12. November 2008

Monopol-„Religion“ Sozialismus Wider den Messias Obama

Ein Weg an Hexenverbrennung und Gaskammer vorbei

Dass einer der beiden Flügel der einheitlichen Kriegs- und Wohlfahrtsstaatspartei Amerikas bei der Präsidentschaftswahl vergangene Woche gewinnen würde, stand von vornherein fest. Dass es Barack Obama sein würde, war spätestens Ende September klar, als sowohl er wie auch sein Hauptrivale sich für das milliardenschwere staatliche Banken-Rettungsprogramm aussprachen. Von einem Sozialisten erwartet man nichts anderes, als dass er sich für mehr Sozialismus ausspricht. Doch unter den möglichen Wählern der Republikaner befanden sich eine erkleckliche Anzahl Menschen, die nicht nur verstehen, was Sozialismus ist, und dass er in verschiedensten Formen daherkommen kann, sondern die auch dezidiert gegen ihn sind. Als diese Wähler sahen, dass McCain ohne zu zögern und trotz massenhafter Proteste die Macht des Staates gewaltig auszudehnen bereit war, war es um seine Wahlchancen geschehen. Sarah Palin hätte ihm selbst dann nicht mehr helfen können, wenn sie sich unter Begleitung der „Battle Hymn of the Republic“ ihrer angeblich zu teuren Kleidung live vor laufender Kamera entledigt hätte.

Die Frage ist nun weniger, weshalb diesmal ein offener statt ein verkappter Sozialist die Wahl gewann, sondern warum bei dieser Wahl die Drittparteien wieder einmal zusammen gerade 1,1 Prozent schafften. Da hat es in der jüngeren Vergangenheit deutlich bessere Ergebnisse gegeben. Man denke an das Jahr 2000, wo allein Ralph Nader für die Grünen knapp drei Prozent einfuhr. Diesmal war der Wunsch nach echtem Wandel greifbar. Natürlich würden viele auf die Versprechen Obamas hereinfallen, da er von den meisten Medien hemmungslos begünstigt wurde. Doch warum hat es nicht mehr Stimmen für die „Anderen“ gegeben?

Bei dieser Wahl war es für jeden, der mit offenen Augen durch die Welt ging, offensichtlich, dass es nach der Wahl zu keiner grundlegenden Änderung in der Richtung der USA auf ihrem Weg in den modernen Faschismus geben werde. Und dennoch wurden auch sie von der Obama-Welle überschwemmt. Der diesmal unabhängig kandidierende Nader, der seit Jahrzehnten ein unerschrockener Kritiker der Konzerne und der Regierung ist, bekam mit 0,5 Prozent noch die meisten Stimmen unter „ferner liefen“. Bob Barr von der Libertarian Party erreichte 0,4 und die Grüne Kandidatin sowie Chuck Baldwin von der Constitution Party jeweils gar nur 0,1 Prozent. Letzterem hatte der Zuspruch des unter Staatsskeptikern enorm populären Republikaner-Rebellen Ron Paul offensichtlich nicht geholfen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass keiner dieser Kandidaten in allen Bundesstaaten auf dem Wahlzettel stand, sind die Ergebnisse katastrophal.

Echte Freiheit hat keinen in Wahlstimmen erkennbaren Zuspruch gefunden. Trotz sinkender Kaufkraft des Dollars, trotz massiv ausgeweiteter Staatsaufgaben und -ausgaben, trotz end- und sinnloser Kriege, trotz fast zwei Jahre lang währender „Ron Paul Revolution“ mit massiver personaler und finanzieller Kleinspender-Unterstützung für den libertären Republikaner und seine eigene, im Juni dieses Jahres beendete Kandidatur. Viele Staatsskeptiker, die einen Kandidaten Ron Paul gewählt hätten, sind offenbar ganz schlicht nicht zur Wahl gegangen. Andere, die sich nicht von weniger, sondern von anderer Politik einen echten Wandel oder gar eine echte „Heilung“ erhoffen, haben offenbar massenhaft Obama gewählt. Man ist geneigt, solange man über den zukünftigen Präsidenten noch lachen darf, ihnen den unsterblichen Satz aus Monty Pythons „Das Leben des Brian“ zuzurufen: „He's not the Messiah, he's a very naughty boy!“

Kein Zweifel: Der Sozialismus ist die Monopolreligion unserer Zeit. Der durchschlagende Erfolg Barack Obamas und die Huldigungen, die ihm zukommen, sind nur ein weiteres, wenn auch sehr starkes Indiz unter vielen. Eine atheistische Religion, der die Gerechtigkeit für alle auf dieser Welt will, „koste sie, was es wolle“, so Roland Baader in seiner Kampfschrift „Kreide für den Wolf“. Dass kein einziger Mensch, keine einzige menschliche Institution in der Lage ist, eine für alle gleiche Gerechtigkeit herzustellen, leugnet der Sozialismus. Doch mit seinem diesseitigen Heilsversprechen konnten seine Befürworter irgendwann in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, vielleicht sogar schon in der ersten, die moralische Überlegenheit erobern. Von diesem Feldherrnhügel aus hat der Sozialismus seither und bis heute Sieg um Sieg errungen. Nur wenn einige Truppen ungeduldig und voreilig vorpreschten, wie die Leninisten 1917 oder die Hitleristen 1933, musste er, wenn auch erst nach Jahren und Jahrzehnten und unter massiven Verlusten in der Bevölkerung, lokal begrenzte Niederlagen einstecken. Im Westen jedoch waren die Sozialisten insgesamt klüger. Sie verhielten sich gemäß dem Motto des Fürsten im Film „Kagemusha – Der Schatten des Kriegers“. Mit dem Befehl „Ein Berg bewegt sich nicht!“ blieb er unbesiegt. So konnte der Sozialismus, auch ohne formale politische Macht, bislang sehr viel durchsetzen. Von der staatlichen Rente und der Schulpflicht über Schutzzölle, Zentralbanken, Einkommenssteuer und Subventionen bis zur üppigen Sozialhilfe. Mit seiner Kampftaktik der politischen Korrektheit versucht er, meist erfolgreich, jeglichen Dissens gegen ihn schon im Gehirn zu ersticken. Und nichts, so scheint es, kann seinen Vormarsch stoppen. Er ist inzwischen nicht nur Monopolreligion, mit ihm wurde sogar die Trennung von Staat und „Kirche“ aufgehoben.

Skeptiker konnten noch so gut durchdachte und eloquent vorgetragene Argumente gegen den Marxismus vorbringen – damit wurden einige Köpfe erobert, aber nicht die Herzen der Massen. Selbst die größten wirtschaftstheoretischen Denker wie Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek und Murray Rothbard konnten den Trend zum Sozialismus nicht aufhalten, geschweige denn umkehren. Renegaten wie George Orwell konnten noch so dringend vor dem unausweichlichen Totalitarismus warnen, der stets hinter der gutmenschlichen Maske des Sozialismus lauert; auch er sprach nur die Ratio an, und so verpufften seine Worte weitgehend wirkungslos. Und auch der donnernd vorgetragene uramerikanische Objektivismus Ayn Rands, wiederum eine Kopfgeburt, konnte nur eine verschwindend kleine Minderheit überzeugen.

Wo also liegt das Problem? In der Demokratie? Nein, sie verschärft nur das Problem. Langfristig muss auch ein totalitärer Herrscher sich der Meinung der Mehrheit beugen, wie Ludwig von Mises ganz richtig beobachtet hat.

Der tieferliegende Mangel all dieser Bemühungen der besten Köpfe, die in den letzten hundert Jahren und mehr für die Freiheit und gegen den Sozialismus stritten, ist die Nichtbeachtung der religiösen Dimension dieses Kampfes, in dem sie sich befinden – Ausnahmen wie Lord Acton im vorletzten und Gary North im letzten und in diesem Jahrhundert bestätigen die Regel. Der Sozialismus hat als Ersatzreligion die Lücke ausgefüllt, die der Skeptizismus der Aufklärung hinterlassen hat. Solange er das Monopol auf das Heilsversprechen und auf eine das „große Ganze“ umfassende Vision hält, solange er also in einer im wesentlichen von anderen Religionen entfremdeten Welt „Transzendenz“ anbietet, wird ihn keiner vom Sockel stoßen. Das heißt nicht, dass die Aufklärung und der Skeptizismus rückgängig gemacht werden müssten, um freiheitlicheren Ideen zum Sieg zu verhelfen. Es heißt zunächst einmal nur, sich der religiösen Dimension dieser Auseinandersetzung bewusst zu werden. Es heißt des weiteren aber auch, dass ein Kampf gegen dieses Monopol ohne Zuhilfenahme einer religiösen Argumentation und einer transzendenten Vision zum Scheitern verurteilt sein wird. Die moralische Überlegenheit, der „moral high ground“, wird nur mit Hilfe einer mindestens ebenso starken moralischen Instanz erobert werden können.

Um die Katastrophe zu verhindern, die der fortschreitende Sozialismus unweigerlich erzeugen wird und bereits erzeugt, um ihm also die „moralische Überlegenheit“ zu entreißen, ist ein Gegenmodell vonnöten, das nicht den holistisch-kollektivistischen Weg in die Hölle pflastert, aber dennoch die religiös-transzendente Dimension menschlichen Seins mit einschließt. Eine erfolgreiche Strategie für Eigentum und Freiheit kann also keineswegs ebenso holistisch-kollektivistisch sein, oder eine Rückkehr zur spanischen Inquisition, zur Hexenverbrennung, zur Steinigung und zu blindem, irrationalem Glauben mit einschließen. Aber es gibt eine Alternative. Viele Atheisten und Agnostiker haben zwar Schwierigkeiten, zu verstehen, wie es intelligente, den Erkenntnissen der Wissenschaft offene Menschen geben kann, die trotzdem an „diesen Gott-Kram“ glauben. Aber es gibt sie. Zum Beispiel den Physiker Max Planck, der einmal sagte: „Es ist der stetig fortgesetzte, nie erlahmende Kampf gegen Skeptizismus und Dogmatismus, gegen Unglaube und gegen Aberglaube, den Religion und Naturwissenschaft gemeinsam führen, und das richtungsweisende Losungswort in diesem Kampf lautet von jeher und in alle Zukunft: Hin zu Gott!“

Der Psychoanalytiker M. Scott Peck hat festgestellt, dass es zwei ganz verschiedene Arten von Religiosität gibt. Zum einen eine „formal-institutionelle“, zum anderen eine „mystisch-kommunale“. Erstere benötigt Struktur, Eindeutigkeit, Führung. Letztere akzeptiert das Paradoxe im Leben, Offenheit, Weiterentwicklung, und setzt, trotz des Wortes „kommunal“, individuelle Freiheit und Freiwilligkeit voraus. Zusätzlich zu diesen beiden psychisch-spirituellen Zuständen gibt es zwei – vordergründig – areligiöse, doch in Wirklichkeit gleichfalls spirituelle Entwicklungsstufen, nämlich eine „chaotisch-asoziale“ und eine „skeptisch-individuelle“. Erstere ist das gemeinsame Charakteristikum der meisten Kleinkinder und Verbrecher, letzterer ist ein Zustand, den man erst nach Durchlaufen des „formal-institutionellen“ Zustandes erreicht, während man die „mystisch-kommunale“ Lebenseinstellung erst nach einer „skeptisch-individuellen“ Phase erlangt. Die typische Reihenfolge einer spirituellen Entwicklung eines Menschen sei nach Peck daher: 1. chaotisch-asozial, 2. formal-institutionell, 3. skeptisch-individuell, 4. mystisch-kommunal. Während jeder Mensch Elemente jeder dieser Stufen in sich trage, überwiege jeweils immer eine Stufe. Manche pendeln zwischen zwei benachbarten Stufen hin und her, aber keine Stufe wird jemals übersprungen, so Peck. Beispielhaft für diese Entwicklung ist die Aussage von Werner Heisenberg, Plancks Fachkollege und der Entdecker der Unschärferelation: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch. Aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Das gilt dann natürlich auch für die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Der Sozialismus ist, wie auch der Fundamentalismus der meisten Christen in Amerika, nach diesem Modell eindeutig eine „Stufe-2-Religion“. Politik als Ganzes ist ein ständiger Kampf zweier oder mehrerer Sekten oder Kulte auf Stufe 2. Die meisten Libertären sind über diesen Kampf hinausgewachsen und befinden sich im Hinblick auf Politik mindestens in Stufe 3. Doch für Menschen in Stufe 2, heute meist bewusste oder unbewusste Sozialisten, wirkt der Politskeptizismus der Stufe 3 wie eine Bedrohung. „Wer soll denn die Straßen bauen, die Schulen führen und die Verbrecher jagen?“ lauten nur drei von tausenden Fragen dieser Art. Die „Skeptiker“ sollten daher lernen, diesen Fragen nicht konfrontativ, sondern „therapeutisch“ zu begegnen, und das heißt gerade nicht – nur – mit dem Kopf und mit der Ratio, sondern zunächst und vor allem mit mitfühlender Empathie.

So notwendig ein therapeutischer Ansatz aus der „Stufe 3“ heraus ist, er würde langfristig nicht ausreichen, das Monopol der Religion Sozialismus zu brechen. „Gott“ ist nun mal für die allermeisten Menschen eine Realität, die eben vergangene US-Wahl hat es wieder einmal bewiesen, links wie rechts. Daher ist eine „kommunale“ Gesellschaftsvision einer freiwilligen Gemeinschaft von Individuen nötig. Eine Vision, die einen tatsächlich transzendenten Gott dem falschen, diesseitigen „Gott“ entgegenhält. Einer jedoch, der keinen Dogmatismus nötig hat. Einer, dessen Endpunkt weder Hexenverbrennung noch die Gaskammer ist, sondern die echte Gemeinschaft freier Individuen. Paradoxerweise wird ein solcher Gott jedoch nur gefunden werden, wenn er auf der Basis bereits bestehender, alter Dogmen gesucht wird, denn in ihnen liegen bereits seit Jahrtausenden die tiefsten Wahrheiten verborgen. Alles andere wäre nur neuer Konstruktivismus, reines Menschenwerk, und würde nicht in Stufe 4, sondern in Stufe 2 enden, und wäre gewonnen nichts.

Internet:

Artikel des Acton-Institutes über Gary North: "One Protestant Tradition's Interface with Austrian Economics: Christian Reconstruction as Critic and Ally"

Literatur:

M. Scott Peck: Gemeinschaftsbildung: Der Weg zu authentischer Gemeinschaft

Roland Baader: Kreide für den Wolf

Guido Hülsmann: Die Ethik der Geldproduktion

Robert Grözinger: Ron Paul – Der Kandidat aus dem Internet



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