01. Oktober 2008

Deutsche Finanzagentur Günther Schild und König Midas

Eine deutsche Institution und ihre gescheiterte Vergangenheitsbewältigung

Seit kurzem vermittelt im klaren Kontrast zur medial verbreiteten Raubtierhaftigkeit der Finanzmärkte und passend zur aktuell eskalierenden internationalen Krise ein kleines Reptil unerschütterlichen Optimismus. Nicht nur optisch an den legendären Jedi-Meister Yoda erinnernd, sondern auch mit dessen Weisheit gesegnet preist es die Solidität der mit Triple-A bewerteten Finanzprodukte aus dem Haus des Bundesfinanzministeriums in der deutschen Medienwelt an. Auftraggeber dieser Kampagne ist die Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH, eine hundertprozentige Tochter ihres Namensgebers, derzeit vertreten durch die Emittentin der beworbenen Produkte. Einst auch als Bundesschuldenverwaltung bekannt, ist sie für die Aufnahme, das Management und die Abwicklung der Bundesschulden zuständig. Mit der Kampagne beauftragt wurde die Hirschen Group GmbH beziehungsweise die Werbeagentur „Zum goldenen Hirschen“ aus Köln. Diese erläutert das der Werbemaßnahme zugrunde gelegte Konzept wie folgt: „Mit einer breit angelegten Imagekampagne will die Bundesrepublik Deutschland – Finanzagentur GmbH Bundeswertpapiere als sichere Geldanlageform wieder stärker ins Licht der Öffentlichkeit rücken. Zum goldenen Hirschen, Köln, hat dafür im Auftrag der Finanzagentur ein außergewöhnliches Testimonial entwickelt: Günther Schild, Schildkröte und gleichzeitig Finanzexperte. Schild ist eine 112 Jahre alte Landschildkröte, die als Lieblingsbeschäftigungen ‚Essen, Schlafen, Geld verdienen’ nennt und dem ‚schnellen Geld’ der Börsenspekulation ihre geballte Ruhe und Entspanntheit entgegensetzt. Für die Finanzagentur des Bundes die Idealbesetzung zum Aufpolieren des Images von Bundeswertpapieren, denn  Günther Schild verkörpere wie kein Zweiter Erfahrung, Weisheit, Gelassenheit und Sicherheit – und damit genau diejenigen Werte, für die auch Bundeswertpapiere stehen.“ Ob die kreativen Köpfe der Kampagne die Ironie ihres eigenen Konzeptes bemerkt haben? Unter Zugrundelegung obiger Rahmendaten kann Günter Schild mit Fug und Recht behaupten, äußerst turbulente Finanzmarktphasen beobachtet und mitgemacht zu haben. Würde er sich angesichts seiner Erfahrungen und Weisheit heute tatsächlich Bundeswertpapiere ins Depot legen?

Als Günther Schild 1896 das Licht der Welt erblickte, wurde Deutschland noch von einem Kaiser regiert. Da Schildkröten den wehrsportlichen Herausforderungen der menschlichen Spezies schon damals nicht gewachsen waren, blieb ihm der Waffengang zum Ersten Weltkrieg erspart. Bis 1918 konnte er daher, der geballten Ruhe und Entspanntheit wegen, die sicheren Kriegsanleihen des Deutschen Reichs zeichnen. Diese betrugen bei Kriegsende in ihrer Gesamtheit nominal 164 Mrd. Mark, da hatte der Kaiser aber auch schon abgedankt. Zurückgezahlt wurden sie spätestens 1923, nominal sogar in gleicher Höhe. Dank Hyperinflation betrug mittlerweile allerdings allein der Bargeldumlauf 524 Trillionen Mark, fast in Gänze auf von der Reichsbank diskontierten Schatzanweisungen des Staates basierend. Der 1918er Realwert der gesamten Kriegsschulden entsprach 16 Pfennigen – zum Schlafen reichte dies, zum Essen wohl kaum. Doch zum Glück sind Schildkröten sehr genügsame Tiere und so konnte Günther in den 20er Jahren wieder einige Reserven bilden, diesmal ganz sicher, in goldunterlegten US-Dollar, schließlich verfügte ihr Emittent über 70 Prozent aller Weltgoldreserven. Ende der 20er Jahre folgt er dem Rat des Gemüsehändlers seines Vertrauens und legt alles an den boomenden Börsen an, in Aktien, versteht sich. Drei Jahre später musste er 90 Prozent seines Vermögens abschreiben. Dieses einschneidende Erlebnis hat Günter nachhaltig geprägt, seitdem ist er der Meinung „schnelles Geld“ hieße vor allem deswegen so, weil es schnell wieder weg sei. Nun war es an der Zeit, wieder auf Nummer sicher zu gehen. Und so tauschte er sein Restvermögen in Gold, den ultimativen Substanzschutz gegen jede Form der Entwertung. Gelagert werden sollte es, um auch wirklich kein Risiko einzugehen, jenseits des Atlantiks, im freiesten Land der Welt, wo Eigentumsrechte heilig waren, in den Tresoren der soliden Bank of America, die sogar den jüngsten Börsencrash überstanden hatte. Doch leider verbot der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt im Jahr 1933 den Besitz von Gold per Gesetz. Die entsprechende Vorlage wurde am 5. April 1933 rechtskräftig, gegen eine kleine Entschädigung mussten alle Goldmünzen und entsprechende Barren bis zum 1. Mai 1933 abgegeben werden. Alles, was danach gefunden wurde, durfte entschädigungslos beschlagnahmt und durch die FED vereinnahmt werden. Auch Bankschließfächer wurden hiezu durch die Polizei systematisch durchsucht. Zu diesem Zeitpunkt war Günther aber auch erst 37, ein Reptilienjüngling, der leicht noch einmal von vorne anfangen konnte. Das neu aufstrebende Deutsche Reich bot sich förmlich dafür an, die Jobmotoren Metallurgischen Forschungsgesellschaft mbH und Deutsche Gesellschaft für öffentliche Arbeiten schufen Arbeitsplätze und Wachstum, die Mefo- und Öffa-Wechsel der beiden Organisationen mussten refinanziert werden, unter anderem durch lukrative Anleihen. Hier konnte Günther also beherzt zugreifen. Leider erwies sich die Rückzahlung der Obligationen ab 1941 problematischer als vorgesehen, zumal auch noch der zusätzliche Kapitalbedarf sprunghaft anstieg. Im Frühjahr 1945 schließlich stellte die Emittentin den Zinsdienst und die Rückzahlungen ganz ein. Tatsächlich waren die Schulden der Öffentlichen Hand zwischen 1933 und 1945 um über 3000 Prozent gestiegen, das Reich in mehrfacher Höhe des Bruttoinlandproduktes verschuldet. Allerdings war Günther diesmal cleverer gewesen und hatte einen Teil seines Geldes in solide Immobilien investiert. Da sich diese allerdings in zentrumsnahen Großstadtlagen befanden, hatten sowohl die Substanz als auch die Mieterstruktur zum Teil bedenklich gelitten. In die Grundbücher seines Grundbesitzes wurde ihm 1948 auch noch eine Zwangshypothek eingetragen, bei der Umwandlung seiner verbliebenen Reichsmarkbestände musste er zudem noch von dem Teil, der nicht komplett entwertet wurde, eine so genannten Lastenausgleichsabgabe zahlen.

Doch seitdem hatte Günther Schild relative Ruhe. Sofern er also nicht in exotische Anlagen investierte, hätte er durch Boom-, Inflations-, Stagflations- und Erdölkrisenszenarien hindurch sein Geld endlich respektabel vermehren können. Warum er ausgerechnet jetzt, im langsam angehenden Rentenalter, seine „Erfahrung, Weisheit, Gelassenheit und Sicherheit“ für Bundeswertpapiere in die Wagschale schmeißt, darüber kann nur spekuliert werden. Die wahrscheinlichste Erklärung: Frei nach Karl Kraus hütete sich Günther auch weiterhin davor, aus Schaden klug zu werden und vertraute bezüglich seiner Altersvorsorge doch zu sehr und alleine der Deutschen Rentenversicherung und ihrem von allen Finanzmarktturbulenzen unabhängigen Umlageverfahren. Doch trotz der von ihm getragenen, freiwilligen  Zusatzbeiträge reichte die nunmehr ausgezahlte, real mehrfach geglättete Rente nicht aus, seinen etablierten Lebensstandard zu halten. Dies ist nach der jüngst zugegangenen Rentenstatus- und -entwicklungsberechnung insbesondere der demographisch bedingten, ungünstigen Entwicklung im Bereich der Gattungen der gepanzerten Echsen geschuldet. Vor allem aber traf Günther als Angehöriger einer Winterschlaf pflegenden Unterart auch noch die mangelnde, da lediglich halbjährig anfallende, Produktivität seiner die Umlage erwirtschaftenden Artgenossen. Dies wurde im Zuge der letzten Reform zur Herstellung horizontaler Gerechtigkeit bei der Auszahlung von Reptilienrenten mit einem 50prozentigen Abschlag quittiert. Die entsprechenden Fixkosten reduzieren sich zwar auch in der Winterschlafphase, verharren aber dennoch auf einem konstanten Niveau. Und so blieb ihm letztlich nichts anderes übrig, als sein karges Einkommen in den Sommermonaten durch Werbeauftritte aufzubessern. Seinem verlustreichen Agieren in Finanzangelegenheiten haftete indes so ganz das Gegenteil des glücklichen Händchens jenes legendären König Midas an. Alles, was der berührte, wurde ja bekanntlich zu Gold, alles jedoch, was Günther anfasste, nun ja, zu Nichts.

Doch halt. Was ist mit den sicheren Bundeswertpapieren, die er nicht nur bewirbt sondern wahrscheinlich auch als Gegenleistung für die Teilnahme an der Kampagne erhalten hat? Ist die Bundesrepublik Deutschland nicht ein verlässlicher Schuldner, der auch in Zukunft seinen Verpflichtungen stets nachkommen wird? Schließlich soll bis 2011 der Bundeshaushalt, befeuert durch die gerade verglimmende konjunkturelle Euphorie, konsolidiert werden. Das heißt in die Realität übersetzt aber nicht anderes, als dass eine langsame Reduktion der alljährlichen Nettoneu- also Zusatzverschuldung angestrebt wird, ein permanentes Kennzeichen der bundesdeutschen Finanzpolitik seit ihrem Bestehen. Saldiert betrachtet dient daher bereits seit den 80er Jahren der größte Teil der Nettoneuverschuldung einzig der Bedienung laufender Zinsverpflichtungen. Schwerer noch als die durch diesen Aufschuldungsprozess überproportional angewachsene Bund-, Länder- und Gemeindenverschuldung von mittlerweile anderthalb Billionen Euro wiegen aber die in der Vergangenheit bereits eingegangenen Zahlungsverpflichtungen von drei bis viereinhalb Billionen Euro, die sich spätestens in den nächsten 10 Jahren, im Rahmen der Pensionierungswelle des in den 70er Jahren massiv aufgeblähten Öffentlichen Dienstes zahlungswirksam entfalten werden. Wie man also sehen kann, ist ein verlorener Krieg keineswegs die zwingende Grundvoraussetzung, um die Schulden der öffentlichen Hand in ungeahnte, vor allem aber unbezahlbare, Höhen katapultieren zu können. Doch anders als allgemein befürchtet werden die Kinder und Enkel der aktuellen Generation, also die Steuerzahler von morgen, nicht in den Schulden von heute ertrinken müssen. Wie Günther Schild ja selber erleben durfte, erfolgt die Entschuldung der Öffentlichen Hand meist eben nicht durch Rückzahlung, sondern durch das Gegenteil, nämlich die Zahlungseinstellung. Mit der Bankrotterklärung des Schuldners geht dann natürlich spiegelbildlich der freiwillige oder unfreiwillige Verzicht der Gläubiger einher, der alle letzten Besitzer der jeweils betroffenen Schuldtitel, Obligationen oder Anleihen trifft. Trotz aktuell höchster Bonität sollte es daher zu denken geben, dass vom babylonischen Reich unter Belsazar bis hin zur argentinischen Präsidentschaftszeit Adolfo Rodríguez Saás das Schicksal der Staaten völlig unabhängig von den jeweiligen politischen Systemen immer dem Pfad ihrer Verschuldung folgte, der in uniformer Gleichmäßigkeit in ein- und derselben Sackgasse mündete. In diesem Punkt haben die Werbemacher natürlich wieder Recht, ihr angepriesenes Produkt ist in der Tat „alles andere als ein Langweiler“ – es kommt aus Sicht des Anlegers halt nur auf den Zeitpunkt an.

Informationen:

Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH

Hirschen Group GmbH – Werbeagentur Zum goldenen Hirschen


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