08. Dezember 2008

Gerhard-Löwenthal-Preis 2008 Herzlichen Glückwunsch, Ellen Kositza!

Neben Peter Scholl-Latour wurde gestern auch eine ef-Autorin ausgezeichnet

Es gibt nicht sehr viele Journalistenpreise diesseits des Mainstreams im deutschsprachigen Raum. Vielleicht gibt es nur einen. Der Gerhard-Löwenthal-Preis wird seit 2004 von der  Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und der vom langjährigen „Criticón“-Herausgeber Caspar von Schrenck-Notzing gegründeten Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung in Zusammenarbeit mit der Witwe des Publizisten und Fernsehmoderatoren, Ingeborg Löwenthal, vergeben. Gestern wurde nun die Publizistin Ellen Kositza und der Journalist Peter Scholl-Latour für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Scholl-Latour, dessen neues Buch „Der Weg in den neuen Kalten Krieg“ soeben erschienen ist, gilt als kluger Warner vor den Irak- und Afghanistan-Kriegen. Zuletzt riet er massiv von der aggressiven Einkreisungspolitik der NATO gegenüber Russland ab. Viele seiner oft als gewagt geltenden Prognosen haben sich bestätigt.

Mit Ellen Kositza wurde eine Autorin ausgezeichnet, die regelmäßig neben der „Jungen Freiheit“ und der rechtskonservativen Zeitschrift „Sezession“ auch für „eigentümlich frei“ zur Feder greift.

Die 1973 geborene studierte Germanistin hat durch einen sehr eigenen, im besten Sinne „schnippischen“ Schreibstiel und eine Vielzahl äußerst scharfsinniger Beiträge zur Gesellschaftsanalyse viele begeisterte Leser gewonnen. Ellen Kositza gilt insbesondere als rigorose Kritikerin der Gender-Mainstreaming-Ideologie. Hierzu erschien von ihr in diesem Jahr im Verlag Edition Antaios auch das Buch „Gender ohne Ende – oder was vom Manne übrigblieb“.

In Ihrer Dankesrede zur Preisverleihung ging Ellen Kositza gestern Abend auf die Rolle der Mitinitiatorin der Preisverleihung, der Wochenzeitung „Junge Freiheit“, ein. Sätze, die in Zeiten zuweilen auch liberaler Feigheit vor den Rufmordkampagnen der Politischen Korrektheit an dieser Stelle dokumentiert und unterstrichen sein wollen. Wenn Kositza von den „Jammer-Rechten“ spricht, dann gilt dies auch für die „Jammer-Liberalen“. Hier der Ausschnitt aus der Dankesrede Ellen Kositzas im Wortlaut:

„Es heißt oft sinngemäß, wir Konservativen – oder, zugespitzt: wir Rechten – würden uns in einer Klage-Ecke ganz gemütlich einrichten. Wer uns übel will, behauptet gern, das wäre doch die Kategorie überhaupt, von der aus wir argumentierten: Dass wir unverstanden seien, gesellschaftlich geächtet, totgeschwiegen. Daneben, so der Vorwurf, hätte wenig Konstruktives Platz. Schon während meiner vieljährigen Zeit als freie Autorin fand ich diesen Vorwurf ziemlich ungerechtfertigt. Ich habe es niemals so wahrgenommen, dass unser – auch innerhalb der ‚JF’, der ‚Sezession’ und anderen zugeneigten Kreisen durchaus heterogenes – konservatives Selbstverständnis sich in einer Argumentation ex negativo erschöpfte. Wer über die Schlagzeilen hinaus, das heißt, wer auch nur einigermaßen gründlich liest, kann das Konstruktive, Idealistische, das aller Kritik zugrunde liegt, doch gar nicht übersehen! Seit einem Vierteljahr bin ich nun selbst redaktionell tätig; für die von meinem Mann verantwortete ‚Sezession’ stelle ich seither unter anderem den Rezensionsteil zusammen. Das heißt, ich bin in Kontakt zu Verlagen, die wir um Besprechungsexemplare aktueller Bücher anfragen. Das sind im Grunde recht simple kommunikative Vorgänge, pure Bestellvorgänge eigentlich, bei denen inhaltliche oder gar politische Debatten gar nicht geführt werden müssten. Und doch ist man allein hierbei schon so recht mitten in der Auseinandersetzung. Merkwürdigerweise sind es gerade nicht die als ‚links’ beleumundeten Verlage, die eine Belieferung ablehnen. Es ist ein Teil – vielleicht ein Viertel insgesamt – der sogenannten Publikumsverlage, die ihr Buch nicht bei uns besprochen sehen wollen. Mag schon sein, dass es kein Grund zum Jammern ist, wenn eine höfliche Anfrage, also eine Bitte meinerseits, mit einem unwirschen, ja beleidigenden Satz abgewiesen wird. Ja, ganz sicher sogar ist meine Schmerzgrenze da recht eng. Man sollte solche Absagen nicht persönlich nehmen, Pech – und eigentlich selbstverschuldetes Pech, denn man weicht ja bewusst vom sogenannten Mainstream ab –, wenn man es dennoch tut und sich ärgert und grämt. Worauf ich hinaus will: Was eine Redaktion wie die der ‚JF’ geleistet und durchgestanden hat, welcher Beharrungswille hier am Werk war und ist, das kann ich erst jetzt – und auch jetzt wohl nur annähernd – ermessen. Absagen von Verlagen, Absagen von angefragten Interviewpartner – das mag hier seit mehr als zwei Jahrzehnten als Alltagskram gelten, als zu vernachlässigendes kleinklein, mit dem man seit je zu rechnen hat. Wieviele Kampagnen – und es waren Kampagnen, die teils mehr als nur eine ‚Entwürdigung’ oder eine Verächtlichmachung zum Ziel hatten – hat die ‚JF’ durchgestanden? Wie oft, wie ungezählt oft, haben sich Dieter Stein und seine Mitarbeiter erklärt, haben sich gerechtfertigt, und haben dennoch auf Granit gebissen, sind öffentlich brüskiert, beleidigt, ja persönlich und tätlich angegriffen worden? Hut ab vor diesem Durchhaltevermögen, vor der Souveränität, mit der all diese Angriffe bis heute gemeistert wurden. Ich danke also für die Schaffung und beharrliche Erhaltung eines solchen Forums und einer Gegenöffentlichkeit, die die ‚Junge Freiheit’ sowohl ihren Lesern als auch ihren Autoren bietet.“

Es gibt nur wenige Freunde, die – bei oft ganz unterschiedlicher Grundhaltung und manchmal auch widerstreitenden Überzeugungen – Gegenöffentlichkeit in Deutschland mit stets aufrechtem Charakter und Verlässlichkeit verbinden und die damit nicht zuletzt zeigen, wie würdelos die Denunzianten aller Parteien im Kern sind. Dieter Stein mit seiner „Jungen Freiheit“ gehört dazu. Und eben Ellen Kositza. Wir gratulieren von Herzen unserer Autorin Ellen Kositza zu dieser Auszeichnung!

An dieser Stelle dokumentieren wir noch einmal ihren ersten, in gewissen Kreisen bereits als legendär geltenden, ersten Beitrag in „eigentümlich frei“:

Der Bundestagsabgeordnete Volker Beck:

Frischfleisch in Moskau

Über die Reiseziele eines engagierten Grünen

von Ellen Kositza

Mein schwuler Freund Stefan ist keine Tunte. Ach wo, nichts weniger als das! Er hat dieses Right-Said-Fred-Aussehen mit einem Zug ins Brutale. Albern ist er aber schon. Warum ich, gewissermaßen die personifizierte Intoleranz, sagt er, mit ihm und einigen seiner Freunde ganz gut klarkomme, erklärte ich mal – zugegeben naiv – mit meiner eigenen, astreinen Heterosexualität: Ich kann es schon gut verstehen, dass man Männer und ihre Körper schön findet und begehrt. Er hielt das für Quatsch. Ich sei einfach nur mütterlich, daher mein Herz für ewige Kinder wie ihn. „Der Steffi“ hieß er schon, als er sexuell noch mit Frauen verkehrte.

Die rannten ihm nach wie verrückt. Daher dauerte es ein bisschen, bis er mal zum Durchatmen kam und seine tatsächliche sexuelle Identität fand. Der dauernde Kindergeburtstag – natürlich nicht wirklich dauernd, die Herren sind erfolgreich in Internet-Geschäften und auf dem Kunstmarkt – in seiner Zweier-WG stellt sich heute, früher Nachmittag, so dar: vier Gäste, eine leere Baileys-Flasche steht auf dem Tisch, Omar sitzt leicht genervt am Rechner, im Hintergrund läuft zuschauerlos ein Riefenstahl-Video. Steffis Freund und ein anderer hübscher Junge haben sich aus Draht und Alufolie dreieckige Antennen gebastelt und sie irgendwie auf ihren Schädeln montiert. Die wollen dort aber nicht halten und klappen immer um. „Wass’n los, kriegste wohl nicht mehr hoch!“ meckert Gast Nummer Vier auf hessisch. „Heute ist hier Tinky-Winky“, erklärt mir Steffi augenrollend. Geschicktes Täusch-Manöver der Kleinkind-TV-Produzenten! Nicht Po, das rosa Tele-Tubby mit dem nur scheinbar sprechenden Namen, ist die neue Gay-Ikone, sondern sein (ihr?) lila Kumpan: klar, der mit dem Handtäschchen.

Von Steffi weiß ich, dass sein Freund ein konsequenter Frauen-Diskriminierer ist, daher gehen wir unter dessen bösen Blicken ins Nebenzimmer – soweit man davon reden kann in einem türlosen Loft wie diesem. Dort geht es gleich zur Sache: Was Volker Beck wohl eigentlich bei den Russen wollte? Aus Steffis Sicht ist das klar: „Naja, Frischfleisch!“ Aber weshalb gerade in Russland? „Ach je, wie soll ich dir das erklären“, versucht Steffi eine Erklärung: „Erinnerst du dich noch an diesen Bestseller vor hundert Jahren?“ Steffi übertreibt gern. Und weiter: „Salz auf unserer Haut, von so einer französischen Schriftstellerin. Die intellektuelle Wechseljahrsfrau, die in dieser rein sexuellen Obsession zu einem jungen, geistig dumpfen Fischer aufgeht. Erinnerst du dich? Das ist so in etwa auch das Muster, das die gesuchte Verbindung deutscher Junge mit russischem Jungen beschreibt.“ Steffi spricht selten von „Männern“. Er fügt erklärend hinzu: „Hier Hirn, dort Hose. Ganz simpel, nichts Neues, oder?“ Ob Steffi also Volker Becks glücklosem, doch schlagzeilenträchtigem Auftritt bei der Moskauer „Gay Pride“ also den puren Antidiskriminierungsgedanken abspreche? „Ach, diese Menschenrechtsemphase, mein Gott, ist das nicht pipapo? Wo geht es nicht um die Eröffnung von Märkten? Unter autoritären Regimen lebende Schwule, das ist halt auch eine ganz besondere Zucht, da steigt der Marktwert!“ Klar, Steffi war auch schon in Russland.

Er war schon überall, und bis vor zwei Jahren nirgends je keusch. „Und da blieb dann eben nur die Privatwohnung, ja?“, frage ich. Steffi wiegelt ab: „Verwechsel’ das jetzt nicht mit dem Mittleren Osten oder so. Das ist in Moskau nicht viel anders als in Frankfurt oder München. Man kennt die Locations, die Szene ist natürlich etwas überschaubarer. Aber insgesamt: kein Problem.“ Probleme könne man sich schaffen, oder man könne es lassen, so wie Steffis Freundeskreis, „da ist doch auch keiner verheiratet oder politischer Schwulenaktivist, wozu denn, privat ist privat, auch in Russland. Und jetzt hör mir auf mit dem peinlichen Beck, ich benutze doch auch kein kollektives ‚Ihr’, wenn ich Angela Merkel meine und dich anspreche!“ Okay. Aber korrekt sei es ja auch nicht, einen Bekenntnis-Schwulen mit Eiern zu bewerfen, oder? „Ach“, unkt Steffi da und fällt doch ins Kollektivum, „du weißt doch, wir Schwule haben da so ein eigenes Verhältnis zu Eiern“. Der Typ mit dem Hessen-Slang hat mitgehört und lacht meckernd. Beim Rausgehen ruft er mir hinterher: „Und denk daran, Beck mit a! Wie Arsch!“

