der Tat wurde verstärkt nach den Motiven gesucht. Auch hierbei wirkten die Medien gehetzt – wer würde der erste sein mit einer Sensationsmeldung? Sie erschien dann fast zeitgleich auf allen Kanälen: Tim Kretschmer hatte angeblich, so bestätigte es zwischenzeitlich auch der Landesinnenminister, seine blutige Tat im Internet angekündigt. Er bezeichnete sein bevorstehendes Massaker mit den Worten, „mal so richtig gepflegt grillen“ gehen zu wollen. Die kruden Ausdrücke machten die Nachricht nur noch interessanter. Alleine, es war, wie viele Blogger sofort mutmaßten und die Massenmedien erst spät einräumten, ein Fake, eine simple Fälschung. Bis heute ist tatsächlich kein einziges Wort aufgetaucht, mit dem Kretschmer seine Tat angekündigt hat.

Unvermeidlich waren wieder einmal die Forderungen aus der Politik, nach weiteren Waffenverboten etwa oder nach psychologischer Betreuung an den Schulen. Dumm nur, dass die Realschule in Winningen eine der wenigen ist, in der bereits ein Schulpsychologe seines Amtes waltet. Und die Tatwaffe des Täters war unsachgemäß verwahrt, es lag also bereits heute ein Verstoß gegen das in den letzten Jahren massiv verschärfte Waffenverbot vor.

Ursula von der Leyen blieb es vorbehalten, eine flächendeckende Diskussion in allen Schulen Deutschlands anzuregen, um sich „besser auf solche kritischen Situationen vorzubereiten“. Da werden sich gerade die jüngsten Schüler prächtig freuen, neben dem Ozonloch, der Klimakatastrophe, der ewigen deutschen Schuld und der überall lauernden rechten Gefahr nun auch noch mit der permanenten Amokdrohung in der eigenen Schule konfrontiert zu werden. Zarter besaiteten Schülern, die soviel Katastrophe nicht verkraften, stehen dann nach von der Leyens Plänen irgendwann flächendeckend die obligatorischen Schulpsychologen zur Betreuung bereit. Winningen als Erfolgsmodell sozusagen.

Wirklich naheliegende Forderungen wurden nicht erhoben. Wäre etwa die Schule statt von einem Psychologen von zwei Polizisten im Eingangsbereich geschützt worden, wäre die Tat so wahrscheinlich nie geschehen. Anstatt die Täter im Nachhinein immer wieder entwaffnen zu wollen, was in der Realität nirgends auf der Welt funktioniert, könnte man auch die Opfer präventiv bewaffnen. Von amerikanischen Experten erfahren wir nämlich, dass Schulen nur deshalb bevorzugte Orte für Amokläufe sind, weil sie auch in den USA unbewaffnete, also besonders ungeschützte Zonen sind. Da freuen sich die Täter und fühlen sich immer wieder geradezu eingeladen.

Tim Kretschmer, das wissen wir heute, war depressiv und in psychiatrischer Behandlung. Auch hier gehen die Mainstreammedien der naheliegenden Spur nicht nach. Der Blogger „Freeman“ ist entsetzt: „Niemand fragt, unter welchem Einfluss der 17-jährige stand und ob nicht seine Krankheit ihn zur Tat getrieben hat.“ Die Medien berichten, Tim Kretschmer „ging ruhig in drei Klassenzimmer und eröffnete das Feuer ohne ein Wort zu sagen“. Nach der Schießerei in der Schule, so „Freeman“, „ging Tim ins psychiatrische Zentrum von Winnenden und erschoss einen Angestellten.“ Der Blogger fragt: „Was ist die Verbindung zu dieser Person? Er war nachweislich wegen Depression in psychiatrischer Behandlung. Er zeigte keinerlei Emotionen, ein völlig unnatürliches Verhalten, wie wenn er ein ferngesteuerter gefühlloser Roboter war.“ Dafür, so „Freeman“, gebe „es nur eine Erklärung: Die Psychopharmaka haben sein Wesen verändert!“

„Freeman“ geht dieser Spur nach und entdeckt: „Auch der koreanische Student, der im vergangenen Jahr an der Virginia Tech University in Blacksburg 32 Menschen tötete, war eine zeitlang in psychiatrischer Behandlung.“ Mehr noch: „Alle Jugendlichen, die in den letzten zehn Jahre in Amerika Amok gelaufen sind, wurden mit Psychopharmaka behandelt, hautsächlich Antidepressiva.“ Diese Stoffe zur Beeinflussung des Gehirns, so „Freeman“, seien dafür bekannt, dass sie gewalttätige Gedanken und Handlungen auslösen. Die Gesundheitsbehörden wissen das und es steht auch als Warnung auf den Beipackzetteln. Tatsächlich verursachen die psychiatrischen Drogen eine Entfremdung von der Realität. Die Schützen wissen nicht mehr wo sie sind. Sie sehen ihre Klassenkameraden nicht mehr als Menschen, sondern als leblose Objekte und als Ziele.“ Sie seien so gefühllos und von der Realität entfremdet, so „Freeman“, dass Sie am Ende auch ohne Probleme zur Selbsttötung fähig seien.

