11. März 2009

Autorenportrait Jean-Baptiste Say (1767-1832)

Daniel Leon Schikora

Während seines Präsidentschaftswahlkampfes 2007 hatte sich Nicolas Sarkozy vielfach mit dem Vorwurf auseinanderzusetzen, er liebäugele in verschiedenen Politikbereichen mit dem „angelsächsischen Modell“, das in Frankreich politisch-polemisch stets mit einem Übermaß an Deregulierung assoziiert wird: integrationspolitisch mit einem ausgeprägten Multikulturalismus, wirtschaftspolitisch mit „neoliberalen“ Attacken auf das ordnungspolitische Ideal eines „High-tech-Colbertismus“. Auf die Frage, ob er sich als ein französisches Pendant zu Margaret Thatcher sehe, antwortete Sarkozy damals mit einem souveränen „Nein“: Thatcher stehe selbst in der Tradition eines großen Franzosen wie Jean-Baptiste Say. Mit dieser Entgegnung schlug der Spitzenkandidat der „gaullistischen“ UMP (zumindest rhetorisch) zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen wehrte er die – populäre – Unterstellung ab, die „republikanischen“ Errungenschaften Frankreichs zugunsten eines „Imports“ angelsächsischer Politikvorstellungen preisgeben zu wollen. Zum anderen legte er – ganz im Sinne seiner Patriotismus-Kampagne – nahe, die Franzosen sollten sich stolz auch und gerade zu den liberalenTraditionen ihrer Geschichte bekennen, auf deren Fundus auch erfolgreiche liberale Reformer im Ausland hätten zurückgreifen können.

Was könnte das gegenwärtige französische Staatsoberhaupt dazu bewogen haben, im Hinblick auf die liberalen Geistestraditionen seines Landes ausgerechnet auf JB Say, den Politischen Ökonomen des frühen 19. Jahrhunderts, zu verweisen? Immerhin weist bereits das Frankreich des 18. Jahrhundert – vor allem mit den Physiokraten (Quesnay, Turgot) – brillante Köpfe eines Liberalismus ante datum auf, die die Postulate des Merkantilismus Colbertscher Prägung in radikaler Weise in Frage stellten. Allerdings sind Biographie und Werk JB Says tatsächlich dazu geeignet, als paradigmatisch für einen „autochthonen“ französischen Liberalismus zu gelten – und identitätspolitisch, etwa durch Sarkozy, reklamiert zu werden. Denn Says Wirken und insbesondere seine vielfältigen Beziehungen sowohl zum zeitgenössischen englischen Diskurs als auch zu jenem der französischen Aufklärung beleuchten in verdichteter Form den Beitrag Frankreichs zur universalen Entwicklung einer Politischen Ökonomie des Klassischen Liberalismus.

In der Persönlichkeit des am 5. Januar 1767 in Lyon als Sohn eines Kaufmanns geborenen JB Say verband sich der „citoyen“mit dem „entrepreneur“; seine akademische Biographie ist verflochten mit der Institutionalisierung der Politischen Ökonomie im universitären Leben seines Landes. Signifikanterweise liegen die politisch-weltanschaulichen Ursprünge des „homme politique“JB Say in der bürgerlichen Revolution, deren Verlauf er als junger Mann keineswegs nur passiv mitverfolgte. Seine damalige Parteinahme nicht nur für das Erbe der Aufklärung (der Enzyklopädisten), sondern darüber hinaus für die 1792 proklamierte (Erste) Republik einerseits und sein (in dieser Phase beginnendes) vehementes Eintreten für die Maximen einer (im klassischen Sinne) liberalen Ordnungspolitik andererseits müssen gewissermaßen als „gleichursprünglich“ angesehen werden. Aus einer protestantischen Familie stammend – und als Kind in einem Internat bei Lyon, außerhalb der hegemonialen katholischen Bildungseinrichtungen, in aufklärerischem Geist erzogen –, musste er die erste Phase der Revolution (1789-91) nicht zuletzt als die Institutionalisierung der religiösen Toleranz begrüßen: Die bürgerliche Rechtsgleichheit der Protestanten (und der Juden) wurde verwirklicht.

