31. Dezember 2008

Politische Korrektheit Ein Opfer schlägt zurück

Die neuen "Arbeiter der Stirn" erhalten eine kräftige Kopfnuss

Der freie Austausch von Gedanken über gesellschaftliche Umstände ist für Mitglieder der herrschenden Elite zumindest ein Ärgernis. Das ist schon immer so gewesen und wird wohl immer so bleiben. Freie Geister werden daher immer wieder mit dieser Schicht in Konflikt geraten. Allgemeine Freiheit ist daher auch abhängig davon, wie stark sich Intellektuelle ihren Gegnern in der Elite widersetzen. Besonders verderblich ist der Einfluss der Elite auf die Freiheit, wenn ihr sogenannte „Intellektuelle“ angehören, die ihre Sicht der Welt zur Allgemeingültigkeit erheben wollen und alle von ihrer Sicht abweichende Gedanken als krankhaft, entartet oder unmenschlich bezeichnen. Seit dem Dritten Reich vermeiden sie solche Adjektive zwar, meinen aber das gleiche, wenn sie andere Worte verwenden. Der Sammelbegriff, unter der diese moderne, selbsternannte Priesterschaft firmiert, lautet heute „politische Korrektheit“.

Vor Jahren hat man noch über ihre Humorlosigkeit und ihre absurden Ersatzworte für angeblich verletzende Begriffe gelacht. Heute, nachdem zumindest die Karrieren einer unübersehbaren Zahl selbst hochrangiger und hoch angesehener Persönlichkeiten des öffentlichen und weniger öffentlichen Lebens von dieser neuen „Staatskirche“ der westlichen Länder zerstört worden ist, und nachdem Lehrpläne, Museen und Sprachen politisch korrekt umgekrempelt worden sind, lacht keiner mehr. Hin und wieder aber schlägt jemand zurück, und es ist sehr aufschlussreich, wie schnell die neuen „Arbeiter der Stirn“ ganz kopf- und sprachlos werden, wenn sie sich in ihrem Opfer verschätzt haben und jemand ihre Mobbertaktiken aufgreift und mit gleicher Münze zurückzahlt. Wem Freiheit etwas bedeutet, kann aus der folgenden Geschichte eine nützliche Lehre ziehen.

Was war passiert? Am 6.11.2008 hatte Professor Walter Block auf Einladung seines Kollegen Thomas DiLorenzo am Loloya College im US-Bundesstaat Maryland einen Gastvortrag gehalten. Thema: Soziale Gerechtigkeit. Der Ökonom Block lehrt in New Orleans an der dortigen Loyola Universität und hat zahlreiche Bücher und Artikel geschrieben, in denen er die Sichtweise der Österreichischen Schule der Ökonomie darstellt. Block ist ein Anarchokapitalist in der Tradition Murray Rothbards. Unter anderem erwähnte Block in seinem erwähnten Vortrag die „österreichische“ Erklärung für die geschlechtsspezifischen Lohndifferenz: Die niedrigere Produktivität der Frauen, die wiederum eine Folge der Institution der Ehe sei. Der Grund: In einer Ehe sind es zumeist die Frauen, die eine Erwerbsarbeit zugunsten der Haushaltsführung und der Kindbetreuung aufgeben. Block untermauerte diese These mit einigen statistischen Daten, die aufzeigten, dass diese Lohndifferenz verschwindet, sobald man lediglich die Einkommen von Unverheirateten beiderlei Geschlechts vergleicht. Damit sei die Behauptung vieler Feministinnen, die Lohndifferenz sei ein Ausdruck von Diskriminierung in einer patriarchalischen Gesellschaft, widerlegt.

