09. Februar 2009

Papst-Debatte Die Kanzlerin und ihr Patient

Angela Merkel war verwirrt

Ein Hosenanzug warf sich in Pose: Angela Merkel nahm sich am zurückliegenden Dienstag den Papst zur Brust. Dieser habe „noch nicht ausreichend“ klargestellt, dass es „keine Leugnung geben kann“ des Holocaust und dass bei solchen und ähnlich „grundsätzlichen Fragen des Umgangs mit dem Judentum“ eine derartige Zweideutigkeit „nicht ohne Folgen im Raum stehen bleiben“ dürfe. Sprach also die uckermärkische Pastorentocher Richtung Rom, wie weiland viele Deutsche schon vor ihr; sprach es wirkungsbewusst an jenem Dienstag, als ihr Konkurrent ums Kanzleramt, der Außenminister, bei Hillary Clinton weilte und ihr sonst die Schlagzeilen gestohlen hätte.

Sie stand damit in einer sehr langen Tradition, die spätestens 1077 in Canossa begann und im nationalprotestantischen Kaiserreich von Wilhelm Zwo nicht endete. Deutsch sein und antimontan sein, sind in der politischen Elite oft zwei Seiten des einen Sendungsbewusstseins. Den Popen zeigen, wo der deutsche Bartel den Most holt, wo der fromme Hammer wirklich hängt, wo auf einen groben Klotz noch derbere Keile gehören: Schneller lassen sich viele Milieus hierzulande nicht kurzschließen, im Groll der rheinischen Stämme wider den Empörer am Tiber.

Vor 75 Jahren schrieb Rudolf Borchardt: „Nur im deutschen Volke lebt immer heimlich und hält sich zäh in Winkeln der Einzelnen und der Gesamtheit der wütende Argwohn, durch das Christentum eigentlich gefoppt zu sein und durch Rom nur ausgebeutet und düpiert, durch die Höfe genarrt, durch Mittelalter und Kirche verhöhnt“.

Jeder bläst in jenes Horn, das dem Mund am nächsten ist. Die Kanzlerin blamierte sich durch ihr hochwohlmögendes Getöse – als hätte Benedikt XVI. nicht bereits dutzendfach die Gräuel der Shoah verurteilt, zuletzt am Mittwoch vor Merkels Solo-Show. Michel Friedman blamierte sich unterdessen durch eine auch in diesem Fall hochtourige Rede, innerhalb derer er den Papst einen Lügner und Heuchler nannte und schrill eine unverrückbare Eindeutigkeit in moribus einklagte – als lägen des Moralisten eigene unmoralische Verwicklungen schon Jahrzehnte zurück. Und kaum ein Kommentator entschlug sich des bizarren Hinweises, die „deutsche Kirche“, so ZDF-Katholik Peter Frey, müsse hier eindeutig Position beziehen – als werde von deutschen Kanzeln täglich zum Rassenhass aufgerufen, als sei jeder Katholik ein potentieller Antisemit und als habe sich die deutsche Catholica bereits von Rom gelöst.

Nur Angela Merkel aber wählte bei ihrem Versuch, der CDU eine kirchenkämpferische Note zu geben, eine fehlleistende Sprache. Der Anlass, um dem Papst den Marsch zu blasen, war bekanntlich die ebenso dumme wie unwahre Behauptung eines traditionalistischen Weihbischofs mit Namen Williamson, die Gaskammern der Nationalsozialisten habe es nicht gegeben. Williamson, von Benedikt XVI. aus der Exkommunikation befreit, berief sich zu seiner eigenen Schande auf das Lieblingsspielzeug der Revisionisten, den sogenannten „Leuchter-Report“. Wir lernen: Groteske Unbildung, gepaart mit einem Hang zu antisemitischen Klischees, bewahrte Herrn Williamson nicht davor, einer von gerade einmal vier Bischöfen der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ zu werden. Dass diese gleichwohl nicht in toto antisemitisch ist oder faschistisch, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Die Fehlleistung der Angela Merkel, die einen lebenslangen, nicht immer erfolgreichen Kampf mit der deutschen Sprache ficht, lautete: Solches Schwadronieren, solches Leugnen könne es nicht geben – ein offensichtlich unsinniger Satz. Keine Widerstände nämlich sind der Sprache eingebaut, die den Ausdruck des Dummen, Unwahren ausschlössen. Ich kann sehr wohl sagen und schreiben: Die Erde ist eine Scheibe, sie dreht sich um die Sonne, der Klapperstorch bringt die Kinder. Auch die zurecht inkriminierten Sätze des Herrn Williamson waren definitiv sagbar – und zu unser aller Beunruhigung werden sie es auch bleiben. Merkel meinte also wohl, Leugnung oder Verharmlosung dürfe es straffrei nicht geben.

Indem sie vom Nicht-Können statt vom Nicht-Dürfen sprach, verschob sie die gesamte Angelegenheit und damit, über Bande, auch das behauptete Ungenügen des Papstes vom moralischen in den naturwüchsigen Bereich. Dort haben wir es nicht mehr mit dem zu tun, was sein soll oder muss, sondern mit dem, was sein kann und was nicht sein kann, mit dem also, was ist oder eben nicht ist, mit Sein oder Nichtsein, Leben oder Tod.

Die führende Politikerin griff damit zu einer prinzipiell unpolitischen Kategorie. Sie formulierte ein Naturgesetz, keinen Appell. Wer dem Alternativlosen, dem einzig Einleuchtenden, dem einzig Gesunden sich verweigere, wie es in ihrer Sicht der Papst noch tue, der irrt nicht nur, der ist verrückt, der ist nicht ganz zurechnungsfähig.

Darin liegt die Dramatik der Merkelschen Selbstdemontage: Sie hat nicht nur, statt im Namen des Volkes, das sie vertritt, im Namen eines Affekts gesprochen; sie hat dies auch noch in biologischen, nicht politischen Kategorien. Ein Fall für den Arzt soll sein, wer ihr nicht folgt. Wenn die Zeichen nicht trügen, fällt soviel Verwirrung jetzt auf die Verwirrte zurück.

Information

Alexander Kissler ist Kulturjournalist, u.a. bei der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", und Sachbuchautor. Die bisherigen Montagskolumnen finden sich hier".


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Alexander Kissler

Über Alexander Kissler

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige