25. Oktober 2008

Der Weg zur Finanzkrise, Teil 1 Teilreserve, der legalisierte Betrug

Wie Bankiers unehrlich wurden

„In der Stadt Kambaluk besitzt der große Khan seine Münzstätte. Papiergeld wird dort aus dem Splintholz des Maulbeerbaums hergestellt. Das Ausgabeverfahren ist sehr förmlich, als ob es aus reinem Gold oder Silber wäre. Wenn diese Arbeit gemäß den Richtlinien durchgeführt wurde, bringt der Herrscher sein Siegel oben auf dem Bogen an. Die Papierwährung ist in jedem Teil des Reiches des großen Khan im Umlauf, und niemand wagt es bei Todesgefahr, sich zu weigern, sie als Zahlung anzunehmen.“ (Marco Polo)

Die Auswirkungen der amerikanischen Finanzkrise sind auch bei uns zu spüren. Alan Greenspan, Bernankes Vorgänger als Zentralbankchef, erkennt endlich auch eine „Jahrhundertkrise“ – ein Orakel, das aus Greenspans Mund kommend dem Leser im Verlaufe der Lektüre dieser Serie als dreist vorkommen könnte.

Besonders die Politische Klasse wie zum Beispiel der finanzpolitische Sprecher der Union, Otto Bernhardt, und ihre Journalisten schimpfen über „Marktversagen“ und rufen nach mehr Regulierungen durch und somit Macht für die Politische Klasse. Vor allem verbreitet die Finanzkrise bei uns Unsicherheit. Hat das freie Bankenwesen versagt?

Doch das heutige Bankenwesen hat mit einem freien Markt nichts zu tun. Der Weg in seine Krise begann mit den Interventionen der Politischen Klasse in die Darlehensmärkte. Die folgende Artikelserie soll diesen Weg nachzeichnen und den Leser gegen die Forderungen der Politischen Klasse und ihrer Hofjournalisten nach noch mehr Macht für sich und noch weniger Freiheit für uns wappnen.

Der Leser sei gewarnt, dass viele Informationen ihm unglaublich erscheinen werden: Können Banken wirklich Geld aus dem Nichts erzeugen? Beauftragte der französische Staat tatsächlich einst einen professionellen Glückspieler mit der Sanierung der Finanzen? Erklärt der Staat seine Schulden ernsthaft zum Goldersatz? Der amerikanische Eigenheimmarkt wird von staatlich gestützten Instituten beherrscht? Im Text werden daher zahlreiche Quellenverweise angeboten und der Leser wird gebeten, seine eigenen Recherchen durchzuführen und sein eigenes Urteil zu bilden.

In diesem Beitrag, dem ersten, soll das System der Teilreserve – der Grundlage jeglicher Destabilisierung eines Finanzsystems – beschreiben werden (siehe auch Rothbard 1983). In dem Bild, das ein Außenstehender sich vom Bankengeschäft machen könnte, legt er sein Geld für eine bestimmte Laufzeit aufs Konto. Von dort bündelt der Bankier es mit dem Geld von anderen Konten und verleiht es als Darlehen weiter. Mit der Marge zwischen Kunden- und Ausgabezins wird der Bankier für seine Arbeit der Bonitätsprüfung, Darlehensverwaltung usw. entlohnt. Doch an diesem Bild ist praktisch alles falsch. Wer legt beispielsweise heute sein Geld noch auf Zeitkonten?

Die ersten Bankiers

Die Ursprünge des europäischen Bankensystems finden wir im Spätmittelalter, in Norditalien. (China machte bereits seit dem 10. Jahrhundert ähnlich schlechte Erfahrungen mit dem System der Teilreserve.) Aus dieser Zeit stammt zum Beispiel die 1472 gegründete Monte dei Paschi di Siena, die heute noch aktiv ist.

Damals war Geld noch Gold (oder Silber). Einleger trugen ihr Gold zu einem Bankier. Der Bankier schloss das Geld in seinen Kammern ein und nahm Lagerkosten (= Kontoführungsgebühren). Er führte auf Anweisung Überweisungen zwischen den Konten durch oder gab den Einlegern gegen ihr Gold (= Geld) Lagerscheine (= Banknoten) aus. Mit den praktischeren Lagerscheinen (= Banknoten) kauften Einleger Güter wie mit dem eigentlichen Geld.

Bald entdeckten Bankiers, dass die entweder mit Banknoten oder durch Abhebungen entnommene Menge Gold immer nur einen Bruchteil des insgesamt hinterlegten Goldes ausmachte. Warum nicht mehr Banknoten drucken als tatsächliches Gold in den Kammern lag und damit Zinsen verdienen?

So kam es, dass immer nur ein Teil der in Umlauf gebrachten Banknoten tatsächlich als Gold hinterlegt war. Das System der Teilreserve war geboren: Sobald ein Einleger beim Bankier eine bestimmte Menge Gold hinterlegte, nannte der Bankier es „Teilreserve“ und erzeugte aus dem Nichts ein Mehrfaches an Banknoten. Diese verlieh er und machte mit den Zinsen Gewinn.