Ein Unterschied des durchschnittlichen Intelligenzquotienten bei Männern und Frauen falle als Erklärung aus, weil es diesen nicht gebe. Allerdings, führte der Autor des Buches „Defending the Undefendable“ aus, sei die IQ-Standardabweichung bei Frauen deutlich geringer als bei Männern. Anders ausgedrückt: Frauen sind öfter im Mittelfeld, in einer zufällig ausgewählten Gruppe von Männern dagegen findet man dagegen häufiger die gesamte Bandbreite der Intelligenz vertreten, vom Dorftrottel bis zum wahnsinnigen Genie. Somit seien Männer, so Block, „der Risikoeinsatz“, Frauen dagegen „die Versicherungspolice Gottes oder der Natur.“

Dass der Lohnunterschied insgesamt auf einen Produktivitätsunterschied zurückzuführen sei, erklärte Block anhand eines Gedankenexperiments: Wenn dem nicht so wäre, würden viele Arbeitgeber schnell darauf kommen, dass man mit Arbeitnehmerinnen einen höheren Profit erreichen kann. Die Nachfrage nach weiblichen Angestellten würde steigen und somit die angebotenen Löhne. Damit wäre die Lohndifferenz bald verschwunden. Dass dem nicht so sei, beweise, dass es einen Produktivitätsunterschied geben muss, wovon die Lohndifferenz lediglich ein Ausdruck ist.

In der Fragerunde nach dem Vortrag wollte jemand wissen, warum es denn eine Lohndifferenz zwischen Schwarzen und Weißen gebe. Block antwortete zunächst, dass auch hier ein Produktivitätsunterschied vorhanden sein muss. Doch woher kommt er in diesem Fall, lautete die Nachfrage. Hier, so berichtet Block später über die Veranstaltung, habe er sehr vorsichtig geantwortet. Es gebe zwei Erklärungsversuche, und er als Ökonom sei nicht qualifiziert, darüber zu befinden, welche davon der richtige ist. Er wolle statt dessen den Zuhörern die Entscheidung überlassen. Die eine, politisch korrekte, Erklärung für die niedrige Produktivität seien die Sklaverei, die Jim-Crow-Gesetze, die diskriminierende Behandlung von Afroamerikanern in den Schulen und so weiter. Die andere, politisch unkorrekte Erklärung sei die von Richard Herrnstein und Charles Murray in ihrem Buch „The Bell Curve“ gegebene, wonach Schwarze, aus welchen Gründen auch immer, einen im Durchschnitt niedrigeren IQ haben.

Wie Block weiter berichtet, erhob sich kein Protest im vollbesetzten Saal, noch nicht mal ein Gemurmel. Die Veranstaltung endete kurz darauf in freundschaftlicher Atmosphäre. Einige Tage später jedoch erfuhr Block auf indirektem Weg, dass Vertreter des Fachbereiches Ökonomie des Colleges für den Vortrag eine Entschuldigung veröffentlicht hatten. Angeblich hätten sich Anwesende über Blocks Äußerungen beschwert. Später sollte sich herausstellen, dass sich nur einer beschwert hatte. Bezeichnender ist jedoch die Tatsache, dass die Fakultätsvertreter, von denen viele bei dem Vortrag gar nicht anwesend waren, es nicht einmal für nötig erachteten, Block zu dem Vorgang zu befragen, und sich statt dessen einfach für etwas entschuldigten, das nicht sie, sondern jemand anderes getan haben soll.

Damit begann, wie in solchen und ähnlichen Fällen üblich, ein wahres Kesseltreiben gegen den libertären Ökonomen. Doch Block wäre nicht Block, wenn er solch eine Herausforderung nicht kämpferisch, ja fast begeistert aufgreifen würde. In Email-Kommunikationen, die er seit dem auf der Webseite „lewrockwell.com“ veröffentlicht hat, forderte er seine Kritiker immer wieder dazu auf, ihm zu zeigen, wo genau er sich rassistisch und sexistisch geäußert habe, welche seiner Aussagen akademisch unvertretbar seien und wo er behauptet habe, dass seine eigene Fakultät in New Orleans in allen inhaltlichen Aussagen hinter ihm stehe. All dieses und mehr ist ihm nämlich in den letzten Wochen unterstellen worden. Doch die Antworten waren entweder schwammig, ausweichend oder blieben gleich ganz aus. Auch auf die Aufforderung, mit ihm über die strittigen Themen öffentlich zu debattieren, ist bislang noch niemand eingegangen.

