01. Mai 2008

Gegenstandpunkt Der Erfolg des Scheiterns

Warum wir den Achtundsechzigern etwas zu verdanken haben

Wir Kinder der Achtundsechziger

Schauen wir uns heute Fotos von Protestveranstaltungen aus den sechziger Jahren oder auch nur x-beliebiger Jugendlicher aus jener Zeit an, springt uns eine schier unglaubliche Konformität ins Auge. Jeden, der eine vage Erinnerung an eine bunte Gegengesellschaft hegt und pflegt, in welcher viele ihre Individualität entdeckten sowie fördern und gegen den Konformitätsdruck der herrschenden Massengesellschaft schützen wollten, wird das überraschen. Allerdings unterscheidet die Ähnlichkeit nicht nur in der Kleidung, sondern merkwürdigerweise sogar in der Physiognomie der Gesichter die Achtundsechziger nicht von anderen Epochen. Man sieht es Abbildungen von Personen an, ob sie aus den 1950er, aus den 1960er oder eben aus den 1930er Jahren stammen. Bemerkenswert ist allerdings weniger, dass in den mehr oder minder politisch orientierten jugendlichen Gegengesellschaften der 1960er bis 1980er Jahre Konformitätsdruck geherrscht hat, sondern vielmehr dass er als problematisch angesehen wird. Anpassung und Konformität waren vor der Kritik der Achtundsechziger kein Thema, sondern galten als erwünschte Verhaltensweisen und Ziele von pädagogischen, sozialen und psychotherapeutischen Maßnahmen. Mit Götz Aly („Unser Kampf 1968“) eine Parallele zwischen dem Konformitätsdruck, wie er in den Achtundsechziger-Gruppen gang und gäbe war, zu dem Konformitätsdruck zu ziehen, wie er von den Nationalsozialisten ausgeübt wurde, halte ich gar nicht für so weit hergeholt. Dass der Nonkonformismus der Achtundsechziger damals einen neuen Konformismus zumindest für einen Teil der Jugend hervorgebracht hat, kann durchaus kritisch angemerkt werden. Wichtig ist jedoch festzuhalten, dass diese Kritik ihren Maßstab aus den Achtundsechzigern zieht, jedenfalls dem antiautoritären Flügel der Bewegung. Diese Kritik an der Praxis widerlegt nicht die theoretische Kritik der Achtundsechziger, sondern bestätigt sie, indem sie das Kriterium der Kritik übernimmt. Wer dagegen den Konformismus gegen die theoretische Kritik der Achtundsechziger verteidigen wollte, der könnte dann den praktischen Konformismus der Achtundsechziger schlechterdings nicht mehr kritisieren. Die Kritik an Autorität, die die Achtundsechziger geübt haben, zielt gerade auf Stärkung der individuellen Verantwortung – nämlich nicht blind Autoritäten zu folgen – gegenüber der Konformität. Dass es bei der Umsetzung in der Praxis oft nicht so läuft, wie gedacht, sieht man etwa daran, dass Thomas Jefferson als Freiheitsheld und Verkünder von „life, liberty and property“ keine Schwierigkeiten hatte, Sklaven zu halten. Sozialpsychologisch könnte man durchaus anmerken, dass es wohl in jeder Gruppe einen gewissen Konformitätsdruck gibt. Insofern mag die theoretische Kritik der Achtundsechziger, wenn man sie als absoluten Maßstab nimmt, als naiv bezeichnet werden. Damit wäre die Kritik jedoch keineswegs hinfällig.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen 1968 und 1933 besteht darin, dass die Achtundsechziger den Konformitätsdruck problematisiert haben. Auch wenn der Anspruch nicht praktisch wurde, macht er einen Unterschied in der Wirkung aus. Konformitätsdruck kann nämlich nicht mehr so einfach als Mittel der Durchsetzung von politischen Absichten eingesetzt werden. Die Menschen werden kritischer. Auch dass Götz Aly darauf verweist, die Achtundsechziger hätten die Kritik an der Konformität keineswegs „erfunden“, ist richtig. Das hat auch, glaube ich, niemand behauptet. Die Achtundsechziger bezogen sich in Deutschland neben Karl Marx auch auf die Individualitätstheorie von Wilhelm von Humboldt oder auf psychotherapeutische Ansätze, die den Konformitätsdruck problematisierten (von Sigmund Freud über Wilhelm Reich bis zu Fritz Perls).

Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Ron Paul, der gegen das linksliberale Milieu angetreten ist, das gemeinhin als Nachfolger der Achtundsechziger gilt, ließ im Hintergrund eines Videos für seine Friedenskampagne „Sounds of Silence“ von Simon & Garfunkel laufen: Eine positive Anknüpfung an die Hippie-Zeit und eine schöne Referenz an die Bedeutung der Folkrock-Musik im Protest gegen den Vietnamkrieg. Im konservativen Südstaaten-Milieu konnte Ron Paul kaum punkten, stattdessen zeigte die Gruppe „Gays for Ron“, wo die wahren Wurzeln der Ron-Paul-Revolution liegen, nämlich bei den direkt den Achtundsechzigern entwachsenen „Lebensstilalternativlern“.

Scheitern und Gelingen

Sind die 1968er gescheitert? Dies ist ein oft und auch von Götz Aly wiederholtes Urteil. Allerdings: Was als „gescheitert“ gekennzeichnet wird, hätte gelingen sollen. Oder anders: An Hitler ist nicht zu kritisieren, dass er darin scheiterte, ein stabiles Großdeutschland aufzubauen. Andererseits ist bezüglich Joseph Stalin und Mao Tse Tung zu bedauern, dass es ihnen gelang, die Herrschaft ihrer jeweiligen kommunistischen Parteien weit über ihren Tod hinaus zu festigen. Scheitern und Gelingen sind keine problemlosen Kriterien für gut oder schlecht – mit ihnen umgeht man die inhaltliche Auseinandersetzung über die zugrundeliegenden Ziele. Und wenn man von den Zielen ausgeht, gibt es gar keine Einheitlichkeit „der Achtundsechziger“. Wessen Ziele meint man? Rudi Dutschke? A.S. Neill? Daniel Cohn-Bendit? Ulrike Meinhof? Carl Rogers? Jürgen Habermas?

Auf der anderen Seite wird den Achtundsechzigern durchaus sehr viel negatives Gelingen bescheinigt und angekreidet: Zerstörung der Familie, Homosexualisierung der Gesellschaft, Multi-Kulti-Schlamassel, Niedergang von Kultur, Bildung und Sitten. Die Frage ist, wohin diejenigen, die diese Entwicklung bedauern, zurückkehren wollen: Unauflösbarkeit der Ehe? Homosexuelle ins Gefängnis? Prügelstrafe in der Schule? Altgriechisch statt Programmiersprachen? Ausgrenzung jeanstragender Frauen? Zensur sexueller Inhalte in den Medien? Verbot von Kuppelei? Damit es kein Vertun gibt: So etwas ist möglich. Die Ajatollahs, Talibane und Fundamentalchristen zeigen, wie es geht, oder wenigstens, dass man es wollen kann. Wie es ginge, ist auch ganz klar: Durch eine politische Repression, die mit mehr Recht einen Vergleich zu 1933 zulässt als der soziale Konformitätsdruck der Achtundsechziger. „Spätestens der Aufstieg der Muslime wird der politisch betriebenen Homosexualisierung der Gesellschaft ein Ende bereiten“, schrieb Johannes Rogalla von Bieberstein in dieser Zeitschrift [ef 81]. Er könnte recht haben. Aber ist es das, was wir wollen? Ich jedenfalls nicht. Vor der hier angedeuteten heraufziehenden anti-liberalen und anti-aufklärerischen Koalition von fundamentalistischen Muslimen und Christen habe ich wirklich Angst. Dies ist keine Koalition, die uns vor den Zwängen schützt, die im Gefolge der Achtundsechziger aufgetreten sein mögen. Im Gegenteil. Bildung: Alles, was man wissen muss

Schnell ändert sich im Kontext staatlicher Planwirtschaft die Haltung zu bestimmten Teilen des Erbes der Achtundsechziger: Jahrelang wurde von konservativer Seite beklagt, dass aufgrund der Gleichmacherei der Achtundsechziger Unbegabte die Gymnasien verstopfen und das Niveau senken. Selbst der OECD, die die gemessen an staatlichen Planungsmaßstäben „zu geringe“ Quote von Studierenden in Deutschland bemängelt, wurde gern sozialistische Gleichmacherei unterstellt, obwohl die OECD knallharte Argumente der planwirtschaftlichen Ökonomie anführte. Das war in den Jahren mit vermeintlichem, durch politische Interventionen in den Arbeitsmarkt produziertem Akademiker-Überschuss. Nun aber taucht das Wort „Begabungsreserven“ wieder auf. Konservative Kommentatoren sorgen sich inzwischen erneut darum, dass „Begabte“ nicht gesehen und gefördert würden. Gleichzeitig klagt die Industrie über einen Mangel an Ingenieuren. Nein, nein, das muss Zufall sein, und da besteht selbstverständlich kein Zusammenhang. „Begabung“ ist ja laut konservativem Credo eine objektiv feststehende, biologische Kategorie.

„Begabungsreserven“ war der Begriff der technokratischen Schulreform der 1960er und 1970er Jahre, die heute den Achtundsechzigern angelastet wird. Es war die Zeit, in der das humanistische Gymnasium vom Standpunkt der planwirtschaftlichen Produktion von Humankapital aus gesehen dysfunktional wurde und die Staatskapitalisten weitere Anteile von Qualifikationsleistungen auf die Steuerzahler überwälzen wollten – und das auch schafften. Der Pädagoge Heinz-Joachim Heydorn schrieb damals ironisch, es würden immer so viele als „begabt“ gelten, wie es das (industrielle) Bedürfnissystem benötige. Heydorn ist ein sehr interessanter Grenzgänger zwischen edlem Konservativen (Verteidiger des humanistischen Gymnasiums), Marxisten (Frankfurter Schule) und Anarchisten (er hat Schriften von Gustav Landauer und dem auch von Murray Rothbard geschätzten Etienne de la Boetie herausgegeben). Von ihm stammt die wunderbare Formulierung, die technokratischsozialdemokratische Schulreform vulgo Gesamtschule sei „Ungleichheit für alle“. Darin ist alles zusammengefasst, was zu sagen ist.

Wenden wir uns dem andern Ende der „Begabung“ zu. Die sozialdemokratische Bildungspolitik sorgte sich in der Nachachtundsechzigerzeit darum, dass viele ausländische Kinder und Jugendliche der Schulpflicht nicht nachkämen. Diejenigen, die zur Schule gingen, hätten dort meist nur wenig oder keinen Erfolg. Darum war die vorgeschlagene Strategie klar: Mit Zuckerbrot (Subventionen, Sozialarbeit) und Peitsche (Zwangsbeschulung) die Anwesenheit zu erhöhen, Förderprogramme, gleichzeitig „Verbesserung“ (vulgo Verschärfung) des „Jugendschutzes“ (vulgo Arbeitsverbot für junge Menschen und damit deren Diskriminierung und Zwangsverkindlichung), Ausbau des Berechtigungswesens (etwa Erhöhung der Zugangsvoraussetzungen) und schließlich weiterer Reduzierung des Angebotes ungelernter Arbeiten als „Nebenwirkung“ anderer wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Was dabei herauskommt, wird heute als Ergebnis des Multi-Kulti-Denkens der Achtundsechziger bezeichnet.

Man hätte es jedoch schon damals besser wissen können. Und zwar dann, wenn man die Schulkritik der Achtundsechziger ernstgenommen hätte. Schulisch produzierte Analphabeten, Schulversagertum als Lebensform für ganze Bevölkerungsteile, Entstehung der Kultur des Herumhängens, Steigerung der Gewalt untereinander, Einübung in einen kriminellen Lebensweg für bestimmte ethnische, kulturelle und religiöse Gruppen – kein bisschen Erfolg im Sinne des angeblichen Ziels, diese Jugendlichen zu „integrieren“ und ihnen eine bessere Zukunft mit Arbeit und Selbstbestimmung zu eröffnen. Es gab empirische Studien wie von Christopher Jencks oder Charles Murray. Es gab Einzelfallstudien wie von John Holt, Jonathan Kozol und James Herndon. Es gab historische Untersuchungen wie von Michael Katz und David Nasaw. Und es gab die Schriften von Paul Goodman, in denen er das alles erklärt hat. Für die USA. Der Anarchist Goodman hatte in den USA bis Mitte der 1960er Jahre einen größeren Einfluss auf die Protestbewegung als die (neo-)marxistischen Konzeptionen etwa von Herbert Marcuse.

Ich erinnere mich, dass Hartmut von Hentig in den 1970er Jahren gegen die Anwendung von Goodmans Einsichten bei uns einwandte, wir in Deutschland müssten erst einmal die Gesamtschule durchsetzen, bevor wir ihr Scheitern im Sinne der radikalen Schulkritik feststellen könnten. Von heute aus gesehen war das ein sehr bitterer Zynismus. Aber nicht einer der Achtundsechziger, sondern der linksliberalen Bewahrer des Etablierten.

Das Ende der Kuschelpädagogik

Kaum ein Begriff, der in den sechziger Jahren Mode war, hat einen solchen Bedeutungswandel durchgemacht wie der der „antiautoritären“ Erziehung. Heute ist der Begriff fast schon ein Schimpfwort, wenigstens aber der Lächerlichkeit preisgegeben. „Schüler brauchen strenge Regeln“ oder „Sanktionen müssen sein“ lauten die zeitgemäßen Parolen gegen die „Kuschelpädagogik“ der Achtundsechziger. Hartes Durchgreifen helfe nicht nur gegen Leistungsverfall, sondern auch gegen Jugendkriminalität.

Doch was ist „antiautoritäre Erziehung“? Ein Beispiel aus A. S. Neills Internatsschule Summerhill, die als Modell antiautoritärer Erziehung galt: Ein neu in das Internat aufgenommener Junge schmeißt ein Fenster zum Schlafraum der Schüler ein. Er erwartet erstens Strafe und zweitens, dass das Fenster durch „die Schule“ ersetzt wird. Beides trifft nicht ein. Es gibt keine Sanktion. Erst einmal. Aber es wird kalt im Schlafraum. Andere Schüler sind mit betroffen. Was tun? Das Taschengeld des Jungen reicht nicht für ein neues Fenster. Die Gruppe muss zusammenlegen. Die anderen, sowieso schon genervt, verlangen selbstverständlich, dass sie ihr Geld so schnell wie möglich von dem Mitschüler zurückbekommen. Sehr strenge Regel. Jawohl: Sanktion. Natürliche Sanktion. Strenge Eigentumsregel (Wiedergutmachung) statt Willkür.

Ein Beispiel aus einer Schule, die als Modell der Rückkehr zur Disziplin gepriesen wird: Sogar der linksradikale Rotzbengel steht zur Begrüßung des Lehrers auf. Toll. Wird er darum nicht straffällig? Wird er darum in Zukunft Eigentumsrechte akzeptieren? Ziemlich unwahrscheinlich. Selbstverständlich könnte ein Lehrer sagen: „Ich unterrichte euch nur, wenn ihr zur Begrüßung aufsteht.“ In einer Situation der Freiwilligkeit: Der Lehrer könnte sich weigern, einen Schüler, der nicht aufsteht, zu unterrichten. Ein Schüler, der nicht aufstehen will, kann fernbleiben. Alles kein Problem. In einer Zwangssituation ist das etwas völlig anderes.

Aber müssen „wir“ die Kinder nicht zum Schulbesuch zwingen, weil uns doch konservative nicht weniger als sozialdemokratische Politiker erklären, dass mangelnde Bildung die Ursache für Kriminalität sei? Ist sie nicht. Ursache für Jugendkriminalität ist vor allem die Geschlossenheit der Gesellschaft. In einer Gesellschaft, in der der einzige Zugang der über (Schul-)Bildung ist, bedeutet mangelnde Schulbildung automatisch Ausschluss. Daraus ergibt sich eine hohe Motivation, kriminell zu werden. Der Umkehrschluss, Kriminalität sei zu reduzieren, wenn die Jugendlichen gezwungen würden, mehr Bildung zu konsumieren, ist falsch. Sie erfahren in der Bildungssituation ihr Versagersein um so schmerzlicher. Kriminalität steigt statistisch gesehen mit jedem Jahr, um das die Schulpflicht erhöht wird. Das alles hat Paul Goodman analysiert. In den sechziger Jahren.

Die „antiautoritäre Erziehung“, die die Achtundsechziger propagiert haben, war kein In-Watte-Packen, kein Heranzüchten verwöhnter Anspruchsdenker. In ihr ging es um Selbstverantwortung von Anfang an, um Selbstbestimmung und Selbständigkeit, um Interesse an der Sache anstelle von Pauken sinnloser Leerformeln sowie um das Lernen sozialen Verhaltens anhand der Realität, nicht anhand von weltfremder Moral oder Sitte. Diese antiautoritäre Form des Lernens wurde als prinzipiell inkompatibel mit der Staatsschule angesehen. Es ging darum, autonome Institutionen außerhalb der Staatsmacht aufzubauen.

Zerstörung der freien Gesellschaft

Wie am Beispiel der „antiautoritären Erziehung“ deutlich wird, bestand das Selbstbild der Achtundsechziger darin, die Bereiche der persönlichen Freiheit zu vergrößern. Manche Kritiker behaupten nicht nur, dass sie unbeabsichtigt das Gegenteil dessen erreicht hätten, was ihre Absicht gewesen sein mochte, nein, die Zerstörung der Freiheit sei sogar ihr eigentliches Ziel gewesen: „Neomarxismus: Die Personalstäbe der Schulen und Kirchen sind vom Sozialsozialismus verseucht. Damit sind sie zugleich die wichtigsten Hilfstruppen im Krieg gegen die abendländischen Werte. Sie sind verantwortlich für den Niedergang des Bildungswesens und für die Eskalation der Gewalt in Schulen und Straßen. Sie haben exekutiert, was der Sozialismus und die neomarxistischen Achtundsechziger gepredigt haben: Die Zerstörung der freien Gesellschaft und der westlichen Leistungskultur“, so Roland Baader in eigentümlich frei 79.

Was haben die Achtundsechziger gepredigt? Vertreter der antiautoritären Erziehung jedenfalls wird kaum Sympathie für „Personalstäbe der Staatsschulen“ nachgesagt werden können. Wer die Gutachten des Deutschen Bildungsrates aus den 1970er Jahren heute liest, wird feststellen: Die Technokraten und Wirtschaftslobbyisten haben die Schulreform, die heute den Achtundsechzigern angelastet wird, gefordert und gefördert, weil die damalige Schule als dysfunktional klassifiziert wurde, während selbst die gemäßigten Linken, die im Bildungsrat zu Wort kamen, die Schule als unreformierbar ablehnten. Und wenn die Achtundsechziger für die heutige Gewalt in Schulen und auf Straßen verantwortlich sind, wer ist dann für die Achtundsechziger verantwortlich? Das humanistische Gymnasium, in dessen Geist sie erzogen worden waren! Genau das hatte Heinz-Joachim Heydorn in den frühen 1970er Jahren mit umgekehrter Wertung angemerkt: Die Protestbewegung sei dem humanistischen Bildungsideal zu verdanken, das sie verwerfe.

Für den Sozialismus brauchten weder Schulen noch Kirchen Unterstützung von den Achtundsechzigern. Wer auch nur ein bisschen in der Literatur der deutschen Bildungstradition schmökert, stößt dort auf jede Menge (konservativen) Sozialismus. Und für den Gesamtschulgedanken ist der gute alte Humboldt verantwortlich, der das humanistische Gymnasium ausdrücklich als Schule für alle konzipiert hat. Alle anderen Schulformen lehnte Humboldt ab. Und die Kirchen? Der Vorgängerpapst, den wohl niemand als Achtundsechziger verdächtigt, war berüchtigt für seine sozialistischen Ansichten. Apropos „Leistungskultur“: Ob das Gleichnis vom identischen Lohn für unterschiedlich lange Arbeitszeiten oder die Tradition der Bettelmönche – das Christentum lehnt eine eindimensionale Bewertung des Menschen nur unter dem Gesichtspunkt der Leistung ab.

Bei der These, dass die Achtundsechziger die freie Gesellschaft zerstören wollten oder es sogar geschafft haben, fragt sich doch, ob die Gesellschaft (unsere? deutsche?) vor 1968 frei war. Warum hat der konsequent marktwirtschaftliche Ökonom und Politiker Murray Rothbard 1965 unter dem Titel „Beyond Left and Right“ einen Aufruf verfasst, eine radikalliberale Bewegung jenseits von Links und Rechts („libertarianism“) zu begründen? Hat er die „freie Gesellschaft“ gegen den Neomarxismus verteidigt? Nein! Er hat gegen die unfreie amerikanische Gesellschaft protestiert und das bessere Konzept gegenüber dem Neomarxismus zu ihrer Überwindung vorgestellt. Denn eins ist klar: Das Freiheitsideal der Achtundsechziger hat von Anfang an daran gekrankt, dass auf dem wirtschaftlichen Gebiet die Konzeption von völliger Unfreiheit verfochten wurde. An dieser falschen Konzeption sind die Achtundsechziger gescheitert, in der Tat.

Stefan Blankertz, Jahrgang 1956, ist Schriftsteller. Er hat mehrere Mittelalterkrimis verfasst sowie 2007 den Zukunftsroman „2068“, der in einem engen thematischen Verhältnis zu diesem Artikel steht (siehe ef 75). Der Aufarbeitung der 1968er Jahre dient auch seine Bild-Gedicht-Montage „che“ (erschienen in der edition textausgabe 2008 und auf 68 Exemplare limitiert). Er hat einen klassischen Text von George Dennison zur antiautoritären Erziehung neu herausgegeben und kommentiert („Gestaltpädagogik in Aktion“, Wuppertal 2006). Infos: www.stefanblankertz.de

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