31. Januar 2009

Die Piusbrüder, Richard Williamson und die politische Korrektheit II. Papst Benedikt unter schwerem Beschuss

Die tieferen Hintergründe zur Medienkampagne

Die zunehmende Empörungswelle war vorauszusehen. Sie nimmt für den Papst nun bedrohliche Ausmaße an. Der Zentralrat der Juden in Deutschland brach den Kontakt mit der Kirche ab, Israel droht mit dem Ende der diplomatischen Beziehungen, und auf dem Cover des BRD-Zentralorgans „Der Spiegel“ am kommenden Montag wird einmal nicht Adolf Hitler zu finden sein, sondern ein Bild Benedikts mit der Schlagzeile: „Der Entrückte: Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche“.

Auch andere Massenmedien, allen voran die, denen die katholische Kirche von jeher ein Dorn in ihrem fortschrittlichen Auge ist, sind sich seit Tagen einig: Der Papst hat einen schweren Fehler gemacht. Er müsse ihn zurücknehmen und sich entschuldigen. Das obligatorische Unterwerfungsritual – von Kerner in seinem Tribunal gegen Eva Herman einst vor Millionenpublikum bis über jede Peinlichkeitsgrenze und abermalige Wiederholungsschleife hinweg verlangt – wird jetzt vom Oberhaupt der katholischen Kirche eingefordert. Der Papst „muss“ sich beugen und öffentlich Abbitte leisten, hören wir auf allen Kanälen. Ohnehin und endgültig, so wird schlau vom „Tagesspiegel“ eingestreut, habe sich nun das Unfehlbarkeitsdogma als „Irrtum“ erwiesen. Womit wir beim Thema sind.

Es geht offenbar um Religion. Und um Tabus. Seit Menschengedenken hat es keine Gesellschaft ohne Tabuzonen gegeben. Ausgesprochene Ge- und Verbote sowie unausgesprochene Tabus sind die Abzäunungen, die offenbar nötig sind, um ein einigermaßen reibungsloses und vorausschaubares Leben für den Einzelnen zu ermöglichen.  Die biblischen Zehn Gebote sind ein Beispiel für diese Grenzziehung. Jahrhundertelang galten sie, heute wirken sie auf viele eher lachhaft als sinnstiftend: „Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.“ Totalitäres Christentum! „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ Autoritär und altertümlich! „Du sollst nicht ehebrechen.“ Ein guter Witz beim nächsten Besuch des Christopher Street Day! „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“ Der Neid ist das Fundament, auf dem der moderne Sozialstaat gebaut wurde.

Nicht einmal mehr in der geplanten EU-Verfassung sollte der christliche Gottesbezug zu finden sein. Die noch vor wenigen Jahrzehnten überall in Europa unumstößlichen Gebote gelten offenbar nicht mehr, die christliche Vorherrschaft ist gebrochen. Was ist an seine Stelle getreten? Eine tabu- und regelfreie Gesellschaft des „anything goes“? Gerade Liberale bezweifeln, dass so etwas überhaupt möglich ist. Die klassisch liberalen Ökonomen und Sozialphilosophen Friedrich August von Hayek etwa oder Ludwig von Mises wiesen immer wieder darauf hin, dass Menschen ohne gewachsene Traditionen „sozial blind“ seien, ja gar nicht lebensfähig. Hayek führt das Beispiel eines auf einer völlig fremden und abgelegenen Insel Gestrandeten an. Die Einheimischen nähern sich ihm argwöhnisch. Wie soll er sich verhalten? Werden sie ein Lächeln als freundlich oder bedrohlich werten? Ist ein Handschlag angebracht oder lebensgefährlich? Offenbar ist ein Überleben ohne Regeln, Traditionen und Tabus kaum möglich.

Das sehen auch die neuen Hohepriester der „Political Correctness“ so. Sie schufen deshalb neue Ge-und Verbote, deren Infragestellung keinem Menschen wirklich zu empfehlen ist. Heilig ist nun vor allem anderen die „Demokratie“. Auch wenn jeder etwas anderes darunter verstehen kann, und viele immer wieder anmahnen, dass die „wirkliche Demokratie“ erst verwirklicht werden müsse. Als solche Infragestellen wird man sie jedenfalls so wenig wie den Sozialismus zur Endzeit der DDR. Selbst wer das System damals verändern wollte, tat dies bis unmittelbar nach dem Mauerfall im aufrichtigen Bestreben für einen besseren Sozialismus. Wer in der Endphase der realexistierenden BRD heute die Demokratie als solche kritisieren wollte, würde nicht einmal zur Kenntnis, geschweige denn ernst genommen. Ausnahmen bestätigen die Regel: Der Ökonom und Sozialphilosoph Hans-Hermann Hoppe schreib gleich ein ganzes Buch zum Thema: „Demokratie – Der Gott, der keiner ist“. Am Ende musste er seine Universität verlassen. Er wird heute von vielen gerne gemieden.

Dabei waren so ziemlich alle griechischen Philosophen und selbst alle Gründerväter der USA sich noch einig darin, dass demokratische Staaten dem Untergang geweiht sind.

Mit der Demokratie glauben wir heute an die Gleichheit des Menschen. Weshalb zum Beispiel die IQ-Forschung tabuisiert wird. Rassen, ja selbst Geschlechter, so wird uns nun gesagt, gibt es nicht (mehr). Männlichkeit und Weiblichkeit werden bereits im Kindergarten verfolgt und ausgetrieben wie einst allenfalls der Teufel.

Als wäre dies nicht genug, hat ein höchst diesseitiger Schuldkult die christliche Ursünde abgelöst. In den USA ist es die Schuld des weißen Mannes, die heute eine messiasähnliche Rolle Barack Obamas – und in Deutschland Liveübertragungen seiner Amtseinführung auf allen Kanälen gleichzeitig – ermöglichen. Auch hierzulande wird diesseitig Schuld zelebriert – die „spezifisch deutsche Schuld“. Der deutsch-amerikanische Historiker Paul Gottfried erklärt den Wandel so: Die metaphysische individuelle Schuld sei vor allem im protestantischen Nordeuropa, in den USA und Kanada in eine gesellschaftliche Schuld umwandelt worden. Manche säkularen Intellektuellen und einige protestantische Theologen sähen in dieser Schuldannäherung die Erfüllung der in der Bibel nur angedeuteten sozialen Gerechtigkeit sowie der christlichen Pietät. Die frühere christliche Verpflichtung zur Nächstenliebe werde, so Gottfried, heute in einen gesellschaftlichen Zwang umgewandelt. Der Umfang des zu bekämpfenden menschlichen Verhaltens – Stichwort: Antidiskriminierungsgesetze – werde dabei ständig erweitert.

Das jüngste Tabu betrifft die unhinterfragbar menschlich gemacht zu habende Erderwärmung. Klimatologen, die dem widersprechen, dürfen sich als „Klimaleugner“ besonders warm anziehen.

In der gewaltigen Medienkampagne, die nun gegen den Papst geführt wird, ist ihre Hemmungs- und Erbarmungslosigkeit auffallend. Widerspruch, und sei es auch nur am Rande der Debatte, wird nicht mehr geduldet. In die Fernseh-Talkshows zum Thema wurde schlicht kein einziger Gast eingeladen, der auch nur ansatzweise der Anklage widersprochen hätte. Dabei wäre es doch naheliegend gewesen, etwa auch einen Piusbruder selbst mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Offenbar fällt inzwischen selbst ein Gespräch mit dem Angeklagten in die Tabuzone. Eva Herman ist, seitdem sie einfach nicht abschwören wollte, nicht wieder im Fernsehen zu sehen gewesen.

Nun kann man einige Übertreibungen der heutigen Political Correctness sicherlich kritisieren. Aber sind nicht die eigentlichen Anliegen gut, richtig und edel? Auch früher gab es doch Übertreibungen, die katholische Kirche selbst hat einst Andersdenkende verfolgt. Und wenn Ge- und Verbote für den gesellschaftlichen Zusammenhalt nötig sind, ist es dann nicht relativ gleichgültig, was gerade zum Tabu erhoben wird? Ob Ehebruch oder das Wort Autobahn (das geht gar nicht)? Ob die Leugnung des Jesus Christus oder des Holocaust? Ist es nicht ein großer Fortschritt, dass gerade die Leugnung des furchtbaren millionenfachen Mordes an Juden im Dritten Reich in Deutschland heute unter schwerer Strafandrohung steht?

Vor einigen Jahren erschien ein geschichtsrevisionistisches Buch, in dem behauptet wurde, dass es Jesus Christus in Wirklichkeit nie gegeben habe. Tatsächlich, so der Autor Francesco Carotta, sei Jesus Caesar gewesen! Carotta verweist dabei auf einige in der Tat interessante Parallelen und Merkwürdigkeiten. Ist Galiläa eine Anspielung auf Gallien? War Judas Brutus? Ein solches Buch hätte unter päpstlicher Zensur kaum erscheinen können.

Vermutlich ist der Jesus-Revisionismus ein schlechter Witz, eine Spinnerei, so abseitig wie der 09/11-Revisionismus, die Mondlandungs-Leugnung oder eben das, was Bischof Williamson über den Holocaust sagte. Interessant und nur tabutypisch ist aber, dass die Wiederholung dessen, was er im Interview mit dem schwedischen TV-Sender äußerte, selbst zur reinen Dokumentation kaum vorstellbar ist. Williamson ist, so erfährt der deutsche Leser, schlicht „der Holocaust-Leugner“. Und das, obwohl er durchaus Hunderttausendfache Ermordung von Juden durch die Nazis einräumte.

Vielleicht ist es für den Frieden im Land dennoch gut, dass Carottas Bücher heute veröffentlicht werden dürfen, während Williamson kurz nach Betreten deutschen Bodens verhaftet werden würde.