Wenn jemand vor einigen Jahren auf diese Weise ein Tabu der „Kirche der politischen Korrektheit“ brach, dann wurde, wie jetzt, gegen den Ketzer eine Schmierenkampagne losgetreten. Fester Bestandteil der Kampagne war das Bestehen darauf, dass sich der Betreffende gefälligst zu entschuldigen habe. Entsprechende Anträge wurden dann an Universtitätsverwaltungen und Fakultätsleitungen gerichtet. Nun, wo die Vertreter der neuen Gedankenpolizei die akademischen Führungspositionen erreicht haben, „entschuldigen“ sie sich schlicht und einfach selber für das „Fehlverhalten“ ihrer „Untergebenen“. Damit erledigt sich aus ihrer Sicht jegliche Notwendigkeit einer Debatte. Die „Entschuldigung“ ist in Wirklichkeit eine Anschuldigung und der Versuch eines Schuldspruches zugleich.

In einem Kommentar zum ganzen Vorgang zitiert Blocks Kollege und Freund DiLorenzo einen Artikel aus dem „City Journal“ von John Leo, der das Klima der Intoleranz an den Universitäten auf den Kulturkampf der Neomarxisten der „Frankfurter Schule“ zurückführt:„Der Großteil der Zensur an den Universitäten ruht auf philosophischen Fundamenten, die auf den Sozialtheoretiker Herbert Marcuse zurückgehen, einem Held der Radikalen der 60er Jahre. Marcuse meinte, dass traditionelle Toleranz repressiv sei – sie wende Reformen ab, indem sie den Status quo ... nun, tolerierbar macht. Marcuse befürwortete Intoleranz gegenüber etablierten und konservativen Ansichten, Toleranz sollte nur den Meinungen der Unterdrückten, der Radikalen, der Subversiven und anderer Außenseiter gegenüber walten. Indoktrination von Studenten und 'alles durchdringede' Zensur anderer Ansichten seien notwendig, angefangen an den Universitäten ...“

Zensur und Debattenverweigerung sind derzeit Hauptkampfmittel der Neosozialisten in ihrem Kulturkampf gegen die Zivilisation. Ihr Vordenker Antonio Gramsci hatte schon in den 1920er Jahren richtig erkannt, dass die Brachialgewalt Lenins und Stalins, die Hitler später kopierte, im Hinblick auf die Errichtung einer neuen Gesellschaft keinen langfristigen Erfolg haben würde. Es müssten erst die kulturellen Werte des Bürgertums verschwinden, bevor sich der neomarxistische, strikt egalitäre Wertekanon durchsetzen kann. Es gibt jedoch zwei grundsätzliche Probleme mit diesem Vorgehen. Erstens ist das Ziel der Marxisten, auch der neuen Sorte, nämlich Egalitarismus, ein „Aufstand gegen die Natur“, wie Rothbard feststellte. Und das kann nie gut gehen. Zweitens, wenn man davon ausgeht, dass die Neosozialisten eine neue, bessere Gesellschaft errichten wollen, dann sind ihre Mittel nicht zweckdienlich. Denn sie verkennen, dass ein langfristig haltbarer Wertekanon auf spontane, ungeplante Weise wachsen muss und nicht gestaltet werden kann. Er ist nach Hayek ein Produkt menschlicher Handlung, nicht aber menschlicher Planung. Gepflogenheiten, Tabus und so weiter sind genauso wenig plan-, durch- oder absetzbar wie der volkswirtschaftliche Bedarf an Schuhen, Urlaub oder Schrauben.

Im Fall Block haben sich die PC-Priester mächtig verkalkuliert. Sie sind es gewöhnt, dass sobald jemand an ihrem Pranger steht, dieser um Gnade zu winseln beginnt. Besonders, wenn er auf einem lukrativen Posten sitzt. Doch da Block ein fest angestellter Professor ist, der hunderte von Veröffentlichungen vorzuweisen hat, der sich zudem derzeit im Sabbatjahr befindet, braucht er a) nicht zu befürchten, seine Stellung zu verlieren, und hat er b) viel Zeit, sich der Verteidigung seines Rufes zu widmen. Letzteres hat er offenbar mit großem Vergnügen getan. Beispielsweise hat er den „Affirmative Action Diversity Task Force“ seiner Universität, eine Gruppe zur „Förderung positiver Diskriminierung“, der selbstverständlich in den Chor der Hetzer gegen ihn eingestimmt hat, öffentlich angeklagt und somit den Spieß um 180 Grad gedreht. Aufgrund ihrer Aussagen unterstellt er ihnen, gegen ihn voreingenommen, rassistisch, sexistisch, antikatholisch und antisemitisch eingestellt zu sein und fordert sie auf, diesen seinen Hinweisen nachzugehen, etwa wie eine Untersuchungskommission der Polizei Vorwürfe polizeilichen Fehlverhaltens untersucht.

