04. November 2008

Zeitgeist Vom Rassisten zum Bürgerrechtler

Die US-Wahl und die deutschen Medien

Noch ein paar Stunden, dann haben wir es geschafft. Heute Nacht wird, in den treffenden Worten von ef-Autor  Robert Grözinger, „der Vertreter entweder des linken oder des rechten Flügels der amerikanischen Kriegs- und Wohlfahrtsstaatspartei ins Amt des Präsidenten gewählt werden“. Eine gigantische Desinformationskampagne der Mainstreammedien wird dann einmal mehr hinter uns liegen.

Der freiheitliche Beobachter Reinhard Stiebler beschrieb bereits zum Ende der Vorwahlzeit das Spektakulum treffend: „Seit Monaten werden wir von den Medien mit Details eines heftigen Streits überschüttet, welches Mitglied einer amerikanischen Partei eventuell zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wird. Kein Detail aus dem Leben der Kandidaten wird ausgelassen, der Wahlkampf wird als Drama inszeniert, wo jede Vorwahl in einem Bundesstaat wie ein Schicksalsschlag aussieht und man auf die Fortsetzung wartet. Ich bekomme mittlerweile Darmverschlingungen, wenn ich mich beim Lesen von Nachrichten in die Politikspalten verirre. Ich stelle mir zum Spaß vor, wie die Bürger im Mittelwesten der USA an den Fernsehern live mitverfolgen, wie sich die CDU darin zerfleischt, ob Wolfgang Schäuble oder Ursula von der Leyen ihr nächster Kanzlerkandidat werden soll; wie Millionen Amerikaner mit Analysen überschüttet werden, wie die verschiedenen CDU-Landesverbände darüber abgestimmt haben. Dass dieses Polittheater ein Beispiel für die Amerikanisierung unserer Kultur ist, ist wohl überdeutlich. Dass es auch noch den Zweck der Einlullung, der Scheinpartizipation erfüllt, ist wahrscheinlich auch weitgehend unstrittig. Die Medien bringen ihre Nachrichten selbst hervor, damit sie Kunden finden, damit sie Werbeeinnahmen bekommen. Und der Bürger hängt gebannt vor den bewegten Bildern und glaubt, dass das Wirkliche das Wahre ist.“

Wir durften in Deutschland fast mehr noch als bei einer Bundestagswahl mitfiebern, wer von zwei austauschbaren Kandidaten der Mainstreammitte demnächst die Anordnungen des Beamtenapparats unterschreibt. Es ist schlicht grotesk, welches Schauspiel „Bild“, „Spiegel“ und die Tagesschau täglich daraus gemacht haben.

Dabei gibt es interessante Kandidaten und Programme in den USA wie in Deutschland am Ende allenfalls diesseits der beiden Volksparteien. Die werden hier wie dort aber medial konsequent ausgeblendet. Ein paar Tage vor der Wahl dann, wenn dank der Dauerinszenierung der „großen Politik“ die Kleinen vergessen sind, werden sie etwa bei deutschen Wahlen vorgeführt und lächerlich gemacht: Die „Sonstigen“ dürfen unterbrochen von einem völlig unbekannten Einmalmoderator jeweils genau 55,0 Sekunden im Fernsehen reden und werden dann von heiterem Dixieland-Jazz überspielt. Demokratie made in Germany.

Da möchte man der Tradition treu bleiben und auch „die anderen US-Präsidentschaftskandidaten“ zwei Tage vor der Wahl kurz vorstellen, jene, die es in den langen Monaten zuvor schlicht nicht zu geben schien. Der Qualitätsjournalismus muss dem geneigten Leser und Zuschauer schließlich erklären, warum Obamas 49 und McCains 44 Prozent in letzten Umfragen zusammen keine 100 Prozent ergeben.

Die hastig hingeschriebenen Berichte über „die Sonstigen“ zeigen dann exemplarisch das ganze Ausmaß der Inkompetenz und Ignoranz unserer Medien. Zwei Beispiele: Die „Berliner Morgenpost“ erkennt, dass vier der Außenseiter fast flächendeckend antreten und mit Prognosen von immerhin jeweils zuweilen mehr als einem Prozent aus dem Feld der „Anderen“ herausragen. Es sind dies der unabhängige Kandidat Ralph Nader, die Grüne Cynthia Ann McKinney, der „Kandidat der sogenannten Libertarian Party“ Bob Barr und, so die „Morgenpost“, ein gewisser Ron Paul.

Darauf hatten zwar manche gehofft, wahrer wird es dadurch aber nicht. Ron Paul hatte als aufsehenerregender libertär-konservativer Republikaner-Vorwahlkandidat für einige Zeit – damals allerdings von der „Berliner Morgenpost“ unbemerkt – das Rennen durcheinandergewirbelt. Er war der Überrasschungskandidat aus dem Internet, der vor allem junge Amerikaner mit seiner Botschaft für Frieden und Freiheit überzeugte. Vor einigen Wochen dann hat der Kongressabgeordnete Ron Paul den eigentlichen vierten Außenseiterkandidaten Chuck Baldwin von der Constitution Party zur Wahl empfohlen. Dieser Chuck Baldwin, der gute Aussichten hat, nach den beiden Mediencelebrities als Dritter ins Ziel zu gehen, ist der Berliner Zeitung unbekannt.

Der „Spiegel“ immerhin nennt sie korrekt, die vier Großen der Kleinen, in seiner gestern veröffentlichten „Parade der Außenseiter“. Seine besondere Kompetenz beweist das Hamburger Nachrichtenmagazin im zeitgeschichtlichen Rückblick auf „jene Mavericks“, die mit ihrer Kandidatur „den Wahlausgang“ entscheidend „beeinflussten“.

Dabei erfahren wir vom „Spiegel“-Wahlbeobachterteam Jan Hauser und Petra Sorge kurioses: „1968 trat der schwarze Bürgerrechtler und Ex-Demokrat George Wallace als unabhängiger Kandidat an und erreichte 13 Prozent der Stimmen. Er siegte in fünf Staaten – North Carolina, Michigan, Maryland, Florida, Tennessee und Florida.“

Das sind zwar sechs Staaten und auch nicht annähernd die richtigen, aber nicht der eigentliche Fauxpas. Vielleicht sollte man die beiden Journalisten in Schutz nehmen, sie sind nur Kinder jenes Zeitgeistes, den sie selbst produzieren. So ist es ihnen ein paar Stunden vor der Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten schlicht nicht vorstellbar, dass 1968 George Wallace als weißer Verfechter der Rassentrennung 13 Prozent und fünf Staaten gewann.

In vierzig Jahren zur sicherlich wieder einmal spannend inszenierten Wahl des neuen US-Präsidenten 2048 werden wir im „Spiegel“ lesen, dass eine indianische, irakkriegbefürwortende Transgenderkandidatin namens Rose Raul im Jahr 2008 im Vorwahlkampf wie kein anderer die damals in Bedrängnis geratene US-Zentralbank verteidigte…

Information

Der „Spiegel“ hat seinen Fehler inzwischen korrigiert.


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