13. November 2008

Libertäre Abgesang auf eine „Bewegung“

Linksherum oder rechtsumher – es gibt immer solche und solche

Vor zehn Jahren hatte das Wort „libertär“ im deutschen Sprachgebrauch eine andere Bedeutung als heute. Damals wurde es für jene und von solchen verwendet, die sich als Sozialisten wie auch als Anarchisten in der Tradition eines Bakunin, Kropotkin, Landauer oder Mühsam sahen. Libertär – das waren jene radikalen Linken, die gegen den freien Markt vulgo Kapitalismus, aber eben auch gegen den Staat eintraten. Allerdings waren neue Bakunins, Kropotkins, Landauers oder Mühsams lange nicht mehr gesehen und das, was sich zum Ende des 20. Jahrhunderts noch als „libertär“ bezeichnete, war weitgehend eine schlechte Karikatur – pubertierende, gewalttätige Wohlstandskinder aus der Mittelschicht, die sich eine schmucke zersetzende Ideologie gesucht hatten. Heute nennen sich diese einst „libertären Anarchos“ eher „autonome Antifas“ – die schwarze Kapuze als Hasskappe blieb ihr Markenzeichen.

Und so war es ein Leichtes für jene neuen und anderen „Libertären“, den Begriff im Laufe der letzten Jahre erfolgreich für sich zu erobern. „Libertär“, das bedeutet heute unbestritten und wikipediabesiegelt immernoch Staatskritik, aber gleichzeitig nun auch ein unbedingtes Eintreten für freie Märkte sowie die hohe Achtung vor dem Privateigentum. Libertär – das bezieht sich heute nicht mehr auf eine Revision des Sozialismus durch Bakunin, Kropotkin, Landauer oder Mühsam, sondern auf Erneuerer des Liberalismus und des Kapitalismus wie Mises, Hayek, Rothbard oder Hoppe.

Zu Beginn dachten die neuen Libertären, in den alten Verbündete im Geiste finden zu können, schließlich hatte man die Staatskritik gemein. Dabei wurde ein entscheidender Punkt übersehen. Denn die alten Libertären kritisierten oder bekämpften den Staat gerade deshalb, weil dieser das Privateigentum an einigen Stellen schützt, während die neuen Libertären umgekehrt die Politik und die Bürokratie an den Stellen herausfordern, wo diese ihrerseits das Privateigentum ihrer Bürger verletzen. Von der gemeinsamen Staatskritik geblendet wurde nicht bemerkt, dass diese Kritik aus genau der entgegengesetzten Richtung kam. Die alten Linkslibertären wollten mit dem Staat das Recht auf Eigentum zerstören, welches die neuen Libertären durch denselben gefährdet sahen. Vom zentralen Freiheitsanker Eigentum aus beleuchtet waren alte und neue Libertäre also nicht nur schlechte Verbündete, sondern geradezu diametral sich gegenüberstehende Gegner.

Nun sind die alten Linkslibertären weitgehend Geschichte und seit kurzem macht ein anderes Phänomen die Runde – die neuen Linkslibertären. Diese verteidigen zwar auch Privateigentum und freie Märkte, teilen auch die Staatskritik – und unterscheiden sich doch von anderen Libertären. Diesmal ist der Knackpunkt nicht bei der Grundlage von Freiheit und Wohlstand, dem Eigentum, zu finden, sondern vielmehr bei der Voraussetzung für die Achtung des Eigentums selbst. Genau hier scheiden sich die linken und rechten Freigeister.

Friedrich August von Hayek etwa oder Ludwig von Mises haben immer betont, wie wichtig über die Jahrhunderte gewachsene konservative Institutionen wie Ehe, Familie, Religion, Tradition, natürliche Eliten, Anstand und Respekt vor dem anderen für die Achtung des Privateigentums sind. Wo konservative Libertäre gewachsene Bollwerke gegen den staatlich-konstruktivistisch-kollektivistischen Angriff auf das Eigentum vermuten, sehen die neuen Linkslibertären umgekehrt Institutionen der Unfreiheit, die sie im Zweifel nicht schützen, sondern gerade bekämpfen und zerstören wollen.

Die neuen Linkslibertären sind – und das geben sie auch ansatzweise gerne zu – begeisterte Revolutionäre, Utopisten und womöglich Umerzieher – wie die alten. Wie alle Linken träumen sie von einem „neuen Menschen“. In den heutigen Sprachge- und verboten der politischen Korrektheit sehen sie daher mehr Positives als in den traditionellen Tugendgeboten oder Sodomieverboten, in der Lebensgemeinschaft Ehe vermuten sie nicht die Keimzelle menschlichen Wachstums, sondern Triebunterdrückung, das selbständige Bürgertum und die nettosteuerzahlende Mittelschicht verschmähen sie und Randgruppen aller Art mit Ausnahme von Politikern fühlen sie sich besonders verbunden, Kinder verstehen sie eher als zeitraubenden Ballast von heute denn als Lebenssinn und Zukunftsgaranten, im Christopher Street Day sehen sie mehr kulturelles Potenzial für ihre Ziele als in der heiligen Messe.

Traditionelle Libertäre halten deshalb Linkslibertären etwa vor, es gehe ihnen nicht um langfristige Perspektiven und Produktion, sondern erneut um ein eher pubertäres und gewalttätiges Programm der Zerstörung – zerstört werden solle diesmal nicht die Eigentumsordnung selbst, sondern die westliche oder christlich-abendländische Zivilisation als deren gedeihliche Grundlage. Umgekehrt erwidern Linkslibertäre, dass traditionsbezogener Liberalismus in höchstem Maße reaktionär sei, Veränderungen und Innovation im Zweifel behindere sowie ihrer Tabula Rasa grundsätzlich im Wege stehe.

Es könnte sein, dass mit Blick auf die kulturellen Grundlagen sowie auf die gesellschaftlichen Ziele erneut die einen Libertären keine Verbündeten der anderen mehr sein werden, vielmehr sich beide diametral gegenüberstehen. Wobei das ohnehin kaum jemanden interessiert. Man nimmt mit solcherlei „Erkenntnissen“ Bewegungen oder Parteigänger im Allgemeinen und „die Libertären“ im Besonderen wichtiger, als sie es je waren oder sein werden. Noch jede mehr oder weniger geschlossene politische „Bewegung“ – wer bei einem solchen Wort nicht unweigerlich grinsen muss ist ohnehin selbst schuld – hat sich früher oder später gespalten und gespalten und abermals gespalten.

Vielleicht stellt sich irgendwann auch wie bei den alten Linkslibertären „das Libertäre an sich“ als Trugschluss heraus – oder allenfalls als eine Wahl der Mittel bei der Umsetzung von Zielen. Wobei sich der vorgebliche Gewaltverzicht der alten Linkslibertären bei erstbester realer Gelegenheit bereits im Spanischen Bürgerkrieg in eine Flut sadistischer Greueltaten mit Folter und Massenmord verwandelte.

Mag sich also „der Libertäre“ als Illusion herausstellen. Ubrig blieben dann eine Reihe von wegweisenden Ideen und Interpretationen ganz unterschiedlicher mehr oder weniger herausragender Denker - auch ein Sozialist wie Bakunin hatte manch guten Gedanken, Stalin auch. Und übrig blieben Zerstörer und Produzenten, wagemutige Neuerer und bedachte Bewahrer, Konsumenten und Investoren, Träumer und Macher, Dreiste und Weise, Revolutionäre und Evolutionäre. Oft auch als Mischung in ein und derselben Person. Menschen eben. Wie Du und ich.


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