Die erste Veröffentlichung Says hatte die Freiheit der Presse zum Gegenstand (1789), wenig später (1790) widmete er sich in einer weiteren Veröffentlichung dem Antiklerikalismus. Als Freiwilliger nahm Say im September 1792 an der Schlacht von Valmy teil, in der die Armee des revolutionären Frankreich die verbündeten Preußen und Österreicher schlug. Ab April 1794 gab Say mit fünf anderen jungen Intellektuellen die Zeitschrift „La décade philosophique, littéraire et politique, par une société de républicains“heraus, die sich dem Erbe der Enzyklopädisten verpflichtet sah – und sich (ungeachtet ihrer Schwerpunktsetzung auf Wissenschaften und Künste) der Verteidigung der Republik auch in ihrer jakobinischen Ausprägung verschrieb: „Aufklärung und Moral werden ebenso sehr benötigt, um die Republik zu erhalten, wie Mut, sie zu erobern.“ So ging die „Décade“, als deren „Generalredakteur“ Say fungierte, erst nach dem Sturz Robespierres im Juli 1794 zu einer energischen Verurteilung der jakobinischen „terreur“über.

Infolge der Errichtung des Konsulats durch Napoleon Bonaparte, in welchen auch Say Hoffnungen auf einen „französischen Washington“ setzte, wurde er Ende 1799 in das Tribunat (eine der vier mit der Gesetzgebung betrauten Kammern) berufen. Seine staatspolitische Tätigkeit veranlasste Say dazu, sich von seinem publizistischen Engagement für die „Décade“ zurückzuziehen. 1800 trat Say – mit dem Essay „Olbie“– erstmals durch eine Veröffentlichung im Bereich der Ökonomie hervor. Das Wohlergehen jeder Nation, so Say, hänge von ihrer Fähigkeit ab, sich die Erkenntnisse der Politischen Ökonomie zueigen zu machen, schrieb Say, der die Jahre 1785-87 im industriell aufstrebenden England verbracht hatte, um dort seine kaufmännische Ausbildung abzuschließen.

1803 erschien die erste Auflage von Says auch international rasch vielbeachteter Abhandlung „Traité d’Économie Politique“. Dieses Werk, dessen Erscheinen etwa der damalige amerikanische Präsident Thomas Jefferson enthusiastisch begrüßte, stieß zwar auch in Frankreich auf Anerkennung, seine liberale Stoßrichtung sollte Say jedoch bald in einen Konflikt mit der Staatsspitze bringen, der schließlich seinen endgültigen Bruch mit Napoleon herbeiführte. Da sich Say der Aufforderung verweigerte, Kapitel umzuschreiben, „um sie in Einklang zu bringen mit den politischen Notwendigkeiten der Epoche“, wurde er aus dem Tribunat ausgeschlossen. Der Versuch Napoleons, Say durch eine Ernennung zum „Directeur des Droits réunis“ im Department Allier zu beschwichtigen, scheiterte.

1806 zog sich Say ins Privatleben zurück. Er eröffnete eine Baumwollspinnerei bei Paris, in der er 400 Personen, großenteils Frauen und Kinder, beschäftigte. Nachdem er 1813 verkauft hatte und in die Hauptstadt zurückgekehrt war, eröffnete der Sturz der napoleonischen Herrschaft Say neue publizistische und politische Perspektiven: Noch 1814 konnte die zweite Auflage des „Traité“erscheinen. Say bereiste 1814/15 ein weiteres Mal England, diesmal in Regierungsauftrag zwecks Erforschung dessen dynamischen Wirtschaftssystems. Im „Catéchisme d’Économie Politique“ (1815) wandte sich Say an ein breiteres Publikum, wie es der „Traité“ nicht würde erreicht haben können.

Nicht unerwähnt gelassen werden sollte Says Pionier-Funktion bei der Institutionalisierung der Lehre der Politischen Ökonomie: In Frankreich, dem einzigen Land Europas, in dem die Politische Ökonomie nicht im Kanon des staatlichen Bildungswesens verankert gewesen war, wurde für Say zunächst ein Lehrstuhl für „industrielle“ (nicht: politische) Ökonomie am „Conservatoire des Arts et Métiers “ eingerichtet (1819). Erst die Juli-Revolution 1830, in deren Ergebnis das liberal-konstitutionalistische Regime des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe errichtet wurde, ermöglichte die Einrichtung des ersten französischen Lehrstuhls für Politische Ökonomie am Collège de France, der Say angeboten wurde. Dieser allerdings war zu diesem Zeitpunkt aufgrund schwerer Krankheit, verschlimmert durch den Tod seiner Frau im Januar 1830, zu weiterer Lehrtätigkeit nicht mehr in der Lage. Im Alter von 66 Jahren starb er am 15. November 1832.

