11. Februar 2009

Der Fall Rohbohm Und täglich grüßt das Murmeltier

Vom Glaubenskrieg zur publizistischen Konkurrenzbekämpfung

Und täglich grüßt das Murmeltier. Im großen Spiel zeigten Angela Merkel und Michel Friedman dem heiligen Vater in Rom ihren neudeutschen Gruß. In der kommunalen Karikatur wird nun ein Reporter der publizistischen Konkurrenz abgewatscht. Die örtliche „Antifa“ im niedersächsischen Jork spielt Paolo Pinkel. Und eine CDU-Bundestagsabgeordnete macht uns die Merkel. Der Axel-Springer-Konzern ist hier wie dort als „Global Player“ immer mit dabei. Das Angriffsziel der katholischen Kirche wird zur Abwechslung ersetzt durch die Wochenzeitung „Junge Freiheit“.

Deren Reporter Hinrich Rohbohm, der in Jork als CDU-Fraktionsvorsitzender im örtlichen Gemeinderat sitzt, brach nämlich vor kurzem zu einem mehrwöchigen Urlaub auf. Kaum außer Landes, bissen die „Anti“-Faschisten mit der üblichen geplanten Hetzkampagne zu. Vertreter des Grünen-Kreisverbandes in Stade forderten „alarmiert“ im „Hamburger Abendblatt“: „Rohbohm muss gehen!“ Der Sprecher des Stader „Jugendbündnis gegen Rechts“ sekundierte. Derweil bemühte sich die Lokalpresse darum, die „Affäre“ weiter anzuheizen. Und das „Hamburger Abendblatt“ – wie die „Bild“ zum Springer-Konzern gehörend – schaffte den in jeder dieser Kampagnen heute üblichen „wissenschaftlichen Beistand“ in Verkörperung des Linksaußen-Politologen Wolfgang Gessenharter herbei, der auch prompt erklärte, die „Junge Freiheit“ transportiere „subversiv rechtsextreme Inhalte“. Ein SPD-Politiker raunte hinzu, die „JF“ befinde sich „in der Grauzone von Rechts-Konservatismus und Rechts-Radikalismus.“

Einmal mehr das alte Stalin-Lied gegen das konservative Bürgertum also, als wenn es nicht vielmehr eine gefährliche Grauzone und tiefe Geistesverwandtschaft zwischen rotem und braunem Sozialismus gäbe.

Von solcherlei historischen wie philosophischen Erkenntnissen unbeleckt wird das Urteil gefällt, in Form eines Kommentars von Daniel Herder im „Hamburger Abendblatt“ nämlich: Rohbohm schreibe für eine Zeitung, heißt es dort, für die in den neunziger Jahren auch der „Holocaust-Leugner Horst Mahler“ tätig gewesen sei. Hört, hört! Dass Mahler zu der Zeit, als er in der „JF“ publizierte, den Holocaust noch gar nicht geleugnet hatte und zudem auch ein gern gesehener Autor in der „Süddeutschen Zeitung“ und Interviewpartner des „Focus“ war, und zudem als Freund von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) galt, merkt aussagekräftig die „Junge Freiheit“ in einer Stellungnahme an, das „verschwieg Herder geflissentlich“ ebenso wie die rotfaschistischen Truppen, die einmal mehr der Bündnispartner des Springer-Verlags sind.

Nachdem nämlich der „anti“-faschistisch engagierte Journalist Andreas Speit die Geschichte am Wochenende in der „taz“ ein wenig befeuerte, erinnerte sich endlich der CDU-Kreisverband der vorbildlich agierenden deutschen Bischöfe und zeigte die erwarteten Absetzbewegungen von Rohbohm. So kritisierte Kreischef Hermann Krusemark die Reportagen für die „Junge Freiheit“ im „Hamburger Abendblatt“: „Der Kreisvorstand der CDU verurteilt dies scharf, distanziert sich von dieser Haltung ausdrücklich und behält sich weitere Maßnahmen gegen Hinrich Rohbohm vor.“ Was „dies“ denn nun genau sei, wird wie zuvor in den Artikeln im „Abendblatt“ nicht weiter ausgeführt.

Es ist offenbar bei heutigen Medienkampagnen nicht einmal mehr nötig, Gründe oder Belege zu liefern, das (Vor-) Urteil muss reichen.

Derweil ahmte die CDU-Bundestagsabgeordnete aus Stade, Martina Krogmann, die Kanzlerin bis zur kruden Wortwahl nach, als sie – wie jetzt die „JF“ berichtet – feststellte, dass es „unmöglich“ sei, dass Rohbohm noch fest bei der „Jungen Freiheit“ angestellt sei. „Wer für ein solches Blatt arbeitet, ist untragbar, wenn er gleichzeitig Ämter in der CDU wahrnimmt“, sagte die gelernte Springer-Journalistin Krogmann, die auch privat über beste Kontakte zum kampagnenerfahrenen Medienkonzern verfügt.

In einem Internetforum auf die regelmäßige Kolumne ihres Bundestagskollegen Norbert Geis (CSU) in der „Jungen Freiheit“ angesprochen, erwiderte Krogmann, dessen „persönliche Meinung“ dort zu veröffentlichen, sei „sein gutes Recht“. Rohbohm hingegen überschreite „in vielen seiner Artikel in Inhalt und Tonlage“ nationalen Konservatismus und verwische „ganz gefährlich“ die Grenze „hin zu unerträglichem braunen Gedankengut“. Ohne die ungeheuerlichen Vorwürfe auch nur minimal zu begründen, forderte die Bundestagsabgeordnete den Partei-„Freund“ Rohbohm auf, seine kommunalen Ämter niederzulegen.

Die wiederkehrenden Kampagnen gegen die nationalkonservative Wochenzeitung sind im Kern genauso phantasielos wie die jüngsten Angriffe gegen die katholische Kirche. Dieter Stein, der Gründer und Herausgeber der „Jungen Freiheit“, verortet seine Zeitung seit vielen Jahren bewusst im demokratisch-konservativen Milieu. Vorwürfe in Richtung Neonazismus sind gegenüber dem bekennenden Verehrer des Hitler-Attentäters Stauffenberg schlicht absurd. Dass sie dennoch regelmäßig wiederkehren und auch CDU-Abgeordnete dabei immer wieder bereitwillig mitspielen, erklärte ef-Kolumnist Michael Klonovsky so: Die „Junge Freiheit“ zu bekämpfen, das „schafft definitiv ein gutes Gefühl, denn sie ist böse. Man weiß ja heutzutage nicht mehr so genau, wofür und wogegen man zu sein hat, die Globalisierung ist zu anonym, George Bush zu weit weg, Hitler letztlich nun doch irgendwie tot, der FC Bayern München spielt meistens woanders, die Klimakatastrophe ist unzuverlässig, und die Mülltrennung allein bringt das emotionale Gleichgewicht auch nicht ins Lot.“ Im Übrigen, so Klonovsky, sei die „JF“ doch „geradezu exzessiv verfassungstreu“.

So verfassungstreu mithin, dass sie anderen Nationalkonservativen schon beinahe zu langweilig daherkommt. Götz Kubitschek etwa, der Herausgeber der „Sezession“, stritt zuletzt mit Kollegen Stein über Sinn und Unsinn des Kampfbegriffs „Neue Rechte“. Stein möchte den Begriff nicht benutzt sehen, Kubitschek hält diesen Verzicht für allzu defensiv.

Heute nun greift Kubitschek den Fall Rohbohm mit einem geradezu neckischen „Siehste doch“ auf:  „Was nun angesichts der unmissverständlichen Selbstverortung der ‚Jungen Freiheit’ verwundert: Die Leute glauben’s anscheinend nicht.“ Das Siehste klingt im beinahe selbstironischen, ja in Insiderkreisen legendären Militär-Deutsch Kubitscheks („Start um 9 Uhr: Sezession im Netz“ / „Teil 2 des Gesprächs: morgen, 10.00 Uhr“ / „Gruß!“) „ganz holzschnittartig, ganz kühl“ so: „Wer im politischen Feld auf Fairness hofft, macht sich etwas vor. In der Politik wird über das Mitmachen-Dürfen anders entschieden: Ein Angebot erhält, wer für Machtzuwachs sorgt oder wer für die eigene Machtposition gefährlich zu werden droht. So wurde die Neue Linke umarmt, Fischer, Trittin und andere erhielten Zugang zu den Futtertrögen in dem Moment, als sie nicht mehr aufzuhalten waren. Hinrich Rohbohm ist noch aufzuhalten. Es ist nicht notwendig, ihn zu umarmen. Es ist auch nicht notwendig, die ‚Junge Freiheit’ zu umarmen: Sie ist nicht mächtig und nicht gefährlich genug. Es ist zu früh, um auf Fairness zu hoffen. Selbst für Konservative.“