Wer ist Volker Beck? Geboren 1960 in Bad Cannstatt, abgebrochenes Studium der Kunstgeschichte, jenseits der grünen Politkarriere ohne Berufserfahrung. Großer Karnevalist, Tänzer bei den „Rosa Funken“. Kinderlos, doch vielfacher geistiger Vater von A (wie Antidiskriminierungsgesetz) über F (Flüchtlingsrecht) und L (Lebenspartnerschaftsgesetz) bis Z (Zigeuner-Mahnmal vor dem Reichstag). Mühselig, die einzelnen Stationen der Politkarriere Herrn Becks aufzuzählen: Unter anderem fungierte er, ausgewiesener Nichtjurist, als rechtspolitischer Sprecher seiner Partei. Im wesentlichen war er durchgängig als Betroffenheitsbeauftragter zuständig und stellte damit das männliche (unter biologisch-anatomischen Gesichtspunkten) Pendant zur Parteifreundin Claudia Roth dar.

2002 erhielt Beck aus der Hand Johannes Raus – sagt man dem nicht auch homoerotische Neigungen nach? – das Bundesverdienstkreuz für seinen Kampf um die Entschädigung von NS-Opfern: Gemeinsam mit dem „American Jewish Commitee“ hatte Beck der Kohl-Regierung eine Rente für osteuropäische jüdische NS-Opfer abgetrotzt. Zuletzt stritt Beck – der ansonsten mit Religiosität wenig am Hut hat – für den Bau der Kölner Großmoschee, stellte Anfragen an die Bundesregierung bezüglich der Lage der Homosexuellen in Nigeria und nervte vehement gegen die mild-konservativen Schnarchnasen des Studienzentrums Weikersheim: Dort werde versucht, die „Konturen konservativer Politik immer wieder verschwimmen zu lassen.“ (Gut, damit hat er ja recht.) In Sachen Schwulenpolitik selbst ein bekennender Globalisierer, hat sich Beck mit Blick auf die Anti-G8-Demos entschieden auf die Seite der Globalisierungsgegner gestellt und gefordert, „Proteste in Hör- und Sichtweite der Menschen, gegen die demonstriert wird“ zuzulassen. Beck, mit seinem schmallippigen (laut Gesichtskunde: mangelnde Großzügigkeit) Lehrergesicht, das jenseits von Grinsen und verärgert zusammengezogenen Augenbrauen keine Zwischenstufen im Ausdruck hergeben mag, hat die Rolle des ständigen Opferseins zu seiner sublimsten (in Steffis gemeinen Worten: hinterfotzigsten) Form kultiviert: als Opferanwalt. Und das heißt, als moralischer Erpresser. Wie es nun um die Moral solcher Klientel bestellt ist, dürfen wir beim Spezialisten in solchen Fragen, Friedrich Nietzsche (der war auch schwul, heißt es), ausführlich nachlesen. Etwa: „Das moralische Urteilen und Verurteilen ist die Lieblingsrache der Geistig-Beschränkten an denen, die es weniger sind. Auch eine Art Schadenersatz dafür, dass sie von der Natur schlecht bedacht wurden, endlich eine Gelegenheit, Geist zu bekommen und fein zu

werden: Bosheit vergeistigt.“ Die Moral, aus der heraus „bonhomme“ Beck seinen Rückenwind erhält, ist eine der offenen oder mindestens angelehnten Türen. Wer würde schon ernsthaft und mit der Sicherheit, öffentlich wahrgenommen zu werden, gegen all diese Werte und Sachverhalte reden, für die Beck mit Klagestimme eintritt: Gleichberechtigung, Minderheitenschutz, Schuldbekenntnisse? Die „Spießigkeit“, die er anderen von seinem hohen Ross der vorgeblich lupenreinen Nicht-Spießigkeit vorhält, fällt daher auf Beck selbst zurück. Wie ernst es ihm mit seiner minderheitenfreundlichen Gesinnung ist, zeigt Beck auf seiner Netzseite. Dort schmückt neben dem Grünen-Logo und dem obligatorischen Klimafreund-Emblem ein weiteres Symbol für geistige Korrektheit den Auftritt: ganz groß das durchgestrichene Hakenkreuz. Whow!

Schon mutig. Beck weiß sehr gut, wie weit er mit seinen Minderheiten-Interventionen gehen kann, ohne Einbußen seines Gutmenschen-Status zu erleiden. Ausrutscher auf solch ausgetretenen Pfaden gab es wohl – die wusste er flink zu relativieren. Etwa, als er vor Jahren für eine „Versachlichung der Diskussion um das Problem der Pädosexualität“ warb und eine Herabsetzung des Schutzalters für Kindersex auf unter 14 beziehungsweise eine Strafabsehensklausel vorschlug. Durch die Entkriminalisierung der Pädosexualität wollte er – Achtung, Beck-Slang! – „etwas für die Lebenssituation pädophiler Menschen erreichen“. Es dürfte das einzige wirkliche Tabu gewesen sein, an das sich Beck gewagt hat. Ansonsten: offene Türen weit und breit. Dennoch darf sich Beck als gewohnheitsmäßiger Einrenner derselben einen „Helden“ nennen. Als „hero“ nämlich wurde er 2005 vom US-amerikanischen „Equality Forum“ ausgezeichnet. Dies ist nur eine von ungezählten Gleichheits-Awards, deren sich der Wahl-Kölner rühmen darf.

Nun, die russische Tür jedenfalls war ihm, gerade zurückgekehrt von einer äußerst frustrierenden Menschenrechts-Visite in Turkmenistan, zunächst verschlossen. Erst im zweiten Anlauf erhielt er ein Visum für die Einreise ins Putin-Reich. Unangenehm aufgefallen war Volker Beck schon vergangenes Jahr auf der Moskauer Schwulendemo. Sein blutrinnsaldurchkreuztes Konterfei fand damals große mediale Beachtung. Und nun, oops, he did it again: Mit einer Resolution betreffs Schwulenrechten in der Hand pilgerte er erneut nach Russland, um dem Moskauer Bürgermeister Luschkow ausgerechnet an Pfingsten sein Homorechtsbegehren vorzutragen. Luschkow seinerseits nämlich hatte vom Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht und den „Moscow Pride“ als „satanisches Treiben“ bezeichnet und den geplanten Schwulen-Umzug verboten. Mag sein, dass ihm die Bilder von westlichen Christopher Street Days zu poppig und daher wenig anheimelnd erschienen. Das Verbot homosexueller Betätigung an sich ist in Russland schon im vergangenen Jahrtausend gefallen – was nicht zwingend ein Gutheißen öffentlicher Zurschaustellung sexueller Vorlieben bedeutet. Es ist auch keineswegs so, dass sich das russische Volk – von Beck mehrdeutig als „wenig aufgeklärte Demokratie“ gegeißelt – einen westlichen Befreier in punkto Sexualitätsfragen erbeten hätte. Jene Nationalisten und Ultrareligiösen, die hier gegen Beck und Konsorten Choräle sangen und Fäuste schüttelten, dürften nur die Speerspitze einer generellen russischen Skepsis gegen Schwulenlobbyisten darstellen. Nachdem der zunächst verbal angegriffene Beck sich als deutscher Bundestagsabgeordneter zu erkennen gegeben hatte, führte die Polizei ihn ab (aus Becks Sicht) oder nahm ihn in Schutzgewahrsam (russische Darstellung). Becks Darstellung der Sachlage entbehrt nicht einer gewissen Schizophrenie: Einerseits beklagt er, die Maßnahme sei ohne sein Einverständnis geschehen. Andererseits wirft er den Bütteln vor, Eier und Gemüse haben ihn erst dadurch treffen können, dass man ihn für „zwei Minuten losgelassen“ habe. Mit politischem Mandat dürfte Becks russischer Feldzug übrigens kaum erfolgt sein. Oder? Immerhin sprach seine Partei im Brustton der Empörung von einem „gravierenden internationalen Zwischenfall“. Ja, heult doch. Zwangsbeglückung ist eben auch eine traurige Angelegenheit.


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