Mit dem „Traité“ tritt Say seinem Anspruch nach als ein Grand Clarificateur der Politischen Ökonomie auf, der Adam Smiths Kategorien und Erkenntnisse in eine systematische Analyse der Gesetze des Marktes einbettet. (Seine Kritiker bezichtigten Say mit Blick auf dessen Neigung zur popularisierenden Darstellung seiner Erkenntnisse einer „Vulgarisierung“ von Smiths „Wealth of Nations“.) Says Politische Ökonomie beruht auf der Annahme eines „Ordre naturel“ resp. einer „nature des choses“, wobei er an die Postulate der Physiokraten und Montesquieus anknüpft: Im Falle einer Einmischung in die „natürliche“ Regelung wirtschaftlicher Prozesse – so argumentierten bereits die Anti-Merkantilisten des 18. Jahrhunderts – wird das Gleichgewicht der Kräfte, die „Herrschaft der Natur“, gestört. Mit Says Postulat eines „Ordre naturel“ in der Sphäre der Ökonomie eng verknüpft sind die Grundbegriffe der Freiheit („liberté“) und des Rechtes auf Eigentum („droit de propriété“), das die Menschen- und Bürgerrechtserklärung von 1789 als „unverletzlich und heilig“ qualifiziert hatte.

Von Condillac übernimmt Say einen Begriff des Wertes („valeur“) resp. der Nützlichkeit („utilité“), der es ihm ermöglichte, den subjektiven Aspekt des Wertes einer Ware in Rechnung zu stellen, der nicht „objektiv“, unabhängig von den Bedürfnissen des (potentiellen) Käufers, erfasst werden kann. In vehementer Weise verteidigt Say die Annahme, dass die Produktion, nicht die Konsumtion der „Motor“ der Wirtschaft sei. Im politischen Raum richtet sich Says Argumentation somit gegen jedweden Protektionismus zugunsten der Konservierung der Einkommen ökonomischer Gruppen mit hoher Konsumquote (konkret: der Landeigentümer) sowie gegen verschwenderische Ausgaben der Regierung, insbesondere gegen solche zu militärischen Zwecken.

Als „Say’s Law“ im engeren Sinne gilt das Theorem, nach dem das „Angebot seine eigene Nachfrage schafft“. (William James Baumol weist darauf hin, dass sich eine systematische Darstellung von „Says Gesetz“ im Kern bereits in Smiths „Wealth“ findet.) In der ersten Auflage des „Traité“ beschränkt sich Say dabei noch auf die Aussage, dass die Produktion die Nachfrage anrege und nur die Produktion jene Kaufkraft erzeuge, die eine Nachfrage erst effektiv werden lasse. Die zweite Auflage des „Traité“ entwickelt Says Gesetz dann zu der „extremeren Position“ weiter, die „wertmäßige Nachfrage nach Gütern“ müsse immer dem Gesamtangebot entsprechen (Baumol). In dieser Fassung lässt Says Gesetz eine generelle Überproduktion als unmöglich erscheinen. Tatsächlich war die Überproduktion in der Phase der Rezession im nach-napoleonischen Europa jedoch manifest, und die Korrespondenz zwischen Say und Malthus um 1820 zeigt Say als einen wankelmütigen Verfechter (der zweiten Fassung) des Gesetzes.

Hierbei sollte freilich nicht außer Acht gelassen werden, dass eine Problematisierung der „dogmatischen“ (zweiten) Fassung von „Says Gesetz“ nicht den eigentlichen Zweck des „Traité“ trifft: die von Say beabsichtigte Desavouierung jeglicher staatlichen Förderung eines für die nationale Wohlfahrt schädlichen verschwenderischen Konsums sowie jeglicher unnötigen Ausgaben der Regierung. Es geht im Kern um die Zurückweisung der Legitimität von Ordnungspolitiken, die sich auf das Postulat Mandevilles von 1705 berufen können, dass „Luxus eine Million Arme beschäftigte …“.

An „Says Gesetz“ schieden sich bereits zu dessen Lebzeiten die Geister: Ricardo erkannte es an, nicht jedoch Malthus und Sismondi. In den Auseinandersetzungen, wie sie im zeitgenössischen England um auf landwirtschaftliche Importe erhobene Zölle ausgetragen wurden, musste ein „Vor-Keynesianer“ (Baumol) wie Malthus – hier auch in der Tradition der Physiokraten – als theoretischer Parteigänger einer feudalen Rechten erscheinen. Dahingegen befürwortete Say staatliche Interventionen nur dort, wo sie dem „reproduktiven Konsum“ – der Investition – dienten, so im Bereich der Infrastruktur oder der Forschung, die Say als öffentliches Gut begriff.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Autor

Daniel Leon Schikora

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige