17. Januar 2009

Jürgen Elsässer Querfrontler verdroschen und gefeuert

Ein Sittengemälde von der politischen Tiefebene

Politische Szenen haben immer etwas sektenhaftes. Wenn ein „Insider“ den Gedankenaustausch mit Leuten außerhalb der Szene sucht, bekommt er als plötzlicher „Outsider“ Probleme. Das ist und war in liberalen und libertären Zusammenhängen so, und es bewahrheitet sich dieser Tage ansatzweise in der rechtskonservativen Szene. Vor allem aber galt und gilt dies allen voran in der höchstideologisiertesten aller Politszenen, der linken.

Sekten neigen auch dazu, sich in immer kleinere Substrukturen zu spalten. Auch hier – denken wir an sich spinnefeinde, konkurrierende K-Gruppen oder jüngst an „Antideutsche“ versus „Antiimperialisten“ – bietet sich die Linke als zweifelhaftes Vorbild für andere an. Kein Wunder also, wenn der größte (Quer-) Kopf dieser deutschen Linken, Enfant Terrible Jürgen Elsässer, nun beide Phänomene zu spüren bekommt, nachdem er letzten Samstag eine neue „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ gegründet hatte.

Es müsse „eine Koalition zur Verteidigung der nationalen Souveränität geben – von links bis zur demokratischen Rechten“, forderte Elsässer bereits im April 2007 in der Zeitschrift „Galore“. Nun präzisierte er, was er anstrebe, nämlich einen „Keynesianismus auf nationaler Ebene, um die zerstörerischen Angriffe der aggressivsten Teile des Kapitals abzuwehren; eine Zusammenarbeit zwischen der Linken und der Arbeiterklasse mit Mittelstand und aufgeklärten Kapitalisten in Form einer Volksfront; eine Koalition der angegriffenen Nationalstaaten unabhängig von ihrer jeweiligen ideologischen Orientierung. Ein Spektrum von Lafontaine bis Gauweiler ist das, was wir wollen.“ Natürlich kennt der in Linksaußenstrukturen zutiefst beheimatete Elsässer – er begann seinen Weg durch die Linkstitutionen einst beim Kommunistischen Bund – seine Pappenheimer und fügt unmissverständlich hinzu: „Eine Mitarbeit von NPDlern in unserer Initiative oder auch eine Zusammenarbeit lehnen wir strikt ab. Mit Leuten, die den Holocaust verharmlosen oder beschönigen oder den Nazismus verharmlosen oder rechtfertigen, wird es keine Form der Kooperation geben.“

Alleine, er wird es geahnt haben, es nützt ihm nichts. Von „taz“ bis „Welt“ – und vor allem und besonders hasserfüllt von seinen linkesten Exfreunden – wird Elsässer auf seinen abseitigen neuen Wegen zum Nazi gestempelt. Die NPD höchstselbst bot ihm offiziell die Zusammenarbeit an. Beifall von der falschen Seite – das reicht links immer für den Schuldspruch und die ewige Verbannung: „Stoppt den Irren, bevor er total durchdreht“, hetzte es durchs Internet. Wenig überraschend.

Doch im Fall Elsässer blieb es nicht bei den üblichen „Verdächtigungen“. Vielmehr verlor er im Anschluss an die Gründung der Volksinitiative seinen Job als Redakteur bei der sozialistischen Tageszeitung „Neues Deutschland“. Und die Veranstaltung selbst wurde von einem „anti“-faschistischen Schlägertrupp brutal heimgesucht, es gab Verletzte.

Das ehemalige Zentralorgan der SED, heute die Zeitung der „Linken“, begründet den Rauswurf so: „Um unsere Feststellung von Missdeutungen frei zu halten: Wir werfen Dir nicht vor, selbst ins rechte politische Lager übergewechselt zu sein, aber dort gedankliche Anleihen zu nehmen und in einer Weise politisch anzudocken, die wir für grundsätzlich falsch und gefährlich halten. Es sind für uns Positionen, mit denen wir uns streiten, die im Übrigen keine neuen Irrtümer innerhalb des linken Spektrums sind, die wir aber nicht in vertraglicher Autorenschaft in unserer Zeitung beheimatet sehen möchten.“ Gedankliche Anleihen außerhalb der Szene, Verrat am eigenen Spektrum – so verabschiedet die Sekte einen, der sich nicht an deren Kontaktsperren und Unvereinbarkeitsbeschlüsse hält. Immerhin fügt das „ND“ recht freundlich und verständnisvoll hinzu: „Auch wenn es mit unserer Differenz nicht das Geringste zu tun hat, möchten wir aus gegebenem Anlass ausdrücklich anfügen: Die Hasstiraden, die zum Teil im Internet gegen Dich kursieren und den gewalttätigen Überfall durch eine Gruppe Vermummter auf Deine Veranstaltung am 10. Januar verurteilen wir scharf. Unser Streit ist ein argumentativer.“