Nun gibt es aber zwischen den Ge- und Verboten der modernen Politischen Korrektheit und den biblischen Zehn Geboten einen grundlegenden Unterschied. Handelte es sich früher vor allem um tabuisierte Handlungen (Ehebruch, Diebstahl, Mord) oder Verbote handlungsanfälliger Gefühle (Neid, Untreue, auch gegenüber Gott), so tabuisieren Politiker und Medien heute alleine unbotmäßige Gedanken, das Suchen nach wissenschaftlicher Wahrheit (Genderideologie, Klimahysterie) oder geschichtlichen Zusammenhängen (Feminismus, Schuldkult). Die Moderne, die sich vordergründig die Vergötterung der Ratio auf die Fahnen schrieb, ist damit „hinten rum“ bei der Verteufelung selbstständigen Denkens angekommen.

Und es gibt noch einen Gegensatz zwischen den alten und neuen Dogmen: Die Zehn Gebote haben ihren Praxis-Test als Leitfaden für einige Jahrhunderte bestanden. Heutige westliche Gesellschaften unter dem Diktat der Political Correctness müssen ihre Überlebensfähigkeit erst noch beweisen. Ein Blick auf die demographischen Daten zeigt, dass die durchgehende Politisierung und Sexualisierung des Zusammenlebens und das Ersetzen der Familie durch den anonymen Sozialstaat möglicherweise ein Ein-Generationen-Experiment ist, das mangels Nachwuchs in massenhaft mental vereinsamten wie materiell verarmten Altengesellschaften sein Ende findet könnte.

Dennoch scheint die Herrschaft der ökosozifemiantifapolitischen Korrektheit heute unumschränkt. Beinahe jedenfalls. Denn wieder einmal existiert ein kleines Dorf in Gallien. Asterix heißt heute Benedikt! Die Katholische Kirche als Sinn- und Gebotsstifter der Vergangenheit ist der naturgemäß größte Feind der heutigen Ersatzreligion Political Correctness. Es geht um nicht weniger als einen Kulturkampf zwischen altem und neuen gesellschaftlichen Überbau, zwischen Religion und Pseudoreligion, ja auch zwischen alten, konservativen, rechten und oft marktwirtschaftlichen Vorgaben hier und neuen, progressiven, linken und staatsvergottenden Diktaten dort. Deshalb – und nicht wegen einiger wirrer Aussagen eines Mitbruders, die mit den Interessen und Aufgaben der Kirche so wenig zu tun haben wie der Lieblingsfußballverein des Pfarrers von Gelsenkirchen – wird nun auch der Papst von den üblichen Verdächtigen so bösartig angegangen wie in der deutschen Presse seit 1945 nicht mehr.

Der konservative Katholizismus, für den jetzt immer mehr Papst Benedikt, vor allem aber auch die nun rehabilitierten Piusbrüder stehen, ist nicht nur implizit, sondern Explizit der natürliche Gegenspieler zur Gleichheitsphilosophie der politisch korrekten Hohepriester. In Schriften der Piusbrüder – das ist für viele so dermaßen unverstellbar, dass die Medien diesen Aspekt noch gar nicht aufgegriffen haben – wird tatsächlich die Demokratie als solche in Frage gestellt und die Monarchie als natürliche Staatsform bevorzugt. Der dieser Tage unvermeidliche Heiner Geißler giftet gegen Benedikt, dieser schotte sich „gegen Geschiedene und Homosexuelle theologisch ab“. Wie würde Heiner Geißler erst die Ansichten der Piusbrüder theologisch bewerten, würde er sie kennen?

Dabei sei hier der ausgebrochene Kulturkampf gar nicht bewertet, jedenfalls nicht durchgehend. Selbst notorische Blindflieger wie Heiner Geißler oder Claudia Roth mögen in Fragen bestimmter persönlicher Freiheiten, der Zulassung von religiösem Pluralismus oder der Verdammung von vermeintlichem Satanismus in Harry-Potter-Romanen gegenüber den zuweilen auch wunderlichen Ansichten der Piusbrüder einmal schlauer sein. Aber möglicherweise geht es um viel mehr als das.

Papst Benedikt XVI. jedenfalls scheint sich seiner Rolle bewusst zu sein. Heute Morgen sorgte er für eine neue Schlagzeile: Neuer Linzer Weihbischof wird entgegen der Empfehlung einiger „fortschrittlicher“ Kirchenoberer vor Ort durch direkte Anweisung aus Rom ein „Erzkonservativer“ sein, meldet der „Spiegel“ erschrocken.

Es bleibt also interessant. Denn der Papst und die ihm folgenden Teile der katholischen Kirche stehen keineswegs alleine. In vielen Fragen wird er unterstützt von der (hier gesamten) russisch-orthodoxen Kirche im Osten wie von amerikanischen Evangelikalen im Westen. Dabei – und nun wird es richtig spannend – ist der Muselman als möglicher Partner noch gar nicht genannt.

Sollte also der Papst in diesen schwierigen Tagen standhaft bleiben, könnte der Kampf um gesellschaftliche Tabuzonen kurz vor einem Umschlagen unserer politisch korrekten Demokratie ins Totalitäre noch einmal dramatisch werden. Nicht wegen, sondern trotz der unmöglichen Aussagen von Bischof Richard Williamson.

Internet

Die Piusbrüder, Richard Williamson und die politische Korrektheit: Auf Papst Benedikt XVI. wird gezielt


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