Die beiden letzten Vorwürfe Blocks bedürfen einer gewissen Erklärung: Die Loyola-Universität ist eine Einrichtung der Jesuiten. Der Gründer des Jesuitenordens, Sankt Ignatius von Loyola. Dieser hat genaueste Empfehlungen gegeben, wie man sich zu verhalten habe, wenn die Aussage eines Nächsten Anstoß erregt: Als ersten Schritt sollte man sie positiv zu interpretieren versuchen. Wenn das unmöglich scheint, sollte man den Anderen fragen, wie er die Aussage gemeint hat. Block fügt unter Hinweis auf Matthäus 18:15-17 hinzu, dass dies zunächst unter vier Augen zu geschehen habe. Wenn die Aussage falsch ist, sollte man ihn „liebenswürdig“ korrigieren. Wenn das nicht reicht, sollte man versuchen, die Aussage durch gütliche Interpretation „zu retten“. Oder man kann, wiederum nach Matthäus 18:15-17, zwei oder drei neutrale Parteien hinzuziehen, die sich der Sache annehmen. Erst wenn dann noch immer keine Einigung zu erzielen ist, kann man getrost seine Beschwerde an die Öffentlichkeit tragen. Doch im Fall der „Task Force“ wurde gleich dieser letzte Schritt unternommen. Daher habe sie sich „antikatholisch“ verhalten, so Block.

Am stärksten entlarvt Block jedoch seine Gegner mit seinem ironischen Vorwurf des Antisemitismus. Der Professor dazu wörtlich an seine Ankläger: „Ich bin Jude; dieser Brief [die öffentliche Anklage durch die Task Force] greift mich an. Daher ist er ein Angriff auf alle Juden. Also handelt es sich hier um einen Fall von Antisemitismus. Warum sollte ich Beweise zur Stützung meiner Anklage vorbringen? Nein, mir reicht eine Behauptung, die, soweit ich weiß, wahr sein könnte, und ich laste Ihnen die Verantwortung auf, zu beweisen, dass sie falsch ist. Hinweis: Eine Möglichkeit für Sie ist, dass Sie einen Fall aufzeigen, wo die Task Force einen Nicht-Juden genauso ungerecht behandelt hat. Geben Sie mir nur ein solches Beispiel, und ich werde diesen Teil meiner Anklage zurückziehen.“

Eine ehrliche Aufarbeitung dieses Falls durch die betroffene Priesterschaft der politischen Korrektheit ist nicht zu erwarten, da Ehrlichkeit nicht die Sache der kulturellen Marxisten ist. Ihnen bleibt nur die Hoffnung, dass irgendwann Gras über die Sache wachsen wird und sie ansonsten weitermachen können wie bisher. Es ist daher zu erwarten, dass sich die Angriffe auf die Freiheit des Internets verstärken wird. Denn das Internet ist im Kampf um die Köpfe das, was die Handfeuerwaffe im Kampf um den Geldbeutel ist: der große Gleichmacher. Es liegt an den freien Geistern dieser Welt, aus dem „Fall Block“ zu lernen, das Internet entsprechend zu nutzen und die Freiheit bei jeder sich bietenden Gelegenheit effektiv zu verteidigen.

Internet:

Walter Block: A (Not So) Funny Thing Happened To Me in Baltimore

Walter Block: J'Accuse

Das Walter Block Archiv bei lewrockwell.com

Thomas DiLorenzo: Thought Policing 101

Bill Lind: The Origins of Political Correctness


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