Robert Grözinger

Robert Grözinger, Jahrgang 1965, Diplom-Ökonom, ist freier Journalist und Übersetzer.

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ef Television

Ron Paul Revolution VI: Belastungsproben

von Robert Grözinger

Erste Wahlergebnisse, Kandidatenaussperrung, Schmutzkampagne

Der Jahresauftakt 2008 war für viele „Paulians“ enttäuschend – auf den ersten Blick. Erst die Vorwahl in Iowa, wo Paul mit 10 Prozent an fünfter Stelle landete. Dann eine Fernsehdebatte, von der Paul ausgeschlossen wurde. Dann die Vorwahl in New Hampshire, wo Paul wieder nur den 5. Platz schaffte, diesmal nur mit 8 Prozent. Am Tag jener Wahl kam dann noch die Meldung der Zeitschrift „The New Republic“, wonach Ron Paul über viele Jahre Newsletter mit rassistischem, antisemitischen und homophoben Texten veröffentlicht haben soll. Bei genauer Betrachtung war der Jahresbeginn jedoch nicht ganz so schlecht. Denn allem Anschein nach befindet sich die herrschende Klasse Amerikas aufgrund der „Ron Paul Revolution“ in heller Panik.

Zehn Prozent in Iowa waren weniger, als viele Anhänger Pauls erwartet hatten, aber weit mehr, als vom Establishment gewünscht. Anfang 2007 war Paul völlig unbekannt und in Umfragen bei null Prozent. Jetzt liegt er zwischen 5 und 10 Prozent der republikanischen Wähler. Diesen Aufstieg hat er (beziehungsweise haben seine Unterstützer) gegen die großen Medien des Landes, trotz schlechter Umfrageergebnisse und ohne Unterstützung aus den oberen Etagen der Partei geschafft. Außerdem wurde einer der Lieblinge des Establishments, der kriegswütige und korrupte Rudolph Giuliani, in der Iowa-Wahl von Paul deutlich abgehängt. Noch hat der Texaner zwar nicht den Durchbruch geschafft, aber vom 3. Platz, mit dem ihm dieser gelungen wäre, trennten ihn nur 3 Prozentpunkte. Vor allem aber: Er hatte zu viele Stimmen bekommen, um ihn bequem als hoffnungslosen Fall abschreiben zu können. Im Kampf gegen das gesammelte Establishment aus Parteifunktionären, Lobbyinteressen und Medien hatte Paul einen Punktsieg geschafft.

Das Establishment ist schon seit Wochen in Panik. Ein ausführliches Interview von John Stossel mit Paul im Sender ABC wurde nicht gesendet, sondern nur als Internetvideo veröffentlicht. Ebenso wurde mit einem Interview bei „Larry King live“ (!) verfahren. Dann wurde Paul wurde Fernsehdebatte bei Fox News kurz vor der Vorwahl in New Hampshire ausgeschlossen. Die Meldung war schon bei der Wahl in Iowa ein paar Tage alt, aber die Aufrechterhaltung dieser Entscheidung nach der Wahl machte die Panik offensichtlich. Der große Verlierer jener Wahl, Rudy Giuliani, durfte teilnehmen; Paul, der drei mal so viel Stimmen erhalten hatte wie der ehemalige Bürgermeister New Yorks, nicht. Trotz negativer Kommentare in anderen Medien, trotz des Rückzugs der republikanischen Parteiführung New Hampshires aus der Sendung blieb Fox bei der Entscheidung.

Bei der Vorwahl in New Hampshire am vergangenen Dienstag erreichte Paul mit acht Prozent wieder nur den fünften Platz. Wieder war er nur knapp hinter dem vierten und dritten Platz gelandet, wieder lag er weit vor dem nächstplazierten, diesmal Fred Thompson, der 2 Prozent erhalten hatte. Zählt man jedoch die Stimmen beider Vorwahlen zusammen, erreicht Paul den vierten Platz vor Giuliani und Thompson. Hier, wie in Iowa tauchten sogleich Gerüchte über Wahlfälschungen auf. Paul hat jedoch in einer Mitteilung an seine Unterstützer erklärt, dass diese nicht ausreichend erhärtet wurden, um die Forderung einer Nachzählung zu rechtfertigen. Sie würde außerdem nur Zeit und Ressourcen seiner Kampagne aufzehren, die anderweitig dringender gebraucht werden. Neben der schlechten Behandlung durch manche Medien taucht inzwischen eine solidere, selbstkritische Erklärung für enttäuschende Wahlergebnisse auf: Das oft überenthusiastische, übereifrige Verhalten mancher „Paulites“. Viele brügerliche Wähler der Republikaner verlieren angesichts des „revolutionären“ Gebarens vieler Anhänger Pauls schlicht das Interesse an dem Kandidaten oder ziehen ihn gar nicht erst in Erwägung.

Hinzu kam, dass am Tag der Vorwahl in New Hampshire die Zeitschrift „The New Republic“ (TNR) einen Artikel veröffentlichte, in dem behautptet wurde, dass bereits bekannte Zitate aus alten Newslettern, die unter dem Namen Ron Pauls firmierten und die als rassistisch oder homophob auslegbar waren, auf jeden Fall aber nicht dem üblichen Sprachgebrauch Pauls entsprachen, nur die Spitze eines Eisbergs waren. Für die bereits bekannten Zitate hatte Paul schon vor Jahren die „moralische Verantwortung“ übernommen, obwohl sie seinen Angaben zufolge weder von ihm stammten noch von ihm genehmigt waren (und seinem sonst üblichen Stil nicht entsprechen). Über viele Jahre seien etliche dieser Newsletter mit ähnlichem Inhalt herausgegeben worden, schrieb TNR-Autor James Kirchick. Sie weisen „eine jahrzehntelange Obsession mit Verschwörungen, Sympathien für die rechtsradikale Milizbewegung und eine extreme Engstirnigkeit gegenüber Schwarzen, Juden und Schwulen“ auf. Einen Nachweis für diese Behauptung, insbesondere den Teil „jahrzehntelang“, konnte der Redakteur allerdings nicht erbringen. Denn von den 18 Beispielen, die TNR auf ihrer Webseite in PDF-Dateien der originalen Newsletter aufbringt, verletzen die meisten lediglich eine sehr engstirnige (allerdings vorherrschende) Auffassung von politischer Korrektheit.
Die wenigen Texte, in denen Martin Luther King angegriffen wird (den Paul heute als Held und Vorbild bezeichnet) und fast alle Texte, die im Hinblick auf Rasse und sexueller Orientierung die Grenze des guten Geschmacks überschreiten, sind im Zeitraum 1990-92 geschrieben worden, nicht „jahrzehntelang“. Und in Anbetracht einer damaligen überzogenen Vergötterung und Instrumentalisierung Kings oder der Rassenunruhen in Los Angeles sowie angesichts der Instrumentalisierung des Staates durch „politisch korrekte“ Interessengruppen werden sie nachvollziehbar, ohne dass man sie billigen muss. Fast alle anderen Zitate, erst recht die aus anderen Jahren, erscheinen im Kontext nicht wirklich der Rede wert.

In einem Fernsehinterview musste Kirchick auch zugeben, dass er niemals eine rassistische oder homophobe Äußerung von Paul gehört habe. Im Gegenteil: Die Verwirklichung seiner Forderung der Einstellung des „Krieges gegen die Drogen“ und der Begnadigung aller, die aufgrund gewaltloser Drogendelikte einsitzen, wäre wahrscheinlich die größte antirassistische Maßnahme in Amerika seit der Aufhebung der Rassentrennungsgesetze. (Letztere, also die Forderung nach Aufhebung der Jim Crow Gesetze, wird übrigens in einer der King-kritischen Newsletter-Texte als „legitim“ bezeichnet.) Das einzige, was man Paul bei der gegenwärtigen Sachlage in diesem Zusammenhang in der Tat vorwerfen kann, ist Nachlässigkeit. Ein Fehler, den Paul schon vor Jahren eingestanden hat. Daher und angesichts des Timings ist der Vorwurf einer gezielten Schmutzkampagne durchaus berechtigt. TNR tut so, als ob der Fehler, den Paul vor Jahren zugegeben hat, in Wirklichkeit das Anzeichen eines viel größeren Skandals war – eine Andeutung, die bei näherer Betrachtung der angebotenen „Beweise“ in sich zusammenbricht. Aber die jetzt in den Medien oft wiederholte und diskutierte Behauptung reicht durchaus hin, der Kampagne Pauls ernsten Schaden zuzufügen. Lähmend ist der Schaden jedoch nicht, jedefalls noch nicht. Auf jeden Fall ist diese Angelegenheit eine echte Belastungsprobe für die „Ron Paul Revolution“. Ob und wie sie diese besteht, wird sich noch zeigen.

Am 10. Januar fand eine weitere Fox News Fernsehdebatte statt. Diesmal musste der Sender Paul wieder zulassen, denn ihr Kriterium war gewesen, dass der Kandidat 5 Prozent in den nationalen Umfragen oder mindestens 5 Prozent in New Hampshire erreicht haben musste. Dass Paul in der SMS-Zuschauerumfrage nach der Debatte mit 33 Prozent als Sieger hervorging, ist fast schon routine. Erwähnenswerter ist, dass die Moderatoren während der Debatte mehrere Versuche unternahmen, Paul abseitig und verrückt aussehen zu lassen. In einem Fall, als Paul gerade seine Ablehnung einer aggressiven Reaktion gegen die iranischen Schnellboote erklärte, unterbrach ihn der Moderator und fragte, gegen wen sich seine Äußerungen wenden, da die anderen Kandidaten eine passive Reaktion befürwortet hätten. Was jedoch nicht der Fall war – diese Unterbrechung reichte jedoch aus, um Paul wie einen Trottel aussehen zu lassen. Dann kam eine Frage, ob Paul sich von „vielen“ seiner Anhänger distanzieren wollte, die glaubten, die Terrorangriffe vom 11. September 2001 seien mit Wissen und Unterstützung der amerikanischen Regierung geschehen (die sogenannten „9/11-Truthers“). Paul erläuterte kurz, dass er keinem vorschreiben könne und wolle, was er zu denken habe und fragte statt dessen energisch zurück, ob er auch etwas inhaltliches zu der bisherigen Debatte sagen dürfe, was ihm der vom Kampfgeist Pauls vermutlich überrumpelte Moderator dann auch erlaubte. Der dritte Angriff war eine Frage nach seiner Wählbarkeit. Selbst der Moderator Carl Cameron wirkte bei dieser Frage peinlich berührt. Paul wies darauf hin, dass er ein strikter Konstitutionlist sei und fragte zurück, ob der Moderator mit seiner Frage andeuten wolle, dass jemand, der für die Verfassung einsteht, nicht wählbar sei. Damit hatte Paul das Publikum auf seiner Seite. Doch die Peinlichkeiten waren damit noch nicht zu Ende. Fox News sendete am nächsten Tag eine Wiederholung der Debatte – jedoch ohne den letzten Dialog zwischen Paul und dem Moderator. Womit der Sender nicht nur seine Voreingenommenheit gegen Paul bewies, sondern auch seine Unfähigkeit, die neuen Medien zu verstehen. Es dauerte nämlich nicht lange, bis etwa ein Dutzend YouTube-Filme eben dieser Szene auftauchten.
 
Fazit: Pauls wirklicher Gegner, die herrschende Klasse, gerät langsam in Panik. Ihre Mitglieder wagen es nicht, seine Argumente anzugreifen. Die statt dessen gestarteten Angriffe auf seine Person prallen ab oder verpufften – bislang – weitgehend wirkungslos. Auch für die absolute Notbremse, den Mord an Paul, ist es wohl schon zu spät, wie Alan Stang schon am 24. Dezember 2007 analysiert hat: Das Ergebnis wäre ein Bürgerkrieg. Und da viele Unterstützer Pauls Veteranen sind, und unter diesen auch trainierte Scharfschützen sein dürften, wäre kein Mitglied der Elite seines Lebens mehr sicher. Ganz abgesehen vom absoluten Chaos, das eine Armee aufgebrachter Computerexperten in den Ministerien und Behörden verursachen könnte. Im Moment sieht es zwar noch nicht so aus, als könnte Paul im November gewinnen. Aber das ist nicht der Punkt. Etwa 5 Prozent der Wahlbevölkerung, mit steigender Tendenz, sind vom Programm und der Philosophie Pauls überzeugt. Das Loch in der Medienmauer, genannt Internet, durch das diese Philosophie in immer mehr Gehirne strömt, ist nicht zu stopfen. Eine Philosophie, die mit derjenigen der herrschenden Klasse unvereinbar ist. Das ist der Punkt. Welche herrschende Klasse würde da nicht panisch werden?

Internet:

TNR-Artikel „Angry White Man“

TNR-Auswahl von Newsletter-Zitaten

Interview von Tucker Carlson mit James Kirchick (TNR)

„The Kirchicking of Ron Paul“

YouTube-Benutzer SJSR45 antwortet auf die Anschuldigungen gegen Ron Paul

Alan Stang: „Are the Globalists Out to Get Ron Paul?“

Der von Fox News in der Wiederholung zensierte Ausschnitt der jüngsten Fernsehdebatte

14. Januar 2008

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