Kubitschek liegt hier offenbar nicht ganz falsch: „Fairness ohne Blick auf die Machtverhältnisse ist eine Tugend unter Persönlichkeiten. Hinrich Rohbohm wird sich retten können, wenn er vor Ort genügend persönlichen Kredit angehäuft hat und Anstand einfordern kann. Mit politisch weicher oder harter Selbstverortung hat das nichts zu tun. Und die ‚JF’ wird über eine Kampagne alle Hebel in Bewegung setzen, die sie greifen kann: Das ist wiederum ein Machtkampf, und sie hat den ein oder anderen Kampf dieser Art ja schon gewonnen. Mit politisch weicher oder harter Selbstverortung hat auch das nichts zu tun.“

Das mag holzschnittartig und kühl sein. Aber in der Sache ist es schlicht die Wahrheit. Und die gilt längst nicht nur für die „nationalkonservative Szene“, sondern etwa auch für Liberale und Libertäre oder andere Freigeister: Wer unbedeutend ist, wird totgeschwiegen. Wer bedeutender ist und die Machtfrage stellt, wird mit extremen Mitteln vom herrschenden politmedialen Kartell bekämpft und gesellschaftlich ausgegrenzt. Der nächste Schritt bei weiter steigendem Einfluss ist der Versuch der Einbindung. Dies nur nebenbei, damit, wenn es so weit ist, keiner zu sehr überrascht ist.

Doch warum verteidigen wir hier ohne Not eine offenbar immer noch zum Abschuss freigegebene Zeitung? Die Gegenfrage ist interessanter: Warum verteidigt sonst kaum jemand die „Junge Freiheit“ (und den Papst, Eva Herman, Martin Hohmann etc.)? Schließlich vertritt die „Junge Freiheit“ heute ziemlich exakt lediglich die Positionen, die noch vor wenigen Jahrzehnten in der „FAZ“ oder „Welt“ publiziert wurden (und die Pius-Brüder verfechten eine katholische Kirche, wie sie in den 50er Jahren noch fast flächendeckend bestand, Herman und Hohmann wären in einer anderen Zeit schlicht Mainstream gewesen). Die „Junge Freiheit“, der Papst und all die anderen Opfer der Kampagnen vertreten heute das, was vom einst stolzen Bürgertum übrig geblieben ist. Dass Journalisten der Konkurrenz in ihrer Aufgabe als vierte Gewalt und beim Schutz der Meinungsfreiheit schlicht versagen und keinerlei beruflich-kollegiales Ehrempfinden haben, ist bedauerlich, aber eben auch nur eine zeitgeistige Begleiterscheinung, vom Volk längst quittiert mit dem katastrophalen Ansehen aller Politiker und Journalisten in der Größenordnung von Schwerverbrechern. Ein Tugend- und Persönlichkeitsproblem auch, wie Kubitschek richtig erkennt.

Doch Zeiten ändern sich. Das Pendel hat bereits ausgeschlagen und dreht sich, deshalb auch die Hysterie. Die Jugend hat genug von linken Phrasen und Zerstörungen aller Art. Das Bürgerliche kommt langsam aber gewaltig wieder in Mode. Noch klebt das Kartell am Sessel und schreit, während das Volk für sie längst nur noch Verachtung übrig hat – was wiederum totgeschwiegen werden muss. Wer von außen die Machtfrage stellt, hat bei zunehmendem Erfolg immer weniger Freunde. Aber es kommt die Zeit, in der alle die jetzt noch Aussetzigen mielkehaft doch schon immer lieb hatten.

Dann sollte man sich an die heutigen Rufmörder erinnern, ob sie aus dem Springer-Verlag kommen oder Angela Merkel, Dirk Niebel oder eben jetzt Martina Krogmann heißen. Ein solcher Artikel dient auch dazu, die Mittäter (gegen-) öffentlich zu benennen und ihnen damit wenigstens einen flüchtig schreckhaften Blick auf das Loch zu gewähren, in das Hinrich Rohbohm jetzt womöglich fällt, weil diese Leute aus der deutschen Geschichte nichts gelernt haben.


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