25. November 2008

Auswanderungswelle Vom Rübermachen

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten

Der Anstieg der Republikflucht unter Handwerkern zeigt, „dass der Klassengegner die Abwerbung verstärkt auch auf diesen Personenkreis konzentriert und dadurch versucht, die weitere Einbeziehung dieser Bevölkerungsschichten in den sozialistischen Aufbau zu hemmen“, so Georg Bergmann, Hauptabteilungsleiter im DDR-Innenministerium im Oktober 1958 über die Handwerker, die nach politischen Repressalien geflüchtet waren.

Es herrscht ideologischer Krieg zwischen beiden Staaten. Man spricht die gleiche Sprache nur noch im linguistischen Sinn; das Verständnis dagegen von Begriffen wie „Freiheit“ oder „Gerechtigkeit“ ist durch eine ideologische Mauer getrennt. Rhetorische Schlachten werden in Presse und Rundfunk ausgetragen. Dabei wird der Ton der einen, wirtschaftlich immer weiter zurückfallenden, Seite von Tirade zu Tirade schriller: „schwarze Liste“ und „Austrocknen“ sind da noch die harmloseren Worte; „zur Peitsche greifen“ wolle man ebenfalls.

Derweil entfliehen diesem Staat mehr und mehr seiner Bürger, die Äquivalente ganzer Dörfer machen über die Grenze. Und es sind gerade die Leistungsfähigsten und -willigsten, die mit den Füßen abstimmen. Die Neuankömmlinge werden drüben von den Einheimischen mit einer Mischung aus Wohlwollen und Unbehagen empfangen. Die Neuen integrieren sich, wenn auch unter Schmerzen. Man spricht ja deutsch als Muttersprache. Man kommt ja aus Deutschland, wenn auch aus einem, in dem man sich nicht mehr zuhause fühlt.

Immer noch eine Beschreibung der DDR-Auswanderer in Westdeutschland vor 1961 oder während der Übersiedlerwelle von 1984? Fast. Es ist eine aktuelle Beschreibung der Deutschen, die in immer größerer Zahl in die Schweiz emigrieren.

Wanderungswelle

Knapp 41.000 Deutsche wanderten zwischen August 2007 und August 2008 in die Schweiz ab. Das ist, als würden Städte wie Pirmasens oder Völklingen komplett entvölkert. 14.000 dieser Emigranten – das entspricht der Bevölkerung Jevers oder Weilburgs – ließen sich allein im Großraum Zürich nieder. Die Tendenz steigt weiter. Mit 224.000 Einwanderern laufen die Deutschen den Italienern bald den Rang der größten Ausländergruppe in der Schweiz ab.

Die Arbeitskräfte, die Deutschland und seinen „Sozial“-Zwangssystemen den Rücken kehren, sind überdurchschnittlich gut qualifiziert. Statt Bauarbeiter und Küchenhilfen gehen nun Ingenieure, Ärzte und Wissenschaftler. Nicht nur Karrieregründe treiben sie aus dem Land: „Mit Mindestlöhnen, Kündigungsschutz, Gesundheitsfonds, paritätischer Mitbestimmung und ähnlichen ökonomischen Grausamkeiten scheint die Politik dieses Problem bewusst verschlimmern zu wollen, als wären die deutschen Sozialsysteme nicht ohnehin rettungslos marode“, so Auswanderer Patrick Harsch in ef-online.

Die Abwanderung der gut verdienenden Arbeitnehmer ist das schlimmste, was den Deutschen „Sozial“-Zwangssystemen passieren konnte. Auf der anderen Seite ist sie beste, was den Schweizerischen Systemen wie beispielsweise der Schweizer Rentenkasse AHV geschehen kann. Die neuen leistungskräftigen Mitbürger belasten die Krankenkassen oder die Arbeitslosenversicherung nur minimal, zahlen aber viel ein.

Schmerzhafte Integration...

Nicht immer läuft die Integration der Deutschen ohne Probleme ab: Manche treten aus Unkenntnis der Schweizerischen Sitten von einem Fettnäpfchen ins nächste. Schweizer empfinden die Neuankömmlinge häufig auch als Konkurrenten. Besonders die Züricher merken, dass sie sich mit immer mehr Deutschen um den sich verknappenden Wohnraum bewerben.

Noch eine weitere Eigenheit der deutschen Einwanderungswelle gegenüber etwa den italienischen Immigranten verursacht Missbehagen: Die Zuwanderung aus Deutschland betrifft vor allem die Mittelschicht. In einigen Sektoren wie Universitäten und vor allem in Krankenhäusern dominieren Deutsche inzwischen. Wenn ein deutscher Vorgesetzter dann auch noch andere Deutsche einstellt, fühlen sich manche Schweizer diskriminiert. Da hilft es auch nicht zu wissen, dass gerade international tätige Schweizerische Unternehmen händeringend nach qualifizierten Fachleuten suchen und diese unter Schweizern kaum mehr finden.

Die mitgebrachten deutschen Kinder fallen durch ihre Sprache auf. Auch ihnen hilft es nicht, dass es der Schweizer Staat ist, der auf den Schulen und sogar in den Kindergärten Hochdeutsch vorschreibt. Es belastet die Auswandererfamilien oft, dass ihre Anwesenheit ständig hinterfragt und kritisiert wird. „Ein Deutscher, der kein Schweizerdeutsch lernt, ist arrogant. Der, der es tut, biedert sich an“, verzweifelt da mancher Einwanderer.

Die Integrationsprobleme liegen manchmal an den Einwanderern selbst: Die scheinbar gemeinsame Sprache verleitet viele Deutsche zu übersehen, dass sich die Schweizer Sitten und Sprache von den Deutschen unterscheiden. Die schweizerische Art, sein Licht mit Selbstbewusstsein unter den Scheffel zu stellen, missverstehen Deutsche oft. Deren Art wiederum, frei heraus zu sagen was sie denken oder sich Höflichkeitsfloskeln zu sparen, wird als großspurig empfunden. Ein Schweizer Bäcker erwartet die Wünsche seiner Kunden als Bitte, und kein befohlenes „Guten Tag, ich kriege ein Brötchen.“

...Aber es geht

Dennoch, so David Vonplon in einem Interview mit dem „Zürcher Tages Anzeiger“, „tatsächlich erweisen sich viele Deutsche, die hier anfänglich mit Problemen zu kämpfen haben und in allerlei kulturelle Fettnäpfe treten, als lern- und anpassungsfähig.“

Immer mehr Schweizer begegnen allzu borniertem „Bünzlitum“ einiger ihrer Landsleute mit gebührender Schelte: „Da ärgern wir uns jahrelang über Einwanderer, die Autorasen, die kriminell werden oder sind, die Drogen verkaufen und mehr,“ bemerkt einer, „und da kommen Menschen, die sind wie du und ich! Sie sprechen unserer Sprache, integrieren sich wie nie eine Nation vorher - aber weil es die Deutschen sind, sind es eben wieder unsere alten Feinde aus dem großen Kanton!“

Ein Beispiel, das in der Schweizerische Presse für Aufregung sorgte: Um die Studenten an die Urnen der Studentenratswahlen zu bewegen, produzierte der Studentenrat der Universität Zürich ein Plakat, auf dem ein Neonazi abgebildet war. Über ihm stand: „Soll er dich in der Ethik-Kommission vertreten?“ Stefan Fischer, Präsident des Studentenrats, forderte, „Die Universität Zürich soll nicht germanisiert werden“; „die Grenze des Erträglichen“ sei erreicht. Er selber würde nicht „an einem Institut, in dem nur noch hochdeutsch geredet wird, doktorieren.“ Es waren heftige Angriffe innerhalb des Zürcher Studentenrates, die Fischer zum Rücktritt bewegten.

Es mag die Deutschen Auswanderer trösten, dass ihre Integration Ähnlichkeiten zeigt mit der letzten DDR-Einwanderungswelle 1984: Die Einstellung gegenüber den neuen Mitbürgern war zwiespältig; nicht immer waren alle Bundesbürger darüber erfreut, dass ca. 40.000 Menschen in „ihr“ Land kamen und plötzlich die gleichen Ansprüche hatten wie sie selbst. Umgekehrt waren den Ex-DDR-Bürgern ihre neuen Nachbarn zunächst fremd, wie Interviews (etwa Ronge 1984) zeigen: „Wir haben uns von Anfang an unwohl gefühlt, weil: In der DDR ist das ganz anders.“ Doch die Probleme verschwanden größtenteils, und 1990 gehörten diese Menschen bereits zu den „Wessis“.

Auch in der Schweiz erinnert man sich, dass Integrationsprobleme Deutscher nichts Neues sind. So beschwerte sich Gottfried Keller – der sich übrigens noch einen „deutschen Schriftsteller“ nannte – vor über 150 Jahren bei einer Berliner Freundin über das Fremdsein im eigenen Land. Damals gab es in der Stadt deutsche Handwerkervereine und Tausende von deutschen Unternehmern. Man fragt sich, was aus deren Familien wohl geworden ist?

Ein Schweizer Vater berichtet erstaunt, dass ihr Sohn mit seinem deutschen Freund Hochdeutsch zu sprechen versucht, während dieser sich bemühe, Schweizerdeutsch zu parlieren. Das klappe bei beiden schon recht gut, sie profitierten voneinander.

Fazit: Die Soziale Gerechtigkeit in Ihrem Lauf...

Deutschlands Leistungsfähigste und -willigste Fachkräfte machen rüber, vor allem in die Schweiz. Sie wandern nicht allein aus Karrieregründen ab. „Der radikale Schritt des Auswanderns wird auch wegen unseres Steuersystems und der Bevormundungsbürokratie erstmals zu einer ernsthaften Alternative“, so der Migrationsforscher Klaus Bade.

Jeglicher Ausgleich durch die erhofften Gegen-Migranten, die nach Deutschland kommen sollten, bleibt aus. Von den drei Millionen erwerbstätigen Zugewanderten und in Deutschland geborenen Ausländern verfügen nur 14 Prozent über einen in Deutschland gültigen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) fehlten Deutschland im vergangenen Jahr allein 70.000 Ingenieure. Bis 2014 werden 135.000 Naturwissenschaftler und 95.000 Ingenieure fehlen. Das ist nicht erstaunlich: Genau die Gründe, mit denen Deutsche ihre Auswanderung erklären, halten auch gut ausgebildete Ausländer davon ab, nach Deutschland zu kommen.

Den deutschen „Sozial“-Zwangssystemen fehlen diese Einzahler. Die Systeme stehen vor dem Zusammenbruch. Die Politik tut noch nicht einmal mehr so, als wolle sie diesen aufhalten. Sie hofft, müde geworden, auf ein Wunder. Das Wunder etwa der massenhaften Rückkehr der Leistungsfähigen und -willigen tritt aber nicht ein. Die immer zahlreicheren Deutschen Auswanderer in die Schweiz integrieren sich vielmehr dort trotz aller Probleme, so wie sie dies vor Generationen taten. Die Schweizer Systeme – gleichwohl systematisch ebenfalls instabil – können sich vor allem wegen der Migrationsgewinne über die Runden retten.

In der Schweiz herrscht Freiheit und somit Wohlstand, in Deutschland dagegen „soziale „Gerechtigkeit“. Dem Deutschen Staat widerfährt jetzt das, was die DDR bis zum August 1961 und später noch einmal 1984 erfuhr: die Fleißigen und Gebildeten, die Produktiven, sie „machen rüber“. Solange Frau Merkel nicht erklärt, niemand habe vor, eine Mauer zu errichten, wird das so weitergehen – oder die Politik kehrt zur Sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards zurück. Was ist wohl wahrscheinlicher?

Internet

Wirtschaftlicher Freiheitsindex

Ziauddin, Bruno (2008): Balgen sich Schweizer und deutsche Einwanderer bald um die Jobs? Interview mit David Vonplon. In: Zürcher Tages Anzeiger (20.11.2008)

Stefan Fischer, Präsident des Studentenrats der Universität Zürich, sieht bei deren Germanisierung die Grenze des Erträglichen erreicht: Schneebeli, Daniel (2007): Studenten: „Wir erreichen die Grenze des Erträglichen.“ In Zürcher Tages Anzeiger (19.12.2007)

Kritik an Stefan Fischer aus Schweizer Presse: Furger, Michael (2008): Neue deutsche Welle. In: Neue Zürcher Zeitung (19.01.2008)

Auswanderer Patrick Harsch über seine Gründe: Harsch, Patrick (2007): Auswanderung: Ein offener Brief an die Deutsche Regierung. In: ef-magazin.de (22.02.2007)

Migrationsforscher Klaus Bade in der WirtschaftsWoche: Exklusiv-Studie: Warum immer mehr Deutsche auswandern. In: Wirtschaftswoche (21.6.2008)

Literatur

Ronge, Volker (1984): Von Drüben nach Hüben: DDR-Bürger im Westen. Wuppertal: Verlag Hartmann & Petit, 1984 - ISBN 3924735018

Keller, Gottfried; Helbling, Carl (Hrsg.) (1950): Gesammelte Briefe. Bern: Benteli Verlag, 1950-1954: „Ausserdem ist es schrecklich, wie es in Zürich von Gelehrten und Literaten wimmelt, man hört fast mehr Hochdeutsch, Französisch und Italienisch sprechen als unser altes Schweizerdeutsch, was früher gar nicht so gewesen ist. Doch lassen wir uns nicht unterkriegen; bereits hat mit den ersten Frühlingstagen das nationale Festleben wieder begonnen und wird bis zum Herbst sein Wesen treiben.“


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