28. Oktober 2008

Keynesianismus Nichts weiter als ökonomisches Appeasement

Nötig ist eine systematische Dekonstruktion des Staates

In letzter Zeit wird wieder viel von Keynes gesprochen. Ein Ende einer 30-jährigen Ära des „laissez-faire“ gehe jetzt angeblich zu Ende, es sei Zeit für eine neue Ära der Staatsinterventionen. Die „Gier“ im „unregulierten Bankenwesen“ habe die jetzige Krise ausgelöst. Was genau die Krise verursacht hat, darüber liest und hört man in den Mainstream-Medien – nichts. Statt dessen graben Politik und Medien Keynes wieder aus, der als Zombie die Marktwirtschaftler erschrecken und ansonsten als Heiland die Welt vor der Gier und vor dem Sozialismus retten soll.

John M. Keynes hat in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, also in einer Zeit, als der Sozialismus unter Intellektuellen fast völlig unumstritten war, ein wirtschaftspolitisches Programm vorgeschlagen, das vorsah, mit staatlicher Schuldenaufnahme, staatlich induziertem Konsum und staatlichen Investitionen eine sich angeblich in einer permanenten Flaute befindlichen Marktwirtschaft wieder zu beleben. Begründet hatte er das mit der Vorstellung, dass es ohne staatliche Interventionen zu einem Marktgleichgewicht bei hoher Arbeitslosigkeit kommen könne. Zur Not, so Keynes, sollten die Arbeitslosen für das Ausheben von Erdlöchern und für das spätere Zuschütten der selben bezahlt werden. Wohin solche Ideen führen können, sieht man an Adolf Hitler, der diese Anregung begeistert aufnahm und später noch etwas variierte: Statt die „Arbeiter“ zu bezahlen hat er viele von ihnen gleich mit vergraben lassen.

Das Geld für die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sollte laut Keynes zum einen von den reicheren Steuerzahlern kommen, denn ihre Ersparnisse „arbeiteten“ dem zum Ökonomen mutierten Mathematiker zufolge nicht richtig, sondern wurden lediglich nutzlos gehortet. Ähnlichen Unsinn hört man heute wieder. Zum anderen sollte Geld einfach aus dem Nichts gezaubert werden, und zwar mittels der Zentralbanken. Beides waren keine wirklich originellen Ideen. Fürsten hatten schon immer Angst vor dem aufstrebenden Mittelstand – nicht zu unrecht. Vorgeschobene Gründe, ihn zu besteuern, wurden deshalb immer dankbar aufgenommen. Außerdem hatten die Fürsten des Mittelalters und der Antike mit der Wertverminderung ihrer Edelmetallmünzen auch schon das selbe gemacht wie heute die Zentralbanken mit ihrer Papiergeldinflation. Inflation fand aber immer im Verborgenen statt, die Handelnden waren sich nämlich einer gewissen Schuld bewusst – bis Keynes kam und dafür die Absolution erteilte.

Die nahmen Politiker natürlich gerne entgegen und behaupteten bald mit US-Präsident Richard Nixon, dass wir nun „alle Keynesianer“ sind. Die Warnungen der wenigen klarsichtigen Ökonomen, beispielsweise von Ludwig von Mises, dass die Wirtschaftsturbulenzen einschließlich der Massenarbeitslosigkeit der 1930er Jahre durch Interventionen und nicht etwa durch einen Mangel davon verursacht worden waren, wurden ebenso wenig beachtet wie seine Mahnung, dass jede Intervention des Staates unerwartete und unerwünschte Nebenwirkungen erzeuge, die weitere Interventionen notwendig erscheinen lassen, bis die gesamte Wirtschaft und das Leben restlos reguliert ist. Wer sich die damalige und die gegenwärtige Krise genau betrachtet, wird sehen, dass Mises und die Österreichische Schule immer wieder Recht behielten. Statt dessen wurde damals die Parole ausgegeben, dass der Keynesianismus „den Kapitalismus vor sich selbst retten“ werde. Die unausgesprochene Wahrheit war aber, dass er den – vom Staat geschädigten – Kapitalismus vor dem Sozialismus retten sollte, ohne die Sozialisten zu sehr zu reizen. Mit anderen Worten: Keynesianismus war in der Sphäre der Wirtschaft das, was in der Politik Appeasement genannt wurde.

Appeasement wird heute oft fast als Schimpfwort verwendet, da man rückblickend glaubt, dass es besser gewesen wäre, wenn die Westmächte 1938 gegenüber Hitler hart geblieben wären, statt mit ihm Kompromisse einzugehen. Vergessen oder übersehen wird dabei jedoch, dass weder Frankreich noch Großbritannien zu dem Zeitpunkt in der Lage waren, einen Krieg gegen Deutschland zu führen. Es wäre Selbstmord gewesen. Ein bis zwei Jahre später war es immer noch fast Selbstmord. Nur der Ärmelkanal hat Großbritannien damals vor Guderians Blitzkrieg-Panzer geschützt. Appeasement war, so gesehen, eine Taktik zum Zweck des Zeitgewinns. In etwa so, wie man einem drohend knurrenden Hund gut zuredet, während man sich nach einem kräftigen Stock umschaut.

Historisch gesehen war auch der Keynesianismus Appeasement, auch wenn ihn viele Protagonisten nie und nimmer als solchen betrachten würden, sondern eher als eine säkulare Offenbarung. Mit dem Keynesianismus wurde im Westen ein Großteil der Sozialisten besänftigt – vorübergehend. Zum Teil auch deswegen, weil er ihnen einflussreiche Jobs im Staatsapparat verschaffte. Aber sie waren immer noch Sozialisten. Und „bekämpfen“ kann man den Sozialismus mit Appeasement nicht, weder in der Politik noch in der Ökonomie. Allenfalls kann man Zeit gewinnen, um die Kräfte zu sammeln, die zu seiner Bekämpfung nötig sind. Man kann argumentieren, dass dies den Westmächten 1938/39 einigermaßen gelungen ist. Sicher ist jedoch, dass dies in der ökonomischen Sphäre mit dem Keynesianismus nicht gelungen ist.

Gelungen ist es vor allem deswegen nicht, weil seine Anhänger ihn als eigenständige Philosophie betrachteten und nicht das, was er in Wirklichkeit bestenfalls sein kann: eine Taktik. Ludwig Erhard und die Neoliberalen seiner Zeit hatten eine Ahnung davon und nutzten die Zeit, um einen „Stock“ zu greifen, doch erwies sich ihrer als gerade mal groß genug, um den „Hund“ fernzuhalten, nicht aber, um ihn zu erschlagen. Sie liberalisierten, gegen heftigste Widerstände, einen Großteil der Wirtschaft, aber nicht alles und vor allem nicht ihr Herz: die Geldproduktion. Daher war der Stock zu schwach, und die verbliebenen Staatsinterventionen verursachten, wie von Mises vorausgesehen, immer wieder unerwünschte Nebenwirkungen, die den Ruf nach mehr Interventionen laut werden ließen und die abzuweisen die philosophisch-ökonomische Grundlage nicht ausreichte, weil man bereits Kompromisse mit dem Interventionismus eingegangen war. Mit anderen Worten: Der „Hund“ verarbeitete den Stock allmählich zu Kleinholz. Als daraufhin, ab etwa Mitte der 60er Jahre, die Wirtschaft ernsthaft zu schwächeln begann, wurde der Ruf nach mehr wirtschaftlicher Freiheit wieder lauter. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre schließlich griffen Margaret Thatcher und Ronald Reagan nach einem ähnlichen, wieder zu schwachen Stock, der den „Hund“ immerhin nochmals ein wenig zum Rückzug zwang. Deshalb haben wir in den zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg und in den zwei Jahrzehnten nach der schweren Rezession von 1981/82 in der westlichen Welt einen starken, lang anhaltenden Wirtschaftsaufschwung gesehen: der „Hund“ Sozialismus war einigermaßen in Schach gehalten. Doch nun ist auch dieser zweite Stock zerhackt.

Jetzt wird wieder nach mehr Staatsinterventionismus gerufen und Keynes beschworen. Vordergründig, um den Kapitalismus vor sich selbst zu retten. In Wirklichkeit aber, um ihn noch weiter zu erwürgen, ohne ihn ganz umzubringen. Und im Hintergrund lauern jene, die sich, im Gegensatz zu den Neokeynesianisten, ihrer sozialistischen Natur sehr wohl bewusst sind. Wer verstanden hat, warum wir freie Marktwirtschaft brauchen, muss über kurz oder lang kräftigere philosophisch-ökonomische Waffen gegen den Sozialismus ergreifen. Ein paar Liberalisierungen hier, ein wenig Privatisieren dort, das kuriert allenfalls die Symptome. Über kurz oder lang bricht die Grundkrankheit wieder aus, oft mit ganz neuen Symptomen. Nötig ist eine systematische Dekonstruktion des Staates. Das gelingt jedoch nur, wenn man eine Vision einer Gesellschaft hat, deren Staat so klein ist, dass man seine Existenz nicht mehr wahrnimmt. Oder gar einer gänzlich staatsfreien Gesellschaft. An einer solchen Vision mangelte es den Neoliberalen um Erhard und den Monetaristen um Thatcher und Reagan.

Seit dem letzten Jahr sammeln sich jedoch neue Gegner des Staatsinterventionismus, die genau eine solche Vision haben. Es sind, vor allem in den USA, aber auch darüber hinaus, die Anhänger des republikanischen US-Abgeordneten Ron Paul, ein sehr belesener Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomie. Eine Massenbewegung an Mises-Seminaristen, was die „Ron Paul Revolution“ im Grunde ist, hat die Geschichte noch nicht gesehen. In Zukunft werden sich die Staatsinterventionisten und Sozialisten mit den Argumenten der mit der Philosophie dieser Denkschule Bewaffneten auseinandersetzen müssen. Es bleibt abzuwarten, ob Letztere den Mut und die Kraft haben werden, den Sozialismus zur Strecke zu bringen. Aller guten Dinge sind ja bekanntermaßen drei.

Internet:

Wienerschule.org

Ludwig von Mises Institute

Literatur:

Roland Baader: Markt oder Befehl

Jörg Guido Hülsmann: Ordnung und Anarchie

Robert Grözinger: Wer ist Ron Paul? Der Kandidat aus dem Internet


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