31. Januar 2009

Kreditkrise Der seltsame Fall der Hypo Real Estate

Eine Geschichte, die man nicht besser erdichten könnte

Sollte ein Wirtschaftshistoriker in einigen Jahren planen, ein Buch über kometenhaften Aufstieg und tiefen Fall der Hypo Real Estate zu verfassen, so wird er zweierlei feststellen. Erstens gab es niemals einen Aufstieg. Die Hypo Real Estate war bereits bei ihrer Gründung eine Totgeburt, abgespalten mit dem bilanziellen Abfall, der aus der Verbindung der Bayerischen Vereinsbank mit der vor sich hin rottenden Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank zur Bay. Hypo- und Vereinsbank in 1998 entstanden war. Zweitens wird dieser Historiker feststellen müssen, dass es auch an einem tiefen Fall der Hypo Real Estate fehlt. Sie wird auch in vielen Jahren noch als Staatsbank aktiv sein, ihren Vorständen Posten und abgehalfterten Politikern Pöstchen sichern helfen. Dem Steuerzahler wird sie auch in dieser Zukunft, die ebenso wenig u- wie dystopisch, sondern nur realistisch ist, auf der Tasche liegen. Der Historiker wird sich dann fragen, warum er ein Werk über eine Bank verfassen soll, die weder Aufstieg noch Fall kennt. Die Antwort ist einfach: auch unendliche Geschichten können skandalös spannend sein.

Spannend ist die Geschichte der HRE bislang zwar, doch ist erschreckend der angemessene Begriff. Was geschah, sei kurz rekapituliert: Ende September 2008 stellte sich heraus, dass die HRE nicht in der Lage ist, sich kurzfristig zu refinanzieren. Die HRE-Tochtergesellschaft Depfa hatte bis dahin in großem Umfang gegebene langfristige Kredite durch kurzfristige Kreditaufnahme bei anderen Banken refinanziert. Infolge der Lehman Brothers Pleite wurden die Banken untereinander kritischer bei der Kreditvergabe und zögerten, so die offizielle Version, Mittel an diejenigen bereitzustellen, die ein schlechtes Risiko abgeben. Die Depfa hat, indem sie die Entscheidung zu jeweils kurzfristiger Refinanzierung getroffen hat, das Liquiditätsrisiko übernommen. Jedem Risiko wohnt per definitionem die Gefahr inne, dass es sich verwirklicht. Da die Fristentransformation zum Alltagsgeschäft der Banken gehört, kennen sie die Problematik gut und lassen sich die Übernahme des Risikos entlohnen, treffen aber gleichzeitig Risikovorsorge. Gut geklappt hat das bei der Depfa nicht, denn – wie die Ereignisse nach Lehman zeigen – reichte die Risikovorsorge nicht aus und der Depfa standen keine Möglichkeiten offen, sich bei Dritten zu refinanzieren. Zu diesem Zeitpunkt war die Depfa bzw. die HRE zahlungsunfähig, also nicht in der Lage, ihre kurzfristigen Verbindlichkeiten zu decken. Pikanterweise versprach der Vorstand im vorhergehenden Zwischenbericht, mit dem die HRE die Börsenöffentlichkeit (des-)informiert hatte, auch für den „worst case“ ausreichende Vorsorge getroffen zu haben. Der „worst case“, der GAU, das Schlimmste-wo-gibt wird aber, so muss man mutmaßen, in Bayern anders verstanden als im Rest der Republik. Ob nun das spezifisch bayerische Verständnis des „worst case“ oder das, was der durchschnittliche Anleger unter einem solchen Versprechen versteht, korrekt sind, wird ein Richter zu klären haben. Jedenfalls hat die Münchener Staatsanwaltschaft in einem seltenen Anflug von – höchstwahrscheinlich politisch motiviertem – Arbeitseifer mehrere Dutzend ihrer Mitarbeiter und Handlanger zu einer dezemberlichen Hausparty bei der HRE eingeladen, die zwar nicht mit der Verschleppung von Vorständen wie im Fall Zumwinkel, sondern nur von Dokumenten endete. Nach dieser Aktion kann man sicher sein, dass die typische Verfilzung der Münchener Regierung mit ihren Banken zumindest in Bezug auf die HRE ein Ende hat – wenn auch nur vorübergehend. Denn mittlerweile sind nach dem Vorstand  auch die meisten Aufsichtsratsmitglieder gewechselt worden – ersetzt wurden sie durch altbekannte Namen wie Dresdner Bank Chef Walter, selbst über die Allianz gut in Münchens Politsociety eingeführt, und einige andere politisch gut verknüpfte Banker.

Die Bundesregierung nahm die Krise zum Anlass, kräftig für das „Rettungspaket“ zu werben, böse den Finger über den gierigen Bankern der HRE zu schwingen, sie öffentlich anzuprangern, nur um ihnen zunächst Mittel in Höhe 35 Mrd. Euro zu versprechen, die dann auf 50 Mrd. aufgestockt wurden.  Am 21. November erfolgte zusätzlich eine Zusage über eine Bürgschaft in Höhe von 30 Mrd. des SoFFin. In München aber, da denkt man groß. Im Januar wurden aus den gar nicht dürren Rippen des SoFFin weitere 12 Mrd. Euro geleiert. Insgesamt, so berichtet die Presse, handele es sich nun um einen Gesamtrahmen von 92 Mrd. Euro, in dessen Höhe der Bund für die Verbindlichkeiten der HRE einsteht. Peanuts. Trotzdem: Herzlichen Glückwunsch! Das Bankensystem ist gerettet. Gleichwohl wolle, so der Neuvorstand Wieandt, immer noch kaum ein privater Kapitalgeber der HRE Geld überlassen. Kann ein Staat eigentlich ein Bankensystem retten, wenn er nicht in der Lage ist, auch nur einer einzigen Bank so beizustehen, dass diese wieder handlungsfähig wird?

Die Frage ist eine rhetorische. Die Antwort interessiert die Handelnden nicht. Gemäß einer Pressemitteilung von „report München“ war das Bundesfinanzministerium bereits frühzeitig darüber informiert, dass der HRE Liquiditätsprobleme bevorstünden. Die BAFin habe die HRE mehrfach geprüft und auch entsprechende Prüfberichte an das Bundesfinanzministerium schon im August versandt, in denen auf die schwerwiegenden Folgen wahrscheinlicher Refinanzierungsprobleme der Depfa hingewiesen worden war. Zwischenzeitlich habe das Bundesfinanzministerium es abgelehnt, auf weitere Nachfragen von „report“ zu antworten.

Der Skandal, mit dem das Buch für den Wirtschaftshistoriker zum Beststeller werden kann, offenbart sich, wenn man einer von „report“ aufgedeckten Verknüpfung folgt. Die HRE ist nach dem Umwandlungsgesetz von der Bay. Hypo- und Vereinsbank abgespalten worden. Die BHV, selbst mittlerweile unter italienischer Kontrolle, haftet für Schulden der HRE für die Dauer von fünf Jahren nach der Abspaltung. Diese Frist endete am 29.09.2008, just an dem Tag, als die HRE ihre prekäre Lage bekannt gab. Die HRE wurde als „bad bank“ gegründet. Sie hielt Vermögenswerte, die in der BHV, der damaligen bayerischen Vorzeigebank, niemand mehr haben wollte. Was niemand mehr haben will, das kauft am Ende die Bundesregierung. Dazu muss, so „Spiegel Online“, Wieandt nur den Druck erhöhen.

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