10. Januar 2009

Ökonomik Cantillon-Effekte

Grundlagen der österreichischen Konjunkturtheorie

Die österreichische Konjunkturtheorie (Austrian Theory of the Business Cycle) ist die wirkmächtigste Erklärung für die zyklischen Auf- und Abschwünge der Wirtschaft. Sie ist auch die wirkmächtigste Erklärung für das aktuelle weltwirtschaftliche Geschehen und den sich abzeichnenden Abschwung enormen Ausmaßes. So wirkmächtig die Theorie ist, so sehr stößt sie sowohl bei den illiberalen Ökonomen der Linken wie unter Mainstream-Ökonomen auf Widerstand. Geschuldet ist dies zweierlei: Mainstream-Ökonomen tragen zumeist falsche inhaltliche Vorstellungen über die Konjunkturtheorie der Wiener Schule mit sich. Dies gilt auch für linke Ökonomen, die sie zusätzlich aber noch aus ideologischen Gründen ablehnen. In einer mit diesem Beitrag beginnenden Serie von Artikeln werde ich die Grundlagen der österreichischen Konjunkturtheorie darstellen.

Die Kenntnis von den sog. Cantillon-Effekten ist unbedingt zum Verständnis der österreichischen Konjunkturtheorie notwendig. Benannt sind sie nach Richard Cantillon, der sie in einer berühmten Schrift des Jahres 1755 einem weiteren Publikum bekannt machte. Rothbard nennt Cantillon in seinem Werk über die Geschichte der Ökonomie den Vater der modernen Ökonomie. Cantillons „Abhandlung über die Natur des Handels im allgemeinen“ ist von Jevons als die erste ökonomische Abhandlung überhaupt identifiziert worden. Cantillons Methodologie, sein Wissen, dass nur die subjektive Bewertung durch einen Menschen einem Gut Wert verleiht, und seine Fähigkeit, ökonomische von ethischen und politischen Erwägungen zu trennen, markieren einen Hochpunkt, der nicht einmal von Adam Smith erreicht wurde. Auf lange Zeit unerreicht war auch die Qualität der Cantillon’schen Analyse des Unternehmers als eines im Hinblick auf die Unsicherheit der Zukunft handelnden Akteurs, die ihre Bedeutung nicht zuletzt Cantillons persönlichen unternehmerischen Erfahrungen schuldet. Die wohl berühmteste Passage Cantillons findet sich im sechsten Kapitel des zweiten Teils seiner „Abhandlung“. Dort analysiert er den Prozess der Inflation am Beispiel neu entdeckter Gold- und Silberminen. Inflation versteht er dabei – anders als heute üblich – zunächst als Geldvermehrung.

„Wenn die Vermehrung des Bargeldes von Gold- oder Silberminen ausgeht, die sich in einem Staate befinden, so werden der Eigentümer dieser Minen, die Unternehmer, die Schmelzer, die Raffinierer und überhaupt alle jene, die dort arbeiten, jedenfalls ihre Ausgaben entsprechend ihren Gewinnen erhöhen. Sie werden in ihren Haushalten mehr Fleisch und mehr Wein oder Bier verbrauchen als früher, sie werden sich daran gewöhnen, bessere Kleidung und schönere Wäsche zu tragen, besser eingerichtete Häuser und andere erlesenere Bequemlichkeiten des Lebens zu besitzen. Sie werden daher einigen Handwerkern Beschäftigung geben, die vorher nicht soviel Arbeit hatten und die nun aus dem gleichen Grund auch ihre Ausgaben erhöhen werden; alle diese Vermehrungen der Ausgaben für Fleisch, Wein, Wolle usw. vermindern notwendig den Anteil der anderen Bewohner des Staates, die zunächst nicht an den Reichtümern der fraglichen Minen teilnehmen. Das Feilschen auf dem Markte oder die Nachfrage nach Fleisch, Wein, Wolle usw. die stärker ist als gewöhnlich, wird jedenfalls deren Preise in die Höhe treiben. Diese hohen Preise werden die Pächter veranlassen, in einem anderen Jahre mehr Boden zur Erzeugung dieser Dinge zu verwenden; diese selben Pächter werden aus dieser Erhöhung der Preise Gewinn ziehen und werden wie die anderen die Ausgaben für ihre Familien erhöhen. Diejenigen, die unter dieser Teuerung und unter dem erhöhten Konsum leiden werden, werden also zunächst die Grundeigentümer während der Laufzeit ihrer Pachtverträge, dann ihre Diener und alle Arbeiter oder mit festen Gehältern Angestellte sein, die davon ihre Familie erhalten. Alles diese müssen ihre Ausgaben entsprechend dem neuen Verbrauch einschränken und dies wird eine große Zahl von ihnen zwingen, den Staat zu verlassen, um anderwärts ihr Glück zu suchen. Die Eigentümer werden viele von ihnen entlassen und es wird dazu kommen, dass die übrigen eine Lohnerhöhung verlangen werden, um leben zu können, wie sie es gewohnt waren. Das ist ungefähr die Weise in der eine beträchtliche Vermehrung des Geldes aus Minen den Konsum erhöht und unter Verminderung der Einwohnerzahl größere Ausgaben jener, die zurückbleiben, zur Folge hat.“

Geld gerät danach nur Schritt für Schritt in den Wirtschaftskreislauf. Eine erhöhte Geldmenge erhöht auch nicht einfach nur die Preise, sondern hat auf die Preise einzelner Güter ganz unterschiedliche Folgen. Zunächst erhöhen sich die Einkommen der an der Edelmetallproduktion Beteiligten. Dann erhöhen sich die Preise der Güter, die sie am meisten erwerben. Das wiederum erhöht dort die Preise und somit die Einkommen der Produzenten. Die erhöhten Preise bewirken aber andererseits, dass andere Leute diese Güter nicht mehr im gleichen Umfang wie zuvor nachfragen. Wessen Gehalt nicht steigt, weil er nicht in der Minenindustrie arbeitet, der kann nur noch einen kleineren Anteil von Waren wie zuvor erwerben, während die Arbeiter der Minen einen größeren Anteil aller Güter für sich einkaufen können. Inflation trifft die Geldnutzer also in unterschiedlichem Umfang und diejenigen härter, die später in den Besitz des neuen Geldes gelangen. Erst wenn sich das Preisniveau – nach einer gewissen Zeit - insgesamt auf die neue Geldmenge eingestellt hat, wird ein neues, anderes Kaufkraftverhältnis hergestellt sein.

Inflation verändert die Preise also zunächst in Relation zueinander: Preise sind immer relativ. Dadurch kommt es zu Veränderungen in der Ressourcenallokation. Diese Veränderungen bezeichnet man als sog. Cantillon-Effekte. Inflation trifft manche Geldnutzer positiv, andere negativ. Sie führt zu einer Verschiebung von Vermögen von den späten Geldnutzern zu den frühen Geldnutzern. Milton Friedman behauptete, Inflation sei immer und überall ein monetäres Phänomen. Hier liegt der Grund für die Überzeugungskraft der monetären Quantitätstheorie. Nach dieser hängt das Preisniveau immer proportional von der Geldmenge ab. Es ist zwar grundsätzlich richtig, dass Geldmenge und Preise voneinander abhängig sind. Eine Proportionalität besteht jedoch nicht. Wegen der Cantillon-Effekte ist eine vergrößerte Geldmenge nicht neutral, sondern kann durchaus bedeutende Auswirkungen auf die Vermögen der Geldnutzer und ihre Kaufkraft haben.

Internet

Richard Cantillon


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