Dabei geht es nicht zuletzt um sehr viel Geld. „Freeman“ schreibt: „Alleine die Top-Fünf der psychiatrischen Medikamente in Amerika, Zoloft, Adderall, Haldol, Lexapro und Clozaril bringen einen Gewinn von 18 Milliarden Dollar pro Jahr.“ Und: „Nach einer Statistik der Betriebskrankenkassen aus dem Jahr 2009 hat sich die Zahl der Verordnungen von Psychopharmaka in Deutschland in den vergangenen drei Jahren verdoppelt.“

Zwei weitere falsche Fährten sowie zwei weitere echte Spuren benennt der linke Blogger Jürgen Elsässer. Er schreibt: „Der Todesschütze ist ein ganz normaler schwäbischer Bub. Tischtennisverein, Konfirmand. Vater Unternehmer. Schönes Häuschen. Ich glaube, bei dem Amokläufer damals in Erfurt war es nicht anders. Soll heißen: Diese Gesellschaft brütet in ihrer Mitte Killer aus. In der Mitte heißt: nicht an den Rändern.“ Und genau hier kommt Elsässer auf die beiden falschen Fährten: „Damit sind die Analysen von Rechts- wie Linksextreme gleichermaßen blamiert. Die Rechten – und in diesem Fall steht Bundesinnenminister Schäuble an ihrer Spitze – wollen uns seit Jahr und Tag erzählen, die Moslem-Kids in unseren Städten seien wandelnde Zeitbomben, die auf Massenmord sinnen. Die Linken verkünden gebetsmühlenartig, die Nazi-Kids seien eine tödliche Gefahr. Aber Tim war weder Moslem noch Nazi, und sein Erfurter Vorläufer auch nicht. Frustrierte junge Männer aus der Mittelschicht“ seien, so Elsässer, die Täter.

Dazu passt der folgende Bericht aus dem „Tagesspiegel“: Nach der Tat „zeigte sich die Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration der Bundesregierung, Maria Böhmer, CDU, schwer enttäuscht. Böhmer habe besorgt gefragt, ob der Täter gezielt auf Kinder aus Migrantenfamilien geschossen hat, hieß es in Stuttgart. Das konnte nicht bestätigt werden.“

Die beiden wirklichen Spuren, auf die Elsässer aufmerksam macht, sind die folgenden. Erstens: „Kinder brauchen Familie, vor allem in diesen Zeiten, sonst werden sie irre. Die Linke“, so der überzeugte Sozialist Elsässer, „muss weg von diesem Minderheiten-Quatsch und familienfreundlich werden.“ Zweitens: „Hauptgewaltgruppe sind junge Männer. Das ist eine Folge ihrer Vernachlässigung. Die Tendenz in der neueren Erziehung, den Jungs ihre Männerrolle madig zu machen und sie – gerade in ihrer Pubertät! – in ihrer Sexualität zu verunsichern, hat eine ganze Alterskohorte verrückt gemacht.“

Der Vater von Tim Kretschmer, so wissen wir, hatte als mittelständischer Unternehmer wenig Zeit für seinen Sohn. Und auffälligerweise waren die meisten seiner Opfer weiblich. Beiden bislang vernachlässigten Spuren – mangelnde Liebe in der Familie und Benachteiligung als Junge in der Schule (sowie allgemein die deutsche Problematik des Schulzwangs) – werden in ef von Fachleuten in gesonderten Artikeln nachgezeichnet werden.

Kommen wir abschließend zu einem politischen Aspekt. Im Zusammenhang mit der Falschberichterstattung über die angebliche Ankündigung der Tat in berüchtigten Internet-Foren konnten wir einiges über solche Foren erfahren, in denen auch diese Tat im Anschluss zynisch „gefeiert“ wurde. So wurden die Opferzahlen der Massaker in Alabama und Winnenden gegenübergestellt mit dem Vermerk, Deutschland habe gewonnen. Der „Spiegel“ berichtet in diesem Zusammenhang von einem typischen solchen Foreneintrag: „Ich finde Amokläufe wesentlich lustiger als Kriege oder Genozid. Amokläufe sind chaotisch-böse und eines der wenigen Verbrechen, welches nicht irgendeinem verlogenen Ziel dient.“

Sind also Amokläufe von männlichen Jugendlichen der Mittelschicht doch in gewisser Weise ein – perverses – „Statement“? Auffällig ist jedenfalls, dass Amokläufe ein Zeitphänomen sind und in den letzten 20 Jahren zumindest in Deutschland gehäuft auftreten. Und doch gab es auch in den Jahrzehnten davor immer wieder schreckliche Gewalttaten von jungen Männern. Denken wir an die RAF-Mordserien in den 70er Jahren. Auch damals kamen die jungen Täter aus dem Bildungsbürgertum und aus der Mittelschicht. Auch Andreas Baader etwa war für seine geradezu sadistische Skrupellosigkeit und seine emotionale Kälte während der Taten berüchtigt. Nebenbei: Auch er stand dabei vermutlich unter Drogen. Doch Baader gab wie die jungen politischen Schläger- und Mörderbanden in den frühen 30er Jahren hehre Ziele vor. Er wurde in Freundeskreisen für seine Taten gar gefeiert, von solchen, die meist auch noch den schlimmsten Massenmödern der Weltgeschichte wie Mao und Pol Pot ergeben huldigten. Genauso werden heute, schenkt man den entsprechenden Berichten Glauben, Tim Kretschmer und seine Vorläufer von einigen Jugendkreisen gefeiert und verehrt. Soziologen deuteten in den 70er Jahren die schrecklichen Gewalttaten der RAF-Terroristen etwa so: „Sie handeln falsch, schrecklich falsch, aber sie meinen es eigentlich nur gut, sie haben hehre sozialistische Ziele gegen den konservativen Muff der Vergangenheit und gegen den falschen Staat.“

Heute müsste ein solcher verlogener Satz etwa so klingen: „Sie handeln falsch, schrecklich falsch, aber sie meinen es nur gut, sie haben nämlich keine Ziele mehr, weil alle hehren, verlogenen politischen Ziele längst diskreditiert sind.“


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