28. Juli 2008

Gutes Geld Private Geldproduktion

Ein vergessenes Kapitel Geldgeschichte

Dass der moderne Staat viel zu stark in das Wirtschaftsgeschehen eingreift, darüber sind sich alle freiheitsbewussten Menschen einig. Auch darüber, dass er zurückgedrängt werden muss, wenn Wohlstand und innerer wie äußerer Friede gewahrt werden sollen. Heftige Debatten entzünden sich jedoch immer wieder um die Frage, wie weit und in welchen Bereichen der Staat zurückgedrängt werden muss. Zu den am heftigsten umstrittenen Bereichen gehört die Geldproduktion. Vertreter der „reinen Lehre“ behaupten, dass Geld als „marktgängigstes Produkt“ spontan aus dem Naturalientausch hervorgeht und somit am besten unreguliert funktioniert – genau wie jeder andere Tauschvorgang am freien Markt auch. Regulierungen würden letztlich zu Hyperinflation oder Tyrannei führen – oder beides. Gegner dieser Auffassung meinen, dass die besondere Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel und Maßeinheit einen besondere Behandlung notwendig macht, damit das Vertrauen in das Geld gestärkt und das langfristige Wachstum gefördert wird, und begründen damit die staatliche Produktion beziehungsweise Steuerung der Geldmenge.

Die Schwäche der „reinen Lehre“ war bisher, dass sie für ihre Position kaum historische Beispiele aus der Praxis vorweisen konnte, während die Befürworter staatlicher Geldpolitik immerhin auf einige Beispiele „gelungener“ Geldmengenlenkung verweisen konnten. Dass auch diese Beispiele meist Vorgänge waren, die nur einer gewissen Klientel dienten oder nur dann zustande kamen, wenn die geldpolitische Ursache des Schindluders, der zuvor mit der Wirtschaft getrieben worden war, nicht mehr zu leugnen war, half den Vertretern der „reinen Lehre“ bisher wenig. So lange sie kein reales Beispiel einer freien, privaten Geldproduktion vorweisen konnten, hatten sie einen schweren Stand. Doch in Zukunft könnten ihre Argumente erheblich an Gewicht gewinnen. Denn jetzt ist ein Buch erschienen, das genau so ein Beispiel beschreibt. Und es ist nicht irgendein obskures Beispiel einer längst untergegangenen Sekte in einem fernen Land und einer fernen Zeit. Es handelt sich um nichts weniger als die entscheidende Entstehungsphase des modernen Kapitalismus, und der Handlungsort ist das Land seiner Geburt.

Das Buch wurde jetzt mit Unterstützung des Mises Institutes von Michigan University Press herausgegeben. Im Blog des Mises Institutes erschien dazu vor einer Woche folgende Besprechung:

››Dies ist die wahre und beachtenswerte Geschichte privater Münzprägung und privaten Bankwesens in Großbritannien in der Anfangszeit der industriellen Revolution (1775-1850). Geldproduktion war ein gefragtes Geschäft. Der Bedarf der Wirtschaft nach kleinem Nennwert befand sich im Wandel. Händler brauchten Münzen mit kleinem Nennwert in Kupfer und Silber.

Die königliche Münzanstalt hatte daran kein Interesse. Sie stellte Münzen im Auftrag der Eliten her, nicht für die neue und expandierende Arbeiterklasse. Das freie Unternehmertum schritt mit der neuen Branche ein, die wortwörtlich die Lage rettete – bevor die Krone sie unbarmherzig ausmerzte und eines der in der Weltgeschichte schönsten Experimente mit privatem Geld beendete.

Es ist gut möglich, dass Sie noch nie von dieser Episode gehört haben. Sie können dutzende von Geschichtsbüchern über die Anfangsjahre des Kapitalismus lesen und nichts über diese spektakuläre Branche wissen – ganz zu schweigen von den Lehren für heute.

Was geht hier vor? George Selgin, Professor an der University of Georgia, hat die monetäre Entsprechung der untergegangenen Stadt Atlantis entdeckt. Er hat ein historisches Kapitel umfassend nacherzählt – eines, das höchst interessant und einnehmend ist –, das selbst Experten der industriellen Revolution weitgehend unbekannt gewesen ist.

Es ist nicht nur die erste umfassende Geschichte dieser Episode, die jemals geschrieben wurde. Es wird wahrscheinlich für mehrere Jahrzehnte einen Status als definitives Werk einnehmen. Es ist 400 Seiten lang, aber immer und überall sehr interessant. Es umfasst 20 Farbfoto-Seiten. Die Sprache ist elegant und die analytische Methode ist durch und durch rothbardianisch: Dies ist reale Geschichte über reale Menschen.

Selgin erzählt die Geschichte der Kaufleute, der Knopfhersteller, die Münzhersteller wurden, die Art, wie das System funktionierte, seine wunderbaren Innovationen und seine Entwicklung, und enthüllt die Unbarmherzigkeit und Destruktivität hinter der Zerschlagung der Industrie durch die Regierung.

Die Branche entwickelte sich bis zu dem Punkt, an dem 20 unabhängige Prägestätten mit der Herstellung von Münzen beschäftigt waren. Die privaten Münzen dienten den Kaufleuten und Arbeitern, während die Regierungswährung den reichen Grundbesitzern diente. Die neue Branche war wie der Kapitalismus selbst: Sie war für alle und zum Nutzen aller geschaffen.

Die privaten Münzen hatten tendenziell eine bessere Qualität als die Regierungsmünzen. Warum? Weil sie von privaten Kaufleute, ebenso wie von Konsumenten, abgelehnt werden konnten. Der Wettbewerb hielt sie unter Kontrolle und die Währung tendierte unaufhaltsam dazu, sich in jeder Hinsicht zu verbessern. Das ist der Grund, weshalb das Buch „Good Money“ heißt.

Und was ist mit Greshams Gesetz, die Tendenz, dass „schlechtes Geld“ gutes Geld vertreibt? Selgins Beschreibung zeigt etwas bemerkenswertes: Dies trifft nur unter einem Regierungssystem des Geldes zu, in dem schlechtes Geld überbewertet wird. In einem privaten System schlägt gutes Geld – wie gute Produkte und Dienstleistungen in einer freien Marktwirtschaft – das schlechtere Geld aus dem Feld. In einem marktbasierten Geldsystem tendiert gutes Geld unerbittlich dazu, den Konkurrenzkampf zu gewinnen.

Die Erzählung ist in sich fesselnd, nicht nur als monetäre Geschichte, sondern auch als Unternehmensgeschichte. Er hat ein Schlaglicht auf eine grandiose Branche geworfen, die lange Zeit unbemerkt blieb. Selgin hat uns hier geholfen, etwas sehr wichtiges zu verstehen: Würde der Staat nicht eingreifen, würde aus den Tauschvorgängen am Markt ein gänzlich privates Geldsystem entstehen. Das bedeutet privates Münzwesen, private Gewichte und Maße, vom Markt bestimmte Umtauschkurse zwischen verschiedenen Geldarten und begleitet von einem vollständig privaten Bankensystem.

Tatsächlich entsteht Geld genau so: aus dem Markt heraus. Warum greift der Staat ein? Der britische Fall ist exemplarisch. Der Staat will die Wirtschaft beherrschen, besteuern und die Menschen unter Kontrolle halten. Wenn ein vollständig privates System entsteht, ist die Arbeit des Staates fast unmöglich gemacht. Das ist der Grund, weshalb der Staat auf Kosten der Privatwirtschaft die Macht übernimmt.

Mit anderen Worten: Der Staat reagiert hier nicht auf ein Marktversagen sondern auf einen Markterfolg. Es ist keine „öffentliche Güter“-Begründung, die zu Staatseingriffen führt, sondern der altmodische Neid auf Macht und Wohlstand. Selgins Buch demonstriert dies ohne Polemik, sondern durch eine vollständige Neuerzählung von Ereignissen aus dem wirklichen Leben, über das wir zuvor so gut wie nichts wussten.

Allein die Erzählung ist fesselnd und unterhaltsam. Aber die Leser werden sich auf die Schlussfolgerung gefasst machen müssen: „Die Episode zwingt uns zu fragen, erstens, ob moderne Regierungen überhaupt im Münzprägegeschäft tätig sein sollten.“ Es stimmt, dass „Ökonomen dazu neigen, das monetäre Vorrecht der Regierungen als gegeben hinnehmen.“ Dieses spektakuläre Buch von Selgin könnte dies für immer ändern.

Die Wirkung dieses Buches, eines der wichtigsten historischen Schilderungen, die jemals von einem Ökonomen der Österreichischen Denkschule geschrieben wurde, wird viele Jahre lang zu spüren sein. Er hat uns die reale Geschichte hinter den bisherigen, weitgehend theoretischen Werken gezeigt. Betrachten Sie dies als eine historische Anwendung von Mises' „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ oder Rothbards „Das Schein-Geld-System“.

Selgin war der erste Stipendiat des Mises Institutes, und die Herausgabe dieses Buches von University of Michigan Press wurde zum Teil durch das Mises Institute ermöglicht.‹‹

 

Internet:

Good Money; A Revelation in Austrian-style History

Literatur: 

Ludwig von Mises: Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel

Murray N. Rothbard: Das Schein-Geld-System

Jörg Guido Hülsmann: Die Ethik der Geldproduktion


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