05. August 2008

Ron Paul Revolution X Manöverkritik

Umstellung vom Wahlkampf auf das Bohren dicker Bretter

Während Freiheitsbewusste die unerträgliche Seichtigkeit des Seins der vielen freiwilligen Obama-Claqueure in Berlin zur Kenntnis nehmen, arbeiten ihre Gesinnungsfreunde in Amerika daran, noch einmal den Präsidentschaftswahlkampf zu nutzen, um die Freiheitsbotschaft möglichst eindrucksvoll und weit zu verbreiten. Ron Paul, der libertäre Kongressabgeordnete der Republikaner, der bis zur Einstellung seines Wahlkampfes mehr als eine Millionen Stimmen für seine Präsidentschaftskandidatur sammeln konnte, ruft zu einer „Rally for the Republic“, einer „Massenkundgebung für die Republik“ auf.

Eigentlich wollte Paul vor dem Konvent seiner Partei sprechen, der Anfang September 2008 in St. Paul im Bundesstaat Minnesota stattfindet. Dann nämlich wollen die Republikaner ihren Präsidentschaftskandidaten – aller Voraussicht nach John McCain – offiziell küren. Da Paul seine Kandidatur nicht aufgegeben hat, sondern sie nur ruhen lässt, und er im Verlauf der Vorwahlen einige, wenn auch nur wenige Delegierte sammeln konnte, hat er nach Parteitradition eigentlich das Recht, vor der Abstimmung zu den Delegierten zu sprechen. Genauso übrigens wie Mitt Romney und Mike Huckabee, die ihre Kandidaturen ebenfalls nur haben ruhen lassen. Doch die Parteiführung stellte ihrem Querdenker eine für ihn unakzeptable Bedingung. Er dürfe nur reden, wenn er zuvor McCain öffentlich seine Unterstützung zusagt. Da McCain aber in praktisch allen Punkten eher das Gegenteil dessen vertritt, wofür Paul seit 30 Jahren kämpft und einsteht, wollte er eine solche Zusage nicht machen.

So wird der Texaner statt dessen vor einer eigenen Parallelveranstaltung reden, in einer Halle für 13.000 Personen im benachbarten Minneapolis. Der unausgesprochene Plan ist, McCain und den Republikanern die Schau zu stehlen. Doch wird dies gelingen? Nachdem zum fulminanten Verkaufsauftakt am 25. Juli mehr als 6.000 Karten verkauft wurden, verläuft der Absatz eher schleppend. Derzeit sind etwas mehr als 8.000 Eintrittskarten zum symbolischen Preis von $17.76 verkauft worden. Mehrere Gründe sind hierfür genannt worden: Viele der jungen Unterstützer Pauls können sich zwar die Eintrittskarte, aber nicht die Anreise und die Unterkunft leisten. Anfang September ist der Beginn des Schul- und Universitätsjahres, den viele nicht verpassen möchten. Doch es ist nicht zu leugnen, dass der „Ron Paul Revolution“ derzeit die frühere Schwungkraft abhanden gekommen ist.

Die Gründe hierfür wurden kürzlich auf dem Blog „Daily Paul“ diskutiert. Die enttäuschenden ersten Vorwahlergebnisse, die empfundene Übermacht der gegen Paul eingestellten Mainstream-Medien, der Anschein, dass Paul seine Kandidatur aufgegeben hatte, das alles zehrte an der Substanz der Unterstützer. Auch das offizielle Wahlkampfteam Pauls wurde kritisiert. Zu spät und zu zaghaft habe es die Impulse der Graswurzelbewegung aufgegriffen und für sich genutzt. Seine Fernsehspots seien grottenschlecht gewesen. Paul und sein Team wurden in der Tat von ihrem Erfolg an der Basis „überrumpelt“. So ist zu vermuten, dass die Präsidentschaft nie das wirkliche Ziel Pauls gewesen ist, auch wenn er das immer wieder beteuerte. Er war eher davon ausgegangen, dass er eine „Bildungskampagne“ fahren würde, die einige Monate dauern würde. Die riesige Resonanz trieb ihn dann dazu, bis zum März offiziell weiterzumachen. Mancher Aktivist stellte jedoch auch selbstkritisch fest, dass man bei allem Enthusiasmus doch spürbar ein Neuling im Politgeschäft ist und dort Fehler gemacht habe. Aber selbst der beste Wahlkampf hätte keinen Sieg gebracht, so die Stimmung bei vielen, die resigniert feststellten, dass viele Amerikaner einfach nicht bereit sind für einen echten Wandel in Richtung individueller Freiheit. Zum Teil liege das an der Schulbildung, die praktisch zur Anbetung des Staates konditioniere.

Doch es gibt auch Stimmen, die den Freiheitsbewegten Hoffnung machen. Ein Sieg jetzt wäre schlecht gewesen für die Sache der Freiheit, argumentiert ein Diskutant im erwähnten „Daily Paul“-Faden. Ein Ron Paul im Weißen Haus hätte den Karren nicht aus dem Dreck ziehen können, in den Amerika hineinsinkt. Statt dessen hätte er als Präsident die Schuld für die ganze kommende Misere bekommen, ganz abgesehen von dem Ärger über die kurzfristigen Nachteile seiner Politik des Staatsrückbaus – wenn ihm der Staatsapparat überhaupt eine solche Politik ermöglicht hätte, was sehr zweifelhaft ist. Jetzt aber, wo er das Ruder nicht übernehmen wird, seine Vorstellungen jedoch bei mehr als einer Millionen Amerikaner Anklang gefunden haben, werden diese Ideen bei bei ihnen reifen und sich allmählich weiter ausbreiten. Sobald sich die heutigen Warnungen Pauls bewahrheiten, werde man sich an ihn und seine Ideen erinnern. Dann erst werde die Zeit für die Rückkehr zu einer freiheitlichen Gesellschaft reif sein.

Ein anderer Kommentator trägt einen weiteren sehr wesentlichen Punkt vor: Er habe bei Versuchen, Freunde und Bekannte zu überzeugen, die Beobachtung gemacht, dass die meisten von ihnen mit Paul in sehr vielen Punkte übereinstimmen. Die meisten Republikaner jedoch sind emotional mit dem Krieg gegen den Terrorismus verbunden; die meisten Demokraten sind emotional mit dem Wohlfahrtsstaat verbunden. Kein noch so überzeugendes rationales Argument könne seiner Erfahrung nach bei den meisten Menschen diese emotionalen Bindungen lösen. Es sei daher nötig, eine emotionale Bindung an die Freiheitsidee aufzubauen. Der Kommentator schlägt dafür das Thema Geld und Inflation vor, das neben den anderen beiden das dritte „große“ Thema Pauls ist – man kann sogar sagen, dass es sein Alleinstellungsmerkmal ist, da die anderen Kandidaten, auch der anderen Parteien, dieses Thema völlig meiden. Sein Nachteil ist, dass es als Wahlkampfthema schwierig zu vermitteln ist. Sein Vorteil jedoch ist, dass, gerade weil es von anderen unberührt bleibt, die Chance zu einer „emotionalen Bindung“ gegeben ist. Eine Voreingenommenheit wie bei den Themen Krieg und Wohlfahrtsstaat gibt es für die meisten Menschen beim Thema Inflation nicht. Die meisten denken überhaupt nicht darüber nach. Wenn sie aber einmal zu verstehen beginnen, wie Inflation zustande kommt und was sie für den eigenen Geldbeutel bedeutet, dann, so die Beobachtung des Kommentators, werden die Leute durchaus „emotional“. Sein Vorschlag ist also, dass Paul und seine neue „Kampagne für die Freiheit“ den Schwerpunkt auf dieses Thema legen sollte.

Da ist sicher ein sehr dickes Brett zu bohren, aber es gibt keinen anderen Weg. Die „Kampagne für die Freiheit“ kann nur der Bohrer dieses Brettes sein – oder sie wird wirkungslos bleiben. Ihre „Rally for the Republic“ kann dabei, selbst beim gegebenen, eindrucksvollen Staraufgebot für das Begleitprogramm, selbst bei ausverkaufter Halle, nur eine Drehung von vielen sein. Den Unterstützern Paul dämmert dies allmählich.

Internet:
Campaign for Liberty

Rally for the Republic

Manöverkritik auf „Daily Paul“


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