Da klingt der Hohn ob der neudeutschen SA-Truppen aus der einst von Elsässer mitgegründeten Wochenzeitung „Jungle World“ schon anders: „Elsässer will mit seinem zum Faschismus geronnenen, regressiven Antikapitalismus raus aus dem linken Getto. Das ist ihm gelungen.“ Unter den 50 Gästen seien nämlich auch, hört, hört, Nazis gewesen, mutmaßt die „Jungle World“, für die zu schreiben sich honorige liberale Autoren wie Dirk Maxeiner und Michael Miersch nicht zu schade sind – und fügt mit Blick auf die vermeintlich erkannten Untermenschen in „Stürmer“-Manier höhnend hinzu: „die allerdings Blessuren davontrugen, als eine Gruppe Vermummter dem Versammlungsraum einen Besuch abstattete.“

Tatsächlich war bereits am 7. Januar auf der – einst von der Bundeszentrale für politische Bildung preisgekrönten – linksextremen Website Indymedia dazu aufgerufen worden, die Veranstaltung des „Verräters“ zu stürmen: „Lassen wir Elsässer nicht alleine, besuchen wir ihn und bereiten ihm und uns einen schönen Abend. Wirksame Gegen-Argumente sollten treffsicher vorgebracht werden.“

Nun ist die Entlassung Elsässers beileibe nicht dessen erste. Nachdem er sich einst mit anderen als damals „Antideutscher“ (Judäische Volksfront) von der nationalbolschewistischen „Jungen Welt“ (Volksfront von Judäa) abgespalten und die „Jungle World“ gegründet hatte, trennten sich bald auch dort die Wege. Elsässer wurde das journalistische Aushängeschild von Gremlizas linker Marx- und Monatspostille „Konkret“, bevor auch dieser ihm kündigte, als der nun nicht mehr ganz so antideutsch-amerikatreue Elsässer die konkrete Verteidigung des Irakkrieges kritisierte. Elsässer ging zurück zur „Jungen Welt“. Nach seiner dortigen prodeutschen Kolumne „Rettet unsere Kohle“, die „nach Meinung der Geschäftsführung nie hätte erscheinen dürfen“, musste er auch dieses Linksaußenblatt verlassen und begann schließlich sein am Ende zehn Monate währendes Intermezzo beim „Neuen Deutschland“.

Der notorische Querkopf Elsässer bewegt sich inhaltlich seit Jahren zwischen hellsichtigsten Analysen (etwa bei seiner Kritik am Überwachungsstaat, der Offenlegung der schmutzigen Rolle der Geheimdienste bei der Entstehung des internationalen Terrorismus, bei der Bewertung des Kosovo-Konflikts, zuletzt bei seiner Vorhersage der Finanzkrise oder bei der Empfehlung an seine linken Leser, Gold zu kaufen) sowie nationalistisch-etatistischen Irrungen (etwa bei seiner Verharmlosung nordkoreanischer oder kubanischer Terrorregime oder wenn er jetzt die Verstaatlichung des Finanz- oder Energiesektors fordert). Doch so viele interessante Köpfe hat die deutsche Linke nicht, weshalb sich mit Elsässer die Diskussion alle Male lohnt.

Auch wenn er die widerwärtigen politischen Kampfmethoden, die nun auf ihn zurückfallen, allzu lange in verschiedensten radikalen Unterlinksfraktionen mit gefördert, zumindest nicht wirklich kritisiert hat: Er hätte mehr verdient als den ewigen Rausschmiss, die dümmliche Nazikeule durch „Welt“ und „taz“ sowie die brutale Gewalt von linken Schlägern in der Tradition Horst Wessels, deren systematische Nichterwähnung eine Schande für den journalistischen Mainstream bleibt. Fraglich ist, ob Elsässer, der sie alle und teilweise gleich mehrfach der Reihe nach im Streit verließ, in seinen altlinken Heimatzeitungen weiter publizieren kann. Die neulinke NPD hat ihn bereits „herzlich dazu eingeladen“, in ihrer Parteizeitung „Deutsche Stimme“ zu publizieren. Er wird dies dankend ablehnen.

Vielleicht wird Elsässer die linke Lederjacke auch einfach an den Nagel hängen. Er kommt jetzt ohnehin in die Jahre, wo man als intelligenter Mensch die Utopien etwas tiefer hängt und sich für die reale Welt mit all ihren Widersprüchen öffnet. Vielleicht sollte er über judäische Volksfronten oder antifinanzkapitalistische Volksinitiativen lieber mitlachen, statt sich bei der Gründung dergleichen lächerlich zu machen. Dem Denker, Autor und Journalisten Jürgen Elsässer jedenfalls steht die Tür zur Diskussion in eigentümlich frei, wie er weiß, offen, auch wenn ein Elsässer in ef nicht nur linke Politsektierer einmal mehr irritieren dürfte. Frische Luft war für den Mief der Szene immer schon „die größte Gefahr“. 


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