07. November 2008

Der Weg zur Finanzkrise, Teil 6 Weiter auf dem Weg zur Knechtschaft

Politik ist nicht die Lösung, Politik ist das Problem

„Jede Intervention bedingt zur Korrektur weitere staatliche Eingriffe, die die Gesellschaft immer mehr gängeln und die Eigeninitiative ersticken. Die Dynamik der sogenannten Interventionsspirale speist sich letztlich aus dem – nicht der Realität entsprechenden – Anspruch der Politik, vermeintliche 'Fehler' der Marktwirtschaft korrigieren zu können.“ (Hayek)

Die Folgen der amerikanischen Finanzkrise sind auch bei uns zu spüren. In einer Artikelserie, deren sechster und letzter Teil dieser Beitrag ist, sollte dem Leser das Verständnis für Ursachen und Ablauf der Krise erleichtert werden.

Vieles wird dem Leser unglaublich erschienen sein. Im Text wurden in den Texten zahlreiche Quellenverweise angeboten. Der Leser wird hoffentlich seine eigenen Recherchen durchführen und sein eigenes Urteil bilden.

Im ersten Beitrag wurden die Grundlagen des staatlich gestützten, destabilisierenden Systems der Teilreserve beschrieben. Im zweiten Beitrag sollte anhand eines historischen Beispiels erklärt werden, wie dieses System zu Inflationserzeugten Investitionsblasen führt. Solche Blasen müssen platzen und münden notwendig in Krisen.

Der dritte Artikel versuchte die „Einigung“ von Banken und Politischer Klasse darzustellen, mit der sich die Banken vor der Insolvenz als Folge solcher Krisen schützen und die im Gegenzug der Politischen Klasse einen garantierten Markt für ihre Schulden verschaffte.

Im vierten Artikel konnte der Leser nachvollziehen, wie die Politische Klasse einen freien Markt für Eigenheimdarlehen in den USA verhindert und wie diese Interventionen die Krise vorbereiteten.

Im fünften und vorangehenden Artikel wurde der Absturz in die Krise beschrieben. Zum Zeitpunkt dieser Niederschrift versuchen das Schatzministerium unter Paulson und die amerikanische Zentralbank unter Bernanke mit allen Mitteln die Wertberichtigung der notleidenden Immobiliendarlehen zu verhindern. Hierzu ist es unabdingbar, dass solche Darlehen nicht etwa infolge von Liquidierungen gescheiterter Banken auf den freien Markt gelangen: Dort würde ihnen ein realistischer Wert zugewiesen, der den Wert ähnlicher Papiere in den Bilanzen anderer Banken gleichfalls abstürzen ließe.

Deswegen wurden Fannie Mae und Freddie Mac verstaatlicht. Deswegen kauft die amerikanische Zentralbank den Banken die immer wertloser werdenden Papiere über die „Term Auction Facility“ mit jenen staatlichen Schatzbriefen (Treasury Bills oder „T-Bills“), die ihr als Basis der Gelderzeugung dienen. Deswegen kauft das Schatzministerium den Banken und Investmentfirmen diese Papiere mit Steuergeldern ab.

Die Geister die man rief

Doch das kann nicht ewig so weiter gehen: Vor einem Jahr besaß die amerikanische Zentralbank 780 Milliarden US-Dollar dieser T-Bills. 40 Prozent davon waren zum Zeitpunkt dieser Niederschrift bereits verbraucht, zum Beispiel für die staatliche Konkursverschleppung des Bankenversicherers American International Group (AIG). Von den verbliebenen 480 Milliarden US-Dollar sind inzwischen weitere 450 Milliarden Dollar fest für künftige Käufe durch die „Term Auction Facility“ verplant. Irgendwann werden sie ganz verbraucht sein. Dann wird es interessant; „interessant“ im Sinne des alten Chinesischen Fluches „mögest Du in interessanten Zeiten leben“.

Dann werden immer noch amerikanische Eigenheimbesitzer in die Lage kommen, ihre Raten nicht mehr bezahlen zu können. Dann werden immer noch Darlehen notleidend werden. Diese notleidenden Darlehen werden immer noch Banken in die Insolvenz stoßen. Wenn auch diese Banken gerettet werden sollen, dann muss die Regierung diese notleidenden Darlehen kaufen. Das tut sie bereits indirekt und nimmt dafür noch gewaltigere Schulden auf, welche in die Gelderzeugung fließen werden.

Dann werden amerikanische Wähler und Steuerzahler das durchmachen, was Reichspräsident Ebert und dessen Kanzler Wilhelm Cuno mit Hilfe der Zentralbank den Deutschen 1923 antaten.

Die Krise wurde nicht durch ein Versagen eines freien Marktes ausgelöst. Der Markt reagierte auf die Interventionen der Politischen Klasse zunächst genau so wie beabsichtigt: Bonitätsschwache Wähler erhielten Eigenheimdarlehen, planwirtschaftlich verringerte Zinsen ernährten eine blasengefütterte Scheinblüte der Konjunktur.

Die überwachenden und regulierenden Behörden erkannten die Finanzkrise nicht, die durch die Blase erzeugt werden musste. Geschweige denn verhinderten sie diese. Sie halfen im Gegenteil mit. Wer der Politische Klasse Generalabsolution erteilt und die Schuld stattdessen einem angeblich freien Markt zuschreiben möchte – wie der politisch zielsicher jüngst auserwählte Nobelpreisträger für Ökonomie – muss folgendes unter den Teppich kehren:

Staatlich geschütztes System der Teilreserve

- Staatlich kartellisiertes Bankenwesen unter einer planwirtschaftlich agierenden Zentralbank

gesetzlicher Annahmezwang der Nominalwährung

- Inflatorische Gelderzeugung aus staatlichen Schuldscheinen

- Politisch motivierte Unterminierung der Bonitätsprüfungen bei Immobiliendarlehen

- Privilegien und staatliche Garantien für „Staatsgeförderte Rechtspersonen“ wie Fannie Mae und Freddie Mac, welche ausdrücklich die Vergabe von Immobiliendarlehen künstlich ankurbeln sollten

- Überwachung und Steuerung der Immobilen- und Finanzmärkte durch eine ganze Buchstabensuppe an Behörden: OFHEO, SEC, HUD, FDIC, OTS usw.

- Blindheit jener Behörden vor der Krise und Verhinderung der Liquidierungen als diese eintrat

In einem freien Markt dagegen hätten die Marktteilnehmer die Freiheit, zur Zahlung stabiles Gold statt verfallendes Papiergeld anzunehmen. Sie hätten ferner die Freiheit, ihr Geld zu Banken mit hoher Teilreserve und niedrigem Risiko zu tragen, statt zu solchen, die durch niedrige Teilreserven ihre Einlagen gefährden. Der Preis für Darlehen wäre ein Marktpreis, das heißt bei stabiler Geldmenge würde eine höhere Nachfrage zu höheren Zinsen führen. Und der Staat müsste seine Schulden zurückzahlen, oder seine Aktiva liquidieren. Es herrschten die Bonitätsregeln des Marktes statt jene der Politik. In einem freien Markt herrschte das Verlustprinzip: Wer im Wettbewerb schlecht agierte, der würde durch die unweigerlich folgenden Verluste diszipliniert; egal wie groß er sei. In einem freien Markt gingen die Unternehmen solcher Versager in Konkurs, damit ihre Aktivposten liquidiert, das heißt unter die Kontrolle besser wirtschaftender Unternehmer gebracht werden könnten.

Wie Fannie Mae und Freddie Mac in den USA sind auch in Deutschland die Institute, die durch die Blase die gewaltigsten Verluste erlitten Instrumente der Politischen Klasse: WestLB, SachsenLB, BayernLB, IKB. Die gegenwärtige Sozialisierung von deren Verluste kann ebenfalls kaum als Folge eines freien Marktes bezeichnet werden. Sie ist die Folge eines durch und durch politisierten Finanzmarktes.

Dieser Markt wurde in den USA durch jene politisiert, die ihren bonitätsschwachen Wählern billige Darlehen verschaffen wollten; ihr Mittel, das zentralbankengesteuerte System ständiger Inflation wurde von jenen erschaffen, die der Politischen Klasse das Geld niemals ausgehen lassen wollen.

Déjà Vu

Es waren Verteidiger der Marktes, welche den Zusammenbruch der Hypothekenblase vorhersahen, und zwar schon ab 2002. Sie haben die Politischen Klasse geradezu ausgezählt (zum Beispiel North 2002, Shostak 2003, Vogt 2004, Thornton 2004, Schmidt 2005, Karlsson 2005) insbesondere auf Seiten wie Mises.org und Lewrockwell.com. Keynesianer und andere „Mainstream“-Ökonomen erklären sich die Finanzkrise größtenteils erst, nachdem sie begonnen hatte – und leugnen jedwede Verantwortung der Politischen Klasse für die Folgen ihrer Manipulationen (Krugman 2007, Gross 2008). Diese Rollenverteilung fanden wir zuvor bei der NASDAQ-Blase, oder davor bei der Japan-Krise usw. bis zurück zur Weltwirtschaftskrise von 1929.

Nun beobachten wir die Politische Klasse und ihre Hofjournalisten dabei, wie sie die Geschichte auch dieser Krise umerzählen: Nicht die Politik sei Schuld, sondern die Leute hätten noch zuviel Freiheit. Deswegen sollten wir ihr, der Politischen Klasse, noch mehr Macht über uns einräumen. Ihr, deren Mitglieder die Aufsicht hatten über so weise agierenden Banken wie die WestLB, SachsenLB, BayernLB oder IKB.

Das ist nichts anderes als das bereits durch Hayek in seinem Werk „Der Weg zur Knechtschaft“ beschriebene Muster: Die Politische Klasse maßt sich an, in unsere Freiheiten einzugreifen, und sieht die Schäden, die sie anrichtet, nicht voraus. Um diese Schäden im Nachhinein zu beseitigen, erfindet Sie neue Eingriffe, die wiederum unerwünschte Folgen nach sich ziehen usw.

So ist die bedeutendste Entwicklung, die dieser Autor als Folge dieser Krise erwartet, die Bildung einer Internationalen Zentralbank, wie sie bereits länger zum Beispiel durch Hans-Hermann Hoppe vorausgesagt wird. Denn solange die Politische Klasse nicht aus ihren Fehlern lernt, werden wir ertragen müssen, dass ihre Fehler sich immer höher anhäufen. Die Politische Klasse wird erst dann aus ihren Fehlern lernen, wenn ihre Mitglieder deren Folgen nicht mehr auf uns abwälzen können.

Die Lehre auch aus dieser Krise des politisierten Währungs- und Bankensystems kann jedoch nicht noch mehr Politik sein, sondern die Entstaatlichung des Systems. Die Politische Klasse ist auch diesmal durchgekommen; sie wird mit dieser Erfahrung auch die nächste große Krise auf uns abladen: den Zusammenbruch der politisierten Renten- und Gesundheitssysteme. Das könnte dann das Ende bedeuten.

Politik ist nicht die Lösung. Politik ist das Problem! Machen wir uns endlich zu ihrem Problem!

Internet

Frühe Vorhersage der Immobilienblase: McCulley, Paul (2001): Show A Little Passion, Baby. Pimco (Juli 2001)

Frühe Warnung: North, Gary (2002): The Lure of Making It Big, Early, and Fast. Lewrockwell.com (5.10.2002): „Wir stehen vor einer neuen Runde der Preisinflation als Folge bestehender Geldmengeninflation, mit der Erwartung von noch mehr davon, um fallende Preise zu vermeiden. Wenn es einen Bereich der Wirtschaft gibt, in dem Konsumenten bereit sind, Schulden aufzunehmen und mehr Zeug zu kaufen, dann ist das der Immobilienmarkt. Wenn dieser zusammenbricht, dann ist eine Depression wahrscheinlich. Falls die FED beschließt, Fannie Mae und Freddie Mac mit Mitteln zu versorgen, kann sie diese Blase für eine lange Zeit aufrechterhalten. Sie wird der Darlehensgeber letzter Instanz für den Eigenheimmarkt werden.“

Vorhersage des Absturzes der Eigenheimpreise: Shostak, Frank (2003): Housing Bubble: Myth or Reality? Mises.org (4.3. 2003)

Frühe Analyse in Deutschland: Vogt, Claus (2004): Die US-Immobilienblase. In: Eigentümlich Frei 43(Juni 2004), S.30

Sehr frühe Vorhersage des Banken-Freikaufs: Thornton, Mark (2004): Housing: Too Good to be True. Mises.org (4 Juni 2004)

Frühe, sehr systematische Analyse in deutsch: Schmidt, Artur P. (2005): Sich selbst verstärkende Seifenblasen. In: Telepois (5.1.2005)

Karlsson, Stefan (2005): The Mess Greenspan Leaves. Mises.org (26.12.2005)

Krugman versucht, Greenspans Verfehlungen durch seine Vergangenheit als Ayn-Rand-Anhänger zu erklären; er vergisst dabei, dass Greenspan nichts anderes tat als er, krugman 2001-2002 forderte: Krugman, Paul (2007): Blindly Into the Bubble. In: The New York Times (21.12.2007)

Gute Widerlegung Krugmans: Anderson, William L. (2007): Did Free Market Ideology Cause the Housing Bubble? In: Lewrockwell.com (25.12.2007)

Gross, Bill (2008): Better Late Than Never. In: Pimco Investment Outlook (Februar 2008)

Literatur

Hayek, Friedrich August (1945): Der Weg zur Knechtschaft. Erlenbach-Zürich: Eugen Rentsch Verlag, 1945

Hoppe, Hans-Hermann (2006): The Economics and Ethics of Private Property. Auburn: Ludwig von Mises Institute, 2006): „Wenig verbleibt noch zu tun. Die wahrscheinlichsten Kandidaten für eine Auswahl als US-dominierte Welt-Zentralbank sind der IMF (International Monetary Fund) oder die BIS (Bank for International Settlement); und unter ihrer Ägide wird sich der „Phoenix“ (oder was auch immer sein Name sein wird) als Eine-Welt-Papierwährung erheben – es sei denn, die öffentliche Meinung als einzige Begrenzung des Staatswachstums erfährt eine grundlegende Änderung.“


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