Man beachte, dass die Einleger (der Einfachheit halber wird hier der Begriff „Einlage“ synonym mit „Sichteinlage“ verwendet; Termineinlagen dagegen weisen eine Laufzeit auf und können insofern wie echte Darlehen betrachtet werden.) dem Bankier keine Darlehen gewährt hatten, das heißt sie hatten ihm ihr Gold nicht für einen festen Zeitraum verliehen; sie hatten nicht für die Laufzeit eines Darlehens auf den Gebrauch ihres Goldes verzichtet. Vielmehr behielten die Einleger den Anspruch, jederzeit ihr gesamtes Gold abzuheben. Dies ist somit mehr als eine extreme Form des Basisgeschäftes der Kreditbanken, nämlich billig kurzfristigen Kredit zu nehmen – und regelmäßig refinanzieren zu müssen – und teuer langfristig Kredit zu geben („Carry Trade“).

Dieses System beruht somit auf einem uneinlösbaren Versprechen des Bankiers an seine Einleger wie an die Halter seiner Banknoten: „Ich werde eure Einlagen gegen Zinsen an andere für feste Laufzeiten verleihen, aber ihr könnt sie jederzeit bar abheben.“ Der Bankier verspricht Liquidität, wo keine ist. Ein uneinlösbares Versprechen nennt man andernorts Betrug. Es ist bemerkenswert, dass die Politische Klasse nicht nur nicht dagegen vorging, sondern es – ganz in ihrem Interesse als notorischer Schuldner – sogar legalisierte.

Wackeliges Betrugsgebäude

Nun könnte man glauben, dass dieses System der Teilreserve dazu führte, dass Bankiers hemmungslos Banknoten druckten und gegen Zinsen an jeden verliehen, der einen Puls hatte. Schließlich machen Bankiers einen Gewinn mit jedem Darlehen, das mehr Zinsen erwirtschaftet als die Banknoten-Erzeugung kostet; und in der Tat vergrößern Bankiers durch dieses System die Geldmenge.

Bei allzu viel Leichtfertigkeit holte die Wirklichkeit jedoch den Bankier ein: Wenn ein Bankier zu viele Darlehen und zu viel zu niedrigen Zinsen vergab, dann gingen Darlehen schließlich an Schuldner, die sie verschwendeten und die Raten nicht mehr zahlen konnten. Diese Darlehen wurden notleidend und der Bankier musste sie wertbereinigen.

Wie auch immer er die Darlehen wertbereinigte – Wertberichtigung, Sicherheitenverwertung, Verkauf – der Bankier verlor die Aktiva in seiner Bilanz. Sobald diese Verluste durch die Einnahmen aus anderen Darlehen nicht mehr ausgeglichen werden konnten verlor die Bank Geld. Um ihre Werte zu retten, liefen ihre Einleger und die Halter ihrer Banknoten zu den Schaltern der Bank und verlangten, Gold Vertragsgemäß ausgehändigt zu erhalten. Das nennt man einen Kassensturm.

Ein Kassensturm ist der Tod der Bank: Der Betrug des Bankiers wird offenbar. Er verspricht ja, sowohl gegen Nachweis einer Einlage als auch gegen seine Banknoten jederzeit auf Verlangen echtes Geld – Gold oder Silber – bar auszuzahlen. Da er aber nur einen Bruchteil bar hinterlegt hat, kann er bei einem Ansturm dieses Versprechen nach wenigen Auszahlungen nicht mehr einlösen. Die Bank ist dann insolvent. Die Karriere des Bankiers ist zu Ende.

Diese Aussicht wirkte meistens disziplinierend. Sie schreckte allgemein ab, da solch ein Kassensturm auch andere Banken anstecken kann, die ebenfalls per Teilreserve mehr Geld verleihen, als sie an Guthaben verwalten, und zu niedrige Zinsen nehmen, um die Verluste auszugleichen. Solch eine Ansteckung ist keineswegs ungewöhnlich: Wenn ein Bankier solchermaßen seine Zinsen senkt, müssen seine Wettbewerber mitziehen, um im Geschäft zu bleiben.

Deswegen schrieben Bankenverbände bald Zwangs-Teilreserven vor, die ihre Mitgliedsbanken mindestens vorhalten mussten. Zur – begrenzten – Sicherung der Guthaben ihrer Einleger richteten sie außerdem Fonds ein oder schlossen Einlageversicherungen ab. Dies begrenzte die Zahl der Bankeninsolvenzen aber nur. Weiter trat ein neues Phänomen auf: zyklische Investitionsblasen.

Wie solche Darlehensblasen zu Investitionsblasen und Wirtschaftskrisen führen, soll im nächsten Teil dieser Serie beschrieben werden.

Internet

Greenspan erkennt eine Jahrhundertkrise: „Greenspan: Other Big U.S. Finance Firms May Fail“, (ABC, 14. September 2008)

Otto Bernhard erklärt, „der Markt (könne) es allein nicht richten“: Dietrich, Nils: Das Ende des Turbo-Kapitalismus. In: Rheinische Post (17.09.2008)

Die Basler Zeitung erklärt die Krise zum Marktversagen: Löpfe, Philipp: Das Finanzsystem hat den Test nicht bestanden. In: Baseler Zeitung (12.09.2008)

Die FTD fordert mehr Regulierungen: Münchau, Wolfgang: Fünf Lektionen aus der Krise. In: Financial Times Deutschland (20.08.2008)

Literatur

Rothbard, Murray N. (1983): The Mystery of Banking. New York: Richardson & Synder, 1983 - ISBN 0943940044


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