30. Juli 2008

Einwanderung Die Motivation zur Integration

Eine migrationspolitische Nachlese zur Fußball-Europameisterschaft

Wohl kaum ein Thema beflügelte die Managementliteratur der letzten Dekaden so sehr wie die Motivation. Gut 2.400 verschiedene Titel listet allein zu diesem Schlagwort der deutsche Ableger eines bekannten US-amerikanischen Internetversandhändlers auf. Doch woher diese Begeisterung für das Begeistern? Ohne Zweifel ist gerade für Führungskräfte das Wissen um das, was Menschen bewegt, ein mögliches Einfallstor zur Steuerung ihrer Leistung. Doch ist Motivation der passende Schlüssel? Zweifel sind angebracht, denn zunächst einmal ist Motivation nur eine von drei Dimensionen der Leistung. Diese ist definiert als Leistungsfähigkeit, Leistungsmöglichkeit und eben Leistungswilligkeit. Doch halt! Ist eine Gleichsetzung von Willigkeit und Motivation überhaupt zulässig, wird nicht erst letztere durch erstere stimuliert und zur Entfaltung gebracht?

Dies mag in Einzelfällen oder besonderen Situationen stimmen, immer dann wenn widrige Hindernisse tatsächlich die latente Willigkeit hemmen, doch wer diese Erkenntnis generalisiert, tappt in die Motivationsfalle. Denn dort, wo Motivation zum permanenten Instrumentarium der Mitarbeiterführung erhoben wird, muss tatsächlich der Eindruck entstehen, Motivation sei eine Bringschuld der Führung, wird eine Anspruchshaltung zementiert, ohne deren Befriedigung keine Leistungserbringung mehr erfolgt. Darüber wird dann ganz vergessen, dass bereits die lateinische Wurzel „motus“, Bewegung, auf den Ursprung im Objekt selber verweist. Allein die Tatsache, dass heutzutage Motivation als etwas von außen heranzutragendes interpretiert wird deutet ja auf die Verkehrung der ursprünglichen Bedeutung hin, Motivation degeneriert zunehmend zum stumpfen äußeren Reiz eigentlicher Motivierung. Doch die triviale Erkenntnis, dass (Selbst-) Motivation eventuell auf der Verinnerlichung tradierter Sekundärtugenden wie Pflichtbewusstsein oder Strebsamkeit beruhen könnte, hat sich noch nicht bis zur Spezies des rollenspielverliebten Betriebspädagogen herumgesprochen.

Und was dem Managementpoet recht ist, kann dem Politiker nur billig sein. Es ist die gleiche Logik hinter demselben Menschenbild, das für so wegweisende Überlegungen wie der Erteilung von Rechtsansprüchen auf einen Hauptschulabschluss Pate steht. Fehlende Bildung als Mangel an Zuführung administrativer äußerer Reize, letztlich die Schaffung von Investitionen durch Konsum. Ein genialer Schachzug zur Steigerung der Volksweisheit und Lösungsansatz zur Beendigung der mangelnden Akademikerdichte in unserem Land. Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet ist es dann auch pünktlich zur Fußball EM 2008 nicht schwer zu konstatieren, dass den türkischstämmigen Jugendlichen die Identifikation mit der deutschen Nationalmannschaft fehlen würde, so jedenfalls der Grünenpolitiker Cem Özdemir, der einst über eine Affäre im Dunstkreis des PR-Fachmannes und privaten Darlehensvermittlers Moritz Hunzinger gen Brüssel hochstolperte und sich nun wieder aus der Deckung getraut hat. Aber wer bitte wird sich denn gerne mit einem, sagen wir mal Lukas Podolski, identifizieren wollen? Man beachte, streng genommen bedeutet Identifikation wahnhafte Gleichsetzung!

Dies beleuchtet auch schon das ganze integrationspolitische Dilemma, über das ich als Beutegermane zum Glück relativ unbelastet debattieren kann. Möglichkeit, Fähigkeit und Willigkeit sind auch hier wiederum drei Grundvoraussetzungen jeglicher Integration, definiert als Einbringung in den soziokulturellen Kontext der unmittelbaren Umwelt. Pluralistische Gesellschaften bieten nun ein Höchstmaß an Möglichkeiten, die Fähigkeiten wiederum liegen im Wissen und Können des einzelnen begründet, wobei sprachliche Fertigkeiten sicherlich eine Schlüsselposition einnehmen. Die Erlernung letzterer spiegelt sich natürlich in der Willigkeit wider, mentale Leistung zu erbringen und zwar typischerweise über einen langen Zeitraum, erfordert also ökonomisch gesprochen einen niedrige Zeitpräferenz.   

Doch was für die einen ja eigentlich eine Phantomdebatte, der Integrations- bzw. Segregationsgrad ist nun mal Ergebnis persönlicher Präferenzen und Beziehungen auf eigene Kosten mit individuellem Nutzen, ist für andere ein akuter Anlass zur Entfaltung breit angelegter Social-Engineering-Aktivitäten. Vom Ausländerbeauftragten und Integrationsgipfel zu Maßnahmenpaketen zwecks Integration dauerhaft in Deutschland lebender Ausländer, von Flüchtlingsbeiräten bis hin zur  Antidiskriminierungsarbeit: Die Vielfalt an Formen und Inhalten öffentlicher Fürsorge für Inländer mit Migrationshintergrund vermittelt ja nicht nur dem unbetroffenen Beobachter, Integrationsmängel würden auf einem Mangel an Möglichkeiten beruhen. Weitaus schlimmer ist die bewusst oder unbewusst in Kauf genommene Kalkulation einer sich selbst erfüllende Prophezeiung, die dem Fürsorgeobjekt das Bewusstsein als ein Opfer seiner Umwelt angedeihen lässt. Vordergründig fördert dies natürlich eine Haltung, die letztlich auf eine wie auch immer geartete Form von Integrationanspruch pocht, eigentlich aber liefert sie jenen, die auf diesen überhaupt keinen Wert legen, eine willkommene Ausrede für sozial nicht kompatibles Verhalten: Da eine Integration von außen unterblieb, konnte Bildung nicht gelingen, misslang die Erwerbsbiographie im Ansatz, usw. — Schuld haben da natürlich immer die anderen. Völlig ausgeblendet bleiben dabei der notwendigerweise vorauszusetzende Wille und die Bereitschaft, bei dessen Fehlen eine Biographie auch mal scheitern zu lassen, sprich die Kosten der Handlungen zu reindividualisieren.

In sofern kann ich meiner Vorgängergeneration ob der Gnade ihrer frühen Einwanderung fast dankbar sein. Derartige Verführungsversuche waren in den 60er Jahren unbekannt. Doch ist die selbstmotivierte Bewältigung der eigenen Existenzgrundlage sowie derjenigen der Nachfolgegeneration ein generelles Erscheinungsbild der jüngeren Zeit? Zweifel sind angebracht, denn ausgerechnet die parteiübergreifende Antidiskriminierungsfraktion missachtet ihre höheren Grundsätze gerade im Umgang mit jenen, die sie aus ethnischer Perspektive doch gerade nicht ungleich behandelt wissen möchte. Gipfel, Foren, Dialoge — meist konzentriert sich die Diskussion doch auf ein und dieselben Gruppen. Jedenfalls sind z. B. orthodoxe Slawen oder buddhistische Ostasiaten eher unterrepräsentiert. Dabei zeichnet sich gerade die Einwanderergeneration der letztgenannten Gruppe nicht gerade durch besondere Integrationswilligkeit aus. Allerdings legt sie, und das sicherlich soziokulturell bedingt, auf zwei Aspekte sehr hohen Wert: Erstens auf die Bewältigung des Lebensunterhalts aus eigener Kraft und zweitens auf das traditionell hohe Lern- und Bildungsniveau der Nachfolgegeneration, sprich, sie verfügen über eine niedrige, generationsübergreifende Zeitpräferenz, die auch die bundesdeutsche Sozialstaatlichkeit nicht zu unterminieren wusste. Und genau die führt anscheinend zum kleinen Unterschied, der sich im Zeitverlauf als wahrgenommene Normalität oder eben Besonderheit niederschlägt, wie die Fußball Europameisterschaft jüngst demonstriert hat.

Polen, Kroatien, Österreich, Portugal, Türkei und Spanien - so die Reihenfolge der Gegner der deutschen Nationalmannschaft auf ihrem wechselvollen Weg zum Titel des Vizeeuropameisters. Fasst man Spanien und Portugal zusammen, stellen vier der fünf Gegner nennenswerte Minoritäten, zum Teil auch lokale Majoritäten, in Deutschland, nämlich Polen, Kroaten, Iberer und Türken. Lediglich im Fall der Österreicher ist es umgekehrt. Die Reichweite der landsmannschaftlichen Wurzeln reicht bekanntermaßen bis in die deutsche Nationalmannschaft, mit Miroslav Klose und Lukas Podolski sowie Mario Gómez waren gewissermaßen Ableger der gegnerischen Mannschaften in den deutschen Reihen vertreten. Doch nur eine einzige Begegnung, das Halbfinale in Basel, umgab sich mit der Aura des Politischen, wurde zum kollektiven Integrationsrausch hochstilisiert. Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, rief sogar „alle Mitbürger auf, sich dieses Spiel gemeinsam und nebeneinander anzusehen", Klaus Wowereit, rechnete trotz aller Emotionen mit einer friedlichen Party: "Ich bin ganz überzeugt, dass es ein friedliches Fest wird. Ich bin sicher, dass die Fans sich gegenseitig respektieren werden" — nun ja, ist ja auch sein Fachgebiet. Vom deutsch-türkischen Forum über den integrationspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion im Bundestag, von Steinmeier bis Kerner, wie elektrisiert beschwor man den Geist der friedlichen Völkerverständigung, gewissermaßen die temporäre Wiederkehr der antiken Pax Romana. Nun, Berlin steht noch, doch wohl eher all jenen paradoxen Normalitätsappellen zum trotz und nicht aufgrund polarisierender Integrationsaufrufe. Normalität ist halt erst, wenn keiner mehr darüber redet.

Und als kleine Beruhigungspille für Cem Özdemir, den Experten für ökologisch korrekt integrationsfördernde Leibesertüchtigung: Wer schoss noch mal bei der EM 2000 das einzige Tor für Deutschland? Ja, richtig: Mehmet Scholl.

Literatur

Malik, Fredmund: Gefährliche Managementwörter; Verlag Frankfurter Allgemeine, Frankfurt/Main,  2005

Internet

Spiegel-Online vom 19.05.2008

FAZ-Interview mit Cem Özdemir vom 24.06.2008

Tagesspiegel vom 24